10 Jahre Brandenburg-Preußen Museum in Wustrau

· 28. September 2010   - 

10 Jahre Brandenburg-Preußen Museum
in Wustrau
–  Ansprache   –
am 25. September 2010

14.30 Uhr
Gutskirche Wustrau

Anrede:

2010 ist ein Jahr zum Feiern in Brandenburg. Vor zwanzig Jahren wurde unser Bundesland wieder gegründet. Zwanzig Jahre sind seit der deutschen Einigung vergangen. Viele Umbrüche, aber auch viele Aufbrüche haben die Menschen in Brandenburg seitdem erlebt. Nicht wenige mussten umdenken, umlernen, sich neu orientieren. Aber seit zwanzig Jahren besitzen wir etwas Wichtiges: die Freiheit! Und heute sagen wir wieder voller Stolz und mit großer Selbstverständlichkeit: wir sind Brandenburgerinnen und Brandenburger!
2010 ist auch ein Jubiläumsjahr hier in Wustrau. Vor 10 Jahren gründete Ehrhardt Bödecker in diesem reizenden Ort in der Mark das Brandenburg-Preußen Museum. Er nahm sein eigenes Geld in die Hand und verwirklichte mit viel Entschlossenheit und großer Initiative ein Museum, das die preußische Geschichte Brandenburgs zeigen und erfahrbar machen möchte.
So viel Engagement im wohlverdienten Ruhestand, Herr Bödecker, ist etwas Besonderes! Es erinnert doch sehr an eine der preußischen Tugenden, die Sie nicht müde werden zu betonen, den uneigennützigen Dienst am Gemeinwohl. Aus diesem Grund bin ich gerne zu Ihrer Festveranstaltung gekommen und möchte Ihnen meine herzliche Anerkennung aussprechen.
Mit dem Museum leisten Sie in Ergänzung zum Potsdamer Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte Ihren spezifischen Beitrag zur Auseinandersetzung mit der preußischen Geschichte in Brandenburg, aber auch darüber hinaus. Das Museum ist ein Ort zum Kennenlernen der preußischen Vergangenheit. Sie sind ein engagierter und bisweilen streitbarer Vertreter der Errungenschaften Preußens. Sie beschreiben – zu Recht! – Preußen zwischen Toleranz und Aufklärung.
Religionsfreiheit, Abschaffung des Sklavenhandels, rechtsstaatliche Prinzipien zu einem sehr frühen Zeitpunkt in der europäischen Geschichte und eine effiziente Verwaltung sind bei Weitem nicht alle Beispiele dafür, was Preußen Vorbildliches erreicht hat.
Darüber hinaus schaffen Sie mit dem Brandenburg-Preußen Museum – der Name ist schon Programm – ein Stück Identität für die Menschen, die hier leben.
Die Mark Brandenburg war das Kernland Preußens, auch wenn die Hohenzollerndynastie ursprünglich aus dem Schwäbischen stammte und das spätere Preußen viele zum Teil weit entfernte Regionen umfasste. Die märkische Region war Ausgangspunkt und immer wieder Bezugsrahmen der preußischen Herrscher.
Jeder der heute nach Brandenburg kommt, trifft auf eine eher ebene Landschaft mit kargem, sandigem Boden, wenig natürlichen Ressourcen und kleinen Städten, die nicht in die Historie eingegangen sind. Das Erstaunen darüber, warum sich ausgerechnet unter diesen Voraussetzungen eine europäische Großmacht entwickeln konnte, die Preußen war, trifft heute genauso zu wie vor Jahrhunderten.
Voltaire, der ein gern gesehener Gast Friedrichs des Großen in Sanssouci war, schrieb schon Mitte des 18. Jahrhunderts:

„Jemand müsste etwas darüber schreiben, was da gerade geschieht. Es wäre von einigem Nutzen, wenn man erklären könnte, wie es dazu kam, dass das sandige Land Brandenburg so mächtig geworden ist, dass man mehr Streitkräfte gegen Brandenburg mobilisiert hat als jemals gegen Ludwig XIV.“
Was mit Brandenburg begann, wurde später durch die Machtpolitik der Hohenzollern zu dem Staat Preußen mitten in Europa. Nach dem zweiten Weltkrieg war Preußen Geschichte. 1947 erklärten die Vertreter der alliierten Besatzungsbehörden die Auflösung des preußischen Staates. Auch das Land Brandenburg wurde einige Jahre später von der DDR abgeschafft und in „Bezirke“ überführt. Das Ziel war klar: keine regionalen Identitätsmöglichkeiten sollten bestehen bleiben. Allein der Glaube an die sozialistische Einheits-Ideologie sollte verbindlicher Bezugsrahmen für die Menschen sein.
Dass sich die DDR damit aber verschätzte, zeigten eindrucksvoll die Bestrebungen kurz nach der Friedlichen Revolution, das Land Brandenburg wieder zu gründen. Dankbar kann man sagen: Brandenburg gibt es immer noch.
Dieses Heimatgefühl mit einer Region, einem Landstrich, einer Stadt oder einem Dorf ist das, was die Brandenburgerinnen und Brandenburger ausmacht. In einer zunehmend unübersichtlichen Welt, in der alles mit allem zusammenhängt, unsere Sicherheit heute am Hindukusch verteidigt wird und die Solvenz einer Landesbank von Immobiliengeschäften in den USA abhängt, ist das nur allzu verständlich.
In Wustrau finden sie ein Museum, dass ihre eigene, regionale aber auch die europäische Weltgeschichte reflektiert. „Zukunft braucht Herkunft“ hat Ministerpräsident Platzeck einmal gut zusammengefasst. Gestern wie heute. Preußen ist dabei ein wichtiger Bezugspunkt für die Brandenburgerinnen und Brandenburger.

Eine AUSSCHLIESSLICH „humane Bilanz Preußens“ – so einer Ihrer Buchtitel, Herr Bödecker – fällt mir aber schwer. Auf der einen Seite war Preußen tolerant, aufgeklärt, fortschrittlich. Auf der anderen Seite stützte es sich aber in der Rückschau in allzu übermächtiger Weise auf das Militär, überließ diesem eine Sonderrolle in seinem staatlichen und gesellschaftlichen Aufbau.
Gerade im Deutschen Reich nach 1871 fand die Vorstellung, dass der Bürger sich dem Staat anzupassen habe, zu viel Raum. Gehorsam und Untertänigkeit wurde von den Bürgern erwartet. Hatte sich Friedrich der Große noch als erster Diener des Staates gesehen, so besaßen die preußischen Verwaltungsbeamten unter Bismarck längst ein ganz anderes Selbstverständnis. Sie fühlten sich nicht als Dienstleister für den Bürger – wie wir heute modern ausdrücken würden – sondern als Hüter von Recht und Ordnung und als Inbegriff staatlicher Macht. Kritisch- liberale Stimmen hatten es schwer gegen die zunehmende Militarisierung der preußisch-kaiserlichen Gesellschaft.
Jede Einschätzung Preußens kommt darüber hinaus nicht umhin, die Rolle des preußischen Staates unter Berufung auf die Mitwirkung der sogenannten preußischen Tugenden und des preußischen Gesellschaftsbildes im Hinblick auf den erstarkenden Nationalsozialismus abzuwägen.
Nach dem zweiten Weltkrieg war sich die Welt relativ einig, dass Preußen den Aufstieg des Nationalsozialismus nicht nur befördert hätte, sondern seine eigentliche Antriebskraft gewesen wäre.
Der alliierte Kontrollrat löste 1947 Preußen mit den folgenden Worten auf:
„Der Staat Preußen, der seit jeher Träger des Militarismus und der Reaktion in Deutschland gewesen ist, hat in Wirklichkeit zu bestehen aufgehört. Geleitet von dem Interesse an der Aufrechterhaltung des Friedens und der Sicherheit der Völker und erfüllt von dem Wunsche, die weitere Wiederherstellung des politischen Lebens in Deutschland auf demokratischer Grundlage zu sichern, erlässt der Kontrollrat das folgende Gesetz: Artikel 1 – Der Staat Preußen, seine Zentralregierung und alle nachgeordneten Behörden werden hiermit aufgelöst.“
Heutzutage – gut 60 Jahre später – sind die meisten geschichtlichen Einordnungen Preußens viel differenzierter geworden.
Ich kann mich der zentralen These Christopher Clarks in seinem viel beachteten Werk „Preußen. Aufstieg und Niedergang“ nur anschließen. „Die Wahrheit ist, dass Preußen ein europäischer Staat war, lange bevor es ein deutscher wurde.“ , so Clark.
Das heißt, das Verhältnis von Preußen und nationalsozialistischer Herrschaft lässt sich nicht nach einem einfachen Ursache-Wirkungs-Prinzip beschreiben. In Beziehung zueinander standen sie aber schon.
Aufgrund des vielfach angenommenen Kausalitätsprinzips zwischen Preußen und dem Dritten Reich – so scheint mir – scheiden sich heute an Preußen immer noch die Geister. Preußen ist nach wie vor eine Folie, auf der sich die Argumente mit viel Lust an der Polemik austauschen lassen.
Als der sozialdemokratische Minister Alwin Ziel 2002 für ein fusioniertes Land Brandenburg-Berlin den Namen Preußen vorschlug, war in der Bundesrepublik der Teufel los. Man überbot sich gegenseitig mit heftigen Reaktionen, die von Unterstützung bis Ablehnung reichten. Eine Schriftstellerin nannte den Namens-Vorschlag „einen Rückfall in die Barbarei des Ritterordens“, ein damaliger Bundestagsabgeordneter hielt die Idee schlicht für “absurd“ und einen „Aschermittwochknaller“. Der Berliner Kultursenator sprach dagegen von einer „geradezu salomonischen Lösung“ .

Es gab in Potsdam ein Gebäude, an dem man die wechselvolle und manchmal zwiespältige Geschichte Preußens deutlich ablesen konnte, und für dessen Wiederaufbau ich auch aus diesem Grund so stark eintrete: die Garnisonkirche.
Von Friedrich Wilhelm I. erbaut, sollte sie Preußens tiefe Verwurzelung im calvinistischen Protestantismus zum Ausdruck bringen. Gleichzeitig zeigte sich an diesem Bauwerk auch der weltliche Herrschafts- und Machtanspruch des preußischen Königs, der nicht umsonst der Soldatenkönig genannt wird.
Dieser Soldatenkönig war ein Verehrer des Militärs und der Wehrhaftigkeit Preußens. Gleichzeitig führte er während seiner Herrschaft keinen Krieg. Ein Beispiel für das doppelte Gesicht Preußens!
Ein anderes Beispiel für die wechselvolle Gesichte dieses Staates, das ebenfalls mit der Garnisonkirche im Zusammenhang steht, ist die Mitverantwortung Preußens für den Nationalsozialismus.
Der Handschlag von Hindenburgs mit Hitler ist als ‚Tag von Potsdam’ in die Geschichte eingegangen. Er sollte den Eindruck erwecken, dass Preußen den nationalsozialistischen neuen Machthabern seinen Segen gebe und hat genau dieses Bild auch bei allen internationalen Beobachtern lang anhaltend heraufbeschworen. Die Reaktion des Kontrollrates nach Kriegsende ist beredtes Zeugnis dafür. Da hilft es auch nichts, dass wir heute den Tag von Potsdam als eine äußerst raffinierte Inszenierung von Joseph Goebbels einordnen können, und die von den Nazis beschworenen „preußischen Traditionen“ interessengeleitet und verzerrend waren. Nicht nur für die ausländischen Regierungen der damaligen Zeit, sondern auch für viele Menschen in Deutschland stimmten die Bilder aus der Garnisonkirche mit ihrem politischen Verständnis überein.
Viele waren 1933 überzeugt, dass das – mehr gefühlte, denn klar definierte – „Preußentum“ gut mit den neuen Machthabern harmonierte.
Gleichzeitig – und da komme ich wieder auf die Doppelrolle der Garnisonkirche zurück – war die Kirche geistlicher Mittelpunkt des berühmten Infanterieregiments 9, aus dem ein großer Teil der Männer des christlich-konservativen Widerstands vom 20. Juli 1944 hervorging.
Widerstand und Handschlag mit Hitler – zwei Bilder, die sich in dieser Kirche abgespielt haben. Sie wieder aufzubauen, würde bedeuten: die Garnisonkirche wäre ein Ort, der voller Verweise auf Preußen ist, ein Ort an dem eine Auseinandersetzung mit der Geschichte wirkungsvoll stattfinden und die gerade aufgrund ihrer NICHT geradlinigen Geschichte als Ort der Wahrheit und Verständigung funktionieren könnte.
Daher möchte ich die Gelegenheit hier mit Ihnen dazu nutzen, für die Fördergesellschaft für den Wiederaufbau der Garnisonkirche in Potsdam zu werben. Sie alle haben großes Interesse an der preußischen Vergangenheit und möchten Sie im öffentlichen Bewusstsein wach halten. Sie würden einen weiteren wichtigen Bezugspunkt mit aufbauen helfen.

Die preußische Vergangenheit bietet für das Land Brandenburg vielfältige Chancen. Da sind vor allem die Touristen zu nennen, die Jahr für Jahr mehr werden. Menschen aus aller Welt kommen nach Brandenburg, auch und gerade wegen der historischen Bauten, Parks und kulturellen Zeugnisse der Preußen. Sie interessieren sich sehr für die deutsche, preußische und brandenburgische Geschichte.
Darüber hinaus ist Preußen eins DER Themen, das uns mit Berlin verbindet. Die Metropolregion Berlin-Brandenburg hat gemeinsame Wurzeln.
Diese Wurzeln sind Teil unserer Identität. Eine Identität, die mit dem Brandenburg-Preußen Museum neue Nahrung erhält, hier in Wustrau, am Ausgangspunkt der legendären Wanderungen Theodor Fontanes durch die Mark Brandenburg.
Dass Preußen lebendige Geschichte und Zukunftshilfe ist, bleibt auch Ihr Verdienst, Herr Bödecker!
Der Pole Andrzej Szczypiorski hat es so ausgedrückt:
„Drei Züge des preußischen Wesens können dazu beitragen, diese Welt ein wenig besser zu meistern:
die Achtung vor dem Recht,
die Loyalität gegenüber dem Mitbürger
sowie jenes Pflichtgefühl, das den Menschen dazu bewegt, eigene Ansprüche denen der Allgemeinheit unterzuordnen.“
Lassen Sie uns in diesem Sinne weitermachen!

  Voltaire an Nicolas Claude Theriot [1757]; in: Theodor Bestermann (Hg.),
Voltaire’s Correspondence, Genf 1958

Kontrollratsgesetz Nr. 46, 25. Februar 1947

Christopher Clark: Preußen. Aufstieg und Niedergang. München 2007. S. 13.

  Katja Lange-Müller, Werner Schulz, MdB a.D., und Christoph Stölzl; alle in: FAZ-Artikel: „Wollen wir unser Preußen wiederhaben?“ vom 15.02.2002; zu finden unter: www.faz.net