Der frühere Ministerpräsident Brandenburgs sorgt sich vor allem um die Menschen, die ihn künftig pflegen müssen.

Von 1990 bis 2002 war er der erste Ministerpräsident des Landes Brandenburg. Heute lebt der frühere Konsistorialpräsident der Evangelischen Kirche, Manfred Stolpe (82), mit seiner Frau in einem Seniorenheim in Potsdam. Eine Krebserkrankung macht ihm zu schaffen – doch im schriftlich geführten Interview mit der RUNDSCHAU sorgt sich der Sozialdemokrat vor allem um die Menschen, die ihn künftig pflegen müssen.

Herr Stolpe, wie geht es Ihnen im Moment?

Stolpe Die Stimmung ist gut, das Befinden schlechter: Meine Stimme ist brüchig geworden und die Beweglichkeit hat erheblich nachgelassen. Aber ich höre gut zu, lese viel und äußere mich schriftlich.

Sie sind vor einigen Jahren in ein Potsdamer Seniorenheim gezogen. Fiel Ihnen dieser Schritt schwer?

Stolpe Als ich vor sechs Jahren damit rechnen musste, dass sich mein langjähriges Krebsleiden verschlimmern würde, entschlossen sich meine Frau und ich, in eine altersgerechte Wohnung umzuziehen, in der man bei Bedarf auch Pflege in Anspruch nehmen kann. Das mussten wir bisher nicht.

Viele Menschen haben Angst davor, im Alter auf Unterstützung angewiesen zu sein – wie geht es Ihnen damit?

Stolpe In den letzten Jahren habe ich mehrere Kliniken erlebt, und mein Respekt gegenüber den Pflegekräften wuchs. Ich weiß, dass ich auf Hilfe angewiesen sein werde und habe Vertrauen zu den Menschen, die sich um uns Alte kümmern.

Wie sieht der Alltag von Manfred Stolpe heute aus?

Stolpe Der Tag beginnt mit Körperpflege, Frühstück und Behandlungen der körperlichen Einschränkungen wie Physiotherapie und Logopädie. Arztbesuche kommen dazu. Es bleibt aber genügend Zeit, sich zu informieren, durch Zeitung lesen und Rundfunk hören. Wichtig sind mir Gespräche mit und Erfahrungen anderer Menschen. Ich äußere meine Meinung vorwiegend schriftlich.

Was bedeutet es für Sie, alt zu werden?

Stolpe Alt werden muss gelernt werden. Mit knapp 80 Jahren wollte ich es noch nicht wahrhaben. Nach einer schweren Lungenentzündung verstand ich, dass auch ich alt werde und das Leben ein Ende nimmt. Das bedeutet nicht, auf den Tod zu warten, sondern jeden Tag mein kleines Programm zu erledigen.

Haben Sie eine Patientenverfügung?

Stolpe Eine Patientenverfügung habe ich vorbereitet. Sie zielt darauf ab, dass keine aussichtslosen, lebensverlängernden Behandlungen eingeleitet werden. Ich hoffe, einen sanften Tod zu haben.

Bereiten Sie sich auf  hr Lebensende vor?

Stolpe Ich versuche meine Angelegenheiten zu ordnen, Unterlagen auszusortieren und allgemein interessante Vorgänge in Archive abzugeben. Da ist noch viel zu tun, und ich hoffe, dass ich kein Chaos hinterlasse.

Wie nehmen Sie die Debatte um die Situation in der Altenpflege wahr?

Stolpe Der schwere Beruf der Altenpflege ist lange Zeit schlecht behandelt worden. Pflegekräfte haben ihren Dienst an alten und gebrechlichen Menschen Tag für Tag erfüllt, haben wenig geklagt, selten gestreikt und wurden zu wenig beachtet. Sie leisten einen sozialen und humanitären Dienst von wachsender Bedeutung. Denn die Zahl der Pflegebedürftigen nimmt zu, und es wird endlich Zeit, die helfenden Hände und Herzen mit einem verbesserten Status sowie angemessener Vergütung gerechter zu behandeln.

Können Sie sich vorstellen, dass einmal Roboter die Aufgaben der Pflegekräfte übernehmen?

Stolpe Roboter können helfen bei der Reinigung, den technischen Abläufen, aber die Zuwendung der menschlichen Pflegekraft zu den Menschen im Pflegefall ist nicht technisch ersetzbar.

Aus Ihrer ganz persönlichen Sicht: Was müsste die Politik für die Pflegenden tun?

Stolpe Die Politik muss endlich für Gerechtigkeit gegenüber den Pflegekräften sorgen und darf nicht abwarten, bis ein Massenstreik uns in eine soziale Katastrophe führt. Das wäre die beste Hilfe auch für die Menschen, die auf Pflege angewiesen sind.

Als Sie Ministerpräsident waren, kämpfte Brandenburg gegen den Rechtsextremismus. Wie sehen Sie die Situation heute?

Stolpe In den 1990er-Jahren hatten wir es in sehr schwieriger Umbruchzeit mit Kriminellen, mit brutalen Übergriffen und Brandstiftungen zu tun. Ich habe das Ausmaß erst begriffen, als ich aufgeregten Menschen stundenlang zugehört habe und von manchen Medien beschimpft wurde, weil Dabeisein und Zuhören als Legitimation der Unruhestifter gedeutet wurde. Aber wie sollte ich erfahren, was die Menschen umtrieb?

Hat das Engagement von Organisationen wie dem Aktionsbündnis gegen Fremdenfeindlichkeit etwas gebracht – oder ist die AfD ein Beleg dafür, dass die Projekte eher wirkungslos waren?

Stolpe Ich bin dankbar, dass Organisationen wie das „Aktionsbündnis gegen Fremdenfeindlichkeit“ sowie das „Tolerante Brandenburg“ entstanden sind. Hier sammeln sich Menschen, die ein weltoffenes Land anstreben. Also Gleichgesinnte, die in Abwehr gegen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und neuen Nationalismus aktiv sind. Machen wir uns nichts vor: Weite Teile der Bevölkerung, die Überfremdung und persönliche Nachteile fürchten, wurden und werden von den demokratischen Parteien nicht erreicht. Hier muss der Schwerpunkt der Arbeit liegen: Menschen von Demokratie zu überzeugen und für Demokratie zu begeistern. Sonst glauben noch mehr Menschen den einfachen Parolen der AfD.

Wieso wurden bestimmte Menschen dann von den diversen Initiativen nicht erreicht?

Stolpe Die unverzichtbaren Initiativen für Toleranz und gegen Fremdenfeindlichkeit scharen vor allem Gleichgesinnte um sich. Die, die anders denken, werden oft nicht erreicht. Wenn hochmotivierte, redegewandte Vertreter der Initiativen auf Widerstände gegen Weltoffenheit und Solidarisierung mit Flüchtlingen treffen, haben sie in Worten immer gewonnen. Aber die Auswirkungen der Flüchtlingswellen von 2015/2016 sind Wasser auf die Mühlen von Zweiflern. Hier ist noch viel Arbeit zu tun.

Müssen wir uns damit abfinden, dass wir immer einen bestimmten Bodensatz an Rechtsextremisten in der Gesellschaft haben werden?

Stolpe Dieser Bodensatz von Fremdenfeindlichkeit war immer vorhanden, aber er ist jetzt öffentlich geworden und hat Zulauf. Es ist nötig, sich der meist sozialen Angst der Unterstützer zuzuwenden und das Gespräch mit ihnen zu suchen. Das ist sehr mühsam, aber nötig.

Wie nehmen Sie die Situation Ihrer Partei, der SPD, wahr?

Stolpe Meine Partei, die SPD, ist auf einem Tiefpunkt in der Wählerzustimmung im Bund und auch in Brandenburg. Europaweit geht es „Volksparteien“ so. Das darf uns nicht lähmen, sondern wir müssen immer wieder neu die wichtigen Fragen stellen und beantworten: Was machen wir falsch? Sind wir zu sehr bei Themen, die die Menschen weniger interessieren? Welche Partei kämpft für gerechte Löhne, bezahlbare Mieten, sichere Renten und gegen Kriminalität? Mein Rat: Gespräche mit den Wählerinnen und Wählern dürfen nicht von vorgefertigten Positionen aus geführt werden, sondern in ihnen müssen die Probleme der Menschen ernst genommen werden. Es geht um erkennbare Lösungen für die Menschen.

In Brandenburg steht Dietmar Woidke erstmals in der Geschichte seiner Partei vor der Situation, eventuell nicht Wahlsieger zu werden. Was raten Sie ihm für den Wahlkampf 2019?

Stolpe Dietmar Woidke hat bei der Kreisgebietsreform gezeigt, dass er andere Meinungen ernst nimmt, hat die Reform gestoppt und eine deutliche Stimmungsveränderung erreicht. Das ist die Methode, mit der die SPD gewinnen wird. Auf die Bevölkerung hören und deren Sorgen deutlich erkennbar anpacken – wie etwa bei der Sicherung der Viehbestände in der Dürreperiode. Das bewegt nicht nur die Bauern, sondern wird von vielen anderen Menschen ebenso aufmerksam beobachtet.

Mit Manfred Stolpe
sprach Benjamin Lassiwe (Lausitzer Rundschau)