Jörg Hildebrandt – In verteilten Stolpe-Rollen: Lesung aus einem Buch, wie es das Leben geschrieben hat

· 30. März 2010   - 

Einführung in die Buchpräsentation „Wir haben noch so viel vor. Unser gemeinsamer Kampf gegen den Krebs“
von Ingrid und Manfred Stolpe

Potsdam, 26. März 2010

Gebeten worden bin ich um eine kurze Hinführung zu dem Buch, aus dem an diesem Abend gelesen wird. Der Auftrag ist ergangen an den Ehemann von Regine Hildebrandt, von der in diesem Buch sehr freundlich die Rede ist. Und so darf von mir auch erwartet werden eine knappe Anmerkung zu den Beziehungen zwischen den Hildebrandts und den Stolpes.

Aus der Feder Manfred Stolpes kenne ich ja nun schon einige Bücher. Eine kleine Auswahl: „Schwieriger Aufbruch“ (1992), „Sieben Jahre, sieben Brücken“ (1997), „Demokratie wagen“ (1994). Dazu durfte meine Frau sogar ein Vorwort schreiben. Heute also darf ich ein Vorwort sprechen.
Der erste Stolpe-Titel, den ich zur Hand nahm (und auch las) lautete „Den Menschen Hoffnung geben. Reden, Aufsätze, Interviews“ (1991), teils kirchenamtlich, teils landesväterlich, teils staatsmännisch, immer klüglich überlegt, immer diplomatisch abgewogen. Alles ein wenig wie erwartet, nicht eben überraschend, aber gut, es noch einmal zu wissen. Dicht am Menschen durchaus – doch mit gebotenem Diskretionsabstand. Und jetzt der (vorerst?) letzte Titel und erste Teamtitel mit Frau Ingrid Stolpe: „Wir haben noch so viel vor. Unser gemeinsamer Kampf gegen den Krebs“ (2010).
Liebes Ehepaar Stolpe. Ich glaubte bisher das Wichtigste über Sie schon erfahren zu haben – jedenfalls was ich für das Wichtigste hielt. Aber vieles, vieles von dem, was Sie da schildern, wusste ich ja noch gar nicht. Völlig unerwartete Lektüre. Eine ganz große Überraschung. Haben Sie sich das alles wirklich klüglich überlegt, diplomatisch abgewogen? Wir Leser und Leserinnen dürfen ganz nahe an Sie heran. Ich frage mich, wie das wohl zustande gekommen ist!
Ich denke so: Ein gemeinsames Buch soll es sein. Das wünscht sich nicht nur der eine Teil des Ehepaars, der Mann, das wünscht sich auch der Verlag. Die Frau will da noch nicht so recht. Schließlich lässt sie sich überreden (sagen wir „überzeugen“). Sie zu ihm:
„Manfred, du weißt, ich mache vor nichts Halt, was mir wichtig und richtig erscheint.“ Er zu ihr: „Okay, Ingrid, eine Zensur findet nicht statt, nicht durch mich. Aber dann, gut, dann verzichte auch ich diesmal auf die Zensur, auf meine Selbstzensur – ausnahmsweise.“ Im Buch liest sich das auf den Seiten 158/159 so (Beispiel Garderobenkauf):

Er: Ich komme mir immer vor wie ein sehr braver Hund, der zwar nicht draußen angebunden wird, sondern mit ins Geschäft, aber bloß nicht das Gesicht verziehen darf.
Sie: Und bloß nicht im Weg stehen sollte, wenn ich etwas probiere.
Er: Und wenn ich dann ganz besonderes Glück habe, werde ich aus meiner Ecke hervorgeholt und darf auch mal Rat geben. […]
Sie: Eigentlich entscheide ich ja sowieso vorher schon in der Umkleidekabine ohne dich.
Er: Ich bin also nur der Zweitgutachter.

Wie gut – und das macht das Buch doch erst so lesenswert, so staunenswert, so hilfreich!

Der hier spricht, ich wiederhole es, ist der Mann von Regine Hildebrandt, der unmissverständliche Worte ein Eheleben lang gewöhnt gewesen ist. Diese klare Ansprache gab es zwischen Regine und mir in den Beziehungen zueinander, sie gab es in den politischen Zuordnungen – sie gab es in Fragen von Leben und Tod. Ganz konkret: Krankheit Krebs.
Für mich nicht ganz unwesentlich, einmal nachzuhaken, wie sich diese drei Kernpunkte zwischen Hildebrandts und Stolpes „bilateral“ beschreiben lassen (einseitig natürlich, aus meiner Sicht).

Krankheit. Hier hat es, sooft Regine und Ärztin Stolpe einander begegnet sind, sehr nüchterne Erkundungen und Ratschläge gegeben, Beruhigungen wie Beunruhigungen – unsentimentale und illusionslose, aber heilsame Befunde. Das hat meine Frau an Ingrid Stolpe ungemein geschätzt, ich auch. Heute gehört Frau Stolpe der Jury des Regine-Hildebrandt-Preises an, den die Bundes-SPD jährlich vergibt. Auch für diesen Ihren Einsatz, liebe Frau Stolpe, sind meine Kinder und ich Ihnen sehr dankbar.

Politik. Hier kann ich sagen: jahrzehntelange Übereinstimmung – und nicht erst seit ’89/90. 1962 bereits bin ich dem Konsistorialassessor Stolpe begegnet, Rat suchend und Rat erhaltend. 1965 lande ich im Gefängnis – er sorgt dafür, dass ich auf die Fürbittliste der Berlin-Brandenburgischen Landeskirche gesetzt werde, dass sich Amnesty International um mich kümmert. Auch später gibt er viele nützliche Hilfestellungen.
Natürlich haben wir gewusst (und das auch von ihm erwartet), dass er auf alle staatlichen Stellen zugeht, einschließlich Staatssicherheit, nicht nur auf das Staatssekretariat für Kirchenfragen. Wir haben ihn darum nicht beneidet. Regine und ich waren empört, als die unsäglichen Intrigen und Beschuldigungen dann kein Ende nehmen durften, der vorsätzliche Rufmord, Stolpe sei wissentlich und willentlich Informant des MfS gewesen – blödsinnige, bösartige, ignorante Bezichtigungen. Für uns bedurfte es keiner Untersuchungsausschüsse, um zu der schlichten und selbstverständlichen Feststellung zu gelangen, Stolpe habe ausschließlich als Mann der Kirche gehandelt. Natürlich auf Messers Schneide, wie es diese Aufgabe mit sich bringt, wohl oder übel – die Aufgabe, Mittler zu sein zwischen Cherub und Beelzebub. Weniger lyrisch wird die Funktion im Buch benannt: „Fluch der Konspiration“ (Seite 99).
Aber auch politische Enttäuschungen will ich nicht verschweigen. Zwei seien genannt: 1985 die Sprengung unserer Versöhnungskirche in der Bernauer Straße. Und die Koalitionsentscheidung 1999 in Brandenburg. Beide Entschlüsse haben Regine und ich nicht akzeptiert, jedenfalls nicht als unabwendbare Notwendigkeiten, aber immerhin respektiert als
opportune Möglichkeit des Konsistorialpräsidenten bzw. Ministerpräsidenten zur Problemlösung – in Vollmacht der von ihm wahrgenommenen Verantwortung.
Geblieben ist bis zum Lebensschluss von Regine die absolute und krisenfeste Übereinstimmung beider, nämlich im unnachgiebigen Einsatz für die Bewältigung der drängenden Notstände im Land: Arbeitslosigkeit, Benachteiligung der Frauen, Rechtsextremismus. Als eine „politische Seelenverwandte“ (Seite 139) empfindet Manfred Stolpe seine Sozialministerin.

Und schließlich: Die privaten Beziehungen zwischen Hildebrandts und Stolpes. Da ist nicht viel zu berichten. Erstens gab’s dafür bei beiden Teilen nicht genügend Zeit. Zweitens war Verständigungsnachhilfe gar nicht nötig. Und drittens herrschte wohl auch die Erkenntnis vor – und da komme ich zum eingangs gegebenen Stichwort „Diskretionsabstand“ -, dass nur genügend Zwischenraum auch genügend Spielraum schafft für erfolgreiche wagemutige Arbeit.

Freiraum. Dieses Stichwort nennt Ingrid Stolpe gleich zu Beginn des Buches. Trotz vorrückenden Lebensalters, trotz Erkrankung wird er nicht enger dieser Freiraum, den sich beide nehmen und sich auch beide gönnen, sei es für getrennte Aufgaben mit getrennten Wegen, sei es – wie im Fall des vorliegenden Buches – für ein hilfreiches gemeinsames Projekt, nämlich mit Rat und Tat Menschen beizustehen, die bereits in ähnlicher Situation sind oder dereinst in diese Situation geraten könnten, Kampf führen zu müssen gegen den Krebs.
Mit Ihren Erinnerungen, Ermahnungen, Ermutigungen, liebes Ehepaar Stolpe, stärken Sie uns allen den müden Rücken, ob krebskrank oder nicht. Ich entdecke Regine: „Heute ist heute. Es lohnt der Tag. Und morgen wird es auch noch geben.“
Jetzt endlich aber gibt es die gemeinsame Lesung in verteilten Stolpe-Rollen – aus
einem Buch, wie es das Leben geschrieben hat.

Jörg Hildebrandt