Geleitwort zum Buchprojekt „Verfahren gegen Jugendpfarrer Lothar König“

· 19. September 2013   - 

An Lothar König, seiner Entschlossenheit, für die erkannte Wahrheit den Kopf hinzuhalten, seiner Gabe, die Stimmung Jugendlicher aufzunehmen gegen alle Vorschriften zu vertreten, erleben wir den Typ des evangelischen Jugendpfarrers, wie er unter den bitteren Erfahrungen in der DDR geprägt wurde.

Religion und Kirche wurden von der DDR bekämpft. Die Religion galt dem kommunistischen Atheismus als unwissenschaftlich und gefährlich falsch. Sie sei zum Absterben verurteilt. Die Kirchen galten zudem wegen ihres gesamtdeutschen Zusammenhaltens als verlängerter Arm, als 5. Kolonne, des westdeutschen Klassenfeindes. Deshalb wurde alles getan, die Kirchen zu schwächen und aus der Gesellschaft zu verdrängen. Vor allem den Einfluss der Kirche auf die Jugend wollte Partei und Staat beseitigen. Misstrauisch, geradezu ängstlich wurde beobachtet, dass die Kirche flächendeckend und erfolgreich Jugendarbeit anbot und selbst in den kleinsten Dörfern jede Woche junge Leute freiwillig und begeistert zur Kirche kamen, nicht nur zum Singen und Bibel lesen, sondern auch zum freien diskutieren über Gott und die Welt. Das gab es sonst nirgendwo in der DDR! Die Attraktivität der kirchlichen Jugendarbeit hing auch davon ab, dass die Jugendpfarrer glaubwürdige, unangepasste Persönlichkeiten waren, die auch keine Scheu hatten, gegen die Staatsmacht und gelegentlich auch gegen die Amtskirche aufzutreten. In Konfliktsituationen mit der Staatsmacht gaben sie persönlich und furchtlos den bedrängten Jugendlichen Unterstützung.

Die Jugendpfarrer fielen häufig schon durch alternative Haartracht, Vollbärte, durch offene Meinungsäußerungen und auch theologische Provokationen auf. Sie bestärkten die Jugendlichen darin, nicht mit resignierender Vernünftigkeit den Lauf der Welt, die konkrete DDR-Gesellschaft für unabänderlich zu halten. Sie sahen in Jesus einen widerständigen, aber gewaltlosen Friedenstifter und fühlten sich zur Friedensarbeit verpflichtet. Die landesweite Aktion der evangelischen Jugendpfarrer „Frieden schaffen ohne Waffen“ war in der DDR in den achtziger Jahren der Anfang einer breiten Protestwelle. Sie wurde von der Staatsmacht brutal verfolgt. Doch die über eintausend evangelischen Jugendgruppen, die für Frieden, Umweltschutz und Gerechtigkeit eintraten, wurden zu Keimzellen einer Protestbewegung, die schließlich 1989 die DDR-Diktatur stürzte.

Evangelische Jugendpfarrer wie zum Beispiel Martin-Michael Passauer, Harald Bretschneider, Hans-Ulrich Schulz, Manfred Domrös, Reiner Eppelmann und Lothar König ermutigten tausende junge Menschen zum aufrechten Gang und waren Wegbereiter der friedlichen Revolution in der DDR.

Zur Friedensarbeit der kirchlichen Jugendarbeit gehörte auch die Auseinandersetzung mit dem zweiten Weltkrieg, dem Nazisystem und seinen unmenschlichen Gräueltaten, wie dem Massenmord an den Juden. In den Schulen der DDR wurde ein Antifaschismus verordnet, dessen Wirkung aber durch die Unglaubwürdigkeit des DDR-Systems nur gering war. In der
evangelischen Jugendarbeit wurde eine gründliche Auseinandersetzung mit dem Nazisystem geführt. Das Tagebuch der Anne Frank stand nicht auf dem schulischen Stundenplan, aber in den Jungen Gemeinden wurde es gelesen, diskutiert und befestigte eine tiefe Abneigung gegen die menschenfeindliche Naziherrschaft. In der evangelischen Jugendarbeit gab es eine wache Beobachtungs- und Protesthaltung gegen aufkommende Neo-Nazi-Parolen.

Auch heute kommt die dringend nötige zivilgesellschaftliche Wachsamkeit gegen Intoleranz, Rassismus und Gewalt oft aus der kirchlichen Jugendarbeit. Ich bin froh, dass sich Bündnisse für Toleranz und Demokratie aus kirchlichen Gruppen, Gewerkschaften, Parteien, Sport und Kultur gebildet haben und den Nazis entgegentreten. Ich habe Verständnis dafür, dass bei Aktionen gegen die Nazis in Ausnahmefällen auch Ordnungswidrigkeiten vorkommen.

Ich hoffe, dass in solchen Fällen Polizei und Justiz in ihren Entscheidungen die Motive des Anti-Nazi-Protestes berücksichtigen können und die antifaschistische Überzeugung der Demonstranten gegen das formell bestehende Meinungs- und Demonstrationsrecht der NeoNazis gerecht abwägen werden.

Für die Haltung der evangelischen Jugendpfarrer mit DDR-Erfahrung, für Lothar König, lege ich die Hand ins Feuer.

Manfred Stolpe

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