Grußwort zum 80. Geburtstag von Propst Dr. Hans-Otto Furian

· 30. April 2011   - 

Lieber Bruder Furian, herzlichen Glückwunsch zum 80. Geburtstag!
Wir feiern heute eine außergewöhnliche Persönlichkeit: Hans-Otto Furian – Propst der Mark – eine theologische Respektperson, die man auch etwas fragen kann – sprachfähig in säkularisierter Gesellschaft – eine glaubwürdige Vertrauensperson – ein geistlicher Wächter in Kirche und Gesellschaft – ein klar bekennender Kirchemann und Senior-Chef einer eindrucksvollen Großfamilie.

Für mich war Hans-Otto Furian sehr gewöhnungsbedürftig! Seine ganz besonderen Augenbrauen, sein ironisches Lächeln, seine aggressiven Zähne, seine flotten oft bissigen Sprüche zwangen zur Wachsamkeit. Als er dann noch gegen die Gründung des BEK kämpfte und sogar die VEK zu Fall brachte, hielt ich ihn für einen Gegner.

Doch seit dem Scheitern des DDR-Kirchenreformprojekts an seiner Sperrminorität in der Berlin-Brandenburgischen Synode in Hermannswerder versuchte ich, diesen kantigen Oppositionsführer zu begreifen. Hans-Otto Furian zu verstehen und gerecht zu beschreiben, war für mich ein Lernprozess!
Vater Hans-Georg Furian hat ihn geprägt. Der war ein „eiserner Bekenntnispfarrer“, ein treuer, ehrlicher gerader Mann, der konzentriert auf das Wort Gottes hörte, wie ihn Zeitzeugen beschrieben. Mit der Barmer Theologischen Erklärung kam er zur Bekennenden Kirche, wurde Vertrauensmann des Pfarrernotbundes und Kreispfarrer der Bekennenden Kirche. Für Hans-Georg Furian gab es keine faulen Kompromisse den Deutschen Christen der Nazis musste widerstanden werden. Im damals  umstrittenen Verhältnis zu den Juden bezog er Position gegen den Strom der Zeit, verbarg Juden, was ihm Heinrich Grüber hoch anerkannte.

Vater Furians Kampf gegen die Anpassung der Kirche an politischen oder gesellschaftlichen Zeitgeist sowie die Grundüberzeugung, dass Neutralität in Fragen des Glaubens in der Regel den christusfeindlichen Mächten nützt, bestimmen Hans-Otto Furian! Der Gemeindepfarrer Hans-Georg Furian in Kürtow bei Armswalde, in der brandenburgischen Neumark, erlebte die großen Gefahren des Kriegsendes 1945 und der herannahenden Roten Armee. Hier erwies er sich als treuer Hirte, der den Gemeindegliedern beistand und mit vielen von ihnen unter unmittelbarer Gefahr und Gewehrfeuer zu Fuß die Flucht aus der geliebten Heimat antrat.
Sohn Hans-Otto war dabei und wurde noch zuletzt von der deutschen Wehrmacht/Oberleutnant Rosenbaum als Meldegänger eingesetzt.

Die Nazi- und Kriegserfahrungen hat unser Jubilar über Jahrzehnte verarbeitet. Eindrucksvoll nachzulesen, mitzuerleben in seinem großen Buch zur Kirchen- und Zeitgeschichte „Vom Kirchenkampf zum Christuskampf“. Zu den Lehren jener grausamen Zeit gehört für Furian: Mitmenschlichkeit, Toleranz, Achtung der Menschenwürde sind zwingende Gebote, das Nazisystem war nur durch Krieg von außen zu überwinden und das Ende mit allem Schrecken war wirklich Befreiung. Unseren östlichen Nachbarn, Polen und Russen haben wir Deutsche, Brandenburger, Preußen besondere Aufmerksamkeit zu geben.

Für den jungen Theologen und Pfarrer kamen bald nach dem Kriege neue Herausforderungen in der Sowjetischen Besatzungszone und der DDR, in denen die väterlichen Vorgaben wichtig wurden. Wieder ging es um die Kirche und ihre Position in der Gesellschaft.
Die beim Vater erlebten Kämpfe konnte Hans-Otto in eigenen ähnlichen Erfahrungen werten. Sein Fazit aus dem Kirchen- und Glaubenskampf lautet: Die Kirche baut sich auf der Gemeinde auf, der Zusammenhalt der Gesamtkirche ist außerordentlich wichtig, Kirche und Christen dürfen dem Widerspruch zum Zeitgeist nicht ausweichen. Richtung christlichen Handelns muss es sein, Menschen in der Not beizustehen. Jesus Christus und sein Wort haben Vorrang vor der Institution Kirche einschließlich aller Reform-Ideen.

In seinen Veröffentlichungen bedauert Hans-Otto Furian, dass die Notwendigkeit, eine Kirche für die Zukunft zu gestalten, nicht genutzt wurde. Zweimal haben wir den Weg in die Vergangenheit dem Weg in die Zukunft vorgezogen: 1945 und 1990. Denn der Verlust und Abbau überlieferter institutioneller Gestalt soll zum Neubau der Kirche führen, einer wirklichen Kirche der Schwestern und Brüdern vor Ort mit voller Verantwortung für die Belange des Gemeindelebens. In der Gemeinde sollen sich zu Gotteslob, Dank und Besinnung wöchentlich die Gemeindeglieder sammeln.
Die Verkündigung des Wortes Gottes in verschiedener Gestalt und die Antwort darauf mit dem Gebet und einem christlichen Lebensstil sollen auch in den kleinsten Gemeinden erfolgen. Der Kirchenkreis hat die Kooperation der Gemeinden zu organisieren. Bei zerfallenden Gemeinden sollen gemeindeübergreifende Gottesdienstkerne gebildet werden.

Wach beobachtet Hans-Otto Furian bis in diese Tage den Rückzug kirchlichen Handelns ohne dass die Chancen neuer Möglichkeiten genutzt werden. Bedauerlich besonders, dass die Bereitschaft hauptamtlicher Mitarbeiter zu einer Bewerbung mit zunehmender Berlin-Potsdam-Entfernung abnimmt. Womit in Regionen der Abwanderung und z. B. des Ärztemangels das Gefühl wächst, nun auch noch von der Kirche verlassen zu werden. Hans-Otto Furian leidet geradezu, wenn er bei seiner privaten Visitationsrundfahrt am Buß- und Bettag die Vernachlässigung dieses Feiertags erlebt. Visitation ist unverzichtbar, fordert er seit Jahren, sie ist Kern kirchenleitenden Handelns, sie muss konkrete Fehlentwicklungen benennen, Anregungen und Impulse geben, Termine setzen, nachfassen.
Der Synodenbeschluss der EKBO vom 9. April d. J. muss ihn gefreut haben. Deutlich kritisiert Furian, wenn durch den Westeinfluss die individuelle Befindlichkeit der Pfarrer einen höheren Stellenwert gewinnt als die Kirche der Schwestern und Brüder in der Gemeinschaft des Glaubens. Das emanzipatorische Denken und Verhalten verbreite sich nun auch in der Ostregion. Bei Anfragen an die Lebensführung und Arbeitsmoral der Mitarbeiter komme häufig die Antwort „Mein privates Lebens ist meine Sache und geht auch die Gemeinde und die Kirche nichts an.“

Der Propst der Mark nennt seine konkreten Erwartungen an den Verkündigungsdienst so: die Verkündigung der Barmherzigkeit Gottes hat oberste Priorität, die ev. Kirche steht und fällt mit der Verkündigung des Wortes Gottes, die große Chance der Beerdigungspredigt an viele noch Außenstehende, in oft großer Öffentlichkeit muss genutzt werden. Kernkompetenz der ev. Kirche ist es, in Bibelstunden, Gesprächen über den Glauben mit den Gemeindegliedern, in das Verständnis des Wortes Gottes einzuüben und draus Konsequenzen für das alltägliche Leben zu ziehen.
Eine geordnete Kinderarbeit der Gemeinde ist unverzichtbar und nicht durch Religionsunterricht zu ersetzen. Diese von Hans-Otto Furian genannten Erkenntnisse hat er schon in DDR-Zeiten gewonnen und in den letzten Jahren bestätigt gefunden.
Das kirchliche Leben in der DDR war nicht vergebens, es erschöpfte sich nicht nur im Widerstand und Bewahren, sondern entwickelte in der Herausforderung neue Erkenntnisse, Erfahrungen, die auch im vereinten Deutschland gelten.

Der Zusammenhalt der Deutschen war für den Pfarrer, Superintendenten, Propst Furian außerordentlich wichtig. Er hat deshalb gegen strukturelle Sonderwege der Kirchen in der DDR gekämpft. Er förderte Ost-West-Kirchenkontakte auf allen Ebenen – insbesondere der Gemeinden. Er unterstützte den theologisch/geistlichen Ost-West-Austausch und war enttäuscht, dass im Westen das Interesse an der Barmer Theologische Erklärung sank.

Hans-Otto Furian hat als Propst in der Umbruchzeit der DDR die Oppositionsbewegung unterstützt und maßgeblich dazu beigetragen, dass ihnen kirchliche Freiräume die Arbeit ermöglichten und sie zum Kern des Umsturzes werden konnten.

Nach dem Sturz der DDR-Diktatur war Furian nicht für eine verbesserte DDR sondern für die Wiedervereinigung Deutschlands – auch in der kirchlichen Struktur. Aber Furian wollte sie auf Augenhöhe, wollte, dass die Belange der Menschen im Osten nicht untergehen und hat sie in großer Klarheit in Kirchenleitung und Öffentlichkeit genannt. Er war Seelsorger der Ostler in den Wirren der Wende. Doch nicht nur westliches Siegergebaren, sondern auch östliche Anpassungssucht machten ihm diese Haltung schwer.
Unverdrossen nennt Furian in seinen Äußerungen dieses Defizit – und er wird recht behalten! Der Propst der Mark sieht die Gefahr, dass bei manchen Problemen und Herausforderungen durch die Öffentlichkeit die Meinungen der Kirchengemeinden Westberlins und der brandenburgischen Dörfer und Kleinstädte sich nicht treffen.

Die Verkündigung Jesu heißt, so Furian, die Dinge klar beim Namen zu nennen. Das gilt auch für die soziale Verantwortung der Kirche!
Die Kirche muss für Arme und Schwache da sein! Wer sind heute und hier die Armen und Schwachen, fragt Hans-Otto Furian. Sicher auch die Asylanten, vor allem aber die Arbeitslosen und ganz besonders die arbeitslosen Jugendlichen!
Hier besteht ein brisantes sozial-ökonomisches Problem. Die Kirche sollte ihr Sozialwort auch praktizieren, es vor Ort mit Inhalt füllen: Z. B. könnte die Kirche bei ihrem Land- und Forst-Besitz nicht zuerst auf Gewinn achten, sondern Menschen in Arbeit bringen!

Furian hat Verständnis, wenn Protest-Gruppen sich zu gesellschaftlichen Problemen formieren. Doch er prüft, ob dabei echte Betroffenheit oder wichtigtuerischer Aktionismus überwiegen. Er ermöglichte den kirchenfremden Oppositionellen in der DDR den Zugang zu kirchlichen Räumen nicht ohne Bedenken. Doch als das Konsistorium 1994 besetzt und als Bühne eines RAF-Protestes benutzt werden sollte, setzte Propst Furian das Hausrecht durch.  Selbst in der Auseinandersetzung nahm er die Aufgabe der Seelsorge wahr. Seelsorge an Menschen in Sondersituationen war ihm auch nach der Wiedervereinigung wichtig. Propst Furian ordnete die Gefangenenseelsorge neu – zur Zufriedenheit der Inhaftierten und der Justizangestellten – unter Murren der Gefängnisseelsorger.
Intensiv rang Furian um die Gestaltung der Militärseelsorge für die östlichen Gliedkirchen. Er verhinderte eine einfache Anpassung an die West-Regelung unter Vernachlässigung von Osterfahrungen, er erwarb den Respekt der Militärs und erfuhr Unverständnis bei den westlichen Kirchengeschwistern.

Lieber Bruder Furian, vielleicht wäre Obermarine-Seelsorger, Marine-Dekan, eine interessante neue Karriere gewesen?
Furian blieb Propst, Propst der Mark Brandenburg. In Gesellschaftskrise und Umbruch hätte es keiner besser gemacht. Kirchensheriff und Feuerwehrmann, prinzipienfest und doch ergebnisorientiert, gemeindeverbunden, verlässlich, vertrauengewinnend. Bezugs- und Orientierungs-Person für Pfarrer, Mitarbeiter und Gemeindeglieder in Brandenburg und Ostberlin. Und wer wirklich wissen wollte, was die Menschen im Osten dachten und brauchten und nicht schon alles besser wusste, der sollte auf Propst Furian hören.

Ob dieser Propst auch an der konsistorialen Verwaltungsarbeit Freude hatte, kann ich nicht voll beurteilen. Sicher hatte er nicht die Akribie von Friedrich Winter, aber auch nicht den Akten-Hass von Siegfried Ringhand.
Auffällig wurde er jedenfalls nicht. Aber als Super-Abteilungsleiter wird er wohl nicht in die Kirchengeschichte eingehen. Superintendent war Hans-Otto Furian aus Leidenschaft. Albrecht Schönherr hat ihn entdeckt, trotz seiner vernichtenden Beurteilung aus dem Predigerseminar, denn Furian konnte einen Konvent voller Charakterköpfen zusammenhalten, sagte, wo es lang ging!
18 Jahre Superintendent in Zossen, das war vorderste Front. Mitten im Gelände der Sowjettruppen und im Gegenüber zu den härtesten kommunistischen Funktionären. Das hätte in seiner Lage auch Amok-Lauf – Haft – Ausreiseantrag bedeuten können. Furian entschied sich für Augenmaß, um kirchliche Arbeit zu sichern. Russen und Funktionäre lernten, dass er furchtlos auf Gott vertraute, nicht einzuschüchtern war, seine System-Kritik zeigte, aber berechenbar war. Die Kommunisten respektierten ihn und die Russen spielten sogar mit ihm Skat. Superintendent Furian verstand, dass die Ablehnung des Diktatur-Systems nicht die Ablehnung gegen Menschen sein musste. Das hat die Funktionäre überrascht. Für sie galt Furian wegen seiner offenen Kritik am DDR-System, seiner Wahlenthaltung als Feind und sie waren dann ganz froh, dass er menschenfreundlich mit ihnen umging und so manches durchsetzen konnte.

Das war bei mir anders.
Auch ich musste bei den Funktionären etwas erreichen. In mir sahen sie einen Freund im wörtlichen Sinne, Jugendfreund der FDJ, wie mich Honecker regelmäßig ansprach. In der DDR studiert, aus der Arbeiterklasse stammend „Das muss unser Mann sein!“.

Eine gute Ausgangslage für mich, um etwas durchzusetzen. Aber die Gefahr der Vereinnahmung bestand. Umso größer die Enttäuschung der Genossen, als das nicht gelang und schließlich Ende 1988 Honecker selbst mich mit der Kampagne „Stolpe und der Idealfall“ zum Gegner stempelte. Mein Platz im Internierungslager bei Lehnin war vorgesehen. Lieber Bruder Furian, vielleicht wären wir uns dort begegnet und hätten schon da Gemeinsamkeiten deutlicher gefunden: Angst hatten wir beide nie. Und mein Kinderglaube ist wohl nicht weit von Ihrem Glaubens-Grund entfernt.

Beide hatten wir am 13. August 1961 die Möglichkeit, auf der Westseite zu bleiben. Und beide blieben wir im Osten. Beide haben wir Kriegsende und Vertreibung voll miterlebt und beide lieben wir Brandenburg. Die geografischen Wurzeln sind nahe beieinander in der Neumark von Ihrem Kürtow/Arnswalde – Nörenberg – Dramburg zu meinem Schievelbein. Alles Neumark, alles unter Hitler Pommern zugeschlagen. Aber Brandenburg im Herzen – bis heute!

Sie haben mir den Text vom Brandenburg-Lied besorgt. Da habe ich den Roten Adler schätzen gelernt. Ohne Sie hätte ich in der DDR-Endzeit meine politischen Schleichwege weder gewagt noch durchgehalten. Danke für Ihre Toleranz und Treue!
Heute weiß ich allerdings, dass der Zweck – und sei er noch so humanitär – nicht jedes Mittel rechtfertigt.

Lieber Bruder Furian,
Danke für Ihre Lebensleistung! Danke für unsere Weggemeinschaft!
Bitte bleiben Sie uns als der Propst der Mark, als geistlicher Wächter in Kirche und Gesellschaft noch lange erhalten.
Bitte finden Sie die Zeit, Ihre Lebenserfahrung und Einsichten zu Papier zu bringen. Jeder Kommentar von Ihnen in der Kirchenzeitung ist wichtig!

Ich wünsche Ihnen Gesundheit, Glück und Freude vor allem auch mit Ihrer Großfamilie, mit Ihrer Frau, der ich für viel Verständnis und Hilfe danke!
Gott behüte Sie!

30. April 2011

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