14. Januar 2010, Zürich – Vortrag : Die Kirchen in Ostdeutschland 20 Jahre nach dem Mauerfall

Thesen

1. Kirche und Christen in der DDR waren für den SED-Staat in doppelter Hinsicht Feinde. Nämlich im Kampf der Weltanschauungen und als „5. Kolonne des westlich-imperialistischen Klassenfeindes“.

2. Zur Bekämpfung der Kirche setzte die SED vielfältige Maßnahmen ein wie z.B. die Kürzung der Staatsleistungen, die Abschaffung des staatlichen Kirchensteuereinzuges, die Verdrängung des Religionsunterrichtes aus den Schulen, die Einführung der Jugendweihe als Gegenritual zur Konfirmation, die Benachteiligung christlicher Kinder in den Schulen sowie die Ausgrenzung der Christen von wichtiger Verantwortung in Politik und Wirtschaft.

3. Infolge massiver staatlich organisierter Kirchenaustrittskampagnen und der Abwanderung von über 2 Millionen Menschen Richtung Westen verloren die Ev. Kirchen in der DDR von 1946 bis 1989 nahezu 2/3 ihrer Mitglieder und sanken von 90 Prozent auf knapp 30 Prozent der Bevölkerung.

4. In Anwendung der Barmer Theologischen Erklärung, die 1934 gegen den Nazi-Einfluss erarbeitet wurde, forderten die Ev. Kirchenleitungen und Synoden die Gemeinden und Christen auf, sich nicht ängstlich hinter Kirchenmauern zurückzuziehen, sondern im Vertrauen auf Gottes Zusage zur Zukunft der Kirche für eine menschenfreundliche und gerechte Gesellschaft einzutreten.

5. 1968 erschwerte eine neue DDR-Verfassung die Mitarbeit der Ev. Landeskirchen der DDR in der Ev. Kirche in Deutschland. Zugleich versuchte der Staat die Ev. Landeskirchen gegeneinander auszuspielen. Um ihre Handlungsfähigkeit zu sichern, schlossen sich die Ev. Kirchen in der DDR zum Bund der Ev. Kirchen in der DDR zusammen. Dennoch wurde der Zusammenhalt der evangelischen Christen und Kirchen in Deutschland durch den Willen der Leitungen und Synoden sowie tausendfacher Gemeindekontakte gewährleistet. Diese Verbindung und die internationale ökumenische Partnerschaft waren für die Ev. Kirchen in Ostdeutschland ein wichtiger Rückhalt bei ihren Bedrängnissen durch den Staat.

6. Der Kirchenbund verstand sich als eine Zeugnis- und Dienstgemeinschaft in der sozialistischen Gesellschaft der DDR und betonte seinen Auftrag „in dieser so geprägten Gesellschaft nicht neben ihr, nicht gegen sie“ (Kirche im Sozialismus). Der Staat sah seine Deutungshoheit zum Sozialismus in Frage gestellt und reagierte heftig auf kirchliche Erwartungen für einen verbesserlichen Sozialismus.

7. In ökumenischen Versammlungen evangelischer, katholischer und freikirchlicher Christen wurden Ende der achtziger Jahre konkrete Reformerwartungen zu Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung in der DDR erhoben.

8. Kirchenleitungen und Synoden vertraten die Reformforderungen gegenüber dem Staat bis Mitte 1989 verhandlungsorientiert und moderat. In manchen Kirchengemeinden und insbesondere in Gruppen unter dem Schutzdach der Kirche wurden die Veränderungsforderungen offensiver gestellt. Das ergab innerkirchliche Spannungen, war aber letztlich objektiv ein wichtiges Zusammenwirken.

9. Aus den Evangelischen Kirchen kam das Reformprogramm für eine bessere DDR. Die Nichtbeachtung dieser von der Mehrheit der Bevölkerung vertretenen Forderungen löste 1989 die friedliche Revolution in der DDR aus. Durch den Einfluss von Pfarrern und Kirchgemeinden konnten in über 200 Städten Ostdeutschlands Massendemonstrationen für Reisefreiheit, Demokratie, Meinungsfreiheit, freie Wahlen und eine effektivere Wirtschaft friedlich verlaufen. Die Staatsmacht hatte Provokationen und Gewalt erwartet, fand keinen Anlass zum Einschreiten und gab nach.

10. Mit dem Fall der Mauer am 9. November 1989 wurde der Sieg der friedlichen Revolution offenkundig. An von Kirchen moderierten Runden Tischen erfolgte die Überleitung von der Diktatur zur Demokratie und freien Wahlen am 18. März 1990, in denen sich die große Mehrheit der Bevölkerung für die deutsche Einheit aussprach.

11. Die wirtschaftliche und staatliche Wiedervereinigung Deutschlands führte zu einem totalen Umbruch der Verhältnisse in Ostdeutschland. Die ostdeutsche Wirtschaft war dem schnellen Übergang in den internationalen Wettbewerb nicht gewachsen. Wichtige Absatzmärkte gingen verloren. Massenarbeitslosigkeit war die Folge. Riesige Sozialleistungen für Ostdeutschland wurden nötig und sind bis heute der Großteil des West-Ost-Transfers in Deutschland.

12. Dank großer Solidarität aus der Bundesrepublik konnten erhebliche Verbesserungen der Infrastruktur in Ostdeutschland erreicht werden. Verkehrswege und Kommunikationsnetze haben einen hohen Stand erreicht. Im Städtebau und in der Entwicklung des ländlichen Raumes sowie der Umwelt wurden große Verbesserungen vorgenommen.
Wichtige Teile der Industrie konnten sich, allerdings nur unter erheblichem Personalabbau, auf dem Markt behaupten. 500.000 neue mittelständische Unternehmen entstanden.

13. Die Ev. Kirchen in Ostdeutschland sind nach der deutschen Einheit still geworden. In der DDR waren die Kirchen nach dem Willen des SED-Staates eine Randerscheinung. Gerade deshalb wurden sie als andere Stimme gehört und von westlichen Medien stark beachtet. Nun ist die Ev. Kirche nur eine Institution neben vielen anderen auf dem breiten Markt des Meinungspluralismus.

14. Öffentliche Vorwürfe wegen zu großer Staatsnähe in der DDR und Kontakten zum Staatssicherheitsdienst sowie ein verbreitetes Unterlegenheitsgefühl gegenüber den größeren und reichen Kirchen im Westen hemmten eigenständige Äußerungen der Ev. Kirchen in Ostdeutschland.

15. Fremd war den Ev. Kirchen in Ostdeutschland die in der BRD bestehende Verflechtung der Kirche mit dem Staat. Gegen staatlichen Kirchensteuereinzug und Religionsunterricht als staatliches Lehrfach an den Schulen wurden Bedenken erhoben. Militärseelsorge als unmittelbarer Bestandteil der Bundeswehr blieb umstritten. Stattdessen wurde für Ostdeutschland eine Regelung mit starker kirchlicher Verantwortung eingeführt.

16. Enttäuscht wurde die Erwartung, dass nach dem Wegfall der Kirchenbedrängung durch den SED-Staat eine Wiedereintrittsbewegung in die Kirche erfolgen würde. Stattdessen kam ein Austrittswelle. Denn aus Furcht vor zwangseingetriebenen Kirchensteuern traten Menschen formal aus der Kirche aus, die sie schon in der DDR verlassen hatten.

17. Im Alltag der neuen Verhältnisse nahmen die Ev. Kirchen, ihre Gemeinden und diakonischen Werke ihre Möglichkeiten wahr. Sie übernahmen von den oft überforderten Kommunen zahlreiche Kindertagesstätten sowie Krankenhäuser und gründeten viele kirchliche Schulen. Vielerorts wurden in Zusammenarbeit von Christen, Nichtchristen und westdeutschen Förderern Kirchen restauriert und für eine breite Nutzung erschlossen.

18. Im kulturellen Leben der Gesellschaft ist die Kirche aus einer Nischensituation zu einer wichtigen Kulturträgerin geworden und hat angesichts schwindender öffentlicher Ressourcen eine Verantwortung für die kulturelle Bildung und Infrastruktur.

19. Die Mitgliederzahlen der Ev. Kirchen in Ostdeutschland sind durch die zunehmende Überalterung der Bevölkerung rückläufig. Allerdings kommt die Bevölkerungsumschichtung in Ostdeutschland durch einerseits weitere Abwanderung in den Westen (mehr Nichtchristen) und andererseits Zuwanderung aus dem Westen (deutlich mehr Christen) den Kirchengemeinden zugute. In Wachstumsbereichen wie dem Berliner Umland wurden Kirchneubauten nötig.

20. Die Ev. Kirchen und Gemeinden in Ostdeutschland besinnen sich auf ihre Erfahrungen aus der Zeit der Diaspora und der Verfolgung in der DDR. Sie leben vom verbindlichen Christsein ihrer Gemeindeglieder. Die Gemeinden spüren, wie sie – umgeben von Nichtchristen – in einer unbehinderten missionarischen Existenz zum Beispiel über Kinder und Jugendliche wirken können. Die Ev. Kirche engagiert sich in kritischer Solidarität zu den Problemen der Gesellschaft wie Massenarbeitslosigkeit und sozialen Verwerfungen.

21. Die Ev. Kirchen in Ostdeutschland sind als ökumenisch orientierte beteiligungsoffene missionarische Gemeindekirche ein aktiver und anerkannter Teil der Gesellschaft mit wachsender Bedeutung.

Replik auf Äußerungen von Marinanne Birthler, Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR, gegenüber der Märkischen Oderzeitung.

“Die Sorge um die Fortführung ihres Amtes veranlasst Marianne Birthler offenbar zu kritisierbaren Äußerungen:

Zu theologischen Erklärungen des Versöhnungsbegriffs ist die Katechetin Birthler berechtigt, wenn sie dabei den Eindruck ihrer Unfehlbarkeit vermeiden kann.

Ärgerlich ist, wie Frau Birthler Platzecks Bemühen um ehrlichen Umgang mit der DDR-Wirklichkeit diffamiert. Platzecks Vorgehen wird eine differenzierte Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit und die innere Einheit Deutschlands besser befördern als eine ausschließlich auf Stasi fixierte Debatte, die völlig außer acht lässt, wie die wirklichen Machtverhältnisse in der DDR waren.

Unwahr ist, dass ich von der damaligen Ministerin Birthler verlangt habe, über meine Gespräche mit dem MfS zu schweigen. Denn ich selbst habe meinen Kontakt zum DDR-Machtapparat, auch zum MfS, offengelegt. Allerdings sahen die Parteien des ersten Brandenburger Landtages ihre wichtigste Aufgabe im Wiederaufbau des Landes und der Ermutigung der Menschen zum Start in die völlig neuen politischen, rechtlichen, ökonomischen und sozialen Verhältnisse des vereinten Deutschlands.”

Publikationen


(eine Auswahl)


Buchcover: Wir haben noch so viel vorWir haben noch so viel vor
Unser gemeinsamer Kampf gegen den Krebs

Manfred Stolpe steckt 2004 mitten in den Auseinandersetzungen um die LKW-Maut, als er die Diagnose Darmkrebs erhält. Schwäche will er sich um keinen Preis leisten. Lebermetastasen und Chemotherapie übersteht er mit geradezu preußischer Disziplin. 2008 erkrankt seine Frau an Brustkrebs, kurz vor ihrem 70. Geburtstag. In ihrem Buch erzählen die beiden sehr persönlich und offen, wie der Krebs ihre Beziehung verändert hat, wie sie gemeinsam den schwierigen Weg gegangen sind. Sie machen Betroffenen Mut: Eine Krebsdiagnose muss kein Todesurteil sein, und ein erfülltes Leben ist auch mit der Krankheit möglich. Ihr größter Wunsch ist es, ihre Goldene Hochzeit 2011 in Gesundheit zu feiern. (Vorwort lesen)

# Broschiert: 240 Seiten
# Verlag: Ullstein (Erscheinungstermin 1. März 2010)
# Sprache: Deutsch
# ISBN-10: 3550088183
# ISBN-13: 978-3550088186



Buchtitel Sieben Jahre, sieben Brücken - Manfred StolpeSieben Jahre, sieben Brücken. Ein Rückblick in die Zukunft

Sieben Jahre nach der deutschen Vereinigung zieht Manfred Stolpe Bilanz. Seine Aufmerksamkeit gilt dabei dem Erreichten ebenso wie dem Unerreichten. Angesichts der großen wirtschaftlichen und sozialen Probleme und der Resignation gerade im Osten Deutschlands will er seinen Landsleuten Mut machen und zeigt Perspektiven für die Zukunft auf. Er wagt den Blick nach vorn und stellt Überlegungen an, wie Deutschland in weiteren sieben Jahren, im Jahr 2004, aussehen könnte.

# Taschenbuch: 190 Seiten
# Verlag: Siedler Verlag (Juli 2001)
# ISBN-10: 388680626X
# ISBN-13: 978-3886806263



Buchcover: Den Menschen Hoffnung gebenDen Menschen Hoffnung geben.
Reden, Aufsatze, Interviews Aus Zwolf Jahren

Manfred Stolpe, ein Politiker neuen Typs, zeigt – bescheiden, redlich drängend – den Menschen in Brandenburg Wege in eine bessere Zukunft.
Davon und von dem behutsam vermittelnden Wirken Stolpes in der vergangenen DDR handeln diese reden, Aufsätze und Interviews aus zwölf Jahren. Sie geben Auskunft über Denkweise und Absichten eines Mannes, der die Geschichte Deutschlans mitgestaltet und der es versteht “unseren Menschen” in einer dramatischen Entwicklung Hoffnung geben.

# Gebundene Ausgabe: 294 Seiten
# Verlag: Wichern-Verlag GmbH (1991)
# ISBN-10: 3889810519
# ISBN-13: 978-3889810519



Buchcover: EIn schwieriger AufbruchSchwieriger Aufbruch

Manfred Stolpe, den der ˜Stern˜ als ˜Mutmacher im schwer verminten Niemandsland der deutschen Mißverständnisse˜ sieht, ruft in seinem Buch zu Aufbruch und Neubeginn auf. Die Aufzeichnungen des ostdeutschen Hoffnungsträgers bieten Erinnerung und Erklärung, Ermunterung und Ermutigung.

# Broschiert: 288 Seiten
# ISBN-10: 3442128471
# ISBN-13: 978-3442128471

Wir Ältere müssen uns erinnern und wir müssen es den Jüngeren weitersagen: Der Fall der Mauer war wie ein Wunder. Weiterlesen

Positionen

Treffen mit Michail Gorbatschow - 2001

Treffen mit Michail Gorbatschow – 2001

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Manfred Stolpe wurde am 16. Mai 1936 in Stettin geboren.

Nach dem Jura-Studium in Jena war er von 1959 bis 1969 bei der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg tätig, wo er seit 1962 Leiter der Geschäftsstelle der Konferenz der Evangelischen Kirchenleitungen in der DDR war.

1983 im Domstift Brandenburg, mit Richard von Weizsäcker und Matthias Passauer

Manfred Stolpe mit Richard von Weizsäcker und Matthias Passauer – 1983 im Domstift Brandenburg

Von 1969 bis 1981 leitete er das Sekretariat des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR, von 1982 bis 1990 war er als Konsistorialpräsident der Ostregion der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg tätig und war stellvertretender Vorsitzender des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR.

Vereidigung zum Ministerpräsident 1990

Vereidigung 1990

Manfred Stolpe ist seit Juli 1990 Mitglied der SPD und wurde im selben Jahr Ministerpräsident des Landes Brandenburg, von dessen Amt er 2002 zurücktrat.

In der Folge, von 2002 bis 2005, war er Bundesminister für Verkehr, Bau und Wohnungswesen sowie Beauftragter der Bundesregierung für die neuen Bundesländer.

Er besitzt die Ehrendoktorwürde der Theologischen Fakultät der Universität Greifswald, der Theologischen Fakultät der Universität Zürich, der wissenschaftlichen Fakultät der Universität Stettin und der Toyoda-Universität Tokio.

2006 wurde ihm der Verdienstorden des Landes Brandenburg verliehen. Der Europäische Kulturpreis für Politik ist ihm 2012 verliehen worden.

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Von der oberste Denkmalschutzbehörde – dem Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur – einberufener ehrenamtlichen Beirat für Denkmalpflege im Land Brandenburg. Der Beirat ist per Gesetz ein Beratungs- und Empfehlungsgremium der obersten Denkmalschutzbehörde.
Inhaltlich verständigt sich der Denkmalbeirat zu Grundsatzfragen des Denkmalschutzes und der Denkmalpflege.



Evangelisch-kirchlicher HilfsvereinMitglied im
Evangelisch-Kirchlichen Hilfsverein

Der Evangelisch-Kirchliche Hilfsverein – Hauptverein – (EKH) ist am 28. Mai 1888 unter Mitwirkung der damaligen Kronprinzessin Auguste Victoria als „Evangelisch-Kirchlicher Hilfsverein“ gegründet worden. Der EKH verfolgt den Zweck, die diakonischen Aufgaben der evangelischen Kirche zu unterstützen und die Verbreitung christlichen Schrifttums zu fördern. Außerdem kann hilfsbedürftigen Personen direkte Hilfe gewährt werden. Weitere Aufgaben, wie Entwicklungshilfe und kirchliche sowie soziale Bildungsarbeit können unterstützt und übernommen werden.

Wieder einmal erleben wir den Versuch, die DDR total zu verteufeln. 1989 ging es um eine Verbesserung der DDR durch Freiheit, Mitbestimmung, Gerechtigkeit und effektiver Wirtschaft. Doch nach dem Beitritt zur Bundesrepublik wuchs die Neigung, kein einziges gutes Haar an dem untergegangenen Staat zu lassen. Vernichtungsurteile über die DDR sind zur gängigen Meinung in der Öffentlichkeit und in vielen Medien geworden. Eine genauere und differenziertere Beurteilung des zweiten deutschen Staates, der als Ergebnis der Hitlerverbrechen und Produkt des kalten Krieges entstand, wird verdächtigt und verunglimpft. Der Versuch, zwischen dem System und den in ihm lebenden Menschen zu unterscheiden, ist gescheitert. Die DDR als Hölle darzustellen, hat bei den 90 % ihrer damaligen Bewohner, die weder Opfer noch Täter waren, die Sorge bestärkt, schließlich doch noch für die Existenz dieses Staates irgendwie haftbar gemacht zu werden. Sie sind in der Öffentlichkeit nicht wahrnehmbar. Aber in Umfragen wird deutlich, dass mehr als die Hälfte der ehemaligen DDR-Bürger an ihrem früheren Staat auch gute Seiten sahen und sogar jeder Dritte mehr Gutes als Schlechtes an ihm fand. Manche Politiker, Journalisten, Historiker können sich mit solchen Ergebnissen nicht abfinden. Schließlich wollen sie mit ihrem westdeutsch geprägten Urteil über die DDR Recht behalten.

So kommt rechtzeitig die Debatte wieder auf, wie wir sie Anfang der 90er Jahre schon erlebten, dass die Menschen aus der ehemaligen DDR nicht nur zivilisatorisch ein halbes Jahrhundert zurückgeblieben und leistungsfeindlich sind, sondern vom System lebenslang geschädigt, seelisch verkrüppelt und der Religion und ihrer Werte beraubt wurden. Einer spricht aus, was wohl viele denken, dass 40 Jahre Indoktrination in der DDR Entkirchlichung, Entbürgerlichung und letztlich moralische Verwahrlosung bewirkt haben. Mit einer Wiederbelebung des Christentums müsse dem entgegengewirkt werden.

Richtig ist, dass die herrschende Meinung der staatsführenden SED gegenüber Kirche und Religion negativ war. Es hieß Kirche und Religion sind Relikte der Vergangenheit und zum Absterben verurteilt. Religion ist unwissenschaftlich, Opium für das Volk und zu dessen Unterdrückung von den Ausbeutern genutzt. Die Kirche in der DDR galt als 5. Kolonne des Klassenfeindes. Kirche und Christen waren also in doppelter Hinsicht Feinde: Im Kampf der Weltanschauungen und im Klassenkampf. Deshalb sollte der Untergang von Religion und Kirche beschleunigt werden. Mitgliedschaft in der Kirche behinderten die berufliche Entwicklung und der Kirchenaustritt wurde gefordert. Kirchliche Aktivitäten im sozialen und kulturellen Bereich wurden eingeschränkt. Vor allem der Einfluss der Kirche auf die Jugend sollte beseitigt werden. Der Religionsunterricht wurde aus den Schulen gedrängt, kirchliche Jugendveranstaltungen wurden behindert und der Konfirmation wurde die sozialistische Jugendweihe entgegengesetzt. Im Ergebnis verloren die Kirchen in der DDR schließlich zwei Drittel ihrer Mitglieder. Doch die Kirchenparlamente (Synoden) und Bischöfe – in Sachsen vor allem Gottfried Noth und Johannes Hempel – ließen sich durch die kirchenfeindliche Politik der SED nicht einschüchtern. Sie lehrten die Gemeinden, dass die Kirche bleiben wird, weil Gott sie will. Sie forderten die Christen auf, in Vertrauen auf Gottes Zusage für eine menschenwürdige und freie Gesellschaft einzutreten und dabei mit allen zusammenzuwirken, die für Frieden, Gerechtigkeit sowie die Erhalten der Natur eintreten. Für diese Zusammenarbeit könnten die Kirchen auch für Nichtchristen geöffnet werden. Das geschah und bewirkte vor 20 Jahren eine erfolgreiche friedliche Revolution, in deren Ergebnis Deutschland wiedervereinigt und nach 45 Jahren Fremdbestimmung zum gleichberechtigten Mitglied der Völkergemeinschaft wurde.

Der Anteil der nichtkirchlich gebundenen DDR-Bürger an der Entstehung eines neuen Deutschland ist groß und ich glaube sogar entscheidend, denn wenn es in den 80er Jahren der DDR nur streng gläubige Christen und brave Bürger gegeben hätte, wäre eine solche große Volksrevolution nicht möglich gewesen. Das Zusammenwirken von Christen, Humanisten und Atheisten hat Deutschland vor 20 Jahren verändert und die Zusammenarbeit von Christen, Humanisten und Atheisten hat in den letzten 20 Jahren den Wiederaufbau der ostdeutschen Länder getragen. Für Christen wäre es eine unangemessene Siegerhaltung, die Bedeutung der ostdeutschen nicht kirchlich gebundenen Bevölkerungsmehrheit zu verkennen. Das wäre Hochmut, der bekanntlich vor dem Fall kommt.

Heute stehen wir in einer Zeitenwende, die mit der Globalisierung der Realwirtschaft sowie der Finanzmärkte noch weitere Erschütterungen bringen wird. Alle Beruhigungsreden über das Ende der Krise und alle Versuche, aufkommende Sorgen mit Wohlstandsmeldungen zu dämpfen, werden das nicht verhindern. Wenn wir nicht dagegen arbeiten, wird die soziale Differenzierung wachsen, werden Menschen sich um ihre Zukunft sorgen und werden wir auch in Zukunft in West und Ost mit erschreckenden Beispielen von sozialer Verrohung konfrontiert werden. Auch darum geht es am 27. September. Der Markt allein wird es nicht richten, sagt unser Bundespräsident Horst Köhler, und ich stimme ihm zu. Die wirtschaftsliberale Lehre, dass es für alle nützlich ist, wenn der Einzelne unbeirrt sein eigenes Interesse verfolgt, ist falsch. Das lehren übrigens alle deutschen Kirchen. Der Zusammenhalt der Gesellschaft ist in dieser Umbruchsituation gefährdet, wenn nicht mehr für Arbeit, Bildung und Beteiligung getan wird.

Ggf. streichen: (Deshalb müssen Arbeitsplätze gehalten und neue geschaffen werden. Wo es zu wenig Arbeit gibt, müssen gemeinnützige Tätigkeiten mit öffentlichen Mitteln angeboten werden. Deshalb muss Bildung von der Kita bis ins gesamte Berufsleben als wichtige Zukunftshilfe gestärkt werden.)

Ggf. streichen: (Ganz entscheidend für den gesellschaftlichen Zusammenhalt ist es der Isolierung, Vereinzelung entgegenzuwirken. Sie erwächst häufig aus Arbeitslosigkeit und Armut. Wir brauchen eine Kultur des Hinschauens und Mitnehmens Gefährdeter. Die Beteiligung am gesellschaftlichen Leben mit seinen reichhaltigen Angeboten von Sportvereinen bis zu Kirchenveranstaltungen muss erleichtert werden.)

Wir müssen auch den Verführungskünsten extremistischer Populisten entgegenwirken, die Fremdenhass und Gewalt fordern. Da müssen alle Gutwilligen zusammen stehen unabhängig von ihrer christlichen oder humanistischen Grundüberzeugung. Gute Erfahrungen in ganz Deutschland zeigen, dass es gemeinsam möglich ist, Nöten und Gefahren zu widerstehen.

Die sturmerprobten Kirchen im Osten werden auch in veränderten Zeiten ihre Aufgabe gegenüber Gott und den Menschen treu bleiben. Sie haben breites Vertrauen in der Gesellschaft, sie gewinnen neue Mitglieder, die Konfirmandenzahlen steigen, ihre Schulen sind stark gefragt. Der christliche Glaube wird auch künftig Hoffnung und Orientierung geben aber auch Toleranz gegenüber Andersdenkenden zulassen.
(Sächsische Zeitung)