Ein brüderlicher Kirchendiplomat

· 18. Mai 2011   - 

Manfred Stolpe verhandelt gut und steuerte gewagte Kompromiss an. Am 16. Mai wird er 75 Jahre alt
Veröffentlicht am am 15. Mai 2011 in Die Kirche – Evangelische Wochenzeitung

Von Hans-Otto Furian

Eine erste, indirekte Begegnung mit dem Konsistorialrat Manfred Stolpe hatte ich im Herbst 1967. Dabei war er schon seit 1959 im Konsistorium tätig, zudem 1963 teilweise zu einem Dienst für die Ostkirchenkonferenz beurlaubt worden. Daraus erwuchs dann ab 1969 seine Tätigkeit als Leiter des Sekretariats des neu entstandenen Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR. Längst hatte er einen eigenen Arbeitsstil entwickelt.

So schien es etwas irreführend, als ich 1967 auf meine Frage an einen ihm lange bekannten Mitarbeiter, wer Herr Stolpe sei, die Antwort bekam: Er sei auf Empfehlung des pommerschen Bischofs Krummacher als Referent für Generalsuperintendent Günter Jacob gekommen. Er solle hier konsistoriale Abläufe kennenlernen, lese aber faktisch in seinem Büro intensiv das „Neue Deutschland“, also die SED-Zeitung. Die eigentliche Arbeit überlasse er den Sachbearbeitern. Er scheine überhaupt die Gabe zu haben, andere für sich arbeiten zu lassen. Auf meine Rückfrage, wie er zu dieser Meinung käme, erwiderte mein Gesprächspartner, Stolpe mache sich mit den gesellschaftlichen Zusammenhängen und ihren Auswirkungen auf die Kirche vertraut. Meine Reaktion war: Aus dem Mann wird etwas werden. Zwei Jahre später war er Leiter des Sekretariats des Bundes.

Die Weichen waren also früh gestellt: Ein brüderlicher Kirchendiplomat, der für nahezu 13 Jahre an der Spitze der zentralen Behörde des Kirchenbundes arbeitete. Das verlangte besonderes Fingerspitzengefühl, Menschenkenntnis und Instinktsicherheit im Blick auf mögliche Entwicklungen.

Stolpe hat durch seine Gesprächsdiplomatie Kirchengemeinden von manchem ideologischen Druck befreit und ihre Freiräume vergrößert. Manche Entspannung vor Ort, manches staatliche Zugeständnis, man denke an die Ergebnisse des Gespräches vom 6. März 1978, wurde von ihm vorbereitet, auch wenn in den Konflikten in der Schul- und Bildungspolitik kein staatliches Zugeständnis erreicht wurde. Freilich ist schon damals auch in unserer Kirche die Frage gestellt worden, ob die Kehrseite solcher Gespräche nicht eine Verharmlosung der konkreten Situation von Christen in den Gemeinden sei und Partei- und Staatsführung sich dadurch auf internationaler Ebene als tolerant darstellen konnten.

Stolpes Bemühen war es, sich in die Interessen seines Gegenübers hineinzudenken und Kompromisse anzusteuern. Ob er gelegentlich auch dann noch nach Kompromissmöglichkeiten gesucht hat, wo es diese nicht mehr gab? Diese Versuchung stand wohl immer im Raum, wenn die staatliche Seite die Machtfrage zu deutlich gestellt sah.

Seine Bemühungen galten der Entschärfung von Konflikten. Als Kirchendiplomat erkannte er häufig die Zeichen der Zeit. Daher war es nicht zufällig, dass er zum 1. Januar 1982 vom Kirchenbund in den Dienst der Kirche in Berlin-Brandenburg zurückkehrte, nun als Konsistorialpräsident, aber meist von den Mitarbeitern und auf allen kirchlichen Ebenen als Bruder Stolpe angesprochen. Stolpe öffnete sich den Anliegen der von außen in die Gemeinden kommenden gesellschaftskritischen Gruppen, übte aber in den Augen der überwiegend jungen Menschen eine gewisse Beschwichtigungspolitik aus. Er wollte ein staatliches Verbot für diese Gruppen verhindern. Seine Taktik war es, den Gruppen zwei Schritte nach vorn in die Öffentlichkeit zu ermöglichen, nötigenfalls dann aber einen Schritt zurück zum Schutz der Gruppen zu gehen.

Er besaß Verhandlungsgeschick.

In den 80er Jahren war das Konsistorium mehr Beratungsstelle im Geist der Glaubens- und Dienstgemeinschaft als Kirchenbehörde. Daran hatte Bruder Stolpe entscheidenden Anteil. War er im Dienstgebäude, nahm er regelmäßig an den Morgenandachten teil.

In den letzten Jahren der DDR wurde sein diplomatisches Geschick immer wieder herausgefordert. Hunderte von Ausreisewilligen, die die DDR unbedingt verlassen wollten, wandten sich an die Kirche. Die Durchsuchung der Umweltbibliothek im November 1987 und das Vorgehen gegen systemkritische Teilnehmer an der Liebknecht-Luxemburg-Demonstration im Januar 1988 machten deutlich, Partei und Staat wollten den gesellschaftlichen Erneuerungsbemühungen mit den alten Machtmitteln der Verhaftungen und sogenannten Zuführungen Herr werden. Stolpes Verhandlungsgeschick war es mit zu verdanken, dass die Inhaftierten frei gelassen wurden. Erinnert sei auch an seine Bemühungen, der „Kirche von unten“ Räume zu verschaffen.

Sind die Verdienste des Kirchendiplomaten dann aber nicht doch durch die auf der Suche nach Auswegen aus den staatlichen Zwängen auch zum Ministerium für Staatssicherheit (MfS) geknüpften Kontakte zu teuer erkauft? Während der gemeinsamen Dienstzeit im Konsistorium habe ich bei Besuchern, denen man die Herkunft ansah, Bruder Stolpe gefragt: Sind das nicht Leute vom MfS? Er bejahte das. Rückfragen habe ich nicht gestellt. Ich habe darauf vertraut, dass Bruder Stolpe mit ihnen im kirchlichen Interesse und für die vom MfS bedrohten Menschen verhandelt.

In Gesprächen unter vier Augen habe ich Stolpe als offenen humorvollen Menschen schätzen gelernt. Die gemeinsame Arbeit und die bleibende Verbundenheit mit ihm gehören zu den bereichernden Erfahrungen in meinem Leben. Ich wünsche Bruder Stolpe für seine Zukunft, „dass das Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade“ (Hebräer 13,9).Hans-Otto Furian war 1988 bis 1996 Propst der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg.

Hans-Otto Furian war 1988 bis 1996 Propst der Evangelischen Kirche in Berlin Brandenburg

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