Grußwort zur Buchvorstellung Jörg und Frauke Hildebrandt „Gespräche unter Deutschen“

· 30. Oktober 2012   - 

Lieber Wolfgang Thierse,

liebe Familie Hildebrandt,
meine sehr verehrten Damen und Herren,

Ich begrüße Sie alle herzlich und bin wie Sie gespannt, was wir heute von Jörg Hildebrandt und der Gesprächsrunde – Lea Rosh, Ulrike Poppe, Frauke Hildebrandt – drei unerschrockene Frauen, die sich für Gerechtigkeit, Freiheit und Menschenrechte eingesetzt und Jörg Hildebrandt, Jens Reich, Wolfgang Thierse – drei Männer der friedlichen Revolution, die aktiv den Umbruch vorbereitet und den Neuanfang gestaltet haben – erfahren werden. Gespräche unter Deutschen mit geteilten Meinungen zur Wiedervereinigung!

Erste Feststellung: Niemand stellt die deutsche Einheit infrage. Das sah vor 22 Jahren anders aus. Jörg und Frauke Hildebrandt legen ein bemerkenswertes Buch vor: Es gibt keine Tabus. Probleme der Vergangenheit, Sorgen der Gegenwart und Zukunftsaufgaben werden klar benannt. Die beiden Interviewer bohren, provozieren, streiten auch mal heftig mit den Gesprächspartnern. Aber auch untereinander mit interessanten Gegensätzen, z. B. zur Frage, ob es 1990 richtiger gewesen wäre, ehemalige SED-Mitglieder in die SPD aufzunehmen. Es ist ein spannendes Buch zur politischen Bildung. Ich habe es Abiturklassen empfohlen.

Mit 15 Gesprächspartnern aus Ost und West haben Jörg und Frauke Hildebrandt diskutiert und immer war Regine Hildebrandt mit am Tisch. Denn alle diesen Themen haben auch sie bewegt und häufig wird sie in den Gesprächen genannt. Regine Hildebrandt ist eben keine ferne historische Persönlichkeit, sondern sie steht mit ihren Ansichten und Erwartungen mitten unter unseren Sorgen und Hoffnungen. Wir erfahren hier einmal mehr ihre bleibende Aktualität!

Wir in Brandenburg fragen uns häufig, was hätte Regine Hildebrandt gesagt? Beim Flughafenbau hätte sie vermutlich geraten: „Jungs seid nicht so blauäugig, Ihr müsst doch wissen, wie hier gelogen wird!“ Aus voller Überzeugung wiederholte ich Günter Grass: „Ihr sollt sie nicht so viel ehren, sondern Euch nach ihr richten!“

Meine sehr verehrten Damen und Herren, Ich möchte Ihre Aufmerksamkeit auf vier Querschnittsthemen lenken, über die in diesem Buch Deutsche aus Ost und West sprachen und über die weiter gesprochen werden sollte im deutsch-deutschen Gespräch. Denn wir haben noch viel zu wenig miteinander gesprochen, wechselseitig wirklich zugehört und uns vorurteilsfrei zu verstehen versucht.

Thema 1: Die Art der Wiedervereinigung. Nicht aus Besserwisserei, sondern wegen der Langzeitwirkung. Christoph Hein stellt fest: „Die Sieger der Geschichte haben den Verlierern der Geschichte Vorschriften gemacht“. Und Friedhelm Hengsbach erinnert, „den DDR-Bürgern wurde der Eindruck vermittelt, dass Freiheit, Demokratie und Marktwirtschaft alles richten werden“. Jörg Hildebrandt aber ergänzt: „Übergestülpt haben wir uns den Westen jedenfalls ganz allein. Ein Segen, dass es so gekommen ist.“ „Aber aus der übergroßen Hoffnung ist übergroße Enttäuschung geworden“, sagt Christoph Hein. Jörg Hildebrandt illustriert mit den von ihm erfahrenen Konquistadoren-Allüren. Dazu Günter Grass „Es gab nur ganz wenige, die in der Phase der Erneuerung den Mut und die Erfahrung hatten, dem Westen zu widersprechen und ihn auf seine Überheblichkeit und Ahnungslosigkeit aufmerksam zu machen“, so wie Regine Hildebrandt es tat! Im MDR hörte ich damals den Spruch: Der Fuchs ist schlau und stellt sich dumm, beim Wessi ist das andersrum. Norbert Walter kritisiert, „die produktiven Menschen der neuen Bundesländer, mit Stolz und Leistungswillen, sind in viel zu geringem Umfang in die Gestaltungsprozesse einbezogen worden“. „Wir haben zu viele ostdeutsche Talente in diesem Prozess frustriert. Bei nicht wenigen wurde eine unnötige Antistimmung gegenüber der westdeutschen Gesellschaft verschuldet“. Lea Rosh bedauert: „die Menschen im Ost nehmen viel zu viel hin, nehmen es einfach hin“. „Verlierer der Einheit sind alleinstehende Frauen mit Kindern“, sagt Lothar Bisky. Aber auch dies sagt er: „Die westliche Demokratie bedeutet gegen den Realsozialismus rein zivilisatorisch wirklichen Fortschritt“.

Meine sehr verehrten Damen und Herren. Sie stimmen mir vielleicht zu, dass diese Zitate nicht nur zeitgeschichtliche Betrachtungen, sondern bleibende Herausforderungen sind!

Mein zweites Thema sind die Unterschiede zwischen Deutschen Ost und West. Wolfgang Huber berichtet von seinen Erfahrungen mit Mentalitätsunterschieden und Ulrike Poppe bringt das Beispiel: „Wenn man im Osten zu einer Sache schweigt, heißt das Ablehnung. Wenn man im Westen schweigt, heißt das Zustimmung“. Und weiter: „Im Westen Aufgewachsene können sich besser präsentieren, sich besser verkaufen: Ich kann alles, ich weiß alles.“ Egon Bahr beklagt, dass auch er die Unterschiedlichkeit der Mentalitäten unterschätzt habe und prophezeit: „Drei Generationen haben in den USA die Nord- und Südstaatler gebraucht, ehe sie einigermaßen zusammenfanden“. Mir sagte der Gouverneur von South Carolina 1990 auf meine Frage, ob 30 Jahre für die Angleichung von Ost und West in Deutschland reichen würden. „Wir haben 130 Jahre gebraucht!“ Frauke Hildebrandt fragt Günter Grass: „Bleiben die Lebens- und Geschichtserfahrungen der Ostdeutschen weitgehend unberücksichtigt?“

Meine sehr verehrten Damen und Herren, das Gespräch zwischen den Deutschen muss weitergehen. Es geht darum, unterschiedliche Prägungen und Verhaltensweisen zu verstehen und dabei zu lernen, wie Unterschiede auch Stärken bedeuten können.

Zum Beispiel können wir Ossis noch viel von der Weltoffenheit unserer westdeutschen Landsleute lernen, aber unsere Havarieerfahrungen sind in Globalisierungszeiten durchaus nützlich. Schließlich sind wir gemeinsam in den Bedrohungen der Gegenwart gefordert: Meinem 3. Thema. Hierzu kommen in dem Band viele Sorgen zu Ausdruck. Wir leben in einer Zeit, in der „die Politik nur der Spielraum ist, den die Wirtschaft zulässt“, wie Dieter Hildebrandt meint.

Und Friedhelm Hengsbach sagt, dass „das Finanzregime unter dem Diktat der sekundenschnellen Kursgewinne steht und eine neue soziale Marktwirtschaft mit marktradikalen, wirtschaftsliberalen Vorzeichen propagiert wird“. Gesine Schwan fürchtet: „Am Ende betrachtet sich jeder in Konkurrenz zum anderen: Der Mensch ist des Menschen Wolf“, und sie fährt fort, „dass diese Radikalisierung des Wirtschaftssystems und die kulturelle Radikalisierung zu Feindseligkeit und struktureller Verantwortungslosigkeit führt.“ „Soziale Explosionen“ hält Lothar Bisky für wahrscheinlich und Friedhelm Hengsbach mahnt, „die Klassenfrage ist nicht beseitigt“. Christian Führer ergänzt, „nichts ist mehr sicher. Das gibt ein absolut schräges Lebensgefühl. Natürlich Arbeitslosigkeit. Zweitens Krankheit und dann die Angst, dass das Geld verfällt.“

Zum 4. Thema Zukunft kommt in den Interviews neben Sorgen viel Hoffnung zum Ausdruck. So hofft Jens Reich: „Es ist noch nicht zu spät … Ein Bewusstseinswandel ist nicht ausgeschlossen und der muss zupackend in die Praxis umgesetzt werden … Das ist die Hoffnung auf Schwung für die Zukunft“. Christian Führer fordert, „Die Würde des Menschen muss unantastbar sein“ und er sieht nicht schwarz für die Zukunft. „Meine Verortung ist die Menschenwürde, da gibt es keine Diskussion und keine Abstriche“, erklärt Norbert Walter. Und Friedhelm Hengsbach fordert: „Für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, die ökologische Nachhaltigkeit und die basispolitische Beteiligung sollten wir uns noch viel stärker einschalten – in beiden Teilen Deutschlands“. Richard Schröder ergänzt, „zivilgesellschaftliche Strukturen, wo Bürger sich zu politischen oder auch nichtpolitischen Anlässen zusammenfinden, sind unaufgebbar. Davon sollte man recht viel haben“. „Das festigt die Demokratie und wehrt Extreme ab“, schätzt Egon Bahr ein. Er setzt auf eine Reformierbarkeit unseres Systems. Wolfgang Huber nennt als Ziel „eine international verantwortbare soziale Marktwirtschaft“ als Ausdruck auch seiner bestimmten und unbeugsamen Hoffnung.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich bremse mich, weitere wegweisende Worte aus den Interviews zu zitieren. Zumal ja auch noch andere reden werden. Aber eine Bemerkung lassen Sie mich bitte noch einbringen: Für das deutsch- deutsche Gespräch müssen wir beachten, dass es in der ehemaligen DDR eine geteilte Erinnerungskultur gibt. Einerseits die staatlich geförderte, medial unterstützte Darstellung der DDR als menschenverachtende, freiheitsberaubende, ja teuflische Diktatur. Andererseits wächst in vielen Familien bei der Jugend die Neigung zur Verharmlosung, ja Vergoldung der DDR. Auch das braucht noch viele Gespräche. Vielleicht beim Forum für Ostdeutschland? Aber bitte nicht von oben herab!

Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich wünsche uns einen spannenden Abend!

Berlin, 26. 9. 2012

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