Hochmut kommt vor dem Fall

· 26. August 2009   - 

Wieder einmal erleben wir den Versuch, die DDR total zu verteufeln. 1989 ging es um eine Verbesserung der DDR durch Freiheit, Mitbestimmung, Gerechtigkeit und effektiver Wirtschaft. Doch nach dem Beitritt zur Bundesrepublik wuchs die Neigung, kein einziges gutes Haar an dem untergegangenen Staat zu lassen. Vernichtungsurteile über die DDR sind zur gängigen Meinung in der Öffentlichkeit und in vielen Medien geworden. Eine genauere und differenziertere Beurteilung des zweiten deutschen Staates, der als Ergebnis der Hitlerverbrechen und Produkt des kalten Krieges entstand, wird verdächtigt und verunglimpft. Der Versuch, zwischen dem System und den in ihm lebenden Menschen zu unterscheiden, ist gescheitert. Die DDR als Hölle darzustellen, hat bei den 90 % ihrer damaligen Bewohner, die weder Opfer noch Täter waren, die Sorge bestärkt, schließlich doch noch für die Existenz dieses Staates irgendwie haftbar gemacht zu werden. Sie sind in der Öffentlichkeit nicht wahrnehmbar. Aber in Umfragen wird deutlich, dass mehr als die Hälfte der ehemaligen DDR-Bürger an ihrem früheren Staat auch gute Seiten sahen und sogar jeder Dritte mehr Gutes als Schlechtes an ihm fand. Manche Politiker, Journalisten, Historiker können sich mit solchen Ergebnissen nicht abfinden. Schließlich wollen sie mit ihrem westdeutsch geprägten Urteil über die DDR Recht behalten.

So kommt rechtzeitig die Debatte wieder auf, wie wir sie Anfang der 90er Jahre schon erlebten, dass die Menschen aus der ehemaligen DDR nicht nur zivilisatorisch ein halbes Jahrhundert zurückgeblieben und leistungsfeindlich sind, sondern vom System lebenslang geschädigt, seelisch verkrüppelt und der Religion und ihrer Werte beraubt wurden. Einer spricht aus, was wohl viele denken, dass 40 Jahre Indoktrination in der DDR Entkirchlichung, Entbürgerlichung und letztlich moralische Verwahrlosung bewirkt haben. Mit einer Wiederbelebung des Christentums müsse dem entgegengewirkt werden.

Richtig ist, dass die herrschende Meinung der staatsführenden SED gegenüber Kirche und Religion negativ war. Es hieß Kirche und Religion sind Relikte der Vergangenheit und zum Absterben verurteilt. Religion ist unwissenschaftlich, Opium für das Volk und zu dessen Unterdrückung von den Ausbeutern genutzt. Die Kirche in der DDR galt als 5. Kolonne des Klassenfeindes. Kirche und Christen waren also in doppelter Hinsicht Feinde: Im Kampf der Weltanschauungen und im Klassenkampf. Deshalb sollte der Untergang von Religion und Kirche beschleunigt werden. Mitgliedschaft in der Kirche behinderten die berufliche Entwicklung und der Kirchenaustritt wurde gefordert. Kirchliche Aktivitäten im sozialen und kulturellen Bereich wurden eingeschränkt. Vor allem der Einfluss der Kirche auf die Jugend sollte beseitigt werden. Der Religionsunterricht wurde aus den Schulen gedrängt, kirchliche Jugendveranstaltungen wurden behindert und der Konfirmation wurde die sozialistische Jugendweihe entgegengesetzt. Im Ergebnis verloren die Kirchen in der DDR schließlich zwei Drittel ihrer Mitglieder. Doch die Kirchenparlamente (Synoden) und Bischöfe – in Sachsen vor allem Gottfried Noth und Johannes Hempel – ließen sich durch die kirchenfeindliche Politik der SED nicht einschüchtern. Sie lehrten die Gemeinden, dass die Kirche bleiben wird, weil Gott sie will. Sie forderten die Christen auf, in Vertrauen auf Gottes Zusage für eine menschenwürdige und freie Gesellschaft einzutreten und dabei mit allen zusammenzuwirken, die für Frieden, Gerechtigkeit sowie die Erhalten der Natur eintreten. Für diese Zusammenarbeit könnten die Kirchen auch für Nichtchristen geöffnet werden. Das geschah und bewirkte vor 20 Jahren eine erfolgreiche friedliche Revolution, in deren Ergebnis Deutschland wiedervereinigt und nach 45 Jahren Fremdbestimmung zum gleichberechtigten Mitglied der Völkergemeinschaft wurde.

Der Anteil der nichtkirchlich gebundenen DDR-Bürger an der Entstehung eines neuen Deutschland ist groß und ich glaube sogar entscheidend, denn wenn es in den 80er Jahren der DDR nur streng gläubige Christen und brave Bürger gegeben hätte, wäre eine solche große Volksrevolution nicht möglich gewesen. Das Zusammenwirken von Christen, Humanisten und Atheisten hat Deutschland vor 20 Jahren verändert und die Zusammenarbeit von Christen, Humanisten und Atheisten hat in den letzten 20 Jahren den Wiederaufbau der ostdeutschen Länder getragen. Für Christen wäre es eine unangemessene Siegerhaltung, die Bedeutung der ostdeutschen nicht kirchlich gebundenen Bevölkerungsmehrheit zu verkennen. Das wäre Hochmut, der bekanntlich vor dem Fall kommt.

Heute stehen wir in einer Zeitenwende, die mit der Globalisierung der Realwirtschaft sowie der Finanzmärkte noch weitere Erschütterungen bringen wird. Alle Beruhigungsreden über das Ende der Krise und alle Versuche, aufkommende Sorgen mit Wohlstandsmeldungen zu dämpfen, werden das nicht verhindern. Wenn wir nicht dagegen arbeiten, wird die soziale Differenzierung wachsen, werden Menschen sich um ihre Zukunft sorgen und werden wir auch in Zukunft in West und Ost mit erschreckenden Beispielen von sozialer Verrohung konfrontiert werden. Auch darum geht es am 27. September. Der Markt allein wird es nicht richten, sagt unser Bundespräsident Horst Köhler, und ich stimme ihm zu. Die wirtschaftsliberale Lehre, dass es für alle nützlich ist, wenn der Einzelne unbeirrt sein eigenes Interesse verfolgt, ist falsch. Das lehren übrigens alle deutschen Kirchen. Der Zusammenhalt der Gesellschaft ist in dieser Umbruchsituation gefährdet, wenn nicht mehr für Arbeit, Bildung und Beteiligung getan wird.

Ggf. streichen: (Deshalb müssen Arbeitsplätze gehalten und neue geschaffen werden. Wo es zu wenig Arbeit gibt, müssen gemeinnützige Tätigkeiten mit öffentlichen Mitteln angeboten werden. Deshalb muss Bildung von der Kita bis ins gesamte Berufsleben als wichtige Zukunftshilfe gestärkt werden.)

Ggf. streichen: (Ganz entscheidend für den gesellschaftlichen Zusammenhalt ist es der Isolierung, Vereinzelung entgegenzuwirken. Sie erwächst häufig aus Arbeitslosigkeit und Armut. Wir brauchen eine Kultur des Hinschauens und Mitnehmens Gefährdeter. Die Beteiligung am gesellschaftlichen Leben mit seinen reichhaltigen Angeboten von Sportvereinen bis zu Kirchenveranstaltungen muss erleichtert werden.)

Wir müssen auch den Verführungskünsten extremistischer Populisten entgegenwirken, die Fremdenhass und Gewalt fordern. Da müssen alle Gutwilligen zusammen stehen unabhängig von ihrer christlichen oder humanistischen Grundüberzeugung. Gute Erfahrungen in ganz Deutschland zeigen, dass es gemeinsam möglich ist, Nöten und Gefahren zu widerstehen.

Die sturmerprobten Kirchen im Osten werden auch in veränderten Zeiten ihre Aufgabe gegenüber Gott und den Menschen treu bleiben. Sie haben breites Vertrauen in der Gesellschaft, sie gewinnen neue Mitglieder, die Konfirmandenzahlen steigen, ihre Schulen sind stark gefragt. Der christliche Glaube wird auch künftig Hoffnung und Orientierung geben aber auch Toleranz gegenüber Andersdenkenden zulassen.
(Sächsische Zeitung)