Stiftung Großes Waisenhaus. Potsdam – 12. September 2012

(Es gilt das gesprochene Wort)

Herr Staatssekretär,
meine sehr verehrten Damen und Herren,

herzlichen Dank, dass dieses Haus wieder für eine ganz besondere Ausstellung zur Verfügung steht!

Ich freue mich, dass die Gemeinsame Landesplanung Berlin-Brandenburg die Kunst in ihren Arbeitsauftrag mit einbezieht! Und das ist richtig so!

Denn in dieser Metropolenregion Berlin-Brandenburg gibt es viele technische Faktoren der Zusammengehörigkeit, natürlich die Verkehrs-, Entwicklungs- und Siedlungsplanung – vom Flughafen will ich gar nicht reden, der kommt gewiss. Alle Großprojekte haben Planungsschwierigkeiten, dauern länger und werden teurer. Ich weiß wovon ich rede: Meine LKW-Maut hatte 18 Monate Verspätung, aber heute ist sie weltspitze!

Aber Technik alleine bringt die Region Berlin-Brandenburg nicht zusammen. Die Seele muss gesucht werden! Das können nur Künstler. Bei Musik und Text kann es auch daneben gehen, die Malerei kann am besten helfen, die Seelen übereinstimmend zum Klingen zu bringen. Der Gemeinsamen Landesplanungsabteilung Berlin-Brandenburg ist es gelungen, drei interessante, unterschiedliche Maler zusammenzubringen: Hanne Pluns, Roland Korn und Hartmut Meyer, alle drei leben in Brandenburg und sind doch auch Berliner!

Roland Korn, im thüringischen Saaletal geboren, hat das Zentrum Berlins gestaltet. Schauen Sie auf „Stadtzentrum mit Fernsehturm und Kreuz“! Sein bekanntester Bau ist das Staatsratsgebäude. Ich habe das Haus bei Erich Honecker und Gerhard Schröder kennen und schätzen gelernt. Ich freue mich, dass dieses Gebäude nicht dem „Bildersturm“ zum Opfer fiel, und es auch nicht durch einen Kubus zugestellt wird. Roland Korn gestaltete den Alexanderplatz um und baute den Kern Berlins um das Nikolai-Viertel wieder auf.

Der Planer und Gestalter Roland Korn sucht Ausgleich als Maler. Seine Bilder stellen Motive aus seinem Lebensumfeld dar, Landschaften, Stillleben, Blumen und Portraits. Seine Stadtaquarelle haben neben dem künstlerischen Wert hohe dokumentarische Bedeutung. Sie erinnern an Bauten, die Ostberlin bestimmten, aber in den letzten 20 Jahren verschwunden sind: den Palast der Republik, die Kreuzung Friedrichstraße/ Unter den Linden und mein geliebtes Ahornblatt. Eine Spitzenleistung von Ulrich Müther. Ich war so stolz, dass ich in diese sozialistische Betriebsgaststätte auch kirchliche Mitarbeiter hineinbekommen habe.

Hanne Pluns, in Wriezen geboren, in früher Kindheit vom Oderbruch geprägt, kehrte nach erfolgreicher Westwanderung in ihre alte Heimat zurück. Die studierte Malerin und Zeichnerin ist mit ihrem Kunstschaffen ständig unterwegs, um ihren Horizont zu erweitern, um Orientierung zu suchen und neue Erkenntnisse zu gewinnen: in der Malerei, in Radierungen, aber auch in Tonschöpfungen, Bronzewerken.
Heike Mildner hat Hanne Pluns beschrieben mit ihren gegenständlichen Motiven, Landschaften und Stillleben, ihrem späteren expressiven Farbauftrag und dann der Gabe, Gegenständliches darzustellen, Ebenen nur anzudeuten, einer zurückhaltenden Farbgestaltung und einer Tendenz zu Pastelltönen. Und so überrascht die Frage nicht, ob es sich bei diesen unterschiedlichen Werken um dieselbe Künstlerin handelt. Mich hat bei Hanne Pluns besonders beeindruckt das Bild „Ob Land, ob Meer“, wo abstrakte und gegenständliche Malerei wirken. Und „Das Oderbruch“ mit der bedrängenden Nähe und der befreienden Weite. Meditation ihre Bilder „Die Schöpfung“ und „Bewegung“.

Hartmut Meyer, im thüringischen Saaletal aufgewachsen, vermisst bis heute die liebliche Landschaft seiner Heimat, die stolzen Burgen an der Saale hellem Strande. Solange er im Stress des Arbeitslebens stand, konnte er das nicht kompensieren. Weder als Leiter des 1. Rechenzentrums der DDR noch als Chef eines Baukombinates. Erst recht nicht als Politiker der ersten Stunde 1990: Landrat im Oderbruch – einem Himmelfahrtskommando, oder fünfzehn Jahren als Minister für Stadtentwicklung, Wohnen und Verkehr in Brandenburg. Da rettete er 35 Altstadtkerne und bewahrte durch ein Stadtumbau-Programm Neubaugebiete vor der Verwahrlosung. Doch in diesen 30 brandenburgischen Fronjahren bewegte er sich in seinem Brandenburg-Bild von Heinrich von Kleist zu Theodor Fontane. Kleist, der unser Brandenburg einen langweiligen Landstrich nannte, bei dessen Erschaffung der liebe Gott offenbar eingeschlafen war. Und Fontane, der auf reizvolle Motive in Brandenburgs Dörfern, Seen, und Landschaften hinwies.

Hartmut Meyer begann zu malen! Nicht die Heidecksburg bei Rudolstadt oder die Dornburger Schlösser an der Saale, sondern einfach Schönheiten unserer Region. Ich war verblüfft und begeistert, als er mir zum 60. Geburtstag statt der sonst üblichen Cognacflasche ein kleines Bild vom Schloss Rheinsberg schenkte – Meyer malt! Zunächst gelegentlich, seit Ende des Berufslebens zahlreicher bringt Hartmut Meyer uns Brandenburg nahe, immer wieder Ostbrandenburg. Er trifft die Stimmungen, unterscheidet die Jahreszeiten. Sein Oderhochwasser geht nicht nur den Betroffenen nahe. Die Vielfalt in Farbe und Licht beeindruckt. Und häufig Rapsfelder, Wege und Weiten. Besonders empfehlen möchte ich Ihnen den Weg ganz nach oben in diesem Haus. Da erwartet Sie eine Meyersche „Mohn-Orgie“, geradezu wie einen Altar: Fünf Mohnbilder zusammengestellt.

Der Hobbymaler Meyer ist noch auf der Suche. Aquarell, Acryl, Bleistift, Kreide, Grafik: Lieber Hartmut, wohin wird die Reise gehen? Ins Abstrakte? Vielleicht entwickelt sich ein Quereinsteiger-Genie? Seine Lust am Ausdruck, sein Drängen auf Gestaltung und seine erstaunliche Begabung sind gute Voraussetzungen dafür!

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

diese Ausstellung bringt eine freischaffende studierte Künstlerin und zwei Hobbymaler zusammen. Danken wir allen, auch Ihnen, Frau Pluns, dass das möglich wurde. Interessant, welche Perspektiven die Künstler einbringen. Hartmut Meyer liebt die Zentralperspektiven, Roland Korn nutzt breite Perspektive bis zur Vogelschau. Und Hanne Pluns überwindet künstlerisch herkömmliche Regeln, setzt den Horizont hoch und lässt das Davorliegende gelegentlich im Perspektivlosen verschwinden.

Die Ausstellung bringt uns die Vielfalt der Hauptstadtregion Berlin-Brandenburg nahe. Lässt uns die Spannung von Dynamik und Stille und so unsere Stärke spüren.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

ich hoffe, dass viele Brandenburgerinnen und Berlinerinnen, Brandenburger und Berliner in dieser Ausstellung die Kraft und Zusammengehörigkeit unserer Region Berlin-Brandenburg verstehen lernen!

Dank und Erfolg den Künstlern. Und Ihnen allen ein wertvolles Kunsterlebnis!

In Doberlug findet eine Weltpremiere statt! Denn noch nie und nirgendwo wurde in einer Ausstellung die sächsisch-brandenburgisch/preußische Nachbarschaft mit ihrer wechselvollen Geschichte dargestellt. Das verdient hohe Anerkennung, vor allem, weil es der Lausitz, die von manchen Menschen als verlorene Region angesehen oder sogar vergessen wird, die verdiente Aufmerksamkeit schenkt. Denn der Nordosten Sachsens und der Südosten Brandenburgs liegen von ihren jeweiligen Landeszentren weit ab, sind auch sozial ökonomisch benachteiligt und liegen mit ihrem besonderen kulturhistorischen Erbe noch nicht im Mittelpunkt des Interesses. Selbst das Glück, dass in der sächsischen und brandenburgischen Lausitz mit den Sorben/Wenden eine wertvolle Minderheit lebt, ist noch zu wenig geschätzt und genutzt.
Die Lausitz hat eine wechselvolle Geschichte. Sie gehörte lange Zeit zu Böhmen und erhielt von dort starke kulturelle Impulse. Teile der Lausitz gehörten kurzzeitig zu Brandenburg, bis seit dem 17. Jahrhundert die Lausitz, ausgenommen Cottbus, zu Sachsen fiel und maßgeblich von dort geprägt wurde. Sachsen organisierte die Markgrafschaften Oberlausitz und Niederlausitz, förderte die wirtschaftliche Entwicklung und begünstigte seine Kultur. Im reichen und hoch entwickelten Sachsen fühlten sich die Lausitzer zuhause, zumal ihnen und ihren Ständen, vor allem den starken Adelsgeschlechtern eine gewisse Eigenständigkeit zugebilligt wurde.

Im großen Kurfürstentum und späteren Königreich Sachsen hatte die Lausitz einen guten Platz. Zahlreiche kunst- und kulturgeschichtlich wertvolle Objekte zeugen von dieser Zeit auch im sonst mehr kargen Brandenburg. Neben dem kurfürstlich-sächsischen Schloß Doberlug sind hier z. B. Branitz, Altdöbern, Lübben, Lübbenau, Martinskirchen, Spremberg und Wiesenburg zu nennen. Auch eindrucksvolle und einmalige Stadtkerne wie z. B. Luckau, Finsterwalde, Jüterbog oder Belzig bezeugen unser sächsisches Erbe in Brandenburg.
Ein Erbe, das vor 200 Jahren als Kriegsbeute an Preußen fiel, weil der König von Sachsen als treuer Verbündeter Napoleons auf dem Wiener Kongreß fast zwei Drittel seines Territoriums verlor. Dabei wurde die sächsische Lausitz geteilt. Ein Teil der Oberlausitz fiel an die preußische Provinz Schlesien und die Niederlausitz an die preußische Provinz Brandenburg.
Das war eine Schmach für Sachsen, die bis heute nicht voll verwunden ist und Abneigung gegen Preußen verursachte. 1815 haben die Mußpreußen aus der Lausitz ihren Wechsel ins Brandenburgische weiterhin als Unglück empfunden.

Die Stände leisteten passiven Widerstand. Die preußische Verwaltungsstruktur, Gesetzgebung und Umgangsart veränderten die Lebenswirklichkeit der Bevölkerung in der Lausitz. König Friedrich Wilhelm III. bemühte sich sehr um eine verständnisvolle Integrationspolitik. Nach mehreren Reisen und Gesprächen hielt er seine Verwaltung an, sensibel mit den neuen Landeskindern umzugehen und die ehemaligen Kriegsgegner nicht als Besiegte, sondern als willkommene gleichberechtigte Preußen anzunehmen. In der Provinz Brandenburg wuchs Gemeinsamkeit. Vielfältige kulturelle, wirtschaftliche und zwischenmenschliche Beziehungen entstanden. Mit der vom preußischen Staat forcierten Industrialisierung wuchs die Bedeutung der Lausitz in Brandenburg-Preußen als auch der Wohlstand für die Bewohner. Die niederdeutsche Sprachverwandtschaft der Niederlausitzer und Brandenburger mag das Zusammenwachsen begünstigt haben.

Die Niederlausitz wurde und bleibt eine besonders wertvolle Region in Brandenburg. Trotz schwerer wirtschaftlicher Einbußen und dem dramatischen Verlust von Arbeitsplätzen nach 1990 ist sie mit ihrer Wertschöpfung, ihren kulturellen Leistungen, ihren Wissenschaftsstandorten, ihren Sportergebnissen vorbildlich. Und die Lausitzer sind immer ein bisschen cleverer, schneller, eben ein bisschen Sachsen, auch wenn sie nicht so sprechen.

Im Schloß Doberlug, der sächsischen Perle Brandenburgs, wird in einer qualifizierten und hochinteressanten Ausstellung die Nähe der Lausitz zu Sachsen, die Unterschiede sowie die vielen Gemeinsamkeiten präsentiert. Partnerausstellungen in Bad Liebenwerda, Cottbus-Branitz, Lauchhammer, Luckau, Lübben, Senftenberg und Zinna sowie in Bautzen, Görlitz, Krobnitz und Zittau bereichern das Informationsangebot. Das wird neugierig auf die ganze Lausitz, die sächsische und die brandenburgische, machen. Uns in Brandenburg und Sachsen kann es helfen, gemeinsame Möglichkeiten zu entwickeln, um einer der schönsten Regionen Deutschlands den gebührenden Stellenwert zu verschaffen.

In diesem Sinne wünsche ich der Ausstellung viel Erfolg und den Besucherinnen und Besuchern interessante und anregende Eindrücke.
Die Lausitz in Brandenburg und Sachsen freut sich über neue Freunde!