Friedliche Revolution

· 27. Januar 2010   - 

Potsdam, den 3. 12. 2009 – Bemerkungen zur friedlichen Revolution in der DDR, der deutschen Wiedervereinigung und der Rolle der Kirchen
Textbeitrag für das Vorlesungsverzeichnis der Uni Greifswald

Im Jahr 2009 gab es viele Gelegenheiten, sich über die friedliche Revolution in der DDR 1989 zu informieren. Sieger wurden präsentiert, über dramatische Einzelschicksale wurde berichtet. Häufig klang es wie eine deutsche Heldengeschichte und die unmittelbare Vorbereitung der Wiedervereinigung. Polnische Beobachter mokierten sich, dass die europäischen Zusammenhänge vernachlässigt wurden. Richtig ist, dass friedliche Revolution in der DDR und deutsche Wiedervereinigung Teil eines Prozesses sind, dessen Ursache der zweite Weltkrieg und die daraus folgende Teilung Deutschlands waren.

Die Ostzonenbewohner, spätere DDR-Bürger, empfanden sich als die eigentlichen Kriegsverlierer, abgehängt vom wachsenden Wohlstand West, belastet durch Demontage und ungünstige Verträge mit der Sowjetunion und schließlich eingesperrt. Die Grundunzufriedenheit, der Wunsch nach Veränderungen, war latent vorhanden, brach sich im Volksaufstand 1953 Bahn und erlitt mit ihm eine prägende Niederlage. Aber der Veränderungswunsch starb nicht. Immer wieder gab es Protestaktionen. So auch 1955 in Greifswald, als die Medizinische Fakultät der Universität in eine Militärmedizinische Einrichtung umgewandelt wurde und die protestierenden Studenten sich in der Evangelischen Studentengemeinde sammelten, dann vor der Universität demonstrierten. Ich erlebte mit, wie sich viele Studenten und Bürger dem Protest anschlossen und ihren Unmut über diese Willkür des Staates lautstark zum Ausdruck brachten. Der Protest wurde unterdrückt und zeitgleich geriet die Jacobi-Kirche, der Sitz der Studentengemeinde, aus bis heute ungeklärten Ursachen in Brand.

Noch einmal flackerten 1968 Veränderungshoffnungen auf, als viele Menschen in der DDR mit heißem Herzen den Prager Frühling miterlebten. Im gleichen Jahr wirkten breite Bürgerbewegungen gegen den Abriss der Universitätskirche Leipzig und der Garnisonkirche Potsdam. Die DDR-Führung sah in diesen Protesten den Geist des Prager Frühlings und ließen beide Kirchen beseitigen.

Und doch begann langsam, kaum bemerkbar, die Veränderung. Die Sowjetunion brauchte den Westen. Willy Brandt und Walter Scheel spürten, dass ein Wandel durch Annäherung möglich ist. Die Ostverträge wurden geschlossen und 1975 die Schlussakte von Helsinki unterzeichnet. Das waren deutliche Signale der Veränderung. Gegen die kommunistische Diktatur organisierten sich in Polen und der Tschechoslowakei Oppositionsbewegungen, zu denen viele DDR-Bürger, vor allem Studenten und nicht wenige junge Theologen, engen Kontakt knüpften.

Glasnost und Perestroika

Gorbatschow setzte 1985 mit Glasnost und Perestroika einen neuen Kurs der Veränderung. Die DDR erfuhr internationale Anerkennung mit dem Höhepunkt des Bonnbesuchs von Erich Honecker 1987. Viele Erwartungen brachen auf, doch die Partei- und Staatsführung der DDR war nicht zu Reformen bereit. Im Gegenteil, die Zügel wurden angezogen. Keine spürbaren Erleichterungen für Westreisen, keine Freiheit für Andersdenkende, keine Verbesserungen des Wirtschaftssystems. Honecker war im Ostblock isoliert, erkrankte. Lethargie, Ratlosigkeit, Unbeweglichkeit war die DDR-Politik 1988. Die sozialistische Deutsche Demokratische Republik war 1988 politisch, wirtschaftlich, moralisch am Ende. Die Unruhe im Lande wuchs. Die Ausreisebemühungen Zehntausender machten das deutlich. Die Bürger verloren die Angst, es gab landesweite Wahlbeobachtungen zu den Kommunalwahlergebnissen, die häufig von Pfarrern begleitet wurden. Es gab zunehmend öffentliche Protestaktionen, Montagsdemonstrationen in allen größeren Städten, die in der Regel in evangelischen Kirchen begannen.

Als am 7. Oktober 1989 bei der Feier des 40. Jahrestages der DDR eine friedliche Demonstration tausender Bürgerinnen und Bürger zum Palast der Republik brutal zusammengeschlagen wurde, sagte der auch anwesende Gorbatschow zu Honecker, Mielke und Krenz, „Das bringt nichts, so geht das nicht“. Die nächsten Montagsdemonstrationen standen für den 9. Oktober an. Die größte war in Leipzig zu erwarten. Die Sicherheitskräfte rechneten mit Steinwürfen, brennenden Parteizentralen, gelynchten Funktionären, um dann den starken Sicherheitskräften den Einsatzbefehl zu geben. Aber die in den Kirchen zur Gewaltlosigkeit aufgeforderten Demonstranten trugen Kerzen statt Steinen. Es gab keinen Einsatzbefehl. Am 16. Oktober dasselbe. Die Leipziger Großdemonstrationen blieben unbehindert. Keine Gewalt von allen Seiten. Die friedliche Revolution hatte gesiegt. Honecker wurde am 18. Oktober von seinen eigenen Leuten abgesetzt. Krenz erklärte am 19. Oktober der Leitung des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR seine Reformbereitschaft. Das war seine Antwort auf massive Forderungen der Synode vom September 1989, „Bis Weihnachten können alle DDR-Bürger reisen, oppositionelle Meinungen und Parteien werden zugelassen, Wahlen werden freier, wirtschaftliche Verbesserungen werden eingeleitet“.
Die SED-Diktatur hatte kapituliert, und mit dem Mauersturm am 9. November 1989 nahm das Volk der DDR sein Selbstbestimmungsrecht in Anspruch, wartete nicht mehr auf staatliche Gnadenakte. Der von den Kirchen organisierte und geleitete Runde Tisch gestaltete den Übergang der Macht von der Diktatur zu Demokratie und Rechtsstaat. Von deutscher Einheit war in dieser Zeit wenig die Rede. Wenn überhaupt, dann nur im Sinne eines künftigen Wunschzieles, denn die weltpolitische Konstellation ließ nicht vermuten, dass die Sowjetunion die DDR freigeben könnte.

Verantwortung für die Menschen

Die Evangelische Kirche in Deutschland hat von 1945 bis 1990 trotz erzwungener organisatorischer Trennung ihre gesamtdeutsche Gemeinschaft aufrechterhalten. Sie wusste sich im Glauben verbunden und in die Verantwortung für die Menschen in Ost und West gerufen. Sie war in der Zeit der deutschen Teilung die deutsche Organisation mit den intensivsten West-Ost-Kontakten. Das geschah in Begegnungen und gemeinsamen Erklärungen der Leitungen, regelmäßigen Treffen vieler hundert Kirchengemeinden, tausenden mutigen Einzelbesuchen von West nach Ost, in enger Kooperation der Diakonischen Werke und auch im Zusammenwirken auf der internationalen ökumenischen Ebene. Die Evangelische Kirche lebte ihre gesamtdeutsche Gemeinschaft auch in der Teilung des Vaterlandes. Ob zwei deutsche Staaten das Ende aller Wege sein würden, wusste niemand. Aber Christen glaubten, dass nichts unveränderlich ist, und hatten den langen Atem und die Gewissheit der Zusammengehörigkeit. Die Kirche war von 1945 bis 1990 Sprecherin der Einheit des Volkes. Die Ostdenkschrift der EKD mit ihrem Versöhnungsgedanken hat die BRD-Außenpolitik maßgeblich beeinflusst. Eine gemeinsame Studie der EKD und des Kirchenbundes in der DDR über die Friedensaufgabe der Deutschen nahm die deutschen Staaten in eine besondere Friedensverantwortung. Die sogenannte „besondere Gemeinschaft“ der evangelischen Kirchen in Deutschland war ein zwischenkirchliches Verhältnis, keine Ökumene, keine Auslandsbeziehung. Der Kirchenbund bekannte sich zur besonderen Gemeinschaft der ganzen evangelischen Christenheit in Deutschland und war auch durch jahrelangen staatlichen Druck nicht zu bewegen, dies aus seiner Ordnung (Artikel 4, Abs. 4) zu streichen. Die besondere Gemeinschaft betrieb keine Wiedervereinigungsrhetorik. Sie ließ aber keinen Zweifel, dass ihre Zusammengehörigkeit unaufgebbar sei. Für die Evangelische Kirche in der DDR war die theologische Erklärung von Barmen 1934 Ausdruck gemeinsamen Bekennens und Zeugnis des Glaubens. Der Dienst der Kirche vollzieht sich in Gottesdienst, Predigt, Unterweisung und Lehre, in Seelsorge und Diakonie, in Mitarbeit in der Ökumene und Verantwortung in der Gesellschaft. Dieses Selbstverständnis gründete auf die harten Erfahrungen evangelischer Kirchen mit dem Schrecken der nationalsozialistischen Diktatur. 1963 wurden im Auftrag der evangelischen Kirchenleitungen in der DDR „Zehn Artikel über Freiheit und Dienst der Kirche“ formuliert und als Aktualisierung der Barmer theologischer Erklärungen verstanden. Sie forderten die Gemeinden und die Christen auf, sich nicht ängstlich hinter Kirchenmauern zurückzuziehen, sondern im Vertrauen auf Gottes Zusage für eine menschenfreundliche und gerechte Gesellschaft einzutreten. Eintreten für Menschenwürde und Menschenrechte wurden als praktizierte Nächstenliebe verstanden und sind ein Schlüsselbegriff für die Haltung der evangelischen Kirchen in der DDR.

Für Menschenwürde bedeutet die jüdisch-christliche Tradition der Bibel eine wichtige Wurzel. Danach ist es die Gottesebenbildlichkeit, die den Menschen von allen anderen Teilen der Schöpfung unterscheidet und seine besondere Würde begründet. Dazu die zehn Gebote und die Bergpredigt, die den Christen Orientierung, auch im Verhalten zum Mitmenschen, geben und die zu Nächstenliebe, Mitmenschlichkeit und Solidarität anleiten.

Meinung der Staatsmacht zu Kirche und Religion war eindeutig

Die herrschende Meinung der Staatsmacht zu Kirche und Religion war eindeutig. Danach waren sie Relikte der Vergangenheit, unwissenschaftlich und falsch und deshalb zum Absterben verurteilt. Die Kirchen seien ein Instrument der früher herrschenden Klasse, der Kapitalisten und der Großgrundbesitzer und demzufolge die fünfte Kolonne des Klassenfeindes.
Kirche und Christen waren also in doppelter Hinsicht Feinde: Im Kampf der Weltanschauungen und im Klassenkampf. Deshalb sollte dem gesetzmäßigen Untergang von Religion und Kirche nachgeholfen werden. Ihr Einfluss auf die Jugend sollte beseitigt werden, kirchliche Aktivitäten im sozialen und kulturellen Bereich sollten eingeschränkt werden. Kontakte der Kirchen in die Bundesrepublik und nach Westberlin sollten möglichst verhindert werden.

Doch die Kirchenleitungen und Gemeinden ließen sich durch die Prognosen der Kommunisten nicht einschüchtern. Die Kirchenleitungen waren überzeugt, dass die sozialistische Gesellschaft verbesserlich sei. Wohl waren gewaltsame Veränderungsversuche aussichtslos. Doch sie glaubten, dass gewaltlos, beharrlich und geduldig mehr Menschlichkeit, mehr Freiräume, mehr Gerechtigkeit erreichbar sind.

Die Kirchen wussten sich in der Verpflichtung ihres Glaubens, für Menschen einzutreten, die wegen ihrer religiösen Überzeugung oder ihres nicht angepassten Denkens inhaftiert, verfolgt oder benachteiligt wurden. Mit Kanzelabkündigungen und synoden Worten wurde protestiert.
Immer wieder musste konkret Menschen geholfen werden. Es musste verhandelt werden und oft mit allen drei Säulen der Macht. Nämlich den Regierungsstellen, deren Möglichkeiten begrenzt waren, der allmächtigen SED und der Staatssicherheit, die die Freiheit verhinderte.

Der Kirchenbund verstand sich als eine Zeugnis- und Dienstgemeinschaft in der sozialistischen Gesellschaft der DDR und betonte seinen Auftrag „in dieser so geprägten Gesellschaft, nicht neben ihr, nicht gegen sie“. Die SED registrierte als positiv, dass der Kirchenbund von der Realität des Sozialismus in der DDR ausging, fand aber durch den eigenständigen kirchlichen Umgang mit dem Sozialismusbegriff ihre Deutungshoheit in Frage gestellt. Das zeigte 1972 die harte Reaktion des Staates auf ein Referat von Propst Falcke vor der Bundessynode in Dresden. Sein Kernsatz: Christus lässt uns auf eine verbesserliche Kirche hoffen, unter seiner Verheißung werden wir unsere Gesellschaft nicht loslassen, mit der engagierten Hoffnung eines verbesserlichen Sozialismus. Staat und SED sahen darin das Eindringen der Kirche in ihre Ideologie.
Der Vorsitzende der Leitung des Kirchenbundes, Bischof Hempel, stellte 1983 klar, dass die Kirche keine alternative Gesellschaft erstrebe. Sie bleibe aber der Ort, wo die Bürger ihre Sorgen und Beschwernisse abladen können. Schon ihrer differenzierten Struktur wegen sei sie eine ständige Konfliktbewältigungsgemeinschaft. Zwar repräsentiere sie nicht die gesamte Gesellschaft, sei aber für alle da und so gebe es auch ein stellvertretendes Reden in der Gesellschaft. Hempel rügte den Zentralismus der Gesellschaft, die Verkümmerung schöpferischer Potenzen, die Verweigerung eines Rechtes auf Aufrichtigkeit. Er nannte das Vorgehen des Staates gegen die Träger des Aufnähers „Schwerter zu Pflugscharen“ symbolhaft für das Verhältnis des Staates zur Jugend.

Proteste der Kirche gegen die Mauer verstärkten sich seit 1986. Der damalige Vorsitzende des Kirchenbundes, Bischof Leich, beklagte den Umgang des Staates mit Ausreisewilligen, so dass die Kirche sich dieser Menschen annehmen müsste. Der Staat solle endlich Entscheidungen und Handlungen mit einer Signalwirkung für die Zukunftserwartung vieler Bürger treffen. Der Stellvertretende Vorsitzende Stolpe forderte 1988 öffentlich an der Universität Greifswald, unverzüglich Reformen vorzunehmen. Massive Forderungen nach mehr Gerechtigkeit in der DDR erhoben die Ökumenischen Versammlungen 1988 und 1989. Ihre Forderungen nach einem freimütigen und ehrlichen Meinungsaustausch, die Trennung von Staats- und Parteikompetenzen, mehr Rechtssicherheit, eine Wahlrechtsreform, Freiheit und Chancengleichheit im Bildungswesen, Versammlungsfreiheit und besseren Reiseregelungen fanden sich in den Programmen der entstehenden Oppositionsgruppen wie auch den Beschlüssen der Synode des Kirchenbundes vom 16. September 1989 wieder.

Reformprogramm für eine bessere DDR

Aus den Kirchen kam das Reformprogramm für eine bessere DDR. Die Nichtbeachtung dieser, von der Mehrheit der Bevölkerung getragenen Forderung, löste die friedlich Revolution 1989 aus, die durch ihre Verflechtung mit den Kirchen Gott sei dank, friedlich verlief.
Auch in Greifswald war die evangelische Kirche an dem Umbruch beteiligt. Am 18. Oktober 1989 gab es nach einem Friedensgebet im Dom einen großen Demonstrationszug durch die Stadt. Die Staatsmacht befürchtete Ausschreitungen und bat die Kirche um Beruhigung der Lage. In einer abschließenden Protestveranstaltung vor dem Rathaus sagte schließlich der Oberbürgermeister der Kirche und der aufgebrachten Menge Verhandlungen zu.

Die Reformbewegung wurde aus den Gemeinden und der Pfarrerschaft sowie von den Leitungen und Synoden getragen. Häufig ging an die Leitungen der Vorwurf taktischer Rücksichtnahmen auf den Staat. Bischof Krusche verwies 1987 darauf, dass die gleiche gemeinsame Verantwortung auf verschiedenen Ebenen sehr anders wahrgenommen werden müsse. Kirchenleitung und Pfarrerschaft hätten hier sehr unterschiedliche Mandate. Beim ständig nötigen Verhandeln um den nicht vertraglich gesicherten Lebens- und Rechtsraum seien Tabu-Erwartungen zu beachten, während die Pfarrer das Evangelium an die Menschen in der Nähe zu deren Belastungen und Frustrationen auszurichten haben. Diese Spannung blieb in allen Jahren der Auseinandersetzung mit dem DDR-System. Und letztlich war sie ein wichtiges, zumeist nicht geplantes Zusammenwirken. Von der kirchlichen Basis kam der ungeschminkte Druck auf Veränderungen, und die Leitung versuchte, Zuspitzungen zu verhindern und Ergebnisse zu sichern.

Die Forderung nach deutscher Einheit kam 1989/1990 aus der Kirche zumeist zurückhaltend. Gerade an der Basis überwog die Hoffnung, die DDR zu verbessern und später die Möglichkeit der Wiedervereinigung zu prüfen. Einzelne kirchliche Persönlichkeiten und Beschlüsse der Leitungen, zum Beispiel in der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg und gemeinsam der EKD und des Kirchenbundes, nannten schon seit September 1989 die Möglichkeit einer Wiedervereinigung. Doch auch hier überwog die Vorstellung, dass die staatliche Einheit Deutschlands vorerst nicht erreichbar sei. Der Druck für ein vereintes Deutschland kam aus der Bevölkerung. Deren Spontanität und Unberechenbarkeit, das staatliche Chaos, die latente Gefahr eines Bürgerkrieges in der DDR und die Möglichkeit der Störung der Ost-West-Entspannung beunruhigten die Siegermächte. Im Spätherbst 1989 konsultierten Spitzenpolitiker der USA, der UdSSR, Frankreichs und Großbritanniens Kirchenvertreter, um zu erfahren, wie wieder Stabilität in Ostdeutschland geschaffen werden könnte. Sie gewannen den Eindruck, dass das am 9. November 1989 entfesselte Selbstbestimmungsrecht der Ostdeutschen Berücksichtigung finden müsste und freie Wahlen nötig wären. Auch für die Sowjetunion wurden die Beruhigung der Lage und die Fortsetzung der Zusammenarbeit mit dem Westen wichtiger als die gewaltsame Aufrechterhaltung der DDR. Die Menschen in der DDR konnten am 18. März 1989 frei wählen und entschieden sich für eine schnelle Wiedervereinigung. Kirchenleitungen, Synoden, die meisten Pfarrer und Gemeindeglieder unterstützten das Ziel.

Sturzflug in die deutsche Einheit

Dann begann ein Sturzflug in die deutsche Einheit, verbunden mit einem dreidimensionalen Umbruch der Verhältnisse: in der Wirtschaft zerbrach am 1. Juli 1990 mit der Währungsunion die Staatsplanwirtschaft. Nun galt ab sofort der weltweite Wettbewerb. Anders, als beim Beitritt der Saarlandes zur Bundesrepublik 1955, gab es keine langfristigen Übergangsregelungen, die angestammten Ostmärkte gingen verloren, Absatzprobleme waren die Folge und schnell wuchs die Arbeitslosigkeit. Riesige Sozialleistungen für den Osten wurden nötig und machen bis heute die Masse des West-Ost-Transfers aus.
Die zweite Dimension des Umbruchs erfolgte in den politischen und rechtlichen Strukturen. Am 3. Oktober 1990 wurde das bundesdeutsche System vollständig übernommen. Über dreißigtausend Paragrafen mussten neu beachtet werden. Alleiniger Maßstab wurde der Rechtsstaat des Grundgesetzes. Reformideen aus den letzten DDR-Monaten, wie die Berücksichtigung von Bürgerinitiativen, Volksbefragungen, mehr Basisdemokratie zwischen den Wahlterminen, kamen nicht zu Zuge.
Die dritte Dimension des Umbruchs – die Auswirkung auf die Menschen – wurde lange Jahre verkannt. Aber die Menschen in Ostdeutschland mussten sich in allen Lebensbereichen umstellen. Sie waren überfordert, verunsichert und oft hilflos.

Eine besondere Herausforderung sehe ich im Wechsel von der Kollektivgesellschaft Ost zur hoch individualisierten und technisierten Gesellschaft West. Das bringt Orientierungsverluste, auch durch die Pendelbewegung von der Bevormundung zur Freiheit. Nur auf das Individuelle zielende Freiheit kann auch Passivität angesichts sittlicher Verwahrlosung und Gewalttaten begünstigen. Unter den Bedingungen von Massenarbeitslosigkeit, Abwanderung, negativer demografischer Entwicklung, sozialen Nöten und Isolierung, kann der Zusammenhalt einer Gesellschaft verloren gehen.

Aber inzwischen sind das keine Ostprobleme mehr. Heute fordern uns in ganz Deutschland weniger die Probleme der Vergangenheit als eine verwirrende Gegenwart und eine unsichere Zukunft. Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass wir mitten in einer dramatischen Zeitenwende stehen.

Viele Faktoren verändern weltweit die ökonomischen und sozialen Bedingungen. Auf dem Weltmarkt verschärft sich der Wettbewerb, die Preise werden gedrückt, an Arbeitskosten wird gespart. Millionen Arbeitsplätze gehen verloren. Durch die atemberaubende technische Entwicklung vor allem einfacher Arbeitsplatz. Globalisierung wird diese Entwicklung genannt. Globalisierung meint weltweite Kapitalströme, Investitionen, Welthandel und steigende Profite. Aber es geht um Menschen. Menschen in Entwicklungsländern, die Wege aus der Armut suchen. Menschen in den Industrieländern, die in Armut fallen. Obwohl die Welt immer enger zusammenwächst, werden die Unterschiede immer größer, wächst die Kluft zwischen Arm und Reich. Die evangelischen Kirchen haben mehrfach deutlich darauf hingewiesen, dass die Durchökonomisierung der Gesellschaft nicht nur zur Wirtschaftskrise geführt hat, sondern auch die humanen Werte angreift.

Zur Menschenwürde gehört noch die Gerechtigkeit

Denn Freiheit ist nicht alles. Zur Menschenwürde gehört noch die Gerechtigkeit. Die Initiative Frieden und Menschenrechte, eine wichtige Oppositionsbewegung in der DDR, forderte im Oktober 1989 „Die Menschenrechte sind unteilbar“ mit dem Hinweis auf vorhandene soziale Rechte, dürfen nicht die politischen Rechte gering geschätzt werden und umgekehrt.
Arbeit wurde nach der Wiedervereinigung sehr schnell zum Hauptproblem für viele Menschen. Tausende Betriebe brachen zusammen und Millionen Menschen wurden arbeitslos. Arbeitslosigkeit schafft oft das Gefühl der Minderwertigkeit. Arbeitslosigkeit schafft Armut. Sie erschwert den Zugang zu Bildung, medizinischer Versorgung und angemessenem Wohnraum. Langzeitarbeitslosigkeit kann Isolierung vom gesellschaftlichen Leben schaffen. Langzeitmassenarbeitslosigkeit gefährdet den gesellschaftlichen Zusammenhalt, ist Nährboden für Extremismus, Verrohung und Gewaltneigung.

Wirtschaft- und Finanzkrise

Die Wirtschaft- und Finanzkrise ist nicht nur ein schnell vorübergehendes Unwetter. Sie wird die Lage auf dem Arbeitsmarkt in ganz Deutschland verschärfen. Deshalb muss der sozialen Gerechtigkeit als untrennbarem Bestandteil der Menschenwürde höchste Aufmerksamkeit gelten. Die Krise erfordert neue Einsichten und sie ist auch eine Chance. Sie ist ein Stoppschild für Egoismus und den materiellen Erfolg als entscheidendem Maßstab. Menschenwürde als Freiheit und soziale Gerechtigkeit zu gestalten heißt, den gesellschaftlichen Zusammenhalt festigen. Da sehe ich drei Schwerpunktaufgaben.

Erstens Arbeit und Beschäftigung sichern. Es ist besser, Arbeit als Arbeitslosigkeit zu bezahlen. Beunruhigend ist, dass jeder dritte Jugendliche Schwierigkeiten hat, einen Arbeits- oder Ausbildungsplatz zu finden.

Zweitens Bildungsarbeit und Wertevermittlung verstärken. Das sind gleiche Bildungschancen für alle, auch für Einwanderer. Das sind gezielte Weiterbildungsmöglichkeiten für Arbeitende und Arbeitslose. Wertevermittlung kann durch Bildung erfolgen und sollte keinem Schulkind vorenthalten werden. Sicher kann ein guter Religionsunterricht Wichtiges leisten. Aber in der zunehmend säkularisierten Gesellschaft sind auch andere Wertevermittlungen, wie z. B. Ethikunterricht zu akzeptieren.
Hier möchte ich anmerken, dass der Anteil nicht christlich gebundener DDR-Bürger an der Entstehung eines neuen Deutschland groß, und ich glaube sogar, entscheidend ist. Das Zusammenwirken von Christen, Humanisten und Atheisten hat Deutschland vor 20 Jahren verändert, und ihre Zusammenarbeit hat in den letzten 20 Jahren den Wiederaufbau der ostdeutschen Länder getragen. Für Christen wäre es eine unangemessene Siegerhaltung, die Bedeutung der Ostdeutschen nicht kirchlich gebundenen Bevölkerungsmehrheit zu verkennen. Auch die Bewältigung der Zukunftsherausforderungen braucht die Zusammenarbeit aller Gutwilligen. Das ist keine gnädige Toleranz gegenüber Andersdenkenden, sondern Überlebensnotwendigkeit.

Drittens Teilhabe in allen gesellschaftlichen Bereichen ermöglichen. Vornan steht die Einbeziehung der Menschen in die demokratische Mitverantwortung. Demokratie muss von allen Bürgerinnen und Bürgern praktiziert werden können, denn Demokratie ist die bestmögliche Staatsform zu Sicherung von Menschenwürde, Freiheit und sozialer Gerechtigkeit. Die evangelischen Kirchengemeinden waren schon in der DDR eine Schule der Demokratie.
Die verschiedensten gesellschaftlichen Organisationen, Verbände und nicht zuletzt die Kirchen sollten allen Bürgern Teilhabe ermöglichen und der Gefahr eines Bindungsverlustes entgegenwirken.

Die unter Lebensgefahr von den Ostdeutschen erkämpfte Selbstbestimmung, Freiheit und Einheit ist ein Wendepunkt in der langen gemeinsamen deutschen Geschichte. Das ist kein Schlussstrich unter deutsche Verbrechen, aber der Ausgangspunkt für ein weltoffenes deutsches Selbstverständnis. Deutschland ist 1989/1990 wiedergeboren. Entgegen allen gelegentlich geschürten Ossi-Wessi-Debatten, die schon heute von unseren uralten und bleibenden landsmannschaftlichen Unterschieden überlagert werden, zeigt sich, dass die Deutschen sich in der Zeit der Teilung näher geblieben sind als sie gelegentlich wahr haben wollen. In ihren Orientierungen, ihren Wertmaßstäben, ihren Persönlichkeitsstrukturen, ihrer Lernfähigkeit, haben sie miteinander viel größere Ähnlichkeit als mit jedem ihrer Nachbarn. Gemeinsam können sie die Zukunft Deutschlands in Europa und der Welt gestalten. Dass wir wirklich eine gesamtdeutsche Identität haben, ist auch ein Verdienst der Kirchen, die weiterhin ihren Beitrag zum Zusammenhalt intensiv und erkennbar leisten müssen.