Helmut Schmidt, der unlängst am anderen Ende der Elbe in Hamburg seinen 90. Geburtstag feierte, sagte uns: „Eigentlich wollte ich diesen Trubel nicht, aber es ist doch schön, Euch zu treffen“.

Verehrter Landesbischof Johannes Hempel, ich kann mir vorstellen, dass Sie ähnlich denken.

Meine Herren Bischöfe,

meine sehr verehrten Damen und Herren,

liebe Schwestern und Brüder,

erlauben Sie mir, aus ganzem Herzen Dank zu sagen!

Ich war 3 Jahrzehnte für die Evangelische Kirche in der DDR tätig und habe gelernt, dass wir in einem kirchenfeindlichen System Gott und den Menschen viel wirksamer dienen können, wenn wir zusammenhalten, uns nicht auseinander dividieren lassen, konfessionelle und landsmannschaftliche Unterschiede nicht hochspielen. Das Herz dieser Zeugnis- und Dienstgemeinschaft schlug in Dresden und hatte die Namen Gottfried Noth, mit dem ich ein Jahrzehnt zusammen arbeiten durfte, und Johannes Hempel.

Johannes Hempel war unsere geistliche Autorität. Mit seiner Offenheit und Lauterkeit, seiner redlichen und bedachten Art, seinem sensiblen Achten auf das Wort hat er Menschen beeindruckt und gewonnen.

Johannes Hempel war geradezu allergisch gegen große Sprüche. Jedes Wort sollte auch durch die Person gedeckt sein. Was Johannes Hempel sagte, war echt und dazu stand er. Auf den Synoden des Kirchenbundes oder 1983 auf der EKD-Synode in Worms. Er litt, wenn seine Worte verdreht oder missdeutet wurden.

Aber im Bund der Evangelischen Kirche in der DDR genoss er absolutes Vertrauen.

Und das galt auch für die Sächsische Kirche, die in der Bundesleitung häufig als Troika Johannes Hempel, Kurt Damsch und Hans Cieslack auftrat.

„Hempels Meinung hat unter den DDR-Bischöfen erhebliches Gewicht“, urteilten damals die Brüder im Westen.

Die  besondere Gemeinschaft der Evangelischen Kirchen in der DDR mit den Evangelischen Kirchen in der damaligen Bundesrepublik hat Johannes Hempel aus tiefer Überzeugung mit großem Einsatz festgehalten und weiter entwickelt. Er legte Wert darauf, dass in den Ost-West-Beratungen nicht nur allgemein geredet, sondern Grundsatzfragen des Kirche-Seins in Ost und West behandelt wurden. Er nannte Unterschiede beim Namen und wurde gelegentlich unbequem, wo sonst Harmonie und Freundlichkeit gepflegt und Gegensätze leider überdeckt wurden.

Im Prozess der Wiedervereinigung der Kirchen 1990/91 mahnte Hempel, der Osten sollte nicht alles preisgeben, die Kirchen hier hätten in ihrem Dienst in einer säkularisierten Gesellschaft Erkenntnisse gewonnen, die auch künftig gebraucht werden.

Denn der Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR war nicht nur eine Abwehrgemeinschaft im feindlichen Umfeld, sondern lernte unter der ständigen Bedrohung aller Arbeitszweige der Kirche deren Notwendigkeit für den Auftrag der Kirche zu erkennen und weiter zu gestalten. Das Selbstverständnis des Kirchenbundes wurde 1972 in einer Arbeitsgruppe unter Leitung von Bischof Hempel beschrieben. Sie begründete die Überzeugung, dass sich die Kirche nicht auf Seelsorge und Gemeinnützigkeit beschneiden lassen dürfe, wie der Staat es forderte. Sondern im gesamten gesellschaftlichen Leben sollten Zeugnis und Dienst der Kirchen und der Christen wirksam werden.

Deshalb unterstützte Hempel die christliche Jugend mit ihrer vom Staat verfolgten Aktion „Schwerter zu Pflugscharen“. Das Symbol wurde in Brandenburg entwickelt und der Aufnäher in Sachsen produziert.

Johannes Hempel wollte wissen, wie konkret aus dem Glauben in eine politische Situation geredet werden müsse. Seine Rede auf der Bundessynode 1983 setzte Zeichen. Er hinterfragte die Bildungspolitik der DDR und brachte damit die Meinung vieler Menschen und vor allem Jugendlicher zum Ausdruck.

Staat und Partei fürchteten, die Kirche werde zur Opposition und gebe Aktionen Raum, die mit Fasten und Kerzendemonstration die sozialistische DDR untergraben würden.

Das sollten die Kirchen beenden. Johannes Hempel lehnte es ab, die aufbegehrenden Menschen unter dem Dach der Kirche zu disziplinieren. Er forderte mit der Leitung des Kirchenbundes den Staat auf, sich den offensichtlichen Problemen zu stellen und Abhilfe zu schaffen.

Das alles im Lutherjahr 1983, das zum Anfang des Umbruchs in der DDR wurde.

Ich hoffe sehr, dass die EKD beim Lutherjubiläum 2017 das Jahr 1983 in der DDR berücksichtigt.

Landesbischof Johannes Hempel und die Leitung des Kirchenbundes hielten den Kurs einer kritischen Solidarität, und wo nötig Distanz zum Staat, durch. Die Staatsmacht bewegte sich nicht. Die Unruhe der Menschen wuchs und entlud sich 1988, 1989.

Landesbischof Hempel und die Sächsische Kirche gaben mit der Öffnung der Kirchengebäude für Protestveranstaltungen die logistische und geistliche Basis für die friedliche Revolution. Die anderen Evangelischen Kirchen folgten.

Honecker wurde abgesetzt. Die Mauer fiel und die Wiedervereinigung kam.

 

Anrede

Johannes Hempel war nicht nur ein sehr guter Bischof in Sachsen, sondern er hielt die Evangelischen Kirchen in der DDR als Zeugnis- und Dienstgemeinschaft zusammen und bewirkte mit den gesellschaftlichen Umbruch.

Mich bewegt an diesem Tage vor allem der Dank an unseren Herrn, dass er uns ein viertel Jahrhundert diesen Vordenker, Vorarbeiter und Vorbeter gab.

Verehrter, lieber Bischof Johannes Hempel,

danke, dass Sie die Last getragen haben und trotz mancher mühsamen Debatten nicht gesagt haben „Macht Euren Dreck allene“. Das wird nicht  vergessen! Und ich habe die Hoffnung, dass Sie noch viele Jahre den Kirchen in Sachsen, in Deutschland, in der Ökumene Ratgeber und Vorbild sein werden.

Gott behüte Sie.

Gerhard Schröder ist einer der bedeutendsten Kanzler Deutschlands. Er steht in einer Reihe mit Helmut Schmidt, Willy Brandt, Konrad Adenauer und Helmut Kohl. Jeder von ihnen hat in seiner Zeit mit ihren jeweiligen Herausforderungen schwierige Aufgaben für Deutschland gehabt. Gerhard Schröder hat für Deutschlands Zukunft mutig zwei wichtige Weichen gestellt: Er hat das Wirtschafts- und Sozialsystem reformiert, stabilisiert und er hat Deutschlands Souveränität international bekräftigt.

Wir sind uns zuerst begegnet, als ich Ministerpräsident in Brandenburg war und mich bemühte, unser Land aus drei sehr unterschiedlichen Bezirken zusammenzubringen, Demokratie und Rechtsstaat einzuführen, die Umgestaltung von der Staatsplanwirtschaft zur Marktwirtschaft zu steuern, Industriekerne zu erhalten, Investoren zu werben und einen leistungsfähigen Mittelstand zu fördern. In diesen Jahren blickte ich nicht ohne Neid auf meine Kollegen aus der alten Bundesrepublik. Den Ministerpräsidenten Schröder aus Niedersachsen habe ich bewundert. Er wirkte auf mich wie ein Sonnenkönig, ein lebensfroher, großzügiger und zupackender Landesfürst, dem wir Ossis wohl gelegentlich auf die Nerven fielen und geradezu lästig wirkten, zum Beispiel, wenn er die durch die Wiedervereinigung schrumpfende Zonenrandförderung sah. Irgendwie waren wir Störer, die von einem fremden Stern kamen und statt glücklich zu sein auch noch jammerten. Das habe ich mir damals abgewöhnt, weshalb Brandenburg immer am wenigsten von der noch CDU- geführten Bundesregierung bekam. Dann trat Gerhard Schröder zur Wahl als Bundeskanzler für ganz Deutschland an und die ostdeutschen Länder kamen ihm sehr nahe. Dabei half auch eine Nachdenk- und Vorbereitungswoche im äußersten Osten Deutschlands in einem Spreewald-Hotel. Ich war dann dabei, als Schröder viele Begegnungen mit den Menschen unter anderem in Rostock, Dresden, Erfurt, Magdeburg und Potsdam hatte. Er war ein überzeugender Wahlkämpfer mit großem Stehvermögen und schnellem Aufgreifen der Fragen und Hinweise der Bevölkerung. Gerhard Schröder lernte den Osten kennen. In der Prignitz an der Elbe bei den Bauern, die ihm die Gans Doretta  schenkten, fühlte er sich zu Hause. Das war Heimat für ihn, das war derselbe Menschenschlag, den er aus Niedersachsen, vom westlichen Elbufer kannte. Gerhard Schröder wurde einer von uns im Osten, und die Bundestagswahl wurde für ihn im Osten gewonnen.

Dann musste Gerhard Schröder in das Kanzleramt hineinfinden. Eine Lawine neuer Aufgaben und Probleme, zahlreiche internationale Verpflichtungen stürzten auf ihn ein. In den ersten Tagen wirkte er wie betäubt, wie ein Blinder. Ich glaube, Doris und einige alte Freunde mussten ihm Mut zusprechen. Doch dann erlebte ich von Monat zu Monat einen sicher werdenden Kanzler Schröder mit der Gabe, den richtigen Entscheidungspunkt zu erkennen und entschlossen zu handeln. „Zupacken, nicht Abwarten“ war seine Devise. Einige Jahre saß ich mit an seinem Kabinetttisch und erlebte, wie Gerhard Schröder seine Verantwortung für Deutschland erkannte und es ihm mehr und mehr um das Wohl des Landes und seiner Menschen ging. Nicht Parteidoktrin, Wahlergebnisse oder Ruhmsucht trieben ihn an, sondern das Verantwortungsbewusstsein für Deutschland.

Kanzler Gerhard Schröder erkannte die Schwächen des deutschen Wirtschafts- und Sozialsystems und sah, dass ein „Weiter so“ vielleicht seine Popularität stärken, aber dem Land schaden würde. Er nannte offen die Reformbedürftigkeit der Bundesrepublik, zeigte die tief greifenden strukturellen Probleme auf und warb für einschneidende Lösungen, unpopuläre Maßnahmen und setzte sie durch. Gerhard Schröder rechnete damit, dass die schmerzlichen Eingriffe in das Sozialsystem ihm Sympathien kosten und die nächste Wahl verloren gehen könnte. „Die Reformen müssen sein, auch wenn ich darüber mein Amt verlieren sollte“, sagte er uns im kleinsten Kreise. Die Reformen waren keine Absage an den Sozialstaat. Denn für den Sozialstaat und die Solidarität steht Schröder unerschütterlich. Gerade deshalb wollte er ihn mit den Reformen sichern. Dazu gehörten die Wiederbelebung der Wirtschaft und eine Neujustierung in vielen gesellschaftlichen Bereichen. Schröder setzte mit Standhaftigkeit und Überzeugungskraft die überfälligen Reformen um und opferte dafür sein Kanzleramt. Kanzler Schröder tat das Beste für Deutschland. Dafür gebühren ihm Respekt und Dank.

Bewundert habe ich Bundeskanzler Schröder, als er die deutsche Beteiligung am Irakkrieg absagte. Auch hier wusste er, was er tat. Schon als sein Zögern erkennbar wurde, setzten massive Interventionen der US-Regierung ein. Aber Schröder wollte verantwortbar deutsche Politik machen und hielt ein blindes Mitlaufen in einem Krieg, dessen Sinn und Nutzen nicht erkennbar war, für falsch. Mit seiner Absage zum Krieg im Irak sprach er den meisten Deutschen, insbesondere den Ostdeutschen, aus dem Herzen und hat zugleich die Souveränität Deutschlands deutlich gemacht.

Als dann in Europa Krieg im Kosovo ausbrach, sah Kanzler Schröder Deutschland gefordert. In offenen, um Verständnis werbenden Worten hat Gerhard Schröder sich an die deutsche Bevölkerung gewandt und um Unterstützen gebeten, dass deutsche Soldaten eingreifen mussten.

Deutschlands und Europas Interesse hat Schröder auch im Verhältnis zu Russland gewahrt. Ich habe im Bundeskabinett erlebt, wie bei Kanzler Schröder aus Ablehnung und Vorurteil Verständnis für Russland erwuchs und die Berücksichtigung gegenseitiger Interessen Vorrang bekam. Denn Deutschland und Europa brauchen Russland, und Russland braucht Deutschland und Europa. Das erfordert Geduld und Verständnis. Gerhard Schröder hat erlebt, dass russische Politik zuhören und sich ändern kann, wenn arrogante öffentliche Belehrungen vermieden werden. Vertrauen und die Erkenntnis gemeinsamer globaler Verantwortung sind im Verhältnis zu Russland nötig. Das ist eine bleibende Aufgabe, auch wenn mancher nur langsam ihre Notwendigkeit versteht.

Der Bundeskanzler a. D. Gerhard Schröder ist mit seiner Meinung, seinen klaren Worten ein weltweit gefragter Ratgeber und wird es hoffentlich noch lange bleiben.