Frau PD Dr. Anke Silomon hat anhand zahlreicher Akten, Verfügungen kirchlicher und staatlicher Stellen, Berichte, Briefe und anderer Unterlagen eine sorgfältige und detaillierte Beschreibung zum kirchlichen Leben an der Garnisonkirche Potsdam zwischen 1914 und 1945 vorgelegt.

Sie hat damit eine wertvolle zeitgeschichtliche Forschung erstellt, die Abläufe und Ereignisse der kirchlichen Arbeit der Garnisonkirche beschreibt und in den Rahmen der damaligen Zeit stellt. Die Dokumentation ist eine Fundgrube zur Analyse und zum Verständnis konkreter historischer Ereignisse. Einmal mehr wird deutlich, welche überragende nationale Bedeutung die Potsdamer Garnisonkirche hatte.

Aus der Fülle der aufgearbeiteten Fakten will ich beispielhaft hervorheben: Die Entscheidung zur Umbenennung der „Königlichen Hof- und Garnisonkirche“ in „Garnisonkirche“ 1928 und die Verhinderung der Rückbenennung 1933.

Das durchgängige Bemühen des Gemeindekirchenrates der Garnisonkirchen-Zivilgemeinde rein politische Nutzungen der Kirche zu verhindern, wie z. B. Fahnenweihen und Feiern der Hitlerjugend, Auseinandersetzungen um das Tragen des NSDAP-Parteiabzeichens und des Hitlergrußes bei kirchlichen Veranstaltungen.

Die Auseinandersetzungen des Kirchenkampfs zwischen „Deutschen Christen“ und „Bekennender Kirche“ insbesondere zwischen dem DC-Superintendenten von Potsdam
und dem BK-nahen Pfarrer der Garnisonkirche.

Die Beschreibung der Umstände und Abläufe des „Tages von Potsdam“ am 21. März 1933.

Der starke Anstieg der Besucherzahlen nach dem „Tag von Potsdam“ und Eintrittspreise zugunsten des „Gruftfonds“ als willkommene und umkämpfte Einnahmequelle.

Die Anforderungsflug zu Abstammungsnachweisen (Arieranträge) und deren vorrangige Bearbeitung aber auch der ätzende Spott eines Schweizer Pfarrers über das „Riesenirrenhaus Deutschland“.

Die Trennung von Staat und Kirche 1919 und deren Umsetzung sowie der kirchlichen Bemühungen um Einnahmen und Religionsunterricht in den Schulen sowie Vorbehalte der Gemeinde gegenüber der neuen Reichsregierung.

Der Streit mit der Stadt Potsdam um das Glockengeläut 1920.

Die Auseinandersetzung mit der Nikolaigemeinde um die „Abtretung von Seelen“ mit der Übernahme von Straßenzügen durch die zivile Garnisonkirchengemeinde.

Nach Kriegsbeginn 1939 die Aufforderung an die Militärseelsorger, für ein menschenwürdiges Verhalten gegenüber den Feinden einzutreten und Misshandlungen von
Polen und Juden zu bekämpfen.

Die Situation in Deutschland, die zum Attentat auf Hitler 1944 führte und seine Folgen für Mitglieder der Garnison-Kirchengemeinde.

Bewegend zum Abschluss der Dokumentation der Bericht über den Brand der Kirche und des Turms nach dem Bombenangriff am 14. April 1945.

Sehr geehrte Frau Giersberg,

liebe Familie Giersberg,

der Tod des von mir sehr verehrten und bewunderten Hans-Joachim Giersberg macht mich sehr betroffen und ich spreche Ihnen mein aufrichtiges Beileid aus.

Niemand sonst hat die Entwicklung der Region Potsdam in den letzten Jahrzehnten so stark beeinflusst wie Hans-Joachim Giersberg. Noch in DDR-Zeiten hat er Kultur bewahrt und mutig unser Erbe für Gegenwart und Zukunft erschlossen, wie zum Beispiel 1986 mit seiner Friedrich-Ausstellung. Er hat Schlösser und Gärten geschützt und sie immer in Verbindung mit der Stadt gesehen, deren Grundstruktur er bewahren half.

Ab 1990 brachten Markt und Medien neue Herausforderungen, denen er tapfer und zumeist erfolgreich begegnete. Bis in die letzten Tage wirkte Giersberg als kulturpolitisches Gewissen.

Ich bin sicher, dass seine Orientierung weiter wirkt. Sie können sehr stolz auf ihn sein!

In Dankbarkeit für Ihre Unterstützung!

Ihr Manfred Stolpe

Helmut Schmidt, der unlängst am anderen Ende der Elbe in Hamburg seinen 90. Geburtstag feierte, sagte uns: „Eigentlich wollte ich diesen Trubel nicht, aber es ist doch schön, Euch zu treffen“.

Verehrter Landesbischof Johannes Hempel, ich kann mir vorstellen, dass Sie ähnlich denken.

Meine Herren Bischöfe,

meine sehr verehrten Damen und Herren,

liebe Schwestern und Brüder,

erlauben Sie mir, aus ganzem Herzen Dank zu sagen!

Ich war 3 Jahrzehnte für die Evangelische Kirche in der DDR tätig und habe gelernt, dass wir in einem kirchenfeindlichen System Gott und den Menschen viel wirksamer dienen können, wenn wir zusammenhalten, uns nicht auseinander dividieren lassen, konfessionelle und landsmannschaftliche Unterschiede nicht hochspielen. Das Herz dieser Zeugnis- und Dienstgemeinschaft schlug in Dresden und hatte die Namen Gottfried Noth, mit dem ich ein Jahrzehnt zusammen arbeiten durfte, und Johannes Hempel.

Johannes Hempel war unsere geistliche Autorität. Mit seiner Offenheit und Lauterkeit, seiner redlichen und bedachten Art, seinem sensiblen Achten auf das Wort hat er Menschen beeindruckt und gewonnen.

Johannes Hempel war geradezu allergisch gegen große Sprüche. Jedes Wort sollte auch durch die Person gedeckt sein. Was Johannes Hempel sagte, war echt und dazu stand er. Auf den Synoden des Kirchenbundes oder 1983 auf der EKD-Synode in Worms. Er litt, wenn seine Worte verdreht oder missdeutet wurden.

Aber im Bund der Evangelischen Kirche in der DDR genoss er absolutes Vertrauen.

Und das galt auch für die Sächsische Kirche, die in der Bundesleitung häufig als Troika Johannes Hempel, Kurt Damsch und Hans Cieslack auftrat.

„Hempels Meinung hat unter den DDR-Bischöfen erhebliches Gewicht“, urteilten damals die Brüder im Westen.

Die  besondere Gemeinschaft der Evangelischen Kirchen in der DDR mit den Evangelischen Kirchen in der damaligen Bundesrepublik hat Johannes Hempel aus tiefer Überzeugung mit großem Einsatz festgehalten und weiter entwickelt. Er legte Wert darauf, dass in den Ost-West-Beratungen nicht nur allgemein geredet, sondern Grundsatzfragen des Kirche-Seins in Ost und West behandelt wurden. Er nannte Unterschiede beim Namen und wurde gelegentlich unbequem, wo sonst Harmonie und Freundlichkeit gepflegt und Gegensätze leider überdeckt wurden.

Im Prozess der Wiedervereinigung der Kirchen 1990/91 mahnte Hempel, der Osten sollte nicht alles preisgeben, die Kirchen hier hätten in ihrem Dienst in einer säkularisierten Gesellschaft Erkenntnisse gewonnen, die auch künftig gebraucht werden.

Denn der Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR war nicht nur eine Abwehrgemeinschaft im feindlichen Umfeld, sondern lernte unter der ständigen Bedrohung aller Arbeitszweige der Kirche deren Notwendigkeit für den Auftrag der Kirche zu erkennen und weiter zu gestalten. Das Selbstverständnis des Kirchenbundes wurde 1972 in einer Arbeitsgruppe unter Leitung von Bischof Hempel beschrieben. Sie begründete die Überzeugung, dass sich die Kirche nicht auf Seelsorge und Gemeinnützigkeit beschneiden lassen dürfe, wie der Staat es forderte. Sondern im gesamten gesellschaftlichen Leben sollten Zeugnis und Dienst der Kirchen und der Christen wirksam werden.

Deshalb unterstützte Hempel die christliche Jugend mit ihrer vom Staat verfolgten Aktion „Schwerter zu Pflugscharen“. Das Symbol wurde in Brandenburg entwickelt und der Aufnäher in Sachsen produziert.

Johannes Hempel wollte wissen, wie konkret aus dem Glauben in eine politische Situation geredet werden müsse. Seine Rede auf der Bundessynode 1983 setzte Zeichen. Er hinterfragte die Bildungspolitik der DDR und brachte damit die Meinung vieler Menschen und vor allem Jugendlicher zum Ausdruck.

Staat und Partei fürchteten, die Kirche werde zur Opposition und gebe Aktionen Raum, die mit Fasten und Kerzendemonstration die sozialistische DDR untergraben würden.

Das sollten die Kirchen beenden. Johannes Hempel lehnte es ab, die aufbegehrenden Menschen unter dem Dach der Kirche zu disziplinieren. Er forderte mit der Leitung des Kirchenbundes den Staat auf, sich den offensichtlichen Problemen zu stellen und Abhilfe zu schaffen.

Das alles im Lutherjahr 1983, das zum Anfang des Umbruchs in der DDR wurde.

Ich hoffe sehr, dass die EKD beim Lutherjubiläum 2017 das Jahr 1983 in der DDR berücksichtigt.

Landesbischof Johannes Hempel und die Leitung des Kirchenbundes hielten den Kurs einer kritischen Solidarität, und wo nötig Distanz zum Staat, durch. Die Staatsmacht bewegte sich nicht. Die Unruhe der Menschen wuchs und entlud sich 1988, 1989.

Landesbischof Hempel und die Sächsische Kirche gaben mit der Öffnung der Kirchengebäude für Protestveranstaltungen die logistische und geistliche Basis für die friedliche Revolution. Die anderen Evangelischen Kirchen folgten.

Honecker wurde abgesetzt. Die Mauer fiel und die Wiedervereinigung kam.

 

Anrede

Johannes Hempel war nicht nur ein sehr guter Bischof in Sachsen, sondern er hielt die Evangelischen Kirchen in der DDR als Zeugnis- und Dienstgemeinschaft zusammen und bewirkte mit den gesellschaftlichen Umbruch.

Mich bewegt an diesem Tage vor allem der Dank an unseren Herrn, dass er uns ein viertel Jahrhundert diesen Vordenker, Vorarbeiter und Vorbeter gab.

Verehrter, lieber Bischof Johannes Hempel,

danke, dass Sie die Last getragen haben und trotz mancher mühsamen Debatten nicht gesagt haben „Macht Euren Dreck allene“. Das wird nicht  vergessen! Und ich habe die Hoffnung, dass Sie noch viele Jahre den Kirchen in Sachsen, in Deutschland, in der Ökumene Ratgeber und Vorbild sein werden.

Gott behüte Sie.

Gerhard Schröder ist einer der bedeutendsten Kanzler Deutschlands. Er steht in einer Reihe mit Helmut Schmidt, Willy Brandt, Konrad Adenauer und Helmut Kohl. Jeder von ihnen hat in seiner Zeit mit ihren jeweiligen Herausforderungen schwierige Aufgaben für Deutschland gehabt. Gerhard Schröder hat für Deutschlands Zukunft mutig zwei wichtige Weichen gestellt: Er hat das Wirtschafts- und Sozialsystem reformiert, stabilisiert und er hat Deutschlands Souveränität international bekräftigt. Weiterlesen

Sehr geehrter, lieber Michail Sergejewitsch!

Zum Anbruch des Jahres 2014 gratulieren wir Ihnen und senden Ihnen unsere herzlichsten Wünsche. Wir wünschen Ihnen und Ihren Angehörigen Wohlergehen, Glück, Gesundheit sowie Lebens- und Schaffensfreude.

In diesem Jahr 2014 werden wir das Andenken an besonders historische Daten der Jahre 1914 und 1989 begehen, die für unsere Völker in Deutschland wie auch in Russland schicksalsträchtig gewesen sind. Das sollte uns dazu veranlassen, auch heute aufmerksam und beharrlich nach freundschaftlicher Zusammenarbeit zu streben und das wechselseitige Verstehen zwischen unseren Völkern weiter zu entwickeln. Im Blick darauf sind wir Ihnen zutiefst dankabr für den unschätzbaren Beitrag, den Sie persönlich dazu geleistet haben und auch weiterhin für diese Ziele leisten.

Mit vorzüglicher Hochachtung
Ihre
Manfred Stolpe – Helmut Domke

Ansprache – Verleihung des Hardenberg-Stein Preises der VKW BB

Oranienburg am 18. 11. 2013

Ministerpräsident Dr. Woidke,
Präsident Zenker,
lieber Winand Jansen, lieber Alwin Ziel,
sehr verehrte Damen und Herren von der vordersten Front der Politik!

Herzlich danke ich für diese Ehrung. Das ist mehr wert als das Bundesverdienstkreuz. Ich bin gerührt, ich freue mich! Bewegt hat mich auch die Laudatio. Vor allem auch, weil Dietmar Woidke, den viele für kühl und nüchtern halten, Gefühl zeigte, Sympathien wecken kann so groß und doch so nah! Diese Seite unseres Ministerpräsidenten sollten noch viele Brandenburger kennen lernen.

Ministerpräsident Dr. Dietmar Woidke ist das Beste, was uns in Brandenburg passieren konnte. Er ist ein Politiker, der aus dem wirklichen Leben kommt und er hat einen ordentlichen Beruf erlernt und ausgeübt und er hat die DDR durchgelebt und er tut nicht so, als ob er erst am 3. Oktober 1990 geboren wurde. Er war in den neunziger Jahren 2 Jahre an der Westfront im Kampf der Marktwirtschaft. Kurzum: Woidke wurde „wie der Stahl gehärtet“.

Für die Politik hat er sich nicht gemeldet, wurde gedrängt, gezogen. Er hat Sinn, Mühe und Freude kommunalpolitischer Arbeit erfahren: als Stadtverordneter in Forst und als Mitglied des Kreistages Spree- Neiße. Landespolitik denkt Ministerpräsident Woidke von der Basis und vom Rande her – zur Mitte. Das Biotop Potsdam wird sich noch an ihn gewöhnen müssen!

In der Laudatio wurde meine Liebe zur Brandenburg hervorgehoben. Ja, dieses Land war, ist und bleibt mir wichtig! Ich habe mich in der DDR mit vielem abgefunden – aber nicht mit der Liquidierung Brandenburgs. Sachsen, Thüringen und Mecklenburg durften in der DDR ihre Identität bekennen. Brandenburg war verpönt als Kernland Preußens – und das Lied vom Roten Adler war unerwünscht. Fast war das Land vergessen. Da kam das Wunder der deutschen Einheit und das kleine Wunder der Wiedergeburt unseres Landes. Wir haben es gemeinsam wachgeküsst – aus dem Dornröschenschlaf belebt und die Menschen haben es wieder angenommen, lieben es und 95 % fühlen sicht wohl. Anderslautende Umfragen kennen die Seelen des Märkers nicht. Wenn der sagt „das kannste nicht meckern“ ist es das höchste Lob!

Zu den großen Veränderungen nach 1990 gehörte die Wiederbelebung der Gemeindeautonomie, die Wiedereinführung der Selbstverwaltung. Im Mai 1990 wurden die ersten Gemeinderäte, Stadtverordneten und Bürgermeister gewählt. Menschen übernahmen die Aufgaben, die nicht darauf vorbereitet waren – aber wussten, was nötig war. Diese Frauen und Männer mussten in einem völlig neuen Aufgabenfeld eine administrative und politische Aufgabe leisten, die Verwaltungen ordnen und arbeitsfähig machen, die Regeln der Demokratie einüben und sich mit tausenden Paragrafen herumplagen. Es war eine dramatische und doch schöne Zeit für Kommunalpolitiker. Jenen von Ihnen die dabei waren muss das Herz warm werden! Es war die Zeit der Totalherausforderung aber auch der kommunalen Allmacht. Denn die DDR schlief ein, die Bundesrepublik war nicht zuständig und das Land gab es noch nicht.

Anrede

Ohne die Leistungen der Kommunalpolitiker wäre das Land Brandenburg nicht möglich geworden. Bis hin zur Vorbereitung, Durchführung und Umsetzung der Landtagswahl am 14. Oktober 1990! Aus den neu geordneten Kommunen ist das Land Brandenburg wiedergeboren. Das sollte Landespolitik nie vergessen! Das Land ist nicht Herr der Kommunen, sondern Diener der Kommunen!

Vor Ort muss es funktionieren, müssen die Menschen den Nutzen eines demokratischen Rechtsstaats erfahren. Hier muss Vertrauen in diese Gesellschaftsordnung entstehen, dass der Staat, die Stadt, das Dorf nicht Instrument einer Partei, eines Klüngels oder agehobener Politiker ist!

Eigeninteressen, sinnloses Gezänk, Korruption sind Todfeinde der Demokratie und der Freiheit. Gerechtigkeit, Zusammenhalt und Solidarität sind ihre Stützen. Und die Gefährdungen sind da: die Unterschiede zwischen arm und reich wachsen, sozialer Absturz und Aufstieg liegen nebeneinander. Helmut Schmidt prophezeit sogar eine Revolution, weil große wirtschaftliche Probleme mit sozialen Spannungen noch auf uns zukommen. In Brandenburg haben wir mit unterschiedlichen Entwicklungen im berlinnahen und berlinfernen Raum sowie mit den Folgen der so genannten demografischen Entwicklung zu tun. Unser Brandenburg erlebt eine Siedlungsverschiebung von außen nach innen und eine Altersverschiebung von der Jugend zu den Erwachsenen. Aber wir sterben nicht aus, wir werden nicht senil und ein Groß-Pflegeheim. Unser schönes Land wird vielfältiger, interessanter, unterschiedlicher mit unterschiedlichen Aufgaben und Belastungen in den Kommunen. Das ist eine große Herausforderung für die kommunale Gemeinschaft, für das Land.

Zwangsumsiedlung und Zwangsrückbau kleiner Dörfer, Wölfe statt Menschen sind ein bösartiges Schreckgespenst. Nicht nur Merkel und Platzeck wissen um die Vorzüge ruhiger und schöner leerer Standorte. Aber die berlinnahen Kommunen laufen über. Das sind keine Katastrophen, aber es muss umgedacht, umgebaut und vor allem zusammengedacht werden. Gemeinsame Verantwortung muss praktiziert werden. Im Großen bei den Strukturen und beim Geld, im Kleinen der Zusammenarbeit vor Ort. Ein ermutigendes Beispiel möchte ich nennen: Wissen Sie eigentlich, dass wir Brandenburger deutsche Meister in der Rettung und gemeinsamen Nutzung wunderschöner alter Kirchen in kleinen Dörfern sind?

In über 300 Fördervereinen wirken Kirchenmitglieder und Atheisten, Vertreter aller Parteien und Verbände, Märker und Berliner zusammen, erhalten das Gebäude und nutzen es vielseitig – als Kulturraum, Versammlungsort, Gottesdienststätte. Man arbeitet zusammen, man kommt zusammen, mal hält zusammen. Nehmen Sie es als Symbol: Das ist Brandenburg!

Über die Kommunalstruktur muss noch gestritten werden: sie soll effektiv sein und moderne Technologie nutzen, aber sie darf dabei nicht ganze Bevölkerungsteile abhängen, weil diese die IT- nicht nutzen können oder wollen. Politische Strukturen sollen den Menschen und ihrem Zusammenhalt dienen und keine weißen Flecken hinterlassen, in die Feinde von Recht und Demokratie vorstoßen können.

Meine sehr verehrte Damen und Herren,

Sie verzeihen mir meine Belehrungen. Sie hier sind die wichtigsten Akteure in unserer einmaligen Metropolenregion Brandenburg – Berlin. Sie sind Seismographen, Pfadfinder, Hoffnungsträger. Was aus unserem Land wird haben Sie in der Hand. Ich wünsche guten Nachwuchs bei der Kommunalwahl und Glück und Erfolg in Ihrer Arbeit.

Hier geht Brandenburg alle Wege!

Vortrag im Haus der Brandenburgisch Preußischen Geschichte

am 28. 10. 2013

Berlin und Brandenburg und das märkische Umland sind eine Region der Gegensätze und der Gemeinsamkeiten. Diese unterschiedlichen Teile waren in ihrer Geschichte aufs engste miteinander verknüpft. Über 700 Jahre gehörten Berlin und die Mark Brandenburg zusammen – politisch, kulturell, wirtschaftlich und militärisch.

Die enge Verknüpfung der Metropole mit dem Land wurde durch die deutsche Teilung radikal unterbrochen. Schmerzliche Trennungslinien an der Grenze zwischen Ost und West machten täglich deutlich, dass hier der Zusammenhang und der Austausch auf widernatürliche und brutale Weise verhindert wurden.

Hauptverlierer des zweiten Weltkrieges und Opfer der deutschen Teilung waren Berlin und Brandenburg. Westberlin in der Dauerbedrohung und erzwungenen Isolierung. Brandenburg und Ostberlin in einer Diktatur mit Beseitigung der Meinungsfreiheit, Unterdrückung und Verfolgung Andersdenkender, ideologischer Bevormundung, Freiheitsberaubung und Mangelwirtschaft. Darin habe ich gelebt. Den Volksaufstand am 17. Juni 1953 erlebte ich voller Erwartung auf Veränderungen und mit der prägenden Erfahrung seiner gewaltsamen Niederschlagung. Der Westen konnte nicht helfen, auch nicht als wir 1961 eingemauert wurden.

Aber die Verbindungen zum deutschen Westen konnten nicht beseitigt werden. Zehntausende Besucher aus der Bundesrepublik, darunter sehr viele Westberliner, die sich einen Bundespass beschafft hatten, kamen trotz aller Schikane zu Besuch. Die Ostpolitik der Bundesregierung bis hin zur Einbindung der DDR in den Pakt für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa mit seinen Menschenrechtszusagen stärkten meine Erwartung auf Erleichterungen und Veränderungen. Die DDR-Führung allerdings versuchte beharrlich den Spagat zwischen der außenpolitischen Öffnung mit Annäherung an die Bundesrepublik unter Beibehaltung innenpolitischer Repressionen. Als dann sogar die Führungsmacht Sowjetunion unter Gorbatschow Veränderungen einleitete, war ich mir sicher, dass Reformen kommen werden. Ich wollte Meinungsfreiheit, Reisefreiheit, Gerechtigkeit, Ende der Benachteiligung, insbesondere junger Christen, und eine unabhängige Gerichtsbarkeit – auch über Verwaltungsentscheidungen. Allerdings war meine Überzeugung, dass Veränderungen nur unter Vermeidung von Gewalt möglich waren. Denn ich kannte die Macht der Sowjettruppen und der bewaffneten Kräfte in der DDR. In meiner Generation saßen die Erfahrungen der blutig niedergeschlagenen Aufstände von 1953, 1956 und 1968 sehr tief. Im Sommer 1989 als die Unruhe im Lande wuchs, hatte ich große Sorge vor einem Gewaltausbruch.

Trotzdem hielt ich eine friedliche Veränderung für erreichbar. Eine Wiedervereinigung Deutschlands habe ich erst nach weiteren Jahren der Annäherung und Verflechtung von Ost und West für möglich gehalten. Doch dann kamen die dramatischen Ereignisse des Herbstes 89 mit großen Demonstrationen im ganzen Lande für Mitbestimmung, Freiheit und Gerechtigkeit.

Die spontane Volksbewegung in der DDR erschreckte nicht nur die Führung in der DDR und der Sowjetunion, sondern auch die westlichen Siegermächte. Intensiv wurde ich als leitender Jurist der Evangelischen Kirche von Vertretern der Viermächte zur Lage gefragt. Baker, Mitterand, Jakowlew und Primakow gehörten dazu. Alle wollten wissen, gibt es jetzt Chaos und Bürgerkrieg in der DDR. Sind Konfrontationen in Europa und ein Ende der Ost-
West-Entspannung die Folge. Meine Antwort konnte nur sein: Am Tag des Mauersturms haben die DDR-Bürger ihren Freiheitswillen durchgesetzt und ihr Selbstbestimmungsrecht wahrgenommen. Nur freie Wahlen könnten Stabilität und eine neue Ordnung schaffen. Im Februar 1990 kam das Politbüro der KPdSU zu dem Beschluss, dass die Fortsetzung der Ost-West-Annäherung wichtiger sei als die gewaltsame Aufrechterhaltung der DDR.

Das Wunder der Einheit geschah. Ein kleines Wunder dabei war die Wiedergeburt Brandenburgs. Brandenburg war ein vergessenes Land. Thüringer und Sachsen hatten auch in der DDR ihre Identität bewahren können. Das Land zwischen Elbe und Oder aber war geschichtslos geworden. Das war Staatspolitik. Die Hauptursache dafür war, Brandenburg als Kernland Preußens zu treffen. Denn Preußen galt als Wegbereiter des Nazisystems und Wurzel konservativer Kräfte, die nun in der Bundesrepublik lebten. Wer von Brandenburg sprach, war als Preußenanhänger verdächtig. An Brandenburg zu erinnern, könnte dem Klassenfeind einen Einstieg in die Beseitigung der sozialistischen DDR erleichtern.

Als dieses Land 1990 wieder möglich wurde, galt es, seine Wurzeln und Traditionen wieder zu entdecken. Eine große Hilfe war dabei die Erinnerung an das alte Brandenburger Wappen, den roten Adler und das Wanderlied von Gustav Büchsenschütz „Steige hoch du roter Adler, hoch über Sumpf und Sand, über dunkle Kiefernwälder, heil dir mein Brandenburger Land.“

Das führte zu einer Intensiv-Erinnerung an die Geschichte und schuf Identitätsbewusstsein in Brandenburg. Brandenburg – Preußen war für mich auch verbunden mit der Geschichte der Wiederaufbauleistungen nach den gewaltigen Verwüstungen nach dem 30jährigen Krieg durch Überlebenswillen, Fleiß, Toleranz, Einbeziehung aller Gutwilligen und Anwerbung vieler Helfer aus anderen Ländern. Unsere Lage war vergleichbar.

Der Übergang von der Diktatur zur Demokratie und von der staatlichen Planwirtschaft zur freien Marktwirtschaft brachte große Herausforderungen. Es war ein totaler, sozialer und mentaler Umbruch, der die Menschen einem beispiellosen Veränderungsprozess aussetzte.

Die erste Regierung im neuen Brandenburg haben SPD, FDP und Bündnis 90 gebildet. CDU und PDS waren im Landtag die Opposition und doch haben wir bis 1994 15 Gesetze von allen Fraktionen gemeinsam eingebracht und beschlossen. Wir wollten in schwieriger Zeit die großen Probleme gemeinsam bewältigen. „Konsensdemokratie“ nannten es manche Beobachter abfällig. Mir war es aber wichtiger als eine Konfrontationsdemokratie mit parteipolitischer Rechthaberei und Vernachlässigkeit der Landesinteressen.

Am 14. Juni 1992 wurde eine von allen Parteien des Landtags gemeinsam erarbeitete Verfassung in einer Volksabstimmung mit 94 % bestätigt. Das ist eine Verfassung, die als einzige ostdeutsche Verfassung die Forderungen der friedlichen Revolution von 1989 und des Runden Tisches von 1990 aufnahm und in seiner Präambel zu Recht, Toleranz und Solidarität verpflichtet.

Später hat man unsere Bereitschaft, Kompromisse zu schließen, um möglichst Viele mitzunehmen, den „Brandenburger Weg“ genannt.Wir haben von Anfang an auf enge Zusammenarbeit mit Berlin gesetzt. Denn Berlin und Brandenburg sind ein Lebensraum, eine Gesamtregion und alle oft aufgebauschten Gegensätze müssen angesichts der Geschichte und der Zukunft relativiert werden. Die Untersuchungen von 70 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Zöpel-
Kommission „Brandenburg 2025 in der Mitte Europas“ haben herausgestellt: Berlin-Brandenburg ist eine globale Region mit einer einmaligen siedlungsräumlichen Standortqualität. Hoch verdichtete Metropole und dünn besiedelte Kulturlandschaft liegen hier unmittelbar nebeneinander – ohne den Übergang suburbanen Siedlungsbreis. Innerhalb des gemeinsamen Raumes dieser so unterschiedlichen Siedlungstypen kann eine Verknüpfung im Sinne globaler Knotenbildung erfolgen. Die wechselseitige Erreichbarkeit von Peripherie und Zentrum ist innerhalb von zwei Stunden möglich. Damit bilden Berlin und Brandenburg eine globale Region.

Sie besteht aus der Metropole, der kompakten Stadt mit globalen Kommunikationsfunktionen und der Kulturlandschaft, dem Städtepark mit ebenfalls Kommunikationsfunktion. Die weltweite Globalisierung der Wirtschaft stellt harte Anforderungen an die Wettbewerbsfähigkeit auf die wir als eine einheitliche Region antworten müssen.

Brandenburg als Flächenland und Berlin als eine hochverdichtete Metropole ergänzen sich zu einer Region mit vielfältigen Entwicklungspotenzialen. Deshalb ist der Gedanke richtig, dass beide Länder zusammen gehen sollten, um Kräfte zu bündeln.

Im Mai 1996 gab in Vorbereitung einer Fusion beider Länder ein Volksentscheid den Bürgerinnen und Bürgern die Möglichkeit, sich an dieser Entscheidung zu beteiligen. Das Ergebnis zeigte, dass der Gegensatz zwischen Berlin und Brandenburg stärker empfunden wurde als erwartet. Eine Mehrheit der Brandenburger sprach sich gegen das Zusammenlegen beider Länder aus.

Nicht vergessen werden sollte, dass 1995 im Jahr der zustimmenden Parlamentsbeschlüsse und der Vertragsunterzeichnung über die Zusammenführung der Länder Berlin und Brandenburg mehr als 60 % der Brandenburger dafür waren!

Die Verschiebung der Volksabstimmung um mehr als ein Jahr, die Wirtschaftsrezession im Winter 1995/96, die aufkommende Diskussion über die Schulden Berlins aber auch heftige Polemik aus Westberlin gegen das rote Brandenburg haben den Stimmungsumschwung in Brandenburg stark beeinflusst.

Nach dem Scheitern der Volksabstimmung über die Bildung eines Landes Berlin-
Brandenburg haben wir auf vertiefte verbindliche Kooperation gesetzt. Auf der Grundlage von über 20 Staatsverträgen wurden Behörden und Institutionen zusammengelegt oder neu geschaffen, beispielsweise Planungsabteilungen und Gerichte.

In der Präambel des Staatsvertrages vom 26. April 2004 heißt es unter anderem: Die Länder Berlin und Brandenburg gehören historisch zusammen und stehen nicht zuletzt in einer gemeinsamen Rechtstradition. Sie bilden für viele Menschen einen einheitlichen Lebensraum. Sie sind natürliche Partner für eine landesgrenzen-übergreifende Zusammenarbeit.

Mittlerweile hat sich die Bezeichnung Berlin-Brandenburg fest eingebürgert für Institutionen, die für beide Länder zuständig sind. Die wichtigsten fusionierten Körperschaften sind der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg und der Rundfunk Berlin-Brandenburg. Ein großes gemeinsames Projekt der beiden Länder ist der Flughafen Berlin- Brandenburg International. Er wird die bestehenden Flughäfen ersetzen, die nicht mehr den Anforderungen des modernen Luftverkehrs entsprechen und der Metropolenregion einen großen wirtschaftlichen Impuls verleihen.

Die Metropolenregion Berlin-Brandenburg ist unsere Zukunft. Diese Zukunft wird kein Spaziergang. Wir erleben eine starke Differenzierung, ja Polarisierung in der Gesellschaft bei wachsender Armut Vieler und wachsendem Reichtum Weniger. Das kann zu schweren Verwerfungen führen, wenn nicht stärker auf soziale Gerechtigkeit und den Zusammenhalt der Gesellschaft geachtet wird.

Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels kommt dabei der Sicherung der Daseinsvorsorge eine besondere Bedeutung zu. Die Frage, wie man fast 25 Jahre nach dem Mauerfall die Unterschiede in der Region zwischen den berlinnahen und den berlinfernen Räumen ausgleichen kann, welche Perspektive man den Räumen in der Peripherie geben kann, wird in Zukunft von größer Bedeutung sein. Denn mit zunehmender Entfernung von Berlin nehmen die Vorteile der globalen Funktion ab. Deshalb müssen auch subregionale Entwicklungen gestärkt werden.

Die in Berlin weithin gelungene Integration zehntausender Zuwanderer aus anderen Ländern und Kulturkreisen ist ein Vorteil für die ganze Region, fördert ihre Attraktivität durch Liberalität und Weltoffenheit.

Wir in Brandenburg müssen diese Entwicklung noch nachvollziehen. Uns fehlt die Erfahrung multikulturellen Zusammenlebens. Hinzu kam, dass die von Ulbricht eingeleitete Abgrenzungspolitik gegenüber der Bundesrepublik, die das Bewusstsein einer nationalen Zusammengehörigkeit in Deutschland ausmerzen sollte, das Gegenteil bewirkte.

Deutsch zu sein war tiefe Überzeugung und auch Hoffnung selbst bei nach dem Mauerbau Geborenen. Die neue Freiheit nach 1989 brachte Verunsicherungen, Ängste um Arbeitsplätze und die Sorge zweitklassig in Deutschland zu sein; vielleicht sogar drittklassig. Erst nach den vielen zugewanderten inzwischen erfahrenen Bundesbürgern ausländischer Wurzeln.

Heute können wir feststellen, dass viele Menschen weltoffener geworden sind und verstehen, dass gemeinsames Handeln mit Menschen anderer Herkunft, Hautfarbe und Kultur für jeden einzelnen und das ganze Land ein Gewinn ist. Das bleibt allerdings eine ständige Aufgabe, die auch viel Zivilcourage erfordert.

Eine große Herausforderung für die Länder Berlin und Brandenburg ist die Konsolidierung ihrer Finanzen. Brandenburg ist bemüht, in wenigen Jahren schuldenfrei zu sein. Berlin hat es weitaus schwerer. Auch weil die Metropole viele Leistungen für Brandenburg und weit darüber hinaus vorhält. Aber die Bereitschaft der finanzstarken Bundesländer und des Bundes zu Unterstützungen nimmt ab. Und der Tag ist nicht mehr fern, an dem massiver Druck zu Einsparungen und möglicherweise Länderfusionen aufgebaut wird. Es macht Sinn, die Kooperation zwischen Berlin und Brandenburg auszubauen und nicht erst von Bundesregelungen überrollt zu werden.

Berlin und Brandenburg sind eine Hauptstadt-Metropolen-Region. Politik sollte das gezielter fördern und Journalisten könnten das bei ihrer Arbeit stärker berücksichtigen.Es soll einzelne Brandenburger geben, die noch nie in Berlin waren. Es soll einige Berliner geben, die noch nie in Brandenburg waren. Das ist nicht gut, denn gemeinsame Zukunft beginnt beim Kennenlernen, Zuhören, Verstehen und tolerieren von Unterschieden.

Mit Berliner Kreativität und Internationalität sowie Brandenburger Weite und Beharrlichkeit können wir eine der stärksten Wachstumsregionen in Europa sein. Das darf nicht durch Brandenburger Sturheit und Berliner Hochmut verhindert werden. Doch diese Einsicht ist nicht weit verbreitet.

Die Herausforderungen der Tagespolitik an die Regierungen in Berlin und Brandenburg sowie die Alltagssorgen der Menschen geben wenig Raum für Planungen einer gemeinsamen Zukunft der Metropolenregion Brandenburg-Berlin. Schon gegebene Anstöße geraten in Vergessenheit.

Ich erinnere z. B. an das Leitbild Hauptstadtregion Berlin-Brandenburg vom Juni 2006 und den Vortrag des brandenburgischen Finanzministers vom Dezember 2006. Mutig wird gelegentlich ein neuer Vorstoß für die Vereinigung der Länder Brandenburg und Berlin gemacht. Dem wird entgegengehalten, dass die Stimmungslage in der Bevölkerung sowohl in Brandenburg als auch in Berlin gegenwärtig eine Fusion der Länder mehrheitlich ablehnt.

Immerhin gibt es ein ganzes Kooperationsgeflecht zwischen beiden Ländern, das in der Regel gut funktioniert. Aber offensichtlich auf Kompetenzzwänge und -grenzen stößt, wenn die Interessen der Länder unterschiedlich sind, ihre Pflicht sie zwingend an ihre eigene Verantwortung bindet.

Zum Beispiel in der Wirtschaftsförderung, in der Wissenschaftslandschaft, in der Arbeitsmarktpolitik, bei Haftanstalten und in der Landesentwicklung.

Ich glaube nicht, dass allein ein gemeinsam artikulierter Wille zu verstärkter Kooperation ausreicht. Vielleicht muss eine Gesetzes-, besser Verfassungspflicht zur Kooperation festgelegt werden, so dass eine gerichtliche Anfechtung von kooperationswidrigen Entscheidungen oder Unterlassungen möglich wird.

Ungeprüft ist noch die Möglichkeit, die Stadt Berlin als Hauptstadt der Bundesrepublik mit einer Sonderstellung bei ausreichender Bundesfinanzierung in das Land Brandenburg einzuordnen.

Es gibt Diskussionsbedarf!

Wie sagte Regine Hildebrandt „Wer abwartet hat schon verloren“.

Denn abwarten bedeutet, dass auf Zukunft Berlin formal Hauptstadt der Bundesrepublik aber tatsächlich als Provinzmetropole hinter München, Hamburg und Köln herhechelt und Brandenburg als stark differenziertes Flächenland sich über gute Entwicklungen im Speckgürtel freut und sich mit dem Rückgang des äußeren Entwicklungsraumes abfindet.

Wenn wir mehr für unsere Metropolenregion erreichen wollen, müssen wir uns sehr bald und sehr ernsthaft mit unseren Zukunftschancen und Zukunftsgefahren auseinandersetzen.

Ansprache am 2. Oktober 2013 anlässlich des Eintrages in das Goldene Buch der Landeshauptstadt Potsdam und zum Tag der Deutschen Einheit 2013

Danke!

Ich bin gerührt und verunsichert. Matthias Platzeck war wieder hervorragend und ich hoffe, dass er noch viele Jahre für Potsdam und Brandenburg wirkt. An welcher Stelle auch immer.

Diese Potsdamer Ehrung freut mich – und vielleicht habe ich sie verdient. Potsdam liebe ich sehr – wie wir Zugereisten das oft heftiger tun als die Hiergeborenen.
Ja – ich habe mich – oft unauffällig für diese Stadt eingesetzt.

In der Zeit der Teilung kamen Richard von Weizsäcker und ich zu der Überzeugung, dass der Turm der Sacrower Kirche im Niemandsland als Mahnmal erhalten bleiben muss. Er besorgte das Geld und ich die Genehmigung.

Das jährliche Adventssingen in dieser Kirche habe ich gern für Begegnungen von Ost- und West-Politikern genutzt. Zuletzt im Dezember 1989, als Hans Modrow und Richard von Weizsäcker sagten, die Wiedervereinigung kommt. Und die Akten stimmen, die beschreiben, dass ich bei der DDR-Spitze für die Städtepartnerschaft Potsdam – Bonn geworben habe. Denn die sahen darin eine Missachtung der Hauptstadt der DDR Berlin. Ich gestehe, dass ich Bonn klein und hässlich geredet habe.
Heute freue ich mich, dass diese Städtepartnerschaft unsere Einheit vorweg genommen hat und weiter aktiv ist.

Und während der friedlichen Revolution habe ich die Staatsmacht dringend gebeten, die Protestanführer Martin Kwaschik, Stefan Flade, Detlef Kaminski und Matthias Platzeck nicht zu verhaften.

Aber ich habe auch Niederlagen erlebt. So ist es mir nicht gelungen, Potsdam davon zu überzeugen, die Ufergrundstücke am Griebnitzsee zu kaufen oder die Chance mit mir als Bundesminister für Verkehr zu nutzen, einen dritten Havelübergang zu bauen. Peinlich ist mir eine dritte Potsdamer Niederlage, als ich der Stadt ein Kohlekraftwerk empfahl. Das hat Horst Gramlich zum Glück verhindert. In der Tat, mit Potsdam hatte ich zu tun und vielleicht kann ich auch künftig diskret nützlich sein.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,
Heute soll ich hier eine Festansprache zum Tag der Deutschen Einheit halten. Doch wir sind zu einem Festkonzert zusammengekommen. Und deshalb sollte die Rede kurz sein. Und ich will nur einige Bemerkungen zur deutschen Einheit und zu Potsdam machen.

Haben Sie schon einmal mit 20jährigen, 14jährigen, 9jährigen über die Wiedervereinigung gesprochen? Ich tue es gern und komme mir doch immer wie ein Märchenonkel vor. Die Umstände und Wirkungsfaktoren der Wiedervereinigung waren vielschichtig. Sie exakt und differenziert zu erklären, überfordert die meisten Zuhörer. Da ist die Beschreibung „Es war ein Wunder“ einfacher und nicht falsch. Aber auch ein Wunder braucht Wirkungsfaktoren und Potsdam ist daran beteiligt.

Unsere Militärhistoriker haben herausgefunden, dass das Kommando der Landstreitkräfte der DDR hier in Eiche festgelegt hatte, nicht gegen friedliche gewaltlose Proteste vorzugehen. Wichtige Sprecher des gewaltfreien Protestes kamen aus Potsdam. Als das Volk sein Selbstbestimmungsrecht wahrnahm und die Mauer stürmte, befürchteten die Vormächte USA und Sowjetunion einen Bürgerkrieg, der ihre Annäherungspolitik zunichte gemacht hätte. Hier im Untergeschoß dieser Kirche fragte uns der amerikanische Außenminister Baker um Rat. Wir konnten sagen, nur schnelle freie Wahlen helfen. Und den Sowjets sagten wir das auch.

Das Wunder der Einheit geschah im Rahmen der Annäherung der USA und der Sowjetunion mit dem unerwarteten Verzicht Gorbatschows der Sowjetunion auf ihre Vormachtstellung in Mitteleuropa. Es geschah während der Protestbewegungen in Mittelosteuropa und wurde durch die Besonnenheit der DDR-Militärführung sowie die Gewaltfreiheit der Proteste ermöglicht.

Es hätte auch ganz anders kommen können! Heute, am Geburtstag Mahatma Gandhis erinnere ich, dass er das Vorbild gewaltfreier Proteste war. Meine Angst vor einer
Wiederholung des Juni 1953 war begründet. Einige Spitzenfunktionäre der DDR-Führung wollten den Protest erdrücken und sahen in der Niederschlagung der Pekinger Proteste im Frühling 1989 die richtige Methode. Potsdamer SED-Funktionäre setzten im Oktober 1989 die Ablösung dieser Leute durch.

Anrede
Wir haben alle großes Glück gehabt und Potsdam ist seit dem vom Aschenputtel zur Prinzessin geworden. Potsdam ist die Gewinnerin der deutschen Einheit. Jetzt gleichgestellt mit Versailles. Potsdam wächst ungebremst und wird immer attraktiver und immer vielfältiger. Aber auch mit vielen profilierten Meinungen, die oft unnachgiebig auf ihren Positionen beharren. Und manchmal wächst aus Unkenntnis über die Gründe anderer Meinungen Unverständnis und Intoleranz.

Aus Stadtentwicklungsfragen werden Glaubensfragen, die auch von den unterschiedlichen Ost-West-Biografien geprägt sind. Dabei könnte hier in Potsdam geübt werden – offen, geduldig, verständnisvoll – ohne östliche Abwehrhaltung und westliche Belehrungen miteinander auf Augenhöhe zu reden. Dabei könnte die Einzigartigkeit und die Andersartigkeit der Lebenswege und Bedingungen im geteilten Deutschland verstanden und respektiert werden.

Es gab nicht den nur Goldenen Westen und nicht nur ein Groß-Gefängnis DDR. Das gelebte Leben der Einzelnen ist selten nur schwarz-weiß. Es lohnt darüber zu reden und einander zuzuhören. Friedrich Schorlemmer hat gesagt „Die Mauer ist wohl aus den Augen, aber nicht aus den Seelen. Wir brauchen ein großes Palaver über unsere unterschiedlichen Herkünfte, Geschichten, Prägungen, Träume, Verletzungen, Normen, Lebensweisen, Glücksvorstellungen“. In Potsdam kann das gelingen. Hier sind auf allen Seiten kluge, gesprächsfähige Menschen.

Und für die Gespräche gibt es konkrete Anlässe, etwa:

– für oder gegen das Hotel Mercure,
– für oder gegen das Versöhnungszentrum Garnison-Kirchturm,
– für oder gegen die Wiederherstellung des Stadtkanals.

Bei allem war ich dabei und gern würde ich mich an einem echten Dialog beteiligen, aber ungern an allwissenden Monologen, da ist mein Bedarf gedeckt. Potsdam wurde 1685 durch den Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm zum Vorort der Toleranz in Europa. Es wäre wunderbar, wenn wir diesem stolzen Erbe gerecht würden.

Anrede
Bitte erlauben Sie mir noch einige Hoffnungen und Wünsche an mein Potsdam zu nennen.
Bitte nicht vergessen, dass Potsdam Landeshauptstadt eines großen Flächenlandes mit sehr unterschiedlichen Entwicklungen ist. Potsdam wächst stark und ist die jüngste Großstadt Deutschlands. Aber in Zweidritteln des Landes schwächelt die Wirtschaft, wandert die Jugend ab.

Doch die meisten Brandenburger sind stolz auf ihre Hauptstadt. Potsdam ist die beste Visitenkarte Brandenburgs und selbst ein Parkeintritt würde das nicht ändern.
Potsdam ist Hoffnungsträgerin für das ganze Land Brandenburg. Aber alle sehen genau, was hier geschieht.

Erschrecken Sie unsere Brandenburger bitte nicht durch abgehobene und manchmal kleinkarierte Debatten. Der Erfolg Potsdams durch die deutsche Einheit ist auch Verpflichtung: Zum Beispiel Gartz und Ortrand, Meyenburg und Mühlberg, die 100 Städte und 3000 Dörfer des Landes nicht zu vergessen. Fahren Sie dort mal hin: Die freuen sich! Denn auch diese schönen alten Städte und Dörfer hat Potsdam als Landeshauptstadt durch die deutsche Einheit gewonnen.

Anrede
Die deutsche Einheit ist ein Glücksfall – aber auch eine ständige Aufgabe.

Gott segne unsere Stadt.

Ansprache im Berliner Dom am 3. Oktober 2013

„Gnade sei mit uns und Friede von dem, der da ist, der da war und der da kommt“.

Liebe Gemeinde,

Sie sprechen dieselbe Sprache, aber quer durch Ihr Land verläuft die Staatsgrenze. Jeder Teil hat eine eigene Regierung und eine eigene Hauptstadt.

Und Sie gehören unterschiedlichen Bündnissen an. Das zieht Sie hinein in die Konflikte der Großmächte. Kommt es zu einem Bruderkrieg?

Das Land ist zerrissen; die Menschen sind geschlagen mit der Spaltung ihres Volkes. Und schon beginnt der gemeinsame Glaube zu bröckeln.

Und einer sagt: Selber schuld! Wir selbst sind schuld an diesem Elend. Er heißt Hosea. Und meint das ehemalige Großreich Davids – Jetzt ist es geteilt in Israel im Norden und Juda im Süden.

Das war im 8. Jahrhundert vor Christus. Im Buch des Propheten Hosea steht das Wort für die Ansprache.

Dort heißt es im 6. Kapitel

„Kommt, wir wollen wieder zum Herrn; denn er hat uns zerrissen, er wird uns auch heilen; er hat uns geschlagen, er wird uns auch verbinden.“ (Hosea 6,1).

Liebe Gemeinde,

Heilung von Zerrissenem und Zerschlagenem. Das ist unser Thema – Heute, am 23. Jahrestag der Wiedervereinigung Deutschlands.

Und wir feiern die wiedererlangte Einheit an einem Ort, der dem Anlass besonders entspricht.

Und die Domgemeinde begeht 20 Jahre Wiedereinweihung ihres Gotteshauses.

Ich will erinnern als Beteiligter und als Zeitzeuge.

Lassen Sie mich ein Geständnis ablegen: Den Wiederaufbau des Berliner Doms als Predigtkirche hielt ich vor 40 Jahren nicht für vordringlich.

Doch dann haben mich zwei Erlebnisse umgestimmt: Eines Tages erschien bei mir ein frommer Mann aus dem Erzgebirge und sagte: Sie müssen den Dom wieder aufbauen und nutzen, denn er ist eine Fahne des Evangeliums in dieser gottlosen Stadt. Sagte es und verschwand und ich habe ihn nie wieder gesehen.

Das zweite Erlebnis geschah mit dem Bevollmächtigten des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland bei der Regierung der Bundesrepublik Bischof Herrmann Kunst. Er versprach, dass die Evangelische Kirche in der Bundesrepublik und die Bundesregierung den Wiederaufbau des Doms finanzieren könnten.

Ich hielt entgegen, dass angesichts vieler baufälliger Kirchen in der DDR ein exklusiver Wiederaufbau des Berliner Doms nicht verantwortbar wäre. Bischof Kunst sah das ein.

Liebe Gemeinde,

In den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts ragte die Domruine vor uns auf als ein bedrückender schwarzer Kollos. Ostberlin war im Begriff, vom Alexanderplatz bis zur historischen Mitte aus den Kriegsruinen wieder aufzuerstehen.

Der Dom stand im Wege. Ja die ganze Kirche stand im Wege.

Denn die herrschende Meinung der Staatsmacht war eindeutig. Es hieß, Kirche und Religion sind Relikte der Vergangenheit und zum Absterben verurteilt. Religion ist unwissenschaftlich und falsch, Opium für das Volk und zu dessen Unterdrückung von früheren Ausbeuterklassen genutzt. Die Kirche in der DDR sei ein Instrument, der noch im Westen herrschenden Kapitalisten und Großgrundbesitzer und demzufolge die 5. Kolonne des Klassenfeindes.

Kirche und Christen waren in doppelter Hinsicht Feinde: im Kampf der Weltanschauungen und im Klassenkampf. Deshalb sollte dem Untergang von Religion und Kirchen nachgeholfen werden: Ihr Einfluss auf die Jugend sollte  begrenzt werden. Kirchliche Aktivitäten im sozialen, im kulturellen Bereich sollten eingeschränkt werden. Kirchliche Jugendveranstaltungen wurden behindert, auch verboten. Christliche Kinder in den Schulen wurden benachteiligt. Menschen erlitten wegen ihrer Kirchenzugehörigkeit berufliche Nachteile. Kirchbau war nahezu unmöglich. Kontakte in die Bundesrepublik und nach Westberlin sollten verhindert werden.

Für die Evangelische Kirche in der DDR ging es um die Ermutigung der Gemeindeglieder und die Stärkung der Glaubensgewissheit angesichts der atheistischen Übermacht. Gottesdienst, Seelsorge, Unterweisung und diakonische Arbeit mussten gesichert werden. Bedrängten, verfolgten, verhafteten Menschen musste geholfen werden.

Da war der Wiederaufbau des Berliner Doms keine Vorrangaufgabe. Und die DDR-Führung wollte eigentlich den Dom beseitigen.  Sprengung wäre ihr das liebste gewesen. So wie der schöne Turm der Potsdamer Garnisonkirche beseitigt wurde. Aber Denkmalschützer wollten den Dom erhalten und fanden heraus, dass eine unterirdische Wasserader den Dom und den Fernsehturm verband. Diese Ader könnte bei einer Sprengung des Doms wie eine Zündschnur wirken und den Fernsehturm zu Fall bringen. Das aber wollte niemand riskieren.

Bliebe ein Abriss dieses wuchtigen zentralen Gebäudes, der allerdings Jahre gedauert hätte und den DDR-Bemühungen um eine internationale Anerkennung bei neutralen und westlichen Staaten sehr geschadet hätte.  Aber die Ruine konnte so nicht bleiben. Also wurden Nutzungsmöglichkeiten gesucht.

Der Einbau eines Schwimmbades war durch das abschreckende sowjetische Beispiel in Leningrad nicht ratsam.  Gegen eine große Bibliothek sprach die geplante Rekonstruktion der Universitäts- und Staatsbibliothek.  Für die Aufnahme der Theologischen Fakultät war der Dom zu groß. Da brachte das westdeutsche Angebot von Bischof Hermann Kunst und Diakoniepräsident Ludwig Geißel, den Dom für Westgeld wieder aufzubauen, eine Lösung. Verbunden mit der Verlockung der dringend nötigen D-Mark. Das Politbüro der SED freundete sich mit dem Gedanken an.

Die westdeutschen Unterhändler aber sagten auch, die Evangelische Kirche in der DDR müsse noch überzeugt werden. Wir stimmten dem Wiederaufbau dieses Doms unter der Bedingung zu, dass auch weitere Kirchbauten möglich würden. Damals war dieser Dom unser Faustpfand. Evangelische Kirche West und Bundesregierung hatten Millionen D-Mark für seinen Wiederaufbau zugesagt und wir konnten bei der DDR-Regierung ein Kirchbauprogramm durchsetzen.

Das waren am Ende über hundert rekonstruierte Kirchen, zwanzig neue Gemeindezentren, dreißig Tagungs- und Rüstzeitheime. Nur für unsere vielen tausend Dorfkirchen reichte die Kraft nicht. Für sie mussten sich die tapferen Ortsgemeinden weiter mühen.

Zum Glück oft mit Materialhilfen westdeutscher Patengemeinden.

Der Berliner Dom wurde zur Lokomotive des kirchlichen Wiederaufbaus in der DDR und trug zugleich zur Stärkung der Glaubensgewissheit bei. Er wurde eine große Ermutigung zum aufrechten Gang, der letztlich den Umbruch der Verhältnisse voranbrachte.

Liebe Gemeinde,

die Entscheidung zum Wiederaufbau des Doms hat der Wiedervereinigung Deutschlands um zwanzig Jahre vorgegriffen.  Denn Wiederaufbau und Wiedervereinigung waren Kinder desselben Geistes. „Glaube“ und „Bekenntnis“ hießen ihre Eltern: Der Glaube, dass die atheistische Ideologie der SED nicht das Ende aller Wege Gottes mit unserem Volk und mit seiner Kirche sein würde.

Und das Bekenntnis zu der besonderen Gemeinschaft der ganzen evangelischen Christenheit in Deutschland. Gegen den massiven Druck der DDR-Machthaber hatten wir das 1969 in der Ordnung unseres Kirchenbundes besiegelt.

Die besondere Gemeinschaft der evangelischen Christenheit gründet in dem gemeinsamen Glauben an Jesus Christus und in der verbindenden Tradition unserer Kirchen.

Das Festhalten daran hat eine wunderbare Segensgeschichte entfaltet. Die kräftige Hilfe der Geschwister aus dem Westen stärkte das Mauern überwindende Zeugnis Ost.

So linderte Gott die Zerrissenheit unseres Volkes und die erzwungene Trennung unserer Kirche. Zu danken ist der tapferen Domgemeinde. Sie überlebte 40 Jahre in den Katakomben des zerstörten Doms.

Doch mit seinem Wiederaufbau und der Wiedervereinigung wächst und strahlt sie aus. Zwei Gottesdienste an jedem Sonntag, Mittagsandachten und Orgelvespern und dazu der wunderbare Domchor, in dem leider die Glockenstimme von Regine Hildebrand fehlt.

Eine beeindruckende Zahl internationaler Besucher, weit über hundert Konzerte allein in diem Jahr;

Die Johannispassion modern inszeniert, die Jedermann-Aufführungen, die spontan organisierte Fluthilfe für Sachsen-Anhalt. Ja, der Dom wird angenommen, seine Gemeinde lebt, ihr Dienst ist gefragt, ihr Zeugnis gehört. Die Botschaft der Heiligen Schrift, die an dieser Stätte gepredigt und geglaubt, gesungen und gebetet wurde und wird, gilt der Stadt und dem gesamten Land.

Gott bleibt Zuflucht und Orientierung in der Geschichte unseres Volkes und in den Geschichten unseres persönlichen Lebens. Zu Ihm sollen wir heimkehren, wenn wir in Schuld und Leid verloren sind.

Hosea lädt ein: Kommt, wir wollen wieder zum Herrn, denn er hat uns zerrissen, er wird uns auch heilen. Er hat uns geschlagen, er wird uns auch verbinden.

Selbst da, wo einst Stacheldraht unsere Stadt zerriss und eine Mauer diese Gemeinde blockierte – da schenkte Gott einen Neuanfang, eine neue Gemeinschaft von Christen aus Ost und West.

So wie einst die Ruine des Berliner Doms mahnte an die deutsche Schuld, an Krieg, Leid und Teilung,

so ist der Dom heute ein Zeuge des heilenden Segens, der aus dem Zusammenwachsen unseres Volkes erwächst. Ein Zeichen für die gelungene deutsche Einheit.

Liebe Gemeinde,

die Freude über den wiedergeborenen Dom und die wieder gewonnene Einheit darf uns nicht blind machen vor heutigen Herausforderungen. Reinhard Höppner hat hier vor einem Jahr gefragt, was aus unseren Hoffnungen auf Frieden und Gerechtigkeit geworden ist. Der Frieden ist gefährdeter geworden, die Verhältnisse im Nahen Osten bringen uns an den Rand eines Weltkrieges. In vielen Teilen der Welt wird die Menschenwürde verletzt. Fast eine Milliarde Menschen hungert. Mehr als eine Milliarde Menschen hat keinen Zugang zu sauberem Wasser und viele Hundertmillionen Kinder haben keine Chance auf Schulbildung.

In Deutschland haben wir eine starke soziale Differenzierung, ja Polarisierung der Gesellschaft bei wachsender Armut vieler und wachsendem Reichtum weniger. Das kann zu schweren Verwerfungen führen, wenn nicht stärker auf soziale Gerechtigkeit und den Zusammenhalt der Gesellschaft geachtet wird sowie extremistische Positionen von rechts und links verhindert werden.

Menschenwürde, Freiheit und Verantwortung für soziale Gerechtigkeit gehören zusammen und es gilt Bildungsarbeit und Wertevermittlung zu verstärken sowie Teilnahme der Menschen in allen gesellschaftlichen Bereichen und vornehmlich im Arbeitsleben zu ermöglichen.

Christen und Kirchen sind besonders gefordert. Sie haben vor zwei Jahrzehnten nicht abgewartet sondern gehandelt. Auch heute darf nicht abgewartet werden, sondern ist unser Handeln gefordert. Die Freude an diesem Tag und die Verantwortung für das Ganze gehören zusammen.

Lassen wir uns ermutigen durch die Losung dieses Tages, in der Amos sagt:

Es ströme das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.

Amen

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus,

Amen.

Gedenkfeier für Lothar Bisky – 14. 9. 2013 Volksbühne Berlin

Liebe Trauergäste,
liebe Familie Bisky,
liebe Almuth Bisky,

wie muss es Sie getroffen haben. Tief bewegt habe ich in den letzten Wochen an Sie gedacht und gehofft, dass Sie diesen Schock überstehen können und die Dankbarkeit für das Leben mit Lothar Bisky Ihnen Trost und Halt geben möge.

Lothar Bisky hat sich in seinem großen Auftritt 2012 im Brandenburger Landtag in bewegenden Worten zu Ihnen bekannt und mit dem Satz geschlossen „denn die Liebe ist ja allmächtig“.

Seinen Tod empfinde auch ich als schmerzlichen Verlust: Sein lauterer Charakter, seine uneitle Autorität, seine große Geduld im Zuhören und Vermitteln, seine undogmatische Suche nach menschenfreundlichen Lösungen und sein tiefsinniger Humor, seine Warmherzigkeit haben mich sehr beeindruckt. Meine Begegnungen mit Lothar Bisky haben mein Vertrauen in den Wert verlässlicher zwischenmenschlicher Beziehungen gefestigt.

In einer dramatischen Umbruchzeit, als Egoismus und Rechthaberei, auch Lug und Trug zu dominieren drohten, da war für mich der Umgang mit Lothar Bisky eine große Ermutigung. Lothar Bisky war ein Glücksfall für das wiedergeborene Land Brandenburg. In die Aufgeregtheiten der Nachwendezeit brachte er Ruhe und Sachlichkeit ein. Lothar Bisky wusste um die gewaltigen Belastungen, die der politische, wirtschaftliche und mentale Systemwechsel den Menschen brachte. Er sah die Gefahren der Massenarbeitslosigkeit und der sozialen Entwurzelung sowie die Notwendigkeit, den Menschen mit einem handlungsfähigen Land Brandenburg Halt und Mut zu geben. Darin stimmten Lothar Bisky, Regine Hildebrandt und ich überein. Es musste viel getan werden, damit die Ostdeutschen nicht zu Verlierern der Einheit werden, zu verhindern, dass ganze Bevölkerungsschichten im Abseits landen!

Lothar Bisky hat entscheidend mitgeholfen, dass der Weg in das neue Brandenburg im wiedervereinten Deutschland allen Gutwilligen offen stand.Nicht Rache, sondern Recht waren angesagt – wie unser damaliger Justizminister Hans Otto Bräutigam stets betonte.

Unter Führung von Lothar Bisky hat die PDS im Brandenburger Landtag mitgetragen, was für den Aufbau des Landes dringend nötig war: viele wichtige Gesetze und auch die Verfassung des Landes wurden von allen Parteien im Landtag gemeinsam beschlossen – auch von der ebenfalls oppositionellen CDU-Fraktion unter Führung von Peter-Michael Diestel.Das Wohl des Landes und seiner Menschen waren in der 1. Legislaturperiode des Brandenburger Landtages wichtiger als parteipolitische Positionen. Lothar Bisky beschrieb es 2012 so: „bestimmend war, dass man eine Lösung suchte. Ein Ergebnis musste her, und erst dann interessierte es, in welcher Partei der andere ist.“

Bei Nöten und großen Herausforderungen müssen alle Demokraten zusammenstehen. So haben wir damals unseren Auftrag verstanden. Heute gilt das für die Auseinandersetzung mit Neonazis. Unser Brandenburger Bemühungen um ein gesamtgesellschaftliches Bündnis gegen Rassismus, Intoleranz und Gewalt und der gemeinsame Abschluss des NSU-Untersuchungsausschusses im Bundestag lassen mich hoffen.

Brandenburger Weg wurde unsere Zusammenarbeit abfällig von Außenstehenden genannt.Denn in der Bundesrepublik Deutschland gelten Streit und Konflikt, aber nicht Konsensversuche als Merkmale der Demokratie.

Mit Lothar Biskys ergebnisorientierter Oppositionspolitik konnte in Brandenburg mit den DDR-Erfahrungen differenziert umgegangen werden. Der Brandenburger Weg war kein Sonderweg, sondern das Bemühen, den Transformationsprozess sach- und menschengerecht zu gestalten. Mit menschlichem Maß sollte auch mit der DDR-Vergangenheit umgegangen werden. Das ist in Brandenburg weithin gelungen, obwohl auf der Bundesebene die Neigung zur Totalverteufelung der DDR vorherrschte.Gesprächskontakte mit der Staatssicherheit wurden skandalisiert, auch wenn sie beruflich nötig waren und jeder wissen konnte, nach welchen Gesichtspunkten die Akten des MfS
geführt wurden.

Lothar Bisky hat in diesem Zusammenhang böse Demütigungen erlebt bis hin zu der Verhinderung seiner Wahl zum Vizepräsidenten des Bundestages – gegen alle vereinbarten Regeln.

„Die Abrechnung mit der DDR hat totalitäre Züge angenommen“, sagte Friedrich Schorlemmer. Mindestens aber war, und ist immer noch ein Kulturkampf, eine Gesinnungsverfolgung unter Missachtung rechtsstaatlicher Grundsätze zu spüren .Immer wieder hat Lothar Bisky gefordert, dass das DDR-Bild nicht von Parteitaktik sondern von unvoreingenommenen Historikern und Fachleuten beschrieben werden sollte. Das würde helfen, die innere Einheit Deutschlands zu fördern!

Lothar Bisky hat für Wahrheit, Verständnis und Versöhnung gekämpft. Mit „stoischer Fairness“ – wie Matthias Platzeck es nennt. Er hat unverdrossen Brücken gebaut und nicht selten zwischen den Ufern gestanden.

Ich danke Lothar Bisky, dem Mitgründer des neuen Brandenburg!Ich danke allen, die den Menschenfreund Bisky unterstützen.Lothar Bisky bleibt ein Vorbild für eine integrierende politische Kultur!