Die Vergötzung des Geldes ist erschreckend

· 24. September 2012   - 

Veröffentlicht am am 19. September 2012 in Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung

Herr Stolpe, sind Sie ein Mensch, der sich eher mit der Zukunft oder eher mit der Vergangenheit beschäftigt?
Beides. Ich finde es einerseits wichtig, unser Herkommen über die Jahrzehnte und Jahrhunderte zu kennen. Weswegen ich mich zum Beispiel für den Erhalt von Baudenkmalen einsetze. Und das andere ist, dass ich mir Gedanken darüber mache, wie es weiter geht. Wie können wir erreichen, dass die Gesellschaft nicht auseinanderdriftet? Wie können wir verhindern, dass sich Radikalisierungen verstärken? Denn eine Gesellschaft kann durch Extremisten umgedreht werden, so dass man nicht mehr miteinander lebt, sondern Angst und Intoleranz herrschen.

Fürchten Sie eine Entwicklung dorthin?
Ja, wegen der dramatisch auseinandergehenden Kluft zwischen Arm und Reich. Auf der einen Seite sind die, die Erfolg haben, über Geld und eine sichere Stelle verfügen und auf der anderen Seite sind die Hoffnungslosen, deren Zahl stetig zunimmt. Dass es so ist, liegt an den Mechanismen der Wettbewerbsgesellschaft.

Christian Führer, der ehemalige Pfarrer der Leipziger Nikolaikirche, hat vor Kurzem Christen dazu aufgerufen, sich für die Abschaffung des kapitalistischen Wirtschaftssystems einzusetzen, weil es Menschen und Natur zerstöre. Stattdessen fordert er eine Wirtschaftsform des Teilens. Können Sie ihn verstehen?
Der westdeutsche Kapitalismus in Form von sozialer Marktwirtschaft war eigentlich ein richtiger Weg. Aber er ist in der Abgrenzung zum Kommunismus des Ostens entstanden. Denjenigen, die in der BRD die politische und die ökonomische Macht hatten, war klar, dass sie eine Gesellschaft schaffen müssen, in der es eine Art Grundzufriedenheit gibt. In der alle das Gefühl haben, eine Chance zu haben, mitgenommen zu werden. Gewerkschaftler sagen, in den letzten 20 Jahren, seit das „Gespenst des Kommunismus“ verschwunden ist, sei es schwerer geworden, sich für die Rechte der Arbeitnehmer einzusetzen. Ich stimme ihnen zu. Denn die soziale Marktwirtschaft, die die BRD stabilisiert und zusammengehalten hat, gerät in Gefahr. Doch auch die Abschaffung des Kapitalismus, die Rückkehr zu einem System der Kollektivität, in dem Profit verhindert wird, hat keine Zukunft, weil das Streben nach Erfolg tief im Einzelnen sitzt.

Aber gehört Solidarität nicht zu einem guten Leben dazu? Warum fällt uns Teilen so schwer?
Die Gesellschaft, wie sie jetzt funktioniert, verführt zu Profitstreben und Egoismus. Die Vergötzung des Geldes ist eine erschreckende Entwicklung. Wir, die wir eine Ostbiografie haben, mussten ja erst lernen, wie wichtig Geld ist. Aber es gibt auch immer eine Chance, Menschen dahin zu bringen, nicht nur an sich selbst zu denken. Für mich gehört dazu, dass man sich um sein Erbe kümmert. In den Dörfern zum Beispiel um den Mittelpunkt des Ortes: die Kirche.

Warum kann das gegen Egoismus helfen?
Es ist ein Einstieg in Mitverantwortung. Dieses Gebäude erzählt die Geschichte des Ortes. Sein Zustand ist aber auch eine Art Visitenkarte für das ganze Dorf. Wenn man sich entschließt, sich um den Erhalt zu bemühen, dann entsteht Gemeinschaft im Ort. Man erlebt mit einem Mal, dass sich gemeinsam mit anderen Sinnvolles bewirken lässt. In Brandenburg gibt es inzwischen rund 300 Fördervereine. Hier finden in der Regel drei Gruppen zusammen: die Ortsgemeinde, ohne die es nicht geht; die übrigen Dorfbewohner, die auch kirchenfern sein können; und Berliner, die zu Besuch kommen und sagen, wir müssen das Gebäude erhalten. Was diese Fördervereine in den letzten 20 Jahren bewegt haben, ist ein Wunder. Die Zahl der einsturzgefährdeten Kirchen in Brandenburg liegt inzwischen deutlich unter 100.

Sich um sein Erbe zu kümmern ist also wichtig für die Gemeinschaft im Ort?
Das hat etwas mit Heimat zu tun. Heimatgefühl kann den Menschen Halt geben. Es kann Solidarität und Verbundenheit fördern.

Heimat klingt ja so ein bisschen unmodern, so schwer, nach „an der Scholle kleben“. In unserer Zeit wird vor allem anerkannt, wer mobil und flexibel ist.
Vielleicht ist Heimat gerade deshalb wichtig. Der Weltbürger, der über das Internet nach überallhin seine Kontakte hat, ist vielleicht trotzdem in Gefahr zu vereinzeln. Er hat ja kein unmittelbares Gegenüber mehr.

Es gibt eine Studie der Universität Chicago, die besagt, dass Ostdeutschland die atheistischste Ecke der Welt ist. 51,2 Prozent der Befragten gaben an, dass sie nicht an Gott glauben. Stoßen Sie auf diesen Atheismus, wenn Sie im Land unterwegs sind?
Wir haben ein Defizit hier durch die 40 Jahre, in denen gegen die Kirche eingewirkt wurde. Das begann mit dem Kampf gegen die Konfirmation und der Einführung der Jugendweihe, den organisierten Massenaustritten in den 50er Jahren. Damals kamen die Notare, die die Austritte beglaubigen mussten, in die Betriebe und Hochschulen. Und diejenigen, die keine richtige Bindung zur Kirche hatten, standen vor der Wahl, ob sie es verweigern sollten und damit ihrer Karriere schadeten, oder ob sie einfach unterschrieben. Die Nachwirkungen spüren wir noch heute.

Denken Sie, dass die Institution Kirche in Brandenburg noch eine Chance hat?
Ganz sicher. Ich würde mich durch solche Umfragen gar nicht irritieren lassen. Neulich war ich zu einem Fest-Jubiläum in einer kleinen Stadt in der Uckermark. Die Selbstverständlichkeit, mit der der dortige Pfarrer die Möglichkeit hatte mitzuwirken, aufzutreten, zu reden, fand ich fantastisch. Vor allem, wenn man es mit der Situation von vor 25 Jahren vergleicht. Da wurde bei so einem Anlass der Pfarrer höchstens als Dekoration hingestellt, mit der Auflage, ein paar wohlmeinende Sätze zum Frieden zu sagen. Ich bewundere unsere Theologen in der Fläche, die in einem kirchenunerfahrenen Umfeld – denn atheistisch ist nicht das richtige Wort – die Menschen ansprechen. Sie haben gelernt, die Probleme der Region zu thematisieren und weisen zugleich darauf hin, wie man sein Leben im Glauben orientieren kann. Das tun sie unaufdringlich, aber auch unüberhörbar. Sie mischen mit in der Gesellschaft, sind an den sozialen Brennpunkten.

Und das ist eine erfolgreichere Missionierung, als wenn man Bibeln verteilen würde?
Die Bibeln muss man auch irgendwo parat haben, aber ich glaube, das ist erst der zweite Schritt. Wir können darauf setzen, dass die Zahl derjenigen, die ausgesprochen kirchenfeindlich sind, relativ klein ist. Da sind vielleicht ein paar Übriggebliebene aus früheren Zeiten. Aber die meisten sind gesprächsbereit – sie sind allerdings nur schwer ansprechbar, wenn man ihnen mit einer Holzhammer-Mission kommt. Die Menschen müssen erst verstehen, dass die Kirche ein Partner ist, der in Freud und Leid zur Seite steht.

Gebäude können Heimat sein, aber auch Worte. Gibt es einen Text in der Bibel, der Sie in Ihrem Leben begleitet und Kraft gibt in Zeiten, in denen Sie Kraft brauchen?
Ich hatte das große Glück, dass meine Mutter sehr fromm gewesen ist und mir ihren Glauben vorlebte, ohne zu indoktrinieren. Sie hat im Alter sehr an den Psalmen gehangen und mir geht es genauso. Zu meiner täglichen Meditation gehört immer das Lesen eines Psalms. Wenn ich so überlege, wie ich manche Stürme und Anfechtungen und auch gesundheitliche Sorgen doch ganz gut durchgestanden habe, dann hatte das viel damit zu tun, dass dieses geistliche Fundament da war, dass ich mich nie ganz allein fühlte, sondern immer eine Grundgeborgenheit hatte. In der kirchlichen Sprache, die ich möglichst vermeide, weil ich möchte, dass mich auch die anderen verstehen, würde ich sagen: Ich fühle mich in Gottes Hand.

Und das Gefühl haben Sie auch in schweren Zeiten? Oder dachten Sie manchmal, jetzt ist Gott aber ganz weit weg?
Ich habe Gottes Hand nie so verstanden, dass man nur fröhlich ist und es gut hat. Und er die Hand weggenommen hat, wenn es mal etwas schwieriger wird. Ich habe eher die Erfahrung gemacht, dass man immer wieder auf den Teppich zurückgeholt wird, wenn man vielleicht gerade übermütig werden will. Es gab dann eine Ernüchterung, eine Herausforderung, ein Rückschlag. Ich habe das als eine Mahnung verstanden, zu akzeptieren, dass beides, Auf und Ab, zum Leben gehört. Für mich ist Gott kein Gutwettergott.