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In meinen 30 Jahren im kirchlichen Dienst habe ich hautnah viele Bischöfe kennengelernt. Das waren sehr unterschiedliche Menschen. Ich erlebte starke Führungspersönlichkeiten, furchtlose Kämpfer, selbstbewusste Patriarchen, geschickte Diplomaten, einfühlsame Seelsorger und mitreißende Propheten. Allen gemein war, dass sie sich der besonderen Würde des Bischofsamtes bewusst waren und das auch deutlich machten. Weiterlesen

Ich bin auch gekommen, weil mir als Zeitzeuge sehr daran liegt, die Bedeutung von Zossen-Wünsdorf bei der friedlichen Revolution und der Wiedervereinigung zu erinnern.

Vor 25 Jahren hat das Volk der DDR sein Selbstbestimmungsrecht wahrgenommen, dadurch die deutsche Einheit ermöglicht und die Rückgabe der Souveränität an Deutschland durch die Siegermächte bewirkt.

1989 brach sich die Unzufriedenheit der DDR-Bevölkerung Bahn. Die Forderungen nach Reisefreiheit, Meinungsfreiheit, Mitbestimmung, eine unabhängige Gerichtsbarkeit und eine effektive Wirtschaft wurden unüberhörbar. Von September bis Dezember 1989 gingen von Rostock bis Plauen, von Halberstadt bis Zittau jeden Montag Hunderttausende mit der Forderung nach einer besseren DDR auf die Straße. Und auch in der Zossener Dreifaltigkeitskirche sammelten sich viele Menschen zum Protest. Weiterlesen

Helmut Schmidt, der unlängst am anderen Ende der Elbe in Hamburg seinen 90. Geburtstag feierte, sagte uns: „Eigentlich wollte ich diesen Trubel nicht, aber es ist doch schön, Euch zu treffen“.

Verehrter Landesbischof Johannes Hempel, ich kann mir vorstellen, dass Sie ähnlich denken.

Meine Herren Bischöfe,

meine sehr verehrten Damen und Herren,

liebe Schwestern und Brüder,

erlauben Sie mir, aus ganzem Herzen Dank zu sagen!

Ich war 3 Jahrzehnte für die Evangelische Kirche in der DDR tätig und habe gelernt, dass wir in einem kirchenfeindlichen System Gott und den Menschen viel wirksamer dienen können, wenn wir zusammenhalten, uns nicht auseinander dividieren lassen, konfessionelle und landsmannschaftliche Unterschiede nicht hochspielen. Das Herz dieser Zeugnis- und Dienstgemeinschaft schlug in Dresden und hatte die Namen Gottfried Noth, mit dem ich ein Jahrzehnt zusammen arbeiten durfte, und Johannes Hempel.

Johannes Hempel war unsere geistliche Autorität. Mit seiner Offenheit und Lauterkeit, seiner redlichen und bedachten Art, seinem sensiblen Achten auf das Wort hat er Menschen beeindruckt und gewonnen.

Johannes Hempel war geradezu allergisch gegen große Sprüche. Jedes Wort sollte auch durch die Person gedeckt sein. Was Johannes Hempel sagte, war echt und dazu stand er. Auf den Synoden des Kirchenbundes oder 1983 auf der EKD-Synode in Worms. Er litt, wenn seine Worte verdreht oder missdeutet wurden.

Aber im Bund der Evangelischen Kirche in der DDR genoss er absolutes Vertrauen.

Und das galt auch für die Sächsische Kirche, die in der Bundesleitung häufig als Troika Johannes Hempel, Kurt Damsch und Hans Cieslack auftrat.

„Hempels Meinung hat unter den DDR-Bischöfen erhebliches Gewicht“, urteilten damals die Brüder im Westen.

Die  besondere Gemeinschaft der Evangelischen Kirchen in der DDR mit den Evangelischen Kirchen in der damaligen Bundesrepublik hat Johannes Hempel aus tiefer Überzeugung mit großem Einsatz festgehalten und weiter entwickelt. Er legte Wert darauf, dass in den Ost-West-Beratungen nicht nur allgemein geredet, sondern Grundsatzfragen des Kirche-Seins in Ost und West behandelt wurden. Er nannte Unterschiede beim Namen und wurde gelegentlich unbequem, wo sonst Harmonie und Freundlichkeit gepflegt und Gegensätze leider überdeckt wurden.

Im Prozess der Wiedervereinigung der Kirchen 1990/91 mahnte Hempel, der Osten sollte nicht alles preisgeben, die Kirchen hier hätten in ihrem Dienst in einer säkularisierten Gesellschaft Erkenntnisse gewonnen, die auch künftig gebraucht werden.

Denn der Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR war nicht nur eine Abwehrgemeinschaft im feindlichen Umfeld, sondern lernte unter der ständigen Bedrohung aller Arbeitszweige der Kirche deren Notwendigkeit für den Auftrag der Kirche zu erkennen und weiter zu gestalten. Das Selbstverständnis des Kirchenbundes wurde 1972 in einer Arbeitsgruppe unter Leitung von Bischof Hempel beschrieben. Sie begründete die Überzeugung, dass sich die Kirche nicht auf Seelsorge und Gemeinnützigkeit beschneiden lassen dürfe, wie der Staat es forderte. Sondern im gesamten gesellschaftlichen Leben sollten Zeugnis und Dienst der Kirchen und der Christen wirksam werden.

Deshalb unterstützte Hempel die christliche Jugend mit ihrer vom Staat verfolgten Aktion „Schwerter zu Pflugscharen“. Das Symbol wurde in Brandenburg entwickelt und der Aufnäher in Sachsen produziert.

Johannes Hempel wollte wissen, wie konkret aus dem Glauben in eine politische Situation geredet werden müsse. Seine Rede auf der Bundessynode 1983 setzte Zeichen. Er hinterfragte die Bildungspolitik der DDR und brachte damit die Meinung vieler Menschen und vor allem Jugendlicher zum Ausdruck.

Staat und Partei fürchteten, die Kirche werde zur Opposition und gebe Aktionen Raum, die mit Fasten und Kerzendemonstration die sozialistische DDR untergraben würden.

Das sollten die Kirchen beenden. Johannes Hempel lehnte es ab, die aufbegehrenden Menschen unter dem Dach der Kirche zu disziplinieren. Er forderte mit der Leitung des Kirchenbundes den Staat auf, sich den offensichtlichen Problemen zu stellen und Abhilfe zu schaffen.

Das alles im Lutherjahr 1983, das zum Anfang des Umbruchs in der DDR wurde.

Ich hoffe sehr, dass die EKD beim Lutherjubiläum 2017 das Jahr 1983 in der DDR berücksichtigt.

Landesbischof Johannes Hempel und die Leitung des Kirchenbundes hielten den Kurs einer kritischen Solidarität, und wo nötig Distanz zum Staat, durch. Die Staatsmacht bewegte sich nicht. Die Unruhe der Menschen wuchs und entlud sich 1988, 1989.

Landesbischof Hempel und die Sächsische Kirche gaben mit der Öffnung der Kirchengebäude für Protestveranstaltungen die logistische und geistliche Basis für die friedliche Revolution. Die anderen Evangelischen Kirchen folgten.

Honecker wurde abgesetzt. Die Mauer fiel und die Wiedervereinigung kam.

 

Anrede

Johannes Hempel war nicht nur ein sehr guter Bischof in Sachsen, sondern er hielt die Evangelischen Kirchen in der DDR als Zeugnis- und Dienstgemeinschaft zusammen und bewirkte mit den gesellschaftlichen Umbruch.

Mich bewegt an diesem Tage vor allem der Dank an unseren Herrn, dass er uns ein viertel Jahrhundert diesen Vordenker, Vorarbeiter und Vorbeter gab.

Verehrter, lieber Bischof Johannes Hempel,

danke, dass Sie die Last getragen haben und trotz mancher mühsamen Debatten nicht gesagt haben „Macht Euren Dreck allene“. Das wird nicht  vergessen! Und ich habe die Hoffnung, dass Sie noch viele Jahre den Kirchen in Sachsen, in Deutschland, in der Ökumene Ratgeber und Vorbild sein werden.

Gott behüte Sie.

Ansprache am 2. Oktober 2013 anlässlich des Eintrages in das Goldene Buch der Landeshauptstadt Potsdam und zum Tag der Deutschen Einheit 2013

Danke!

Ich bin gerührt und verunsichert. Matthias Platzeck war wieder hervorragend und ich hoffe, dass er noch viele Jahre für Potsdam und Brandenburg wirkt. An welcher Stelle auch immer.

Diese Potsdamer Ehrung freut mich – und vielleicht habe ich sie verdient. Potsdam liebe ich sehr – wie wir Zugereisten das oft heftiger tun als die Hiergeborenen.
Ja – ich habe mich – oft unauffällig für diese Stadt eingesetzt.

In der Zeit der Teilung kamen Richard von Weizsäcker und ich zu der Überzeugung, dass der Turm der Sacrower Kirche im Niemandsland als Mahnmal erhalten bleiben muss. Er besorgte das Geld und ich die Genehmigung.

Das jährliche Adventssingen in dieser Kirche habe ich gern für Begegnungen von Ost- und West-Politikern genutzt. Zuletzt im Dezember 1989, als Hans Modrow und Richard von Weizsäcker sagten, die Wiedervereinigung kommt. Und die Akten stimmen, die beschreiben, dass ich bei der DDR-Spitze für die Städtepartnerschaft Potsdam – Bonn geworben habe. Denn die sahen darin eine Missachtung der Hauptstadt der DDR Berlin. Ich gestehe, dass ich Bonn klein und hässlich geredet habe.
Heute freue ich mich, dass diese Städtepartnerschaft unsere Einheit vorweg genommen hat und weiter aktiv ist.

Und während der friedlichen Revolution habe ich die Staatsmacht dringend gebeten, die Protestanführer Martin Kwaschik, Stefan Flade, Detlef Kaminski und Matthias Platzeck nicht zu verhaften.

Aber ich habe auch Niederlagen erlebt. So ist es mir nicht gelungen, Potsdam davon zu überzeugen, die Ufergrundstücke am Griebnitzsee zu kaufen oder die Chance mit mir als Bundesminister für Verkehr zu nutzen, einen dritten Havelübergang zu bauen. Peinlich ist mir eine dritte Potsdamer Niederlage, als ich der Stadt ein Kohlekraftwerk empfahl. Das hat Horst Gramlich zum Glück verhindert. In der Tat, mit Potsdam hatte ich zu tun und vielleicht kann ich auch künftig diskret nützlich sein.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,
Heute soll ich hier eine Festansprache zum Tag der Deutschen Einheit halten. Doch wir sind zu einem Festkonzert zusammengekommen. Und deshalb sollte die Rede kurz sein. Und ich will nur einige Bemerkungen zur deutschen Einheit und zu Potsdam machen.

Haben Sie schon einmal mit 20jährigen, 14jährigen, 9jährigen über die Wiedervereinigung gesprochen? Ich tue es gern und komme mir doch immer wie ein Märchenonkel vor. Die Umstände und Wirkungsfaktoren der Wiedervereinigung waren vielschichtig. Sie exakt und differenziert zu erklären, überfordert die meisten Zuhörer. Da ist die Beschreibung „Es war ein Wunder“ einfacher und nicht falsch. Aber auch ein Wunder braucht Wirkungsfaktoren und Potsdam ist daran beteiligt.

Unsere Militärhistoriker haben herausgefunden, dass das Kommando der Landstreitkräfte der DDR hier in Eiche festgelegt hatte, nicht gegen friedliche gewaltlose Proteste vorzugehen. Wichtige Sprecher des gewaltfreien Protestes kamen aus Potsdam. Als das Volk sein Selbstbestimmungsrecht wahrnahm und die Mauer stürmte, befürchteten die Vormächte USA und Sowjetunion einen Bürgerkrieg, der ihre Annäherungspolitik zunichte gemacht hätte. Hier im Untergeschoß dieser Kirche fragte uns der amerikanische Außenminister Baker um Rat. Wir konnten sagen, nur schnelle freie Wahlen helfen. Und den Sowjets sagten wir das auch.

Das Wunder der Einheit geschah im Rahmen der Annäherung der USA und der Sowjetunion mit dem unerwarteten Verzicht Gorbatschows der Sowjetunion auf ihre Vormachtstellung in Mitteleuropa. Es geschah während der Protestbewegungen in Mittelosteuropa und wurde durch die Besonnenheit der DDR-Militärführung sowie die Gewaltfreiheit der Proteste ermöglicht.

Es hätte auch ganz anders kommen können! Heute, am Geburtstag Mahatma Gandhis erinnere ich, dass er das Vorbild gewaltfreier Proteste war. Meine Angst vor einer
Wiederholung des Juni 1953 war begründet. Einige Spitzenfunktionäre der DDR-Führung wollten den Protest erdrücken und sahen in der Niederschlagung der Pekinger Proteste im Frühling 1989 die richtige Methode. Potsdamer SED-Funktionäre setzten im Oktober 1989 die Ablösung dieser Leute durch.

Anrede
Wir haben alle großes Glück gehabt und Potsdam ist seit dem vom Aschenputtel zur Prinzessin geworden. Potsdam ist die Gewinnerin der deutschen Einheit. Jetzt gleichgestellt mit Versailles. Potsdam wächst ungebremst und wird immer attraktiver und immer vielfältiger. Aber auch mit vielen profilierten Meinungen, die oft unnachgiebig auf ihren Positionen beharren. Und manchmal wächst aus Unkenntnis über die Gründe anderer Meinungen Unverständnis und Intoleranz.

Aus Stadtentwicklungsfragen werden Glaubensfragen, die auch von den unterschiedlichen Ost-West-Biografien geprägt sind. Dabei könnte hier in Potsdam geübt werden – offen, geduldig, verständnisvoll – ohne östliche Abwehrhaltung und westliche Belehrungen miteinander auf Augenhöhe zu reden. Dabei könnte die Einzigartigkeit und die Andersartigkeit der Lebenswege und Bedingungen im geteilten Deutschland verstanden und respektiert werden.

Es gab nicht den nur Goldenen Westen und nicht nur ein Groß-Gefängnis DDR. Das gelebte Leben der Einzelnen ist selten nur schwarz-weiß. Es lohnt darüber zu reden und einander zuzuhören. Friedrich Schorlemmer hat gesagt „Die Mauer ist wohl aus den Augen, aber nicht aus den Seelen. Wir brauchen ein großes Palaver über unsere unterschiedlichen Herkünfte, Geschichten, Prägungen, Träume, Verletzungen, Normen, Lebensweisen, Glücksvorstellungen“. In Potsdam kann das gelingen. Hier sind auf allen Seiten kluge, gesprächsfähige Menschen.

Und für die Gespräche gibt es konkrete Anlässe, etwa:

– für oder gegen das Hotel Mercure,
– für oder gegen das Versöhnungszentrum Garnison-Kirchturm,
– für oder gegen die Wiederherstellung des Stadtkanals.

Bei allem war ich dabei und gern würde ich mich an einem echten Dialog beteiligen, aber ungern an allwissenden Monologen, da ist mein Bedarf gedeckt. Potsdam wurde 1685 durch den Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm zum Vorort der Toleranz in Europa. Es wäre wunderbar, wenn wir diesem stolzen Erbe gerecht würden.

Anrede
Bitte erlauben Sie mir noch einige Hoffnungen und Wünsche an mein Potsdam zu nennen.
Bitte nicht vergessen, dass Potsdam Landeshauptstadt eines großen Flächenlandes mit sehr unterschiedlichen Entwicklungen ist. Potsdam wächst stark und ist die jüngste Großstadt Deutschlands. Aber in Zweidritteln des Landes schwächelt die Wirtschaft, wandert die Jugend ab.

Doch die meisten Brandenburger sind stolz auf ihre Hauptstadt. Potsdam ist die beste Visitenkarte Brandenburgs und selbst ein Parkeintritt würde das nicht ändern.
Potsdam ist Hoffnungsträgerin für das ganze Land Brandenburg. Aber alle sehen genau, was hier geschieht.

Erschrecken Sie unsere Brandenburger bitte nicht durch abgehobene und manchmal kleinkarierte Debatten. Der Erfolg Potsdams durch die deutsche Einheit ist auch Verpflichtung: Zum Beispiel Gartz und Ortrand, Meyenburg und Mühlberg, die 100 Städte und 3000 Dörfer des Landes nicht zu vergessen. Fahren Sie dort mal hin: Die freuen sich! Denn auch diese schönen alten Städte und Dörfer hat Potsdam als Landeshauptstadt durch die deutsche Einheit gewonnen.

Anrede
Die deutsche Einheit ist ein Glücksfall – aber auch eine ständige Aufgabe.

Gott segne unsere Stadt.

An Lothar König, seiner Entschlossenheit, für die erkannte Wahrheit den Kopf hinzuhalten, seiner Gabe, die Stimmung Jugendlicher aufzunehmen gegen alle Vorschriften zu vertreten, erleben wir den Typ des evangelischen Jugendpfarrers, wie er unter den bitteren Erfahrungen in der DDR geprägt wurde.

Religion und Kirche wurden von der DDR bekämpft. Die Religion galt dem kommunistischen Atheismus als unwissenschaftlich und gefährlich falsch. Sie sei zum Absterben verurteilt. Die Kirchen galten zudem wegen ihres gesamtdeutschen Zusammenhaltens als verlängerter Arm, als 5. Kolonne, des westdeutschen Klassenfeindes. Deshalb wurde alles getan, die Kirchen zu schwächen und aus der Gesellschaft zu verdrängen. Vor allem den Einfluss der Kirche auf die Jugend wollte Partei und Staat beseitigen. Misstrauisch, geradezu ängstlich wurde beobachtet, dass die Kirche flächendeckend und erfolgreich Jugendarbeit anbot und selbst in den kleinsten Dörfern jede Woche junge Leute freiwillig und begeistert zur Kirche kamen, nicht nur zum Singen und Bibel lesen, sondern auch zum freien diskutieren über Gott und die Welt. Das gab es sonst nirgendwo in der DDR! Die Attraktivität der kirchlichen Jugendarbeit hing auch davon ab, dass die Jugendpfarrer glaubwürdige, unangepasste Persönlichkeiten waren, die auch keine Scheu hatten, gegen die Staatsmacht und gelegentlich auch gegen die Amtskirche aufzutreten. In Konfliktsituationen mit der Staatsmacht gaben sie persönlich und furchtlos den bedrängten Jugendlichen Unterstützung.

Die Jugendpfarrer fielen häufig schon durch alternative Haartracht, Vollbärte, durch offene Meinungsäußerungen und auch theologische Provokationen auf. Sie bestärkten die Jugendlichen darin, nicht mit resignierender Vernünftigkeit den Lauf der Welt, die konkrete DDR-Gesellschaft für unabänderlich zu halten. Sie sahen in Jesus einen widerständigen, aber gewaltlosen Friedenstifter und fühlten sich zur Friedensarbeit verpflichtet. Die landesweite Aktion der evangelischen Jugendpfarrer „Frieden schaffen ohne Waffen“ war in der DDR in den achtziger Jahren der Anfang einer breiten Protestwelle. Sie wurde von der Staatsmacht brutal verfolgt. Doch die über eintausend evangelischen Jugendgruppen, die für Frieden, Umweltschutz und Gerechtigkeit eintraten, wurden zu Keimzellen einer Protestbewegung, die schließlich 1989 die DDR-Diktatur stürzte.

Evangelische Jugendpfarrer wie zum Beispiel Martin-Michael Passauer, Harald Bretschneider, Hans-Ulrich Schulz, Manfred Domrös, Reiner Eppelmann und Lothar König ermutigten tausende junge Menschen zum aufrechten Gang und waren Wegbereiter der friedlichen Revolution in der DDR.

Zur Friedensarbeit der kirchlichen Jugendarbeit gehörte auch die Auseinandersetzung mit dem zweiten Weltkrieg, dem Nazisystem und seinen unmenschlichen Gräueltaten, wie dem Massenmord an den Juden. In den Schulen der DDR wurde ein Antifaschismus verordnet, dessen Wirkung aber durch die Unglaubwürdigkeit des DDR-Systems nur gering war. In der
evangelischen Jugendarbeit wurde eine gründliche Auseinandersetzung mit dem Nazisystem geführt. Das Tagebuch der Anne Frank stand nicht auf dem schulischen Stundenplan, aber in den Jungen Gemeinden wurde es gelesen, diskutiert und befestigte eine tiefe Abneigung gegen die menschenfeindliche Naziherrschaft. In der evangelischen Jugendarbeit gab es eine wache Beobachtungs- und Protesthaltung gegen aufkommende Neo-Nazi-Parolen.

Auch heute kommt die dringend nötige zivilgesellschaftliche Wachsamkeit gegen Intoleranz, Rassismus und Gewalt oft aus der kirchlichen Jugendarbeit. Ich bin froh, dass sich Bündnisse für Toleranz und Demokratie aus kirchlichen Gruppen, Gewerkschaften, Parteien, Sport und Kultur gebildet haben und den Nazis entgegentreten. Ich habe Verständnis dafür, dass bei Aktionen gegen die Nazis in Ausnahmefällen auch Ordnungswidrigkeiten vorkommen.

Ich hoffe, dass in solchen Fällen Polizei und Justiz in ihren Entscheidungen die Motive des Anti-Nazi-Protestes berücksichtigen können und die antifaschistische Überzeugung der Demonstranten gegen das formell bestehende Meinungs- und Demonstrationsrecht der NeoNazis gerecht abwägen werden.

Für die Haltung der evangelischen Jugendpfarrer mit DDR-Erfahrung, für Lothar König, lege ich die Hand ins Feuer.

Manfred Stolpe

Der DDR-Volksaufstand vom 17. Juni 1953

Landtag Potsdam 5. Juni 2013


Danke für diese Ausstellung. Denn der 17. Juni 1953 ist nicht ferne Geschichte. Er ist Vergangenheit, die in die Gegenwart reicht und für die Zukunft wichtig ist.

Das Volk wurde im Juni 53 mit Panzern besiegt. Aber seine Forderungen nach Freiheit, freien Wahlen, Rechtsicherheit und Gerechtigkeit blieben bestehen.

Ich war im Juni 1953 17 Jahre alt, ein politisch sehr interessierter Schüler. 1952 hatte ich mit heißem Herzen Stalins Angebot an die Westmächte gehört, Deutschland wieder zu vereinigen, wenn es neutral bliebe. Wir alle in der Klasse und auch die Lehrer waren dafür! Nach der Ablehnung der Stalin-Note durch den Westen erlebten wir, wie die SED voll auf den Aufbau des Sozialismus steuerte. Ulbricht wollte schnell und unumkehrbar die DDR sowjetisieren, schaffte u. a. die Länder ab. Ich gehörte zur Jungen Gemeinde der Evangelischen Kirche und erlebte, wie wir als Tarnorganisation des westlichen Feindes wegen Spionage und Sabotage angegriffen wurden.

Alle Mitglieder der Jungen Gemeinden in den Abiturklassen wurden von meiner Greifswalder Oberschule entfernt. Ich war in der 10. Klasse. Unser Abzeichen, das Kreuz auf der Kugel, wurde dem Hakenkreuz gleichgestellt!

Ich erlebte, wie die große diakonische Anstalt Züssow beschlagnahmt wurde. In Brandenburg war es Lobetal. Ich erlebte wie Pfarrer verhaftet wurden, weil sie sich regierungskritisch geäußert hatten. Ich erlebte unmittelbar, wie der Bischof zur Polizei vorgeladen und bedroht wurde. Denn die Ev. Kirche war Klassenfeind Nr. 1 neben dem Sozialdemokratismus.
Ich erlebte, wie uns bekannte Handwerker mit Steuern kaputt gemacht wurden. Ich erlebte, wie unsere Bauern in die LPG gezwungen werden sollten.
Ich erlebte, wie die Arbeiter immer höhere Normen bei weniger Geld bekamen.

Ich erlebte, wie Westreisen erschwert wurden und ich nicht zu meiner sterbenden Großmutter nach Kiel durfte.
Und ich erlebte, wie die Unzufriedenheit von Tag zu Tag wuchs!

Die Lage war hochexplosiv. Dann starb im März 1953 der allmächtige Führer J. W. Stalin. Das ließ die Menschen hoffen und verunsicherte die SED, denn sie wussten, dass in Moskau unterschiedliche Meinungen zur Deutschland-Politik bestanden. Der KGB-Chef Berija kannte die Lage in der DDR und Ulbricht wurde Anfang Juni 53 nach Moskau bestellt und zur Mäßigung aufgefordert. Er musste gehorchen. Am 10. Juni 1953 lasen wir staunend in der Zeitung von einem Neuen Kurs, einer Wende um 180 Grad und tatsächlich wurden sofort die Pfarrer freigesetzt, die christlichen Abiturienten konnten zurückkommen, die diakonischen Einrichtungen wurden zurückgegeben. Aber die Arbeiter, Bauern und Handwerker merkten noch nichts vom Neuen Kurs. Im Gegenteil: die erhöhten Arbeitsnormen blieben.

Am 16./17. Juni explodierte die Lage. Die Bauarbeiter der Stalinallee und die Stahlarbeiter aus Hennigsdorf marschierten zur DDR-Regierungszentrale. Die westlichen Sender informierten über die Lage. Voran der RIAS mit seinem Redakteur Egon Bahr. Sie hetzten nicht auf, aber nun wussten es alle in der DDR und mehr als eine Million Menschen in allen Städten und vielen Dörfern demonstrierten gegen die Regierung.

Auch wir sagten „Spitzbart – Bauch und Brille sind nicht des Volkes Wille!“. Gemeint waren Ulbricht, Pieck und Grotewohl. Freie Wahlen war die Forderung! In Greifswald streikten die Arbeiter im größten Industriebetrieb, dem Reichsbahnausbesserungswerk. Die Schülerin Ingrid Ehrhardt, jetzt Stolpe, erlebte, wie in Jena die Parteizentrale gestürmt, Papiere und Schreibmaschinen auf die Straße geworfen wurden. Und sie erlebte, wie sowjetische Panzer die Menschen auseinandertrieben. Bei uns in Greifswald sperrte Marinepolizei das Werk ab. In Berlin wurden 600 sowjetische Panzer gegen die Demonstranten in Marsch gesetzt.

Die Revolution wurde erdrückt, aber ihre Ursachen blieben und die Hoffnung starb nicht! Sie lebte wieder stark auf 1956 und 1968 und starb auch 1961 nicht, als wir mit der Mauer eingesperrt wurden. Und immer rollten die Panzer!

Der 17. Juni 1953 hat eine Generation traumatisiert. Die Machthaber in der DDR bekamen eine dauerhafte Furcht vor der Urgewalt des Volkswillens und glaubten, „dass Nachgeben wie am 10. Juni 1953 die Revolution auslösen kann“. Das bestimmten1989 die alten Herren von 1953 Honecker, Mielke, Stoph.

Wir Verlierer von 1953 verinnerlichten, dass gegen Gewaltherrschaft kein offener Widerstand möglich ist, dass mit bloßen Händen keine Panzer aufzuhalten sind und dass Angriffe auf Parteizentralen, Steinwürfe, Brandstiftung nur willkommener Anlass zum Panzereinsatz sein werden.

Die nachwachsende Generation zeigte, dass auch friedlich, aber deutlich und öffentlich der Protest gezeigt werden kann. Die Aktion Schwerter zu Pflugscharen, Umweltaktionen, Blues-Messen, Friedensgebete und schließlich Protestzüge, bei denen Kerzen statt Steinen gehalten wurden.

Damit hatte das Politbüro der SED nicht gerechnet. Sie warteten auf Steinewerfer, Brandstifter, Angriffe auf Partei- und Stasi-Zentralen und griffen mit ihrer Übermacht nicht ein, riefen auch nicht die sowjetischen Waffenbrüder aus Wünsdorf.

Das Volk übernahm friedlich die Macht und nahm am 9. November mit dem Mauersturm seine Selbstbestimmung wahr. Das respektierten alle Siegermächte im Februar 1990 und ließen Freie Wahlen zu. Mit der freien Wahl am 18. März 1990 hatte die Revolution gesiegt.

Wir alle haben die Verpflichtung, die 1953 erdrückten Hoffnungen der Menschen auf Freiheit und Gerechtigkeit als Orientierung unseres politischen Handels anzunehmen.

Bischof Albrecht Schönherr, langjähriger Vorsitzender im Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR hat einmal Ludwig Große als den Löwen aus Thüringen bezeichnet und Schönherr hatte Recht:

Denn Ludwig Große stand mit Mut – und wenn nötig mit Lautstärke für die Freiheit der Kirche und den Schutz der Menschen in einem Staat, in dem Kirche und Religion doppelt Feinde waren. Die Religion galt als unwissenschaftlich und zum Absterben verurteilt. Wobei nachgeholfen werden sollte. Die Kirche galt wegen der Westkontakte als 5. Kolonne des Klassenfeindes.

Ludwig Große half mit, dass die acht evangelischen Landeskirchen eine feste Gemeinschaft wurden und dabei Thüringen von einem Sonderweg zu einem Herzstück des Kirchenbundes wurde, der in Verantwortung vor Gott und für die Menschen den Weg zwischen Anpassung und Verweigerung fand.

Seine Feinde fürchteten Ludwig Große. Seine Freunde schätzten seine Treue und Zuverlässigkeit: Denn er stand zu seinen Gemeinden, seinen Mitarbeitern, insbesondere in der Jugendarbeit. Ludwig Große vermittelte die Gewissheit, dass die Diktatur der SED nicht das Ende aller Wege Gottes mit seiner Gemeinde ist.

Die Protokolle der Synoden und Kirchenleitungen belegen sein Eintreten für Wahrheit und Gerechtigkeit. Seriöse Historiker, wie etwa Anke Silomon beschreiben Ludwig Großes Kampf von Tannroda über Saalfeld, Eisenach, Berlin, Görlitz, Dresden, Halle, Schwerin.

Und ich kann mit Goethe sagen, ich bin dabei gewesen!

Nur an zwei Ereignisse will ich erinnern: Als in den 70iger Jahren die christliche Jugend den aufrechten Gang für Frieden und Gerechtigkeit begann und deshalb wegen des Symbols „Schwerter zu Pflugscharen“ verfolgt wurde, stand Ludwig Große an ihrer Seite und verhinderte, dass Kirchleitungen und Synoden wegschauten und zu dem Unrecht schwiegen. Das war der Beginn des Umbruchs in der DDR mit den  Bemühungen der Kirche, den Staat zum Einlenken zu bewegen.

Und das zweite Schlüsselereignis war die Bundessynode in Eisenach im September 1989:

Der Staat und die SED waren nicht reformbereit. Der Kirchenbund kündigte die Verhandlungen mit dem Staat auf und forderte unverzüglich Meinungsfreiheit, freie Wahlen, unabhängige Gerichte, Reisefreiheit. Die Forderungen nannten auch das Neue Forum, der Demokratische Aufbruch, die neu gegründete DDR-SPD.

Die gewaltfreie Protestbewegung, die in aller Regel in den Kirchen begann, lähmte den Waffeneinsatz der Machthaber. Die DDR brach zusammen. Die Menschen stürmten die Mauer – wie einst in Paris die Bastille und die Siegermächte mussten die Selbstbestimmung des Volkes anerkennen: Schneller als wir alle dachten wurde die deutsche Einheit möglich.

Ludwig Große hat sofort erkannt, welche neuen Herausforderungen für Wahrheit und Gerechtigkeit nun kamen: Er kämpft gegen leichtfertige Urteile über die Vergangenheit. Er weiß, dass die Totalverteufelung der DDR zu einer gespaltenen Erinnerungskultur führt und damit zum Hindernis der inneren Einheit wird.

Er sieht mit Sorge die sozialen Verwerfungen, eine Spaltung der Gesellschaft in arm und reich, in blühende und sterbende Regionen. Und Ludwig Große weiß, dass die Kirchen wieder gefordert sind, für Wahrheit und Gerechtigkeit einzutreten. Und Ludwig Große weiß, dass die Kirchen und Gemeinschaften zusammenstehen müssen und so wie hier im Kleinen die Stadtkirchengemeinde und die Evangelische Allianz. Und im Großen die Evangelische und die Katholische Kirche. Gerade hier im Osten werden die Schwächen der Katholischen Kirche auch als unsere Schwächen gesehen. Wir leiden mit, wenn die Katholische Kirche leidet.

Und so wünschen wir dem Papst Benedikt zu seinem letzten Arbeitstag Gottes Geleit und seiner Kirche einen oekumenen Aufbruch.

Vor allem aber wünschen wir Ludwig Große Gesundheit, Mut und Klarheit. Denn wir brauchen Sie noch mindestens 20 Jahre!

Danke für die Kampfgemeinschaft und Freundschaft.

Danke Ihrer Familie, dass Sie Ihnen Kraft gab.

Gott segne Sie!

Albrecht Schönherr hat fast 100 Jahre in Brandenburg gelebt als Pfarrer, Bischof und Vorsitzender des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR. Aufgewachsen in Neuruppin, tätig in Brüssow, Eberswalde, Berlin und Brandenburg/Havel kannte und liebte er unser Land. Seine Heimat der Seen und Wälder war im vertraut. Er war in dieser eigenartigen Mischung aus Weltstadt und Bauerngemeinden verwurzelt. Das war das Feld, auf dem er sich bewähren sollte. Das war seine persönliche Glaubensüberzeugung. Besonders verbunden fühlte er sich mit dem Dom zu Brandenburg, der Mutterkirche dieses Landes. Anlässlich der Tausendjahrfeier des Bistums Brandenburg 1948 wurde er als Dompfarrer eingeführt und blieb dem Dom als Superintendent, später Dechant und Ehrendechant bis zu seinem Lebensende 2009 verbunden. Hier erlebte er die Wirklichkeit christlicher Existenz vor Ort mit all ihren Benachteiligungen und Hoffnungen direkt mit.

Albrecht Schönherr liebte die Menschen. Mit Theodor Fontane war er der Meinung, dass sie das Beste an Brandenburg sind. Er konnte zuhören, lernte selbst viel aus den Begegnungen und Gesprächen. Seine Aufmerksamkeit für den einzelnen Menschen war ein Markenzeichen seiner Arbeit. Albrecht Schönherr strahlte Ruhe aus und schuf Vertrauen. Er war ein unerschrockener, freier und offener Gesprächspartner der politischen Mächte. Von Statur und Auftreten war er eine Respektperson mit der Gabe, unbefangen auf Menschen zugehen zu können, sie freundlich aber unbeugsam zu beeindrucken und zu gewinnen. Vicco von Bülow war beeindruckt von „dem Zauber überraschender Verständigung“ mit Albrecht Schönherr.

Albrecht Schönherr hat in seinem Leben fünf politische Systeme und darunter zwei Diktaturen erlebt. Die Auseinandersetzung mit dem mörderischen Nazisystem war für ihn eine tiefgreifende Erfahrung. Er widersprach jeder Verharmlosung dieser blutigen Diktatur und hielt die Gleichsetzung der Diktaturen von Nazis und SED für unzulässig. Schönherrs Einstellung zur nationalsozialistischen Diktatur wurde durch den Theologen und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer geprägt, den die Nazihenker noch im April 1945 ermordeten. Von Bonhoeffer lernte er auch, dass Christen selbst in schwierigsten Situationen Hoffnung haben dürfen. Auch wenn der Weg steiler werde, gelte es, kräftig draufloszuschreiten im Blick auf neue weite Horizonte.

Das gab ihm die Kraft und die Hoffnung, im kirchenfeindlichen DDR-System nicht das Ende aller Wege Gottes mit seinem Volk zu sehen. Sehr früh erlebte Schönherr, welche Vorstellungen die herrschende kommunistische SED und der Staat DDR von Religion und Kirche hatte. Danach galten Religion und Kirche als Relikte der Vergangenheit, die zum Absterben verurteilt seien. Religion sei unwissenschaftlich und falsch. Opium für das Volk und zu dessen Unterdrückung von den früheren Ausbeutern genutzt. Die Kirche sei ein Instrument der früher herrschenden Klasse, der Kapitalisten und Großgrundbesitzer und in der DDR demzufolge die Fünfte Kolonne des westdeutschen Klassenfeindes. Kirche und Christen waren so in doppelter Hinsicht Feinde. Sowohl im Kampf der atheistischen Weltanschauung gegen die Religion als auch im Klassenkampf als Verbündete des westlichen Gegners. Dem erwarteten gesetzmäßigen Untergang von Religion und Kirche sollte nachgeholfen werden. Ihr Einfluss auf die Jugend bekämpft, kirchliche Aktivitäten in sozialen, kulturellen, wirtschaftlichen Bereich sollten eingeschränkt und ausgeschaltet werden. Kontakte zu den Kirchen in der Bundesrepublik Deutschland wurden möglichst verhindert. Eine massive Kirchenaustrittskampagne führte zu einem erheblichen Rückgang ihrer Mitgliederzahl. Religionsunterricht wurde aus den Schulen verbannt und christliche Eltern wurden aus den Elternbeiräten verdrängt. Christen wurden benachteiligt und in ihrem beruflichen Fortkommen behindert. Viele Christen fürchteten der kommunistischen Übermacht ausgeliefert zu sein und nicht wenige flohen in den Westen.

Damit wollte sich Albrecht Schönherr nicht abfinden. Denn er war überzeugt, dass es falsch ist, nur über böse Entwicklungen zu klagen und sich in eine „Welt-Ängstlichkeit“ zu bewegen. Während für viele christliche Amtsträger der atheistische Charakter  der SED  Grund war, möglichst wenig mit Staat und Gesellschaft der DDR zu tun zu haben, sah Schönherr in der DDR keinen „weißen Fleck in der Landkarte Gottes“. Deshalb sollte man den politisch Verantwortlichen nicht aus dem Wege gehen, sondern sie vielmehr fragen, wo der Platz der Christen in der sozialistischen DDR sei. Kirche und Christen sollen sich vor Resignation hüten. Schönherr warnte vor Berührungsängsten. Im Verhältnis zum Staat DDR wollte Schönherr aus der politischen Verdächtigung als Klassenfeind, Handlanger des Westens heraus kommen und so die Angriffsfläche gegen Kirche und Christen mindern. Er sah die Gefahren einer totalen Anpassung einerseits und der ständigen Verweigerung andererseits. Er wollte kein „Partisan des Westens“ sein, sondern mit beiden Beinen in der DDR leben aber als Christ. Die Staats- und Parteifunktionäre sollten zur Kenntnis nehmen, dass zum Christ sein aber nicht nur das Beten, sondern das Tun des Gerechten unter den Menschen gehört. Die Kirche sollte nicht Kirche neben, nicht gegen, sondern im Sozialismus sein. Sie sollte bei den Menschen sein, die in dieser sozialistischen Gesellschaft leben mussten. Kirche im Sozialismus  bedeutete den Anspruch zur Mitgestaltung der Gesellschaft. Das sah die atheistische Ideologie nicht vor. Duldung der Kirche als gesellschaftliche Realität sei denkbar, aber nicht deren Ausbreitung und Zukunftsmitgestaltung sowie die Inanspruchnahme des Begriffes Sozialismus durch die Kirche. Die SED hat äußerst aggressiv reagiert als von Seiten der Kirche vom verbesserlichen Sozialismus gesprochen wurde und sah darin eine Unterwanderung der sozialistischen DDR. Tatsächlich gelang es Albrecht Schönherr, das politische Feindbild der SED gegenüber der Kirche zu mindern und eine größere Eigenständigkeit mit Freiräumen auch für gesellschaftskritische Debatten in den Kirchen zu ermöglichen. So konnten in den 80er Jahren in den evangelischen Kirchen weit über eintausend Gruppen entstehen, die sich mit Fragen der Gerechtigkeit, der Umwelt und des Friedens befassten. Aus ihnen wuchs dann bei wachsender Unzufriedenheit mit der Reformunfähigkeit der DDR-Führung der Druck zu einem Umbruch der Verhältnisse einer friedlichen Revolution.

Auch die Ostpolitik Willy Brandts der Wandel durch Annäherung trug erheblich dazu bei, dass die Haltung des DDR-Staates gegenüber der Kirche flexibler wurde. Albrecht Schönherr hat Willy Brandt mehrfach getroffen. Für beide war die Zusammengehörigkeit der Deutschen eine Selbstverständlichkeit. Nach Kontakten mit Bundeskanzler Helmut Schmidt ergab sich

z. B. 1980, dass Schönherr jede Möglichkeit nutzte, um die DDR-Führung vor einem Einmarsch in Polen zur Unterdrückung der Solidarnosc-Bewegung zu warnen. Schönherr tat dies auch auf dem Hintergrund seiner vielfältigen Kontakte nach Polen und seiner Wertschätzung für diese Nachbarn. Schönherr unterstützte die kontinuierlichen Gespräche der Evangelischen Kirchen der DDR und der BRD, ihrer Leitungen, ihrer Fachgremien und vieler Tausend Ost-West-Gemeindetreffen. Die evangelische Kirche war eine Brücke zwischen Ost und West.

Erhard Eppler erlebte Albrecht Schönherr als den Bischof, der seine Kirche führen, zusammenhalten, verteidigen musste in einem Staat, nach dessen Doktrin es gar keine Kirche mehr geben sollte. Ein Bischof, der, wenn er etwas sagte, der ganz dahinter stand, der verbindlich oder gar nicht redete.

Albrecht Schönherr empfand die DDR-Zeit im Sinne Bonhoeffers nicht als verlorene Zeit, denn verloren wäre die Zeit, in der wir nicht als Menschen gelebt, Erfahrungen gemacht, gelernt, geschaffen, genossen und gelitten hätten. Verlorene Zeit ist unausgefüllte leere Zeit. Das sind die vergangenen Jahre gewiss nicht gewesen.

Nach dem Zusammenbruch der DDR und der Wiedervereinigung forderte Schönherr, die DDR-Vergangenheit umfassend und historisch gerecht zu beurteilen sowie Pauschalierungen zu unterlassen. Stasi-Aufzeichnungen und Aktennotizen von Funktionären reichten zur wirklichen Aufarbeitung nicht aus und würden nur die Kluft zwischen Ost und West vertiefen. Schönherr wollte, dass die, die in der DDR gelebt haben, nicht an den Pranger gestellt werden.

Schönherrs historisches Verdienst besteht in seinem Eintreten dafür, dass Christen sich in der DDR nicht ängstlich hinter Kirchenmauern zurückzogen, sondern in die Gesellschaft hinein wirkten und sie schließlich veränderten. In der Zeit der deutschen Teilung half er entscheidend mit, dass die Evangelische Kirche eine Brücke zwischen den deutschen Staaten blieb. Sie hat Gemeinschaft bewahrt und konnte nach 1990 Mitgestalterin des Zusammenwachsens von Ost und West werden. Wir können stolz auf den Brandenburger Albrecht Schönherr sein.

Stiftung Großes Waisenhaus. Potsdam – 12. September 2012

(Es gilt das gesprochene Wort)

Herr Staatssekretär,
meine sehr verehrten Damen und Herren,

herzlichen Dank, dass dieses Haus wieder für eine ganz besondere Ausstellung zur Verfügung steht!

Ich freue mich, dass die Gemeinsame Landesplanung Berlin-Brandenburg die Kunst in ihren Arbeitsauftrag mit einbezieht! Und das ist richtig so!

Denn in dieser Metropolenregion Berlin-Brandenburg gibt es viele technische Faktoren der Zusammengehörigkeit, natürlich die Verkehrs-, Entwicklungs- und Siedlungsplanung – vom Flughafen will ich gar nicht reden, der kommt gewiss. Alle Großprojekte haben Planungsschwierigkeiten, dauern länger und werden teurer. Ich weiß wovon ich rede: Meine LKW-Maut hatte 18 Monate Verspätung, aber heute ist sie weltspitze!

Aber Technik alleine bringt die Region Berlin-Brandenburg nicht zusammen. Die Seele muss gesucht werden! Das können nur Künstler. Bei Musik und Text kann es auch daneben gehen, die Malerei kann am besten helfen, die Seelen übereinstimmend zum Klingen zu bringen. Der Gemeinsamen Landesplanungsabteilung Berlin-Brandenburg ist es gelungen, drei interessante, unterschiedliche Maler zusammenzubringen: Hanne Pluns, Roland Korn und Hartmut Meyer, alle drei leben in Brandenburg und sind doch auch Berliner!

Roland Korn, im thüringischen Saaletal geboren, hat das Zentrum Berlins gestaltet. Schauen Sie auf „Stadtzentrum mit Fernsehturm und Kreuz“! Sein bekanntester Bau ist das Staatsratsgebäude. Ich habe das Haus bei Erich Honecker und Gerhard Schröder kennen und schätzen gelernt. Ich freue mich, dass dieses Gebäude nicht dem „Bildersturm“ zum Opfer fiel, und es auch nicht durch einen Kubus zugestellt wird. Roland Korn gestaltete den Alexanderplatz um und baute den Kern Berlins um das Nikolai-Viertel wieder auf.

Der Planer und Gestalter Roland Korn sucht Ausgleich als Maler. Seine Bilder stellen Motive aus seinem Lebensumfeld dar, Landschaften, Stillleben, Blumen und Portraits. Seine Stadtaquarelle haben neben dem künstlerischen Wert hohe dokumentarische Bedeutung. Sie erinnern an Bauten, die Ostberlin bestimmten, aber in den letzten 20 Jahren verschwunden sind: den Palast der Republik, die Kreuzung Friedrichstraße/ Unter den Linden und mein geliebtes Ahornblatt. Eine Spitzenleistung von Ulrich Müther. Ich war so stolz, dass ich in diese sozialistische Betriebsgaststätte auch kirchliche Mitarbeiter hineinbekommen habe.

Hanne Pluns, in Wriezen geboren, in früher Kindheit vom Oderbruch geprägt, kehrte nach erfolgreicher Westwanderung in ihre alte Heimat zurück. Die studierte Malerin und Zeichnerin ist mit ihrem Kunstschaffen ständig unterwegs, um ihren Horizont zu erweitern, um Orientierung zu suchen und neue Erkenntnisse zu gewinnen: in der Malerei, in Radierungen, aber auch in Tonschöpfungen, Bronzewerken.
Heike Mildner hat Hanne Pluns beschrieben mit ihren gegenständlichen Motiven, Landschaften und Stillleben, ihrem späteren expressiven Farbauftrag und dann der Gabe, Gegenständliches darzustellen, Ebenen nur anzudeuten, einer zurückhaltenden Farbgestaltung und einer Tendenz zu Pastelltönen. Und so überrascht die Frage nicht, ob es sich bei diesen unterschiedlichen Werken um dieselbe Künstlerin handelt. Mich hat bei Hanne Pluns besonders beeindruckt das Bild „Ob Land, ob Meer“, wo abstrakte und gegenständliche Malerei wirken. Und „Das Oderbruch“ mit der bedrängenden Nähe und der befreienden Weite. Meditation ihre Bilder „Die Schöpfung“ und „Bewegung“.

Hartmut Meyer, im thüringischen Saaletal aufgewachsen, vermisst bis heute die liebliche Landschaft seiner Heimat, die stolzen Burgen an der Saale hellem Strande. Solange er im Stress des Arbeitslebens stand, konnte er das nicht kompensieren. Weder als Leiter des 1. Rechenzentrums der DDR noch als Chef eines Baukombinates. Erst recht nicht als Politiker der ersten Stunde 1990: Landrat im Oderbruch – einem Himmelfahrtskommando, oder fünfzehn Jahren als Minister für Stadtentwicklung, Wohnen und Verkehr in Brandenburg. Da rettete er 35 Altstadtkerne und bewahrte durch ein Stadtumbau-Programm Neubaugebiete vor der Verwahrlosung. Doch in diesen 30 brandenburgischen Fronjahren bewegte er sich in seinem Brandenburg-Bild von Heinrich von Kleist zu Theodor Fontane. Kleist, der unser Brandenburg einen langweiligen Landstrich nannte, bei dessen Erschaffung der liebe Gott offenbar eingeschlafen war. Und Fontane, der auf reizvolle Motive in Brandenburgs Dörfern, Seen, und Landschaften hinwies.

Hartmut Meyer begann zu malen! Nicht die Heidecksburg bei Rudolstadt oder die Dornburger Schlösser an der Saale, sondern einfach Schönheiten unserer Region. Ich war verblüfft und begeistert, als er mir zum 60. Geburtstag statt der sonst üblichen Cognacflasche ein kleines Bild vom Schloss Rheinsberg schenkte – Meyer malt! Zunächst gelegentlich, seit Ende des Berufslebens zahlreicher bringt Hartmut Meyer uns Brandenburg nahe, immer wieder Ostbrandenburg. Er trifft die Stimmungen, unterscheidet die Jahreszeiten. Sein Oderhochwasser geht nicht nur den Betroffenen nahe. Die Vielfalt in Farbe und Licht beeindruckt. Und häufig Rapsfelder, Wege und Weiten. Besonders empfehlen möchte ich Ihnen den Weg ganz nach oben in diesem Haus. Da erwartet Sie eine Meyersche „Mohn-Orgie“, geradezu wie einen Altar: Fünf Mohnbilder zusammengestellt.

Der Hobbymaler Meyer ist noch auf der Suche. Aquarell, Acryl, Bleistift, Kreide, Grafik: Lieber Hartmut, wohin wird die Reise gehen? Ins Abstrakte? Vielleicht entwickelt sich ein Quereinsteiger-Genie? Seine Lust am Ausdruck, sein Drängen auf Gestaltung und seine erstaunliche Begabung sind gute Voraussetzungen dafür!

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

diese Ausstellung bringt eine freischaffende studierte Künstlerin und zwei Hobbymaler zusammen. Danken wir allen, auch Ihnen, Frau Pluns, dass das möglich wurde. Interessant, welche Perspektiven die Künstler einbringen. Hartmut Meyer liebt die Zentralperspektiven, Roland Korn nutzt breite Perspektive bis zur Vogelschau. Und Hanne Pluns überwindet künstlerisch herkömmliche Regeln, setzt den Horizont hoch und lässt das Davorliegende gelegentlich im Perspektivlosen verschwinden.

Die Ausstellung bringt uns die Vielfalt der Hauptstadtregion Berlin-Brandenburg nahe. Lässt uns die Spannung von Dynamik und Stille und so unsere Stärke spüren.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

ich hoffe, dass viele Brandenburgerinnen und Berlinerinnen, Brandenburger und Berliner in dieser Ausstellung die Kraft und Zusammengehörigkeit unserer Region Berlin-Brandenburg verstehen lernen!

Dank und Erfolg den Künstlern. Und Ihnen allen ein wertvolles Kunsterlebnis!

Frage 62 des Heidelberger Katechismus: Warum können aber unsere guten Werke nicht die Gerechtigkeit vor Gott oder ein Stück derselben sein?

Von des Menschen Elend, Erlösung und Dankbarkeit – so lauten die drei Hauptstücke des Heidelberger Katechismus. Die mir zugedachte Frage 62 fällt in den Komplex „Gottes Gerechtigkeit und unsere Werke“. Der Gedankengang ist folgender: Gerechtigkeit vor Gott erlangt der Mensch ohne Werke – allein durch Gnade (Frage 60 f.). Dieses Geschenk darf ihn aber nicht „leichtfertig und gewissenlos“ werden lassen, sondern soll zu dankbarem Engagement führen (63f.). Deshalb erwähnt bereits Frage 64 als Folge der Rechtfertigung die „Früchte der Dankbarkeit“. Dazu heißt es im dritten Teil des Katechismus („Von der Dankbarkeit“): Wir, die Gerechtfertigten, sollen gute Werke tun: (1) um uns „dankbar gegen Gott für seine Wohltat“ zu erweisen, (2) damit er „durch uns gepriesen wird“, (3) wir selbst „unsers Glaubens aus seinen Früchten gewiß werden“ und (4) „unsern Nächsten auch für Christus gewinnen“ (Frage 86 ff.).

Das ist das große Ganze, in das wir durch die Tür von Frage 62 eintreten. Dankbarkeit soll deshalb auch das Motto sein, unter dem ich von der gemeinsamen Zeit mit Bischof i. R. Dr. Engelhardt berichten will: Er war ab 1980 Landesbischof der Evangelischen Landeskirche Baden und ab 1991 Ratsvorsitzender der EKD – ich war beim ostdeutschen Kirchenbund tätig und ab 1982 bei der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg (Ost). Baden und Berlin-Brandenburg waren Partnerkirchen. Die Kirche war „die einzige Klammer, die es in unserem Volk zwischen Ost und West gab. Jede Landeskirche hatte eine Partnerkirche in der damaligen DDR, auf allen Ebenen unseres kirchlichen Lebens gab es Begegnungen, von der Gemeinde bis zur landeskirchlichen Leitung. Das ist über 40 Jahre gewachsen.“[1]

Noch heute sehe ich Bischof Engelhardt als Gast in einer Potsdamer Kirchengemeinde. Es war das Revolutions-Jahr 1989. Bei den Kommunalwahlen im Mai hatte es staatlicherseits Fälschungen gegeben. Eine politisch hochexplosive Spannung lag in der Luft. Auch die vielen jungen Menschen, die zu diesem Ost-West-Gemeindetreffen gekommen waren, drängten auf schnellen Umbruch. Sie wollten ihrem Leben neuen Sinn und der Gesellschaft eine Wende zum Guten geben.

Dazu schreibt Engelhardt später: „Nach den Kommunalwahlen in der DDR 1989 besuchte eine Delegation der badischen Kirchenleitung die berlin-brandenburgische Kirche. In einer Sitzung unter Leitung des damaligen Bischofs Forck wurde über Proteste berichtet, es gab Vorwürfe der Wahlmanipulation. Mich hat überrascht, mit welcher Eindringlichkeit das von der Kirchenleitung besprochen wurde, und dass Konsistorialpräsident Manfred Stolpe vom Bischof beauftragt wurde, sich um diese Angelegenheit zu kümmern. Man wusste, Stolpe hat Kontakte zu SED-Stellen, die immer wieder in Anspruch genommen wurden. Auch dass wir ohne weiteres einreisen konnten und uns in der DDR bewegen konnten – da stand im Hintergrund der Einfluss von Manfred Stolpe. Er war für mich ganz klar ein Mann der Kirche, bei allen Kontakten, die er hatte.“[2]

Engelhardt verstand wie kaum ein anderer zuzuhören. Und was er erlebte, bewegte sein Herz. Auch in dieser Phase des Gärens und Drängens stellte er sich uns als Mitbetroffener zur Seite. Zurückhaltend, aber klar, reagierte er. Er wollte Partner sein – nicht von oben herab, nicht bevormundend, sondern auf gleicher Augenhöhe. Wir spürten: Hier machen Menschen aus dem Westen unsere Anliegen zu ihren eigenen, ohne sich über uns zu erheben. Das war gelebte Geschwisterlichkeit, Solidarität. Das galt viel – 1989 ebenso wie heute. Denn: „Noch immer fühlen sich viele benachteiligt, noch immer gibt es unausrottbare Vorurteile, Fremdheit und Hürden. Sowohl im Westen als auch im Osten… Eine vollendete Einheit sieht anders aus.“[3]

Die Geschwister aus Baden kamen uns nahe: als Hörende und Begleitende. Unvergessen bleibt ein intensives Gespräch am 12. Oktober 1984: Bischof Klaus Engelhardt und mehrere Begleiter aus Baden waren mit Bischof Dr. Forck und weiteren Berlin-Brandenburger Kirchenvertretern in unserer Potsdamer Wohnung zusammengekommen. War es die sonst große räumliche Distanz, die füreinander besonders aufgeschlossen machte? War es die liebenswürdige „badische Lebensart“, die eine so wohltuende menschliche Nähe ermöglichte? Oder war es nicht auch die tiefempfundene Gemeinschaft des Glaubens, die wir nicht nur im Gottesdienst bekannten, sondern erleben durften?

Und uns wurde vielfach geholfen – auch mit Geld und mit Sachspenden. Mal waren es in der DDR nicht zu erhaltende Materialien für den Kirchbau, dann die Vervielfältigungstechnik für Gemeindebriefe. Besonders beliebt waren die zeitgemäßen Notenbücher für den Posaunenchor. Das alles war wichtig. Und ist es heute noch. Dank finanzieller Unterstützung aus Baden wurden im Jahr 2010 Instandsetzungsarbeiten an erhaltenswerten Kirchen in Lychen, in Wusterhausen und in Trebbin durchgeführt. Denn auch in Brandenburgs ländlichen Regionen soll das aus Stein und Ziegel erbaute Glaubenszeugnis nicht verstummen. „Da, wo es praktisch und konkret ist, setzen Bürger sich ein… An der Basis wird um die Einheit gerungen, und das klappt auch in der Regel.“[4]

Aber mehr noch: Während der Gespräche um die Wiedervereinigung der EKD hat Bischof Engelhardt als Ratsvorsitzender Achtung vor unserer im Osten gewachsenen Art, Kirche zu sein, zum Ausdruck gebracht – bis dahin, dass er zuweilen mit fragendem Blick die Impulse, die von uns ausgingen, aufnahm: „Warum haben sich die östlichen Landeskirchen mit Kirchensteuer, Religionsunterricht und Militärseelsorge so schwer getan und in erster Linie nur die Gefahr einer Abhängigkeit der Kirche vom Staat gesehen, nachdem sie in dieser Hinsicht vor der Wende unbekümmerter waren und sich eine gehörige Portion Unbefangenheit bewahrt hatten? Es bleibt für mich ein nicht auflösbarer Widerspruch zwischen Öffentlichkeitszuwendung vor der Wende und Öffentlichkeitsscheu nach der Wende.“[5]

Zurück zu Frage 62 aus dem Heidelberger Katechismus. In ihrem Licht muss jetzt ergänzt werden: Bei aller tiefen Dankbarkeit – zur Rechtfertigung vor Gott kann, gemäß reformatorischer Grundüberzeugung, die anrührende Treue Bischof Engelhardts nicht dienen. Aber dadurch wird sie in nichts entwertet! Denn die Rechtfertigung ist ihm bereits zuteil geworden, ehe er etwas für Kirche und Christen im Osten tun konnte. Gottes Ja geht voraus. „Der Glaube sagt: Du brauchst dir nicht ständig den Puls zu fühlen. Das gibt Freiheit und Selbstbewusstsein und eine innere Gelöstheit, Verantwortung in der Welt zu übernehmen.“[6]

Sein vom Kreisen um sich selbst befreiter Glaube hat Bischof Engelhardt gewiesen auf den Weg der selbst-losen Stärkung jener „besonderen Gemeinschaft“, die uns Christen in der DDR mit den Geschwistern der EKD über Mauer und Stacheldraht hinweg verband. Mit Zustimmung hat er unser Bemühen um Zeitgenossenschaft wahrgenommen: „Die Kirchen in der ehemaligen DDR… haben sich darum bemüht, Gemeinde Jesu in der atheistischen Gesellschaft zu sein. Kirche als Lerngemeinschaft: Das muss in unseren Landeskirchen und in der EKD wichtig bleiben“, erklärte er 1994.[7] Und wie sehr war er bestrebt, nach dem Wunder der „Friedlichen Revolution“ den Prozess des Zusammenführens von Kirche-Ost und Kirche-West achtsam im Blick auf diejenigen Bedingungen zu gestalten, unter denen wir als Zeugnis- und Dienstgemeinschaft gelebt hatten. „Trotz Zeitnot und Entscheidungsdruck hätten wir uns in Ost und West intensiver um die Denkweise der Schwestern und Brüder aus dem je anderen Teil Deutschlands hineindenken müssen… Wir im Westen hätten deutlicher anerkennen müssen, welche seelische Leistung die Menschen im Osten erbracht haben, als sie sich völlig unerwartet von einem Tag auf den anderen auf total neue Lebensverhältnisse umstellen mussten.“[8]

Die Beteiligten in Berlin-Brandenburg haben das geschwisterliche Agieren von Bischof i. R. Dr. Engelhardt als wohltuend empfunden. Als Richtschnur galten Respekt und Solidarität. „Mit Geduld und vielleicht auch viel Liebe haben wir es geschafft“, beschrieb treffend der damalige EKD-Synoden-Präses Jürgen Schmude das Miteinander der Kirchen während des Einigungsprozesses.[9]

Anlässlich des 80. Geburtstages von Bischof i. R. Dr. Klaus Engelhardt dürfen wir von Herzen dankbar zurückblicken auf sein eindrucksvolles Lebenswerk. Es ist eine Frucht, die erwachsen ist aus dem Glauben an Gottes rechtfertigende Gnade, „denn es ist unmöglich, dass Menschen, die Christus durch wahren Glauben eingepflanzt sind, nicht Frucht der Dankbarkeit bringen.“[10]



[1]  EKD-Interview mit Engelhardt, in: EKD-Meldungen vom 20.01.2010

[2]  Ebd

[3]  Beatrice von Weizsäcker: Die Unvollendete, 55, Lübbe 2010

[4]  Ebd. 191 f.

[5]  Engelhardt: Geistesgegenwärtige Kirche, in: Ihn zu fassen, ist fast unsere Freude zu klein, 23, Calwer Verlag 2002

[6]  Engelhardt: Das ewig Licht geht da herein… Bericht des Rates der EKD 1997, aaO, 216

 [7]  AaO, 249

 [8]  Geistesgegenwärtige Kirche, in: Ihn zu fassen… 24

 [9]  EKD-Meldungen vom 07. November 2011

[10]  Heidelberger Katechismus zu Frage 64