Einen Lebenstraum erfüllen

· 9. August 2010   - 

Nach Hause kommen, das heißt „Durchatmen, Abschalten, sich um die Familie kümmern; nur in äußerst selten Fällen Mengen von Arbeit mitschleppen“; da sei ihm auch diese Pendelzeit zugute gekommen, sagt Manfred Stolpe. Die Anfahrzeit von Potsdam ins Bundesbauministerium nach Berlin und die Rückfahrt hat er regelmäßig „massiv genutzt“, um zu arbeiten. Abends konnte man „den Tag gut zu Ende bringen“. Und morgens hatte es den Vorteil, dass man sich gut vorbereiten konnte.
Pendeln „dann auf der kurzen Strecke. Vorher in der Mauerzeit musste man immer außen herum. Als die Mauer weg war, konnte man wieder direkt durch Berlin fahren.“ Er ist frühzeitig los, war immer einer der ersten und als Minister, der schon kurz nach acht auftauchte, „der Schrecken der Mitarbeiter“, so seine halb scherzhafte Interpretation.
Das politische Thema Maut musste damals durchgestanden werden, „auf Biegen und Brechen“. Aber „streng genommen“, im Rückblick auf diese gut Tausend Tage als Bundesbau- und Verkehrsminister, lagen ihm Stadtentwicklung und Wohnen „mehr am Herzen“. Durch Bauen und Rückbauen langfristig lebenswerte Städte zu schaffen, die Integrationskraft entfalten; Städte, in denen Menschen sich wohlfühlen und sich dann auch einbinden in die Gesellschaft, das war ihm „unwahrscheinlich wichtig“.

Städte, die kleiner werden – wie hält man die lebensfähig und lebenswert? Wie kümmert man sich um attraktive Wohnungsmöglichkeiten für die Leute? – „Wir haben uns schon früh darauf eingestellt und nach den Perspektiven solcher Städte wie Schwedt, Eisenhüttenstadt und Cottbus gefragt.“ Bereits im Brandenburg der 90er-Jahre, zu der Zeit war er Regierungschef des Landes. „Wenn auch die industriellen Kerne erhalten werden konnten, man brauchte ja viel weniger Leute.“ Es waren viel zu viel Wohnungen da.
Abwanderung. Kein schönes Thema für die Kommunalpolitik. „Jeder Kommunalpolitiker ist beleidigt“, wenn er hören muss: Ihr habt zwar jetzt 100.000 Einwohner, könnt aber von Glück sagen, wenn es in 20 Jahren noch 70.000 sind. Das ist erst einmal eine Zumutung; trotzdem war es „durchsetzbar, dass man dann vernünftig Stadtplanung, Stadtentwicklungsplanung machen“ konnte.

Er ist mit „großer Gelassenheit“ an das Thema Abwanderung gegangen, weil er in Brandenburg „zu DDR-Zeiten miterlebt hat, wie kleine Städte durch die Industrialisierung in ganz wenigen Jahren aufwuchsen“. So eine Stadt wie Schwedt kam mit einem Mal von 7.000 auf 52.000 Einwohner. Und Eisenhüttenstadt, „das gab es ja früher gar nicht, es gab nur den Stadtteil Fürstenberg – ein kleines Nest von vielleicht 2.000 Einwohnern“; daraus wurden auch weit über 50.000. Es waren „die Industrie, die Arbeitsplätze und die Wohnungen“, weswegen die Menschen seinerzeit aus Thüringen, Sachsen und Mecklenburg dorthin abgewandert waren. Nun zogen sie weiter, als die Arbeit weg war, „vernünftigerweise, muss man sagen“. Meist in Richtung Westen, „was schade war. Aber es half ja nichts“. Dass die Menschen mit dem Verlust von Arbeitsplätzen Ausschau gehalten haben – wo ist unsere Zukunft? – das musste man „dann einfach akzeptieren“.

Seine „große Angst“ und geradezu ein „Schreckgespenst“ für ihn war, dass durch die nicht zu verhindernde Abwanderung Leerstände entstehen, vielleicht nur noch „ein oder zwei unverzagte Familien wohnen bleiben“ und ganze Aufgänge verwahrlosen, weil andere sich da ungebeten niederlassen.

Er war froh darüber, dass er aus diesen „unmittelbaren Brandenburger Erfahrungen“ heraus Partner auf der Bundesebene finden konnte, die „mitdachten und auch mithalfen“. Denn eins war völlig klar: Der Rückbau solcher Städte war weder von den Kommunen noch von den Ländern zu bewältigen; „so haben wir mit der Schröder-Regierung und noch mit dem damaligen Bauminister Franz Müntefering ein Programm zur Reduzierung dieser großen Stadtanlagen entwickelt“.
Dann haben wir „richtig geplant“, mit den Städten, mit den Wohnungsgesellschaften: einen Rückbau von außen nach innen, die Stadtteile weg, Stück für Stück. „Hervorragend“, wie die Einwohner von Städten wie Schwedt das mitgetragen haben, nur wissen wollten: Was habt ihr vor? Wie macht ihr das? In welchen Schritten? – „Das Schlimmste für sie war Geheimnistuerei, Ungewissheit.“ – Und dann haben sie selber Ideen entwickelt, „wie man so einen Stadtteil menschenfreundlich machen kann“. – Gleich 1990, da gab es ja auch mal die Idee, wir müssen alle Platten abreißen und dann ganz neue Häuser bauen, „da war natürlich die Baulobby dahinter“. Dagegen hat er sich immer gewehrt, „aus der Platte kann man was machen, und zwar auch innen“, wie später unter anderem in Cottbus geschehen mit Plattenbauwohnungen, die zum Teil über zwei Etagen als Maisonettewohnungen ausgebaut wurden.

Die Bundeshauptstadt hatte zunächst darauf gesetzt, dass „die Einwohnerzahl explodieren würde“, auf fünf Millionen und mehr, und deshalb „relativ spät mit dem Rückbau angefangen“. Städte wie Magdeburg und Halle vor allem waren der Meinung, es wird alles etwas schwieriger.

Als Bundesminister hat er dann auch Städte wie Gelsenkirchen und Duisburg kennengelernt „mit genau denselben Problemen, teils sogar noch krasser“. Die Herausforderungen dort heißen Strukturwandel, Migration und Integration. „Wir brauchten also auch ein Stadtumbauprogramm West.“

Wie entwickelt sich der Bedarf, der in Ostdeutschland insbesondere ein Nachholbedarf an Wohneigentum war und noch immer ist? – Eine Frage, mit der er sich als Bundesbauminister intensiv befasst und hier sehr darauf gedrängt hat, dass die Städte in ihrem städtischen Bereich dafür Flächen bereithalten. Manche Bürgermeister in den kleinen Dörfern am Rande der großen Städte waren da bekanntlich clever, hatten dann ja auch Erfolg mit ihren Lockangeboten für das Wohnen dort auf eigener Scholle und die Städte das Nachsehen. Das muss nicht sein, zumal es zusätzliche Verkehrsprobleme schafft. Insofern ist es „immer gut, wenn einer Bau- und Verkehrsminister ist. Der muss immer daran denken, was kommt da auf uns zu, wenn wir uns nicht richtig kümmern?“

Die Wohneigentumsbildung zu unterstützen – das war ihm als Bundesbauminister von jeher wichtig; schon aus „einer Grundeinstellung“ heraus, die er „biografisch aus DDR-Zeiten mitgebracht hat“, zugleich verbindet sich damit ein Teil Lebensphilosophie.
Denn was er im Laufe seines Lebens – und besonders geprägt auch durch jene Jahre – gelernt hat: Wohneigentum bedeutet Freiheit. „My home is my castle, das ist ein Stück Freiheit; Tür zumachen und sich entfalten in einem sonst vielleicht grauen Alltag.“ – Nach dem Mauerfall und mit dem bald darauf folgenden Ansturm auf den Eigenheimbau dann bei vielen Hunderttausenden mit dem Gedanken: Hey, da ist noch eine Chance, einen Lebenstraum zu erfüllen! Dazu „ermuntert auch durch die Aktivitäten der Bausparkassen“. Viele, die „sonst vielleicht nicht den Mut gehabt hätten“, trauten sich plötzlich.
Die Schaffung von Eigenheimen auch mithilfe des Bausparens – „für die Stabilität der Gesellschaft und die Stärkung der Einzelpersönlichkeiten hat das eine nicht zu unterschätzende Bedeutung“. Und hier wiederum seine persönliche Erfahrung „in einem Bevormundungssystem“, dass das gerade „nicht gewünscht“ war: Wohneigentum. Eigenheimbau zu erreichen war „unheimlich schwer“. Er weiß von vielen, die sich damals auf mancherlei Weise darum bemüht haben, ohne Chance.
Die Intelligenz, Mediziner, Professoren, Spezialisten, die „man unbedingt halten wollte – da gab es eine Phase, das muss in den 50er-Jahren gewesen sein – die durften dann. Andere nicht. Was natürlich auch wieder Unruhe schuf“.
Aber die DDR-Politik – daran müsse einfach erinnert werden – „wollte ja auch deshalb keine Einfamilienhäuser, weil man auf eine stärkere Beeinflussung der Menschen hoffte. Es gab ja auch Beauftragte im Aufgang oder Wohnbereich, die sich da kümmerten“, ohne hier dramatisieren zu wollen. Das sei seine Sache nicht.
Im eigenen Haus „ist man da raus, gewinnt man Freiheit“, kann mit seinen eigenen Möglichkeiten etwas schaffen.

Wie groß dieser Wunsch nach eigenen vier Wänden war, er konnte es auch bis hinein in die eigene Familie spüren: Die Bausparurkunde, die der Schwiegervater noch aus Vorkriegszeiten besaß – das schien „eigentlich irgendwo ganz weit weg“. Trotzdem wurde immer wieder davon geredet. Das möchten wir auch mal haben. Das war wie eine „Reliquie der Freiheit“, die wurde aufgehoben. Man weiß ja nicht, vielleicht … und dann kam die Chance, dass man weitermachen kann. Der Schwiegervater war inzwischen schon weit über 70. „Aber meine Tochter hat den Staffelstab übernommen und das weitergeführt.“

Wohneigentum schaffen hat nach seiner Erfahrung außerdem noch eine ganz wichtige Funktion: Es fördert die Kreativität des Einzelnen. Man muss sich was einfallen lassen – „unter einer Mangelwirtschaft noch spannender“. Und es fördert Beziehungen – das ist „nichts Negatives“. Es fördert den Zusammenhalt, man braucht diesen, man braucht jenen, man schafft etwas. Deswegen ist Wohneigentum auch ein „gesellschaftlicher Faktor“, der die Gemeinschaft stärkt und Zukunftssicherung vor Ort bringt. Man baut nicht nur für Jahre, sondern für Jahrzehnte und vielleicht sogar für Generationen. Und „es schafft in einer sich immer stärker globalisierenden Weltgesellschaft auch Heimatbindung“. Die geringsten Abwanderungen in Ostdeutschland gibt es in Thüringen und Brandenburg, den beiden Ländern hier mit dem höchsten Wohneigentumsanteil. „Da denkt man eben doch mehr darüber nach, ob man weiterwandert oder nicht.“
Wohneigentum als „Ankerplatz, verbunden mit Nachbarschaft und praktizierter Gemeinschaft“, das, wie er es gerade hier Potsdam erlebt, dann auch Integration fördert. Da wo neu gebaut worden ist, ziehen Leute hin – aus dem Westen, aus dem Osten, auch aus dem Ausland. Menschen verschiedener Auffassungen, unterschiedlicher Weltanschauungen fangen dort an, Wohneigentum neu zu schaffen. Und dabei erwächst eine „völlig andere Form des Umgangs miteinander, als man wenn nur übereinander redet“.
In Potsdam gibt es einen Stadtteil, erst in den letzten 15 Jahren entstanden; „da wohnen frühere SED-Funktionäre neben ihrerseits überzeugten Leuten, die aus dem Westen angereist sind“. Aber auf einmal gibt es eine gemeinsame Herausforderung. Da gibt es die Gärten, die Nachbarschaft, die Kinder. „Und da entscheidet sich sozusagen die Art des Zusammenlebens und die Wertigkeit von Nachbarschaften danach, wie man miteinander umgeht.“

Oder, was ihn im Augenblick sehr bewegt: die Entwicklung beim Wohnen im Landkreis Uckermark im Nordosten Brandenburgs – Deutschlands größter Landkreis, direkt an der Grenze zu Polen. Von dort, aus der benachbarten polnischen Großstadt Szczecin, früher Stettin, ziehen immer mehr Menschen dahin, bauen, schaffen Wohneigentum oder übernehmen alte Häuser und beleben die Dörfer der Uckermark so wieder. Was er anfangs „mit etwas Herzklopfen“ gesehen hat, „aber, es geht erstaunlich gut“. Da zeigt sich einmal mehr, dass „Wohneigentum auch ein Integrationsfaktor ist“. – Das hängt natürlich immer auch mit davon ab, „wie die Neubürger sich dann bewegen und ob sie bereit sind, sich auf das neue Umfeld einzustellen“.

Er lebt seit etwas mehr als 40 Jahren hier in dem Haus in Potsdam – wie die anderen in der Straße ein Siedlungshaus aus den 20er- oder 30er-Jahren. Einiges wurde umgebaut, die etwas luftige Veranda zum Beispiel stabilisiert. „Der Architekt vom Dienst ist meine Frau, sie hat immer Ideen, wie und wo man noch etwas machen kann, wie man zum Beispiel noch mehr Licht reinlässt.“ Er selber hat sich „mehr darauf konzentriert“, Handwerker zu besorgen und Ausschau zu halten, „wie man an Material rankommt“. Aber eine ganze Menge sei hier erst nach 1990 passiert.

Als junger Mann in Potsdam hat er zunächst sehr beengt gewohnt, in „einer Art Internatszimmer“, fand das aber „gar nicht schlimm“. Das hat auch viele Kontakte hergestellt. „Freundschaften sind gewachsen unter so beengten Bedingungen“, die bis heute anhalten. Beziehungen wurden aufgebaut, die er bis heute noch nutzen kann.

Die erste eigene Zweizimmerwohnung, vorher von einer älteren Dame bewohnt und in einem verwahrlosten Zustand – nur durch eine günstige Konstellation hat er damals überhaupt davon erfahren, und dass die Chancen insofern vielleicht gar nicht schlecht stünden. Auf seine Zusicherung, alles in Ordnung zu bringen, kam von der Vergabebehörde prompt die Frage: Das ist eine Zweizimmerwohnung – es sind doch hoffentlich zwei Personen, die da einziehen? „Ich war nur eine Person, aber ich hatte eine Verlobte, und habe dann ganz tapfer gesagt, wir werden zu zweit da einziehen.“ – Es „war streng damals“, ohne Trauschein nichts zu machen. Aber mit Trauschein genauso wenig, wenn man, wie seine Frau, als Medizinstudentin das Physikum bei in dieser Hinsicht voreingenommenen älteren Professoren bestehen wollte.
„Wir heirateten schnell, wir heirateten heimlich und wir heirateten in Dresden, weil das weit genug vom Schuss war – und hatten auf die Art und Weise eine Wohnung“, die beide Anfang der 60er-Jahre bezogen: auch in einem Einfamilienhaus, das aber damals für zwei Familien reichen musste, in ihrer Hälfte nur mit eigener Toilette, ohne Bad. Ganz in der Nähe des Hauses übrigens, in dem die Stolpes jetzt wohnen und das sie demnächst irgendwann an die Kinder abgeben wollen. „Auch den schönen Garten überlassen wir ihnen gern“, sagt Manfred Stolpe. „Wir streben eine Wohnung im Grünen in Havelnähe an, drei Zimmer ungefähr, auf einer Ebene.“ Wohneigentum bleibe dabei das Ziel.

Wohnen und Wohneigentum – seine Eltern hatten es da weit schwerer. Seine Erinnerungen an das Elternhaus reichen bis in die Vorkriegszeit. Als Kind hatte er das „Glück“, auf einem städtischen Grundstück mit einem großen Innenhof zu leben. Etwas Garten gehörte dazu, in Notzeiten dann auch die Tierhaltung: Da gab es Hühner, „die überall dabei waren“, und frei laufende Ziegen, „deren Milch wichtig war“ und die gleichzeitig eine „richtige Wachhundfunktion hatten“.
Insofern war Platz zum Leben und zum Wohnen – auch mit dem nötigen Auslauf, „schon ganz wichtig“. Das war in einem Vorort von Stettin auf der Ostseite der Oder, bald mit ersten Beeinträchtigungen des Wohnens durch den Krieg, die auch der damals ungefähr Siebenjährige wahrnahm: „Plötzlich hatten wir neue Mieter bis in den eigenen Wohnbereich hinein“ – aus dem Rheinland, aus Köln, aber auch aus Essen. Leute, die aus den durch die Bombenangriffe stark beschädigten Großstädten evakuiert worden waren; „froh darüber, dass es bei uns in den ersten Jahren noch ruhig war“. Das hieß aber „Abgabe von Wohnraum“, es „engte sich ein“; es ging, aber es verringerte sich der „Spielraum“, was er in diesem Alter jedoch nicht als Belastung empfunden hat.
In Ostpommern, 150 Kilometer weiter weg, auf dem Land, wohin die Eltern den Sohn später schickten „da war richtig Platz“. Da lebte man im Grünen. Die Leute dort hatten ein Haus für sich. Da gab es keine Bombenangriffe wie inzwischen auch in der Stadt Stettin. – Da war Wohnen zu diesem Zeitpunkt also „ein Stück Leben“, was man mit der „größten Selbstverständlichkeit der Welt“ annahm.

Als Flüchtlingskind mit der Familie in einer Stadt wie Greifswald, die sich plötzlich durch die Fluchtbewegung mehr als verdoppelte, hat er Wohnen dann im Durchgangszimmer erlebt.
Greifswald, vorher war das ein „kleines freundliches Städtchen mit vielleicht 25.000 Einwohnern“. Mit einem Mal waren da weit über 50.000 Leute. „Da musste eigentlich alles zusammenrücken.“ Unter dem Eindruck der Gefahren von Kriegseinwirkung und nachher Kampfhandlungen sei das „nicht mehr die zentrale Frage“ gewesen. Aber es war „für ein Kind schon interessant“, dass man in einem Zimmer wohnte, das andere Leute beim Gang zur Toilette durchqueren mussten und wie sich auch die früheren Wohnungseigentümer einschränken mussten. Als damals etwa Neunjähriger hat er sein Umfeld eigentlich eher spannend gefunden, man hatte „immer seine Spielgefährten um sich herum“. Wie sehr die Eltern dadurch belastet waren – „mein Vater kam dann zum Glück sehr früh aus dem Krieg zurück“ – das hat er schon gemerkt, und „wie sie immer wieder Ausschau hielten“ nach eigenem Wohnraum, sei er „auch noch so klein“. Die nächste Behausung – ein kleines Zimmer in einem Hotel, das auf die Art in Familienwohnungen aufgeteilt war: „Da konnte man die Tür zumachen. Das war auch schon was.“ Man hatte keine eigene Toilette, keinen eigenen Wasseranschluss, aber man hatte „sein eigenes Reich“.

Dann ein größeres Zimmer in einer Etagenwohnung zusammen mit „mindestens fünf Familien“ – und einer Toilette und damit zugleich der einzigen Stelle, wo es fließendes Wasser gab. „Nicht einfach“, man musste sich irgendwie durchkämpfen. Als Kind hat er das Geschehen in seiner Umgebung eher „unterhaltsam“ gefunden, das er von heutiger Warte auch in seinen tragikomischen Momenten rekapituliert: „Wir waren privilegiert, wir hatten einen Balkon – aber, der hatte die Funktion der Kleintierhaltung“; wovon sich einige gern mal selbstständig machten und man sich mit der Suche beeilen musste: ehe sie womöglich auf dem Nachbargrundstück – „da waren russische Soldaten einquartiert“, die er als „unglaublich kinderfreundlich“ erlebt hat – im Kochtopf landeten.

Schließlich die erste „richtige Wohnung“, wenn auch im Souterrain, wo man sehen konnte, „was die Leute für Schuhe anhatten“; aber zwei Zimmer, eigene Badewanne, eigenes Bad, eigene Küche. Vorher, im Balkonzimmer, dort wurde ja auch gekocht, mit irgendwelchen Spirituskochern, „hin und wieder explodierte mal einer“; die Narben sind geblieben.

„Das ganze Streben meiner Eltern in den unmittelbaren Nachkriegsjahren war, sich Stück für Stück weiter heranzuarbeiten an einen eigenen Wohnbereich. Dort im Souterrain hatten wir im Grunde genommen das erste Mal wirklich den Status als Mieter, als Nutzer von Wohnung.“ Man konnte so richtig miterleben, „was das heißt“; das war „wie eine Wellenbewegung“. Gelitten habe er als Kind darunter nicht, aber „verinnerlicht, wie wichtig es ist, dass man als Allererstes eine Tür zumachen kann“.

Das Wohnen ist in den letzten hundert Jahren auf jeden Fall „menschenfreundlicher“ und zunehmend zu einem „Wohlfühlfaktor“ geworden, sagt Manfred Stolpe. Aber die Ansprüche sind ja auch gewachsen, die Hygiene spielt dabei eine Rolle. Das Ganze entwickelt sich immer mehr zu einer Frage der Wohnkultur. Beachtung verdient auch der Zusammenhalt von Familie und Gesellschaft durch das Wohnen.

Dass sich Wohnen in der Zukunft „noch stärker nach sozialen und ökonomischen Möglichkeiten“ differenziert, zeichnet sich für ihn bereits jetzt ab. Er glaubt nicht, dass sich das „egalisieren“ wird, sondern „die Neigung zur Differenzierung“ eher noch wächst; würde sich allerdings wünschen, „dass es stärker gemischt bleibt und sich nicht in Richtung isolierter Wohnbereiche für bestimmte Gruppen und Gruppierungen entwickelt, weder im sozialen noch im Generationenbereich“.

Wenn er heute noch einmal Bauminister wäre? – Ein Thema wäre die Riester-Rente. Schon damals hat er dafür gekämpft, „dass sie nicht nur in Gestalt der privaten Rentenversicherung läuft“. Man muss auch eine Idee davon haben, „wie man das Eigentumswohnen dafür öffnet“. Wohl sei hier inzwischen etwas gelungen, „es bleibt aber weiter eine Schwachstelle“. Er hat die Hoffnung, da müsste noch mehr passieren – in Form einer „Starthilfe für junge Baufamilien“.
Die staatlichen Energiesparprogramme nicht nur bei Gesellschaftsbauten und großen Wohnanlagen nutzbar zu machen, sondern bis in den Eigenheimbau hinein – das hatte er als Bauminister ebenfalls im Blick. Dieser Bereich könnte in Zukunft deutlich stärker für das Wohneigentum erschlossen und dabei außerdem vieles erleichtert werden.
Zudem würde er, dessen Interesse der „gebauten Kultur“ gilt, gern die Förderung von Baudenkmalen und Wohnungsbau zusammenführen. Da gibt es mittlerweile schon Programme und „geschickte Investoren“, die das nutzen. Wenn man bedenkt, „was inzwischen in alten Kasernen von Potsdam gemacht werden kann“. Auch für den Eigentumswohnungsbau würde er diese Potenziale gern erschließen. Hier sei noch mehr möglich, wenn man Denkmals- und Eigentumsförderung wesentlich enger zusammenbringt, so Manfred Stolpe, der sich darum auch als Vorsitzender des Landesdenkmalbeirates in Brandenburg bemüht.

Ein brisantes Thema für ihn, damals wie heute: Wir müssen sehr aufpassen, dass unsere Möglichkeiten in Deutschland nicht durch Überregulierung, durch Anpassungsbestrebungen seitens der Europäischen Union ausgehebelt werden.
Eine Überregulierung kann „unangemessene Belastungen“ für Wohneigentum schaffen, indem sich die Preise erhöhen. Antidiskriminierungsregelungen etwa mit strengen Auflagen für Behinderte im Eigentumswohnungsneubau und im Einfamilienhausbau „verteuern den Wohnungsbau“. Um Missverständnissen vorzubeugen: Natürlich müssen wir uns gegen Diskriminierung wenden, jeglicher Art.
Aber hier muss man eben Acht geben, dass durch solche Regelungen bestimmte Bevölkerungsgruppen, die gern Wohneigentum erwerben würden, nicht von vornherein ausgegrenzt werden. „Wenn ich mir beispielsweise vorstelle, wir sollten an unserem Haus generell, also bereits ohne akuten Bedarf, einen behindertengerechten Zugang schaffen – das sind Tausende von Euro. Da würde manch einer sagen, das kann ich mir gar nicht leisten.“

Was das Bauen zu Lasten von Wohneigentum außerdem sehr verteuern würde, sind Nullenergieforderungen, die in Europa erhoben werden; „vom Grundsatz her richtig“. Aber wenn das alles „nach dem Rasenmäherprinzip durchgezogen werden soll“, bedeutet das für viele sinkende Chancen auf eigene vier Wände.
Im Zusammenwirken mit den Partnern auf europäischer Ebene müssen wir außerdem darauf achten, dass die Formen von Wohneigentum und des Erlangens von Wohneigentum, die wir hier in Deutschland im Laufe von Jahrzehnten entwickelt haben – Typ Genossenschaft, Typ Bausparen – in diesem Rahmen Akzeptanz finden und behalten. „In Europa ist es oft ein Problem, wenn man etwas macht, was die anderen nicht kennen. Dann gibt es Fragen, Vorbehalte, Widerstände, geradezu Gegnerschaften“, sagt Manfred Stolpe. Deshalb hält er es für „sehr wichtig“ die anderen, insbesondere „die neuen Partner aus Ost- und Mitteleuropa als maßgebliche Zielgruppe“ mit einzubinden; das sei im Übrigen damals für die Durchsetzung der Maut auf europäischer Ebene mit entscheidend gewesen. „Ähnlich wird es auch mit Blick auf Wohneigentumsformen und individuellen Wohnungsbau nötig sein, diese Partner von der Tragfähigkeit des deutschen Modells zu überzeugen. Sie müssen es ja nicht übernehmen, aber sie müssen es ernst nehmen.“

„Wohneigentum wird auch künftig ein unverzichtbarer sozialökonomischer Stabilisierungsfaktor der Gesellschaft in Deutschland sein“, ist Manfred Stolpe überzeugt.
Es wird eben deshalb „vielleicht sogar wachsende“ Bedeutung im Interesse einer stabilen Gesellschaft haben, glaubt er; und möchte, „dass die Verantwortlichen in den Verbänden und auch auf Landes- und Bundesebene das im Auge behalten, „allerdings mit größerer Flexibilität“ an dieses Thema herangehen. Dabei müsse man sich auf die „kommenden Umbrüche der Zeit“ einstellen.
An die Finanzpolitik: Es wäre keine gute Idee, auf der Suche nach Sparmöglichkeiten, in diesem Bereich zu streichen. Das wäre zum Schaden der gesamten Gesellschaft.
Deshalb sein Wunsch, „dass auch meine dienstlichen Enkel und Urenkel – es sind ja inzwischen die Enkel, die jetzt regieren, erst Wolfgang Tiefensee, nun Peter Ramsauer – den hohen gesellschaftlichen Stellenwert, den Wohneigentum hat, sehen und entsprechend unterstützen“.

Beitrag für die Festschrift des Verbandes der Privaten Bausparkassen

Stichworte: , , , ,