Am Mute hängt der Erfolg

· 24. Februar 2010   - 

Mein Frankfurtbild ist geprägt von der Begegnung mit den mutigen Menschen der Oderstadt, die vor 20 Jahren tapfer den Neuanfang herbeiführten und entschlossen waren, mit ihrem historischen Erbe die Zukunft zu gestalten. Sie litten unter der verfallenden Altbausubstanz.

Berisinchen, die Fischerstraße, die Bergstraße, die Luisenstraße und viele andere Teile des alten Frankfurt sahen erbärmlich aus. Das restaurierte Rathaus konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese schöne Stadt, die noch vor Berlin gegründet wurde, ihre Identität zu verlieren drohte. Aber es gab klare Vorstellungen, die Stadt zu retten und als Ganzheit zu gestalten. Mit Frankfurtern entstanden erste Pläne, Altstadtsanierung und Neubaumodernisierung unverzüglich gemeinsam von Stadt, Land und Bund anzupacken. Hier wurde der Reichtum des Erbes mit seinem spätgotischem Rathaus, der Marienkirche, der Klosterkirche/Konzerthalle oder der Friedenskirche als ein Markenzeichen der Stadt erkannt. In Frankfurt gab es wenig Vorurteile gegenüber den Plattenbauten. Sie wurden als unverzichtbarer Bestandteil der Stadt gesehen, die an den Zukunftsbedarf der Stadt anzupassen ist. Frankfurter Weitsicht half, Landes- und Bundeskonzepte für historische Stadtkerne und die Gestaltung von Neubaugebieten zu entwickeln.

Besonders mutig waren Bürgerinnen und Bürger mit der Idee, die alte Universität Frankfurt (Oder), die im 19. Jahrhundert nach Breslau verlagert worden war, wiederzugründen. Meine Vorliebe für diese Stadt und ihre Geschichte konnten mich für den Plan erwärmen. Auch die Überlegung, hier deutsch-polnische Kooperation zu stärken und dafür junge Menschen aus beiden Ländern zu gewinnen, hat mich überzeugt. Dennoch tat das Land sich schwer, und es ist Tatsache, dass es der Bürgermut der Frankfurter war, der die Universität Viadrina schuf.

Beharrlich war der Kampf um die Halbleiterindustrie und die Mikroelektronik-Forschung. Die ganze Stadt trug das Ringen um den Erhalt dieser wissenschaftlichen und industriellen Kompetenz. Das Auf und Ab in diesem Überlebenskampf fand deutschlandweit Beachtung. Als dann wegen ungünstiger Umstände die Chipfabrik starb, konnte für das Institut für Innovative Mikroelektronik starke Unterstützung gewonnen werden. Das war auch Wiedergutmachung für den Verlust des industriellen Standbeines der Stadt mit tausenden Arbeitsplätzen, war Respekt vor der breiten Identifizierung der Bevölkerung mit ihrer Mikroelektronik und erwies sich als gute Zukunftsoption.

Mut und Zusammenhalt der Menschen in Frankfurt und an der Oder beeindruckten Deutschland und Europa bei dem großen Hochwasser 1997. Man muss das weite Oder-Meer von der Lebuser Höhe gesehen haben, um Ausmaße und Gefahr dieser Naturkatastrophe zu begreifen. Stadtunter wurde in Teilen der Stadt bittere Realität. Aber die Frankfurterinnen und Frankfurter behielten den Kopf oben, taten das Nötige. Nachbarschaftshilfe, Zusammenrücken, Sandsäcke füllen wurden fast zur Normalität. Mut und Gemeinsinn kennzeichneten diese Stadt in Not und lösten eine beeindruckende Welle der Solidarität und praktischen Hilfe von überall in Deutschland aus. In dieser Atmosphäre des Überlebenswillens wurde auch das erste deutsche zivil-militärische Bündnis zwischen Landesregierung und Bundeswehr zur Rettung der Oderdeiche vereinbart. Der Frankfurter Mut steckte an.

„Noch ein Frankfurt? Wo denn?“

So hat heute Frankfurt an der Oder einen guten Ruf und wird positiv wahrgenommen. Nur noch sehr selten stoße ich auf die verständnislose Frage: „Noch ein Frankfurt? Wo denn?“. Die meisten Gesprächespartner haben Gutes über diese Stadt gehört, den Mut ihrer Menschen, die interessante Geschichte, die attraktive Kultur, die moderne internationale Universität, die erfolgreichen Boxer und Handballerinnen, die Spitzentechnologien, die Brückenstadt zum Osten. Solche Gespräche über Frankfurt (Oder) machen mir Freude.

Sorge habe ich dann mit den Erfahrungen vor Ort. Ich höre von der Unzufriedenheit der Bürger über Parteienstreit und Kleinkrieg der Stadtpolitik und spüre zu wenig von gemeinsamen Zielen und Regeln. Ich erlebe, wie Universität und Stadt Mühe haben, auf der gleichen Wellenlänge zu wirken und sogar eine Vielzahl der Studenten und auch ein Teil des Lehrkörpers nur Wochentags-Besucher in Frankfurt sind. Die Brückenfunktion zum Osten knirscht bei einer verbindenden Straßenbahn mit Slubice, einem Signal für streckenweise komplizierten Zusammenarbeit der Nachbar-Oder-Städte. Als schlechtes Zeichen für die grenzüberschreitende Funktion Frankfurt empfinde ich die geringe Auslastung des Güterverkehrzentrums.

Aber diese Stadt am großen Strom hat einmalige Voraussetzungen für eine hervorragende Entwicklung. Sie liegt mitten in Europa, ist der Osten des Westens und der Westen des Ostens. Wo kann sonst so konkret gesamteuropäische Zusammenarbeit praktiziert werden? Nicht zufällig ist gerade hier das Weimaer Dreieck von Polen, Frankreich und Deutschland bekräftigt worden. Frankfurts größte Zukunftschance liegt in seinem einmaligen Standort als Brücke zu Polen und Tor zum Osten Europas. Vorbehalte und Ängste auf beiden Seiten der Oder sind aus schwieriger deutsch-polnischer Geschichte, unmenschlichen deutschen Verbrechen in Polen aber auch negativen Alltagserfahrungen erklärbar. Doch die Entwicklung geht weiter und wer ihre positiven Möglichkeiten nicht nutzt, wird verlieren. Denn mit dem Beitritt Polens zur Europäischen Union ist unser östliches Nachbarland kein Bittsteller an der Oder, sondern gleichberechtigter und interessanter Partner im Westen Europas. Die Möglichkeiten Polens gehen weit über Frankfurt hinaus. Das Zusammenspiel Poznans mit Berlin ohne Frankfurt, das stagnierende Interesse polnischer Studenten an der Viadrina oder der vorbeirollende Ost-West-Transit sind Indizien für die wachsende Normalität Polens in der Europäischen Union.

Wir müssen sie verstehen und müssen um sie werben

Allein mit dem Wunschbild Doppelstadt Frankfurt-Slubice ist noch nichts dazugewonnen. Außenstehende haken das längst als Tatsache ab. Nur gut, dass sie nicht genau hinschauen. Selbstverständlich müssen alle sinnvollen Möglichkeiten kommunaler Kooperation der beiden Städte genutzt werden. Meine Erfahrung lehrt mich, dass unsere deutsche Neigung zu Vorabplanungen, Konzepten und langfristigen strategischen Festlegungen die Zusammenarbeit mit polnischen Partnern erschweren kann. Lokale Partner in Polen lassen sich nicht ohne Segen aus Warschau schriftlich festlegen und neigen überhaupt mehr zu praktischen Einzelschritten bei erkennbarem Nutzen. Das Misstrauen gegen säkulare Ideen ist ein Wesensmerkmal der polnischen Nation und hat letztlich auch uns zur Freiheit verholfen. Unsere polnischen Freunde wollen auf der gleichen Augenhöhe und aus eigener Überzeugung mit uns zusammenarbeiten. Sie wollen etwas für sich und ihre Land erreichen und alle tragen wie seit tausend Jahren den Stolz auf ihr Vaterland im Herzen. Denn Polen ging nicht verloren und ist heute eine entwicklungsstarke Mittelmacht in Europa, zieht an Spanien vorbei und braucht Frankfurt (Oder) nicht unbedingt. Wir müssen sie verstehen und müssen um sie werben. Nicht nur in Slubice, sondern in ganz Polen. Da ist einfühlsame Werbung, die sich auch an andere Aktionen anhängt, oft wirksamer als große Konzepte. Die Werbung für Berlin in Polen braucht das I-Tüpfelchen Frankfurt und Werbung in Polen für die Oderregion sollte auf Frankfurt aufmerksam machen.

In der Bevölkerung vor Ort gibt es mehr deutsch-polnische Aktivitäten als allgemein bekannt, und das ist wichtig. Denn die gute Nachbarschaft braucht viele Schultern. Im Kulturbereich gibt es zahlreiche langjährige Kontakte. Soziale Einrichtungen und Verbände kooperieren. Senioren treffen sich regelmäßig und dabei verschwinden Vorurteile und werden viele Gemeinsamkeiten erkennbar. Viele einzelne Kontakte zwischen den Menschen auf beiden Seiten der Oder sind wichtige Ergänzung zu den Verbindungen der Viadrina, der Schulen und der Stadtverwaltung. Wo Vertrauen und Verständigung wachsen, wird auch wirtschaftliche Kooperation, etwa kleiner Unternehmen, selbstverständlich.

Eine Straßenbahn zwischen Slubice und Frankfurt ist eine gute Idee, aber die Debatte darüber ist wenig hilfreich. Wer weiß schon, ob sie sich rechnen wird und für Symbole kann das Geld vielleicht noch besser eingesetzt werden. Das Interesse an einem regelmäßigen Nahverkehr zwischen den beiden Städten lässt sich schneller erkunden und wirksam wecken mit einer attraktiven Busverbindung über die Oder.

Die Oder ist das Kennzeichen für Slubice und Frankfurt

Die Oder trennt und verbindet die Menschen an beiden Ufern. Die Oder lieben sie alle. Jeder lässt sich gern an ihr fotografieren. Die Oder ist für Slubice und für Frankfurt nötige Ortsbezeichnung und Identitätsmerkmal. Mit der Oder kann Zusammengehörigkeit gefestigt und beschrieben werden. Der große stille und doch nicht ungefährliche Strom macht keine Unterschiede. Er streichelt beide Ufer, und wenn er wieder einmal losbricht, trifft er beide Seiten und in der Not kann dann jeder erleben, wie lebenswichtig die Zusammenarbeit von Polen und Deutschen ist. Die Oder ist das Kennzeichen für Slubice und Frankfurt und beschreibt eine Region. Frankfurt und Slubice müssen Interesse daran haben, auch in Stettin und Breslau wahrgenommen zu werden. Denn das blau-graue Band der Oder verbindet sie. Diese Standorte suchen Interessenten, wünschen sich Partner, Touristen. Sie können mit starken Kulturangeboten, historischer Substanz sowie mit landschaftlichen Schönheiten werben. Gibt es denn wirklich kein Reiseunternehmen, das Flusskreuzfahrten auf der Oder zwischen Breslau-Frankfurt-Stettin versucht? Die Oder ist nicht schlechter als die Donau und flache Flussschiffe werden auch andernorts schon verwandt.

Eine große Schwäche für die Entwicklung Frankfurt als wirkliche Brücke zu Polen ist die noch verbreitete Unkenntnis der polnischen Sprache. Solange es noch leichter ist, in Berlin verlässliche Sprachmittler zu gewinnen, wird ein Alleinstellungsmerkmal dieser Stadt gefährdet. Frankfurt (Oder) kann nur verhindern, im großen Ost-West-Transit vergessen zu werden, wenn es zweisprachig wird. Machen die Schulen genug? Wann wird Kenntnis der polnischen Sprache Einstellungsvoraussetzung für den öffentlichen Dienst in Frankfurt? Selbst preußische Könige mussten polnisch Sprechen können. Aber offenbar ist in Frankfurt immer noch deutsche Selbstgenügsamkeit bestimmend.

Das kann mach sich vielleicht noch in Frankfurt/Main leisten, aber nicht in Frankfurt (Oder). An dieser Stadt wird die Zukunft vorbeilaufen, wenn nicht viele Menschen ihre Mittlerfunktion auch sprachlich nutzen können. Hier können Englischkenntnisse zur Not helfen, aber die Aufmerksamkeit von Besuchern und Wirtschaftspartnern, vor allem aber auch die Herzen der Polen, sind erst über ihre Sprache zu gewinnen.

Vergessen darf man in Frankfurt nicht, dass es hinter dem Bug noch weiter geht. In Weißrussland ist Frankfurt (Oder) wohl bekannt und auch in Russland und der Ukraine sind Menschen für diese Stadt gut ansprechbar. Kommt hinzu, dass viele unserer unmittelbaren polnischen Nachbarn in diesen Ländern ihre unvergessenen Wurzeln haben.

Ein funktionierendes Bindeglied zwischen Deutschland und seinen östlichen Nachbarn, zugleich auch ein starkes Oberzentrum der deutschen Oderregion kann Frankfurt nur durch eine leistungsstarke Verkehrsanbindung sein. Deshalb ist eine schnelle Bahnverbindung Berlin-Frankfurt-Posen ebenso wichtig wie eine sechsstreifige Autobahn 12 und deren Weiterführung nach Posen und Warschau. Stadtpolitik muss hier kräftig und beharrlich auf die Entscheidungsträger im Land, Bund und Europa drängen. Denn dort kommt niemand von allein auf die Idee, dass Europa, Deutschland und vor allem Frankfurt (Oder) eine attraktive West-Ost-Verbindung braucht. Übrigens bin ich nicht sicher, ob in Frankfurt genügend Aufmerksamkeit dem wachsenden Flughafen Schönefeld geschenkt wird. Schnelle Erreichbarkeit dieses künftigen großen Internationalen Flughafens ist nicht nur für Frankfurter, sondern auch für unsere östlichen Nachbarn eine wichtige Entwicklungshilfe.

Die Anreise über die Stadtbrücke nach Frankfurt ist noch wenig einladend. Gegen Schmutzecken wird andernorts erfolgreich Bürgerengagement, z. B. Pflegepatenschaften, geweckt. Die Nutzung gemeinnütziger Tätigkeiten für Arbeitslose mit öffentlichen Mitteln wird schließlich in Brandenburg möglich bleiben. Es geht nicht nur ums Auge. Es geht um das existenziell wichtige Image. Denn es gibt Erwartungshaltungen der Besucher an die erste deutsche Stadt ab Sonnenaufgang.

Das Stadtbild ist wichtig für das Befinden der Menschen

Das Stadtbild ist wichtig für das Befinden der Menschen in der Stadt. Frankfurt hat seit 1990 mehr als ein Viertel seiner Einwohner verloren. Geblieben sind viele Überzeugungs-Frankfurter, die das Beste für ihre Stadt wollen, kritisch mitdenken und mehr zu Wort kommen sollten. Hinter Kritik stehen oft handfeste Verbesserungsvorschläge und Zukunftsideen. Das braucht Gesprächsforen, in denen die Bürgererwartungen deutlich werden. Ich höre Wünsche nach einer Steigerung der Lebensqualität, einer attraktiveren Innenstadt, differenzierter Wohnungsmöglichkeiten und verbesserter Handelsangebote. Die Zufriedenheit der Menschen hat Bindungskraft und nicht nur für Senioren. Denn Frankfurt hat im Landesvergleich eine günstigere Altersstruktur. Der Anteil der Kinder liegt über zehn Prozent. Sie sollten hier bleiben. Sie brauchen gute Bildung, Ausbildung und Arbeit. Das sagt jeder Politiker hier, aber Wünsche genügen nicht, wenn nicht alles getan wird, die Stadtchancen zu nutzen. Forschung und Industrie sowie die Universität gehören dazu. Solarstadt ist ein guter Name und braucht entschlossenen Ansiedlungsmanagement, gezielte Wirtschaftsförderung und weltweite Unterstützung der Landes- und Bundesagenturen. Ich habe diesen Glanz Frankfurt in Kalifornien erlebt und weiß, dass wenig von allein läuft und ständig weitere Bemühungen erforderlich sind.

Die gute Universität Viadrina muss mehr in der Stadt verwurzelt sein. Aus manchen Wissenschaftspendlern müssen Wissenschaftseinwohner werden. Das ist nicht anzuordnen. Was kann Studenten und Wissenschaftler binden und Frankfurt zu einer erlebbaren Universitätsstadt machen? Stadtnahe Studentenwohnungen, interessante Mitwirkungsangebote für Studenten und Wissenschaftler im Kulturbereich und in der Stadtentwicklung, verlockende Abend- und Wochenendveranstaltungen ohne Rücksicht auf den RE 1 und gemeinsame Bemühungen von Universität und Stadt können zu beider Nutzen Bindung an Frankfurt schaffen. Vielleicht wartet man in der Stadt noch zu sehr auf Initiativen der Universität und dort auf Vorschläge aus der Stadt. Zusammenwachsen durch Zusammenarbeit gilt auch hier.

Für die Stimmung an der Stadt ist der soziale Zusammenhalt wichtig. Es gibt Verlierer des Systemwechsels 1990. Es gibt nicht wenige Langzeitarbeitslose und es gibt viele von ihnen, die sich abgehängt, ausgegrenzt fühlen und sich selbst von der Gesellschaft isolieren. Auch sie gehören zu Frankfurt, und es ist richtig, auf Nöte zu achten und Initiativen der Sozialverbände, der Kirchen, der Netzwerke und Bündnisse sowie einzelner Bürger zu ermutigen. Denn soziale und politische Integration kann die Einwohner zusammenhalten, Gemeinsinn stärken und ein breites Wir-Frankfurter-Bewusstsein schaffen.

Frankfurt ist etwas besonderes mit seinem Standort an der Oder, mit seiner Kultur und Geschichte, seiner Wissenschaft, Forschung und Wirtschaftskraft. Diese Stadt hatte es oft schwerer als andere. Aber Frankfurt ist mindestens so gut wie Potsdam oder Cottbus. Seid Stolz auf diese Stadt und packt die Zukunft an, wie Fontane es lehrte: Am Mute hängt der Erfolg.

Potsdam, den 24. 2. 2010
Beitrag für die MOZ