Erinnerung macht Mut

· 4. Dezember 2009   - 

Manfred StolpeWir Ältere müssen uns erinnern und wir müssen es den Jüngeren weitersagen: Der Fall der Mauer war wie ein Wunder. Fast drei Jahrzehnte hatte sie Berlin und Deutschland getrennt. Sie war von Ost nach West nur mit selten gewährten Genehmigungen zu passieren und der Versuch, sie ohne Erlaubnis zu überwinden, endete oft mit dem Tod. Sie schien auf alle absehbare Zeit Deutschland zu trennen. Und 1989 verkündete der Staatsratsvorsitzende der DDR, dass die Mauer noch 100 Jahre bestehen würde.

Die Mauer sollte die DDR-Bürger vom Westen fernhalten und zwangsweise in das kommunistische System einbinden. Sie war Symbol der Unfreiheit, der Bevormundung und der Ungerechtigkeit für die Menschen im Osten Deutschlands.

Die DDR-Bürger sahen sich als mehrfache Kriegsverlierer. Zuerst 1945, dann sowjetische Besatzung und schließlich hinter der Mauer eingesperrt. Statt Wirtschaftswunder Demontage und ungünstige Verträge mit der Sowjetunion. Es bestand ständig der Wunsch nach Veränderungen, er brach sich im Volksaufstand 1953 Bahn und erlitt mit ihm eine prägende Niederlage. 1956 brachten die Aufstände in Ungarn und Polen vergebliche Hoffnungen, die 1968 noch einmal durch den Prager Frühling auflebten. Aber wieder sprachen Panzer und Gewalt das letzte Wort gegen Freiheit und Veränderungswillen. Doch die Hoffnung starb nicht und langsam kamen Veränderungen. Willy Brandt und Egon Bahr spürten, dass ein Wandel der Verhältnisse im Osten durch Annäherung möglich war. Die Ostverträge mit der Sowjetunion und Polen und schließlich die Schlussakte von Helsinki 1975 schufen die Grundlage für eine Verbesserung der Lage. Neue Hoffnungen in Polen, in der Tschechoslowakei und in der DDR kamen auf. Die Schlussakte von Helsinki verpflichtete die teilnehmenden Staaten unter anderem auch zu mehr Freiheitsrechten für die Bürger. Die DDR hatte die Erklärung unterzeichnet und sie wurde zu einem Argument, auf mehr Freiheiten zu drängen. Seit 1985 gab der Generalsekretär der KPdSU Gorbatschow mit seinen Forderungen nach Glasnost und Perestroika einen neuen Kurs der Öffnung und Veränderung für den gesamten Ostblock an. Auch in der DDR brachen viele Erwartungen auf. Aber die Partei- und Staatsführung der DDR war nicht zu Reformen bereit. Es gab keine wirklichen Erleichterungen für Westreisen, es gab keine Freiheit für Andersdenkende und es gab keine Verbesserungen des Wirtschaftssystems. Die DDR-Führung war im Ostblock isoliert. Der Staatsratsvorsitzende erkrankte 1988. Lethargie, Ratlosigkeit und Unbeweglichkeit bestimmten die Politik des Landes. Aber die Unruhe im Lande wuchs, die Ausreisebemühungen Zehntausender Menschen machten es deutlich und schufen im Sommer 1989 einen massiven Druck auf die Staatsführung. Viele Menschen hatten keine Hoffnung mehr auf Veränderungen im Lande und Versuchten, auch über Nachbarländer in den Westen zu gelangen. Aber auch die Unzufriedenheit derjenigen, die im Lande bleiben wollten, wurde immer größer. Sie verloren die Angst vor der Macht. Und das erste große Signal dafür waren landesweit Wahlbeobachtungen zu den Kommunalwahlen am 7. Mai 1989. Die Beobachter bei den öffentlichen Auszählungen in vielen Stimmlokalen entlarvten den Wahlbetrug. Denn die Addition der Ergebnisse aus den Stimmlokalen ergab deutlich weniger Zustimmung zur Politik der DDR-Führung als die bekannt gegebenen Fast-Hundertprozent-Ergebnisse. Öffentliche Protestaktionen waren die Folge.

Seit September 1989 kam es in vielen Städten zu Montagsdemonstrationen, die eine Veränderung im Lande forderten. Seit Anfang Oktober setzte die DDR-Führung in Dresden und Berlin gegen Demonstranten brutale Gewalt ein. So am 7. Oktober 1989, als die DDR ihren 40. Jahrestag beging. Der anwesende Gorbatschow mahnte die DDR-Spitze, dass dieses Vorgehen nichts bringt und den, der zu spät kommt, das Leben bestraft. Auch am 9. Oktober standen wieder Montagsdemonstrationen an. Die größte war in Leipzig zu erwarten. Mehrere Zehntausend Demonstranten versammelten sich in evangelischen Kirchen und formierten sich zu einer großen Protestdemonstration. Die Demonstration blieb friedlich und die zahlreich anwesenden bewaffneten Kräfte der DDR bekamen keinen Anlass, Gewalt einzusetzen. Das gleiche Bild am 16. Oktober, und wieder demonstrierten im ganzen Land Hunderttausende Menschen für Reformen. Wieder waren die Demonstrationen friedlich und die DDR-Führung verzichtete auf die Anwendung von Gewalt. Am 18. Oktober wurde der Staatsratsvorsitzende und Generalsekretär der SED von seiner eigenen Partei abgesetzt und sein Nachfolger verkündete am Tag darauf Reformen und sagte den evangelischen Bischöfen zu, bis Weihnachten Reisefreiheit zu gewähren, die Opposition zuzulassen, freiere Wahlen zu ermöglichen und spürbare wirtschaftliche Verbesserungen einzuleiten.

Die friedliche Revolution hatte ihre wichtigsten Ziele erreicht. Aber noch stand die Mauer und verhinderte die freie Reise in den Westen. Der Erwartungsdruck der Menschen insbesondere im geteilten Berlin stieg gewaltig. Es musste etwas geschehen. Entweder, es kommt schnell zu einer unkomplizierten Reiseregelung für alle oder die Menschen stürmen die Mauer. Ein Überrennen der Mauer erwartete ich am 4. November 1989, als fast eine Million Menschen in Ostberlin für Freiheit und Reformen in der DDR demonstrierten. Doch an dem Tag gab es keinen Auslöser für ein spontanes Überwinden der Grenzen.

In den Tagen danach führte ich viele Gespräche mit Politikern, Journalisten, ausländischen und westdeutschen Diplomaten, Oppositionsgruppen und Vertretern anderer Kirchen. Immer ging es um die Frage, wie die weitere Entwicklung schnell und friedlich zu mehr Freiheit und Beteiligung der Bürger am politischen Geschehen führen kann.

Am Abend des 9. November nahm ich in einer Kirche am Berliner Gendarmenmarkt an einer Diskussion mit zahlreichen Vertretern der Oppositionsgruppen, der SED, der CDU, der LDPD und der Kirchen teil. Heftig wurde diskutiert, wie schnellstens mehr Freiheit und mehr Rechte erreicht werden könnten. Die Debatte war dramatisch, aber konstruktiv und eine Vorbereitung eines „runden Tisches“, der dann ab Dezember des Jahres unter Moderation der Kirchen die Überleitung der Diktatur zu Demokratie und Rechtsstaat ermöglichte.

Mitten in der Debatte bekam ich einen Zettel zugesteckt mit der Information, dass auf einer internationalen Pressekonferenz ein Vertreter der SED-Führung die Reisefreiheit für alle DDR-Bürger angekündigt habe. Und diese Regelung sofort kommen sollte. Für mich stand fest, dass nun endlich ein neues Reisegesetz kommt und ich hoffte nur, dass es schnell und unkompliziert angewandt würde. Denn ich erwartete die Gewährung von Westreisen durch die Regierung an jeden Einzelnen. Aber Rundfunk- und Fernsehmeldungen der Westberliner Sender schufen bei den Ostberlinern die Überzeugung, dass nun endlich und ab sofort ohne Formalitäten die Mauer durchlässig ist. Ich erfuhr, dass Tausende Menschen zu den Grenzübergangsstellen gingen, um nach Westberlin durchgelassen zu werden. Doch die Grenzpolizei hatte keine entsprechenden Befehle erhalten und verweigerte den Übergang. Meine Sorge war, dass nun ein gewaltsamer Grenzdurchbruch den Waffeneinsatz der Grenztruppen auslösen würde. Eine blutige Niederschlagung dieses Freiheitsbegehrens und damit der ganzen friedlichen Revolution war nicht ausgeschlossen. Möglicherweise könnten Schüsse an der Grenze auch die Siegermächte einbeziehen, die sich an der Mauer gegenüberstanden. Vielleicht waren wir am Rande eines großen Krieges. Seit dem 13. August 1961 hatte ich nicht wieder diese Angst verspürt. Doch dann hörte ich, dass der Grenzübergang Bornholmer Straße geöffnet worden war. Offenbar hatte der verantwortliche Kommandeur auch ohne Befehl von oben so entschieden. Schnell wurde mir deutlich, dass nun die ganze Mauer nicht mehr zu halten war. Nach und nach wurden weitere Grenzübergänge geöffnet. Ich hörte das von der Invalidenstraße, der Heinrich-Heine-Straße, der Sonnenallee und endlich auch von dem schwer bewachten Checkpoint Charlie, in dessen Nähe ich mich aufhielt. Es gab keine Gewalt und es wurde nicht geschossen. Die Mauer war gefallen.

Das war der offenkundige Sieg der Kurzenrevolution der DDR. Die Menschen hatten nicht mehr gewartet, bis ihnen der Staat die Westreisen erlaubte, sondern sie hatten sich selbst die Freiheit genommen.

Bald danach begann für die Menschen in der DDR ein Sturzflug in die deutsche Einheit. Die große Mehrheit wünschte es, hatte es mit der Wahl am 18. März 1990 bestätigt und die Siegermächte willigten ein. Nun begann ein vollständiger Umbruch der Verhältnisse. In der Wirtschaft zerbrach mit der Einführung der Währungs- und Wirtschaftsunion am 1. Juli 1990 die staatlich gelenkte Planwirtschaft. Sie hatte politischen Vorgaben zu folgen, kannte keinen Wettbewerb und keine Kostenrechnung. Jetzt aber galt ab sofort der internationale Wettbewerb. Die osteuropäischen Märkte gingen verloren, weil die Kunden die DDR-Produkte nun in Valuta bezahlen sollten. Auf dem Inlandsmarkt bevorzugten die Käufer überwiegend Westprodukte. Die DDR-Wirtschaft konnte ihre Erzeugnisse nicht mehr absetzen. Die Arbeitslosigkeit wurde so unvermeidbar und riesige Sozialleistungen waren die Folge.

Hinsichtlich der politischen und rechtlichen Strukturen wurde dann am 3. Oktober 1990 das bundesdeutsche System vollständig übernommen. 32.000 Paragrafen mussten neu gelernt werden. Demokratie und Rechtsstaat waren zunächst Fremdebegriffe, die mühsam, aber schließlich mit Erfolg eingeübt wurden.

Die Menschen in der ehemaligen DDR mussten sich in allen Lebensbereichen umstellen. Sie mussten alles neu lernen. Sie erfuhren, dass sie sich behaupten, ja durchsetzen mussten. „Abwarten ist sehr gefährlich“, sagte Regine Hildebrandt. Die Menschen hatten gehofft, dass mit der Revolution die Zeit leerer Versprechungen vorbei ist und mussten nun erleben, dass Politiker im Wettbewerb der Parteien insbesondere vor Wahlen oft mehr ankündigten als die Realität zuließ. Die schnelle Angleichung der Lebensverhältnisse erwies sich ebenso als Illusion wie die Ankündigung, dass jeder Arbeit finden würde, der es wollte. Stattdessen verlor jeder Zweite seine bisherige Arbeit und insgesamt ging es Drittel der Arbeitsplätze verloren. Die Ostdeutschen erlebten den rauen Wind der Freiheit und des Wettbewerbs und fürchteten in der Erfahrung mit Ansätzen eines Marktradikalismus um die Verlässlichkeit der sozialen Marktwirtschaft. Denn gerade sie hatte ihnen die deutsche Einheit attraktiv gemacht.

Wer den Menschen aus der ehemaligen DDR gerecht werden will, muss zwei Dinge beachten. Zum einen hat für sie die Arbeit einen sehr hohen Stellenwert. Es geht nicht nur darum, Geld zu verdienen, sondern Arbeit ist auch Akzeptanz, Gebrauchtwerden und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Zum anderen schien der Systemwechsel das bisherige Leben zu entwerten. Medien und Politik entwerten mit einer Totalverteufelung der DDR die Existenz des Einzelnen in dem untergegangenen Lande. Die Menschen empfanden sich im wiedervereinten Deutschland als zweitklassig. Viele verloren ihren bisherigen sozialen Status, Wissenschaftler wurden „evaluiert“ und hoch erfahrene Facharbeiter „freigestellt“. Nicht wenige empfanden sich als Einheitsverlierer, obwohl sie mit ihrer siegreichen Revolution erst die deutsche Einheit und Souveränität ermöglicht hatten. Vielleicht deshalb gehen der Mehrheit der Menschen in Ostdeutschland die Worte Wende und Umbruch leichter von den Lippen als Revolution.

Große Solidarität erhielten die Ostdeutschen aus der Bundesrepublik. Das waren und sind erhebliche finanzielle Leistungen, die die neuen sozialen Lasten abfingen und eine vollständige Erneuerung der Verkehrs- und Kommunikationsinfrastruktur ermöglichte. Auch für die Stadtentwicklung und die Dorferneuerung wurden erhebliche Finanzmittel zur Verfügung gestellt. Sehr wichtig war aber auch die Personalhilfe aus dem Westen. Ohne die Einsatzbereitschaft Tausender Fachleute in Verwaltung und Wirtschaft wäre ein so schneller Neuaufbau nicht möglich gewesen. Mit Respekt denke ich zum Beispiel an die 50 Rechtspfleger aus Nordrhein-Westfalen, die in einer Aktion Brandenburg halfen, die in der DDR vernachlässigten Grundbücher schnell wieder in Ordnung zu bringen. Sie haben in kurzer Zeit täglich 1000 Vorgänge bearbeitet und damit Investitionen erst ermöglicht. Ein anderes Beispiel sind die vielen erfahrenen Senior-Manager, die mit ihrem Marketing- und Finanz-Know-how in ostdeutsche Betriebe mit einstiegen und gemeinsam mit Ostmanagern Betriebe retteten.

Heute wird in Deutschland immer wieder von den Ost-West-Unterschieden gesprochen. Gelegentlich werden sie geradezu gesucht und scheinen Gräben zu vertiefen. Eine Ursache liegt darin, dass in der Begeisterung über das Wunder der deutschen Einheit und das Gefühl der Zusammengehörigkeit der Deutschen die unterschiedlichen Einflüsse von einem halben Jahrhundert geradezu gegensätzlicher Entwicklung verkannt wurden. Dabei wurden auch andere Denkweisen, andere Lebensgewohnheiten und Unterschiede in Begrifflichkeiten sowie Sprache hervorgerufen. Das muss zur Kenntnis genommen werden und wird sich im Laufe der Jahre abschleifen. Aber Friedrich Schorlemmer hat schon Recht, wenn er noch viele offene Gespräche der Menschen aus den unterschiedlichen Erfahrungswelten des Ostens und Westens fordert. Auch Wolfgang Thierse ist zuzustimmen, „dass über die Lebenspraxis der Menschen in der DDR nicht nur Vernichtungsurteile gesprochen werden sollten. Es muss genauer und differenzierter über die Geschichte der DDR geurteilt werden. Immer noch leidet der Umgang mit der DDR und damit auch mit ihren Menschen daran, dass sie in den neunziger Jahren politisch und medial vermarktet worden ist als eine Skandalgeschichte von Feigheit und Verrat. Stasi war und ist das Faszinosum“.

Der ausschließlich Blick auf Gefängnisse und Akten verhindert die Sicht auf das Leben der anderen Menschen, die nicht Opfer oder Täter waren. Auf die Millionen Menschen, die unter den Bedingungen der SED-Diktatur im Alltag der Arbeit und der Familie Leistungen erbrachten, die nicht auf den Müllplatz der Geschichte gehören. Bei ihnen weckt die Debatte über die DDR-Vergangenheit die Sorge, schließlich doch noch für die Existenz des Systems DDR irgendwie haftbar gemacht zu werden. Denn sie liefen nicht weg, sie waren nicht inhaftiert, sie arbeiteten fleißig, sie gingen zur Wahl, sie haben die DDR nicht geliebt, aber mitgetragen. Also schweigen sie lieber in der Öffentlichkeit. Es besteht die Gefahr, dass es zur Erinnerung an die DDR eine offizielle abwertende Meinung und eine private, sehr differenzierte Meinung gibt. Es wird wichtig sein, verständnisvoll und redlich die Debatte zu führen.

Politik und Medien sollten auch bedenken, dass die Mehrheit der Menschen in Ost und West heute mehr über die Gegenwart und Zukunft als über die Vergangenheit sprechen will. Denn die Finanz- und Wirtschaftskrise in der Globalisierung erhöht in Deutschland die Gefahr der Arbeitslosigkeit, der sozialen Nöte und kann den Zusammenhalt der Gesellschaft zerstören. Fremdenfeindlichkeit und Verführung durch extremistische Populisten nehmen in Krisenzeiten zu. Die klassische wirtschaftsliberale Vorgabe wankt, dass der größtmögliche Nutzung für alle herauskommt, wenn ein jeder unbeirrt und dynamisch sein Eigeninteresse verfolgt.

Das Vertrauen in die Demokratie lässt im Westen nach und ist im Osten noch nicht ausreichend gefestigt. Die Erfahrungen in der DDR mit Willkür und Bevormundung sollten helfen, die heute gegebene Rechtssicherheit und mögliche Beteiligung in eigenen Angelegenheiten zu schätzen.

Es bleibt wichtig, sich zu erinnern, um urteilen zu können, aber auch um Mut zu gewinnen, gemeinsam in Deutschland eine Zukunft in Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität zu gestalten.