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Die Kirche war für die SED-Diktatur der DDR ein Hauptfeind. Sie wurde bekämpft, ihre Arbeit insbesondere mit Jugendlichen eingeschränkt und nicht selten verboten. Kirche und Religion galten als „Relikte der Vergangenheit“, die eine „sozialistische Persönlichkeitsentwicklung“ verhinderten, den „gesellschaftlichen Fortschritt hemmten“, sich staatskritisch bis staatsfeindlich äußerten und mit dem „westlichen Klassenfeind“ kooperierten.

„Leider sind es noch so viele Christen, die durchaus nützliche Arbeit leisten und die Weltöffentlichkeit beobachtet uns, sonst würden wir sie viel härter angehen“, sagte mir in einem dramatischen Gespräch ein hoher Funktionär in Frankfurt/Oder. Das war böse, aber seine unverblümte Meinung. Absolut verhindern wollte die SED-Führung Kirchgebäude in Neubaugebieten, den sozialistischen Zukunftsstädten. Unerbittlich wurde das zum „Schutz“ der neu gebauten sozialistischen Stalinstadt, später Eisenhüttenstadt durchgesetzt. Über 30 Jahre lang konnte dort kirchlicher Dienst nur aus einem Wohnwagen betrieben werden. Die Stadtverwaltung und der zuständige Bezirk Frankfurt/Oder lehnten jeglichen Kirchbau ab und wussten sich in voller Übereinstimmung mit dem obersten SED-Chef Walter Ulbricht, der aus tiefster Überzeugung mehr Kirchen abreißen ließ als jeder andere kommunistische Diktator.

In der Erinnerung sind der Abbruch der Universitätskirche Leipzig als Ort der evangelischen Studentengemeinde und der Garnisonkirche Potsdam, an der Ulbricht auch noch seinen fast pathologischen Preußenhass ausließ. Doch die Welt veränderte sich. Willy Brandt, Walter Scheel und Egon Bahr setzten auf Wandel durch Annäherung und der Osten brauchte den Westen. Der Betonkopf Walter Ulbricht wurde abgesetzt. Sicherheit, Zusammenarbeit und Menschenrechte konnten auf europäischer Ebene 1975 in Helsinki vereinbart werden. Bischof Albrecht Schönherr gelang es 1978 mit dem neuen SED-Chef Erich Honecker Kirchbauten in sozialistischen Neustädten genehmigt zu bekommen. Das Angebot, einen Teil der Baukosten in Westgeld zu bezahlen, hat die staatliche Zustimmung erleichtert. Selbst in Eisenhüttenstadt konnten 1982 ein kirchliches Zentrum errichtet werden.

Doch, dass die SED letztlich doch an ihrer kirchenfeindlichen Haltung festhielt, zeigte sich am Ringen um einen Kirchbau in dem großen Neubaugebiet Berlin-Marzahn. In zähen Verhandlungen gelang es Generalsuperintendent Günter Krusche unter Hinweis auf den Verlust der Versöhnungskirche, in Mauer-Grenzgebiet Bernauer Straße am südlichen Rand von Marzahn eine neue Versöhnungskirche genehmigt zu bekommen. Doch der Kern des Neubaugebietes Berlin-Marzahn blieb weiter kirchenfrei“. Für die neu gesammelte Gemeinde im Neubaugebiet Marzahn gab es keine Räume. Nur die am Rand gelegene kleine Kirche im alten Dorf Marzahn konnte genutzt werden. Im Neubaugebiet Marzahn blieb der härteste Widerstand der kommunistischen Ideologen und Machthaber gegen einen Kirchbau. Aber die nicht nachlassenden westlichen Proteste gegen die Sprengung der Versöhnungskirche an der Mauer sowie die Sorge der SED, die evangelische Kirchenleitung könnte sich öffentlich dem Protest anschließen und schließlich die gesellschaftskritischen Stimmen aus kirchlichen Gruppen ließen die Parteispitze einlenken.

Die Zustimmung der SED-Führung zum Kirchbau in Marzahn-Nord empfand ich als deren Kapitulation und Signal kommender Veränderung. Die Einweihung dieser Kirche durch Bischof Gottfried Forck erfolgte schließlich im März des Revolutionsjahres 1989. Das Gemeindezentrum Berlin-Marzahn-Nord ist vom Standort, in seiner Architektur und seiner Funktionalität besonders gelungen. Die Gestaltung erfolgte in enger Zusammenarbeit des kirchlichen Bauamtes Berlin-Brandenburg und der Gemeinde nach deren Erfahrungen und Erfordernissen. Ein Bauteil beherbergt die Mitarbeiterwohnung, ein anderer Bauteil umfasst den gottesdienstlichen Raum mit den dazugehörigen Gemeinde- und Arbeitsräumen einschließlich einer kleinen Kapelle, die für besondere Veranstaltungen vorgesehen ist. Dem Baukörper selbst liegt die Gestaltungsidee eines großen Zeltes für die Gemeinde zugrunde. Der gesamte Baukörper wird mit einem schieferähnlich gedeckten Zeltdach überspannt. Die
Dachform ist vom Innenraum erlebbar und gibt ihm sein Gepräge.

Ich bin dankbar, dass das damals gelungen ist, in einem Stadtteil, in dem die Kirche keine Zukunft haben sollte, das Gemeindezentrum Marzahn-Nord als Vorboten künftiger Freiheit zu errichten. Ich bin glücklich zu erleben, wie diese Gemeinde lebt und die vielseitigen Möglichkeiten ihres Zentrums nutzt. Ich freue mich, wie sich Pfarrer, Helfer und Hüter für dieses Gotteshaus einbringen.

Verehrte, liebe Edith Binder!

Zu Ihrem 80. Geburtstag gratuliere ich Ihnen herzlich und wünsche Gottes gutes Geleit für die kommenden Jahre. Möge der 6. Februar 2012 für Sie, Ihre Familie und Ihre Freunde ein schöner Tag mit dankbaren Erinnerungen sein!

Große Dankbarkeit erfüllt mich, wenn ich an das Vierteljahrhundert denke, in dem ich mit Heinz-Georg Binder und somit auch mit Ihnen besonders verbunden war. Sie waren oft mit dabei und haben Ihren Mann auch mutig in den unberechenbaren und nicht ungefährlichen Osten Deutschlands begleitet. Auch in meinen Vieraugen-Gesprächen mit dem Prälaten und Bischof Binder spürte ich, was Sie für ihn bedeuteten. Sie und Ihre Familie waren ihm wichtig, klangen selbst in tiefsinnigen politischen Gesprächen mit an, waren Rückhalt und Orientierungshilfe. Ich weiß nicht, was Heinz-Georg und Edith Binder über den manchmal bitteren Alltag der deutsch-deutschen Beziehungen in Kirche und Politik besprochen haben.

Vermutlich hat er nicht viel erzählt. Denn so habe ich ihn in all den Jahren erlebt: Was ich wissen musste, hat er gesagt, ein Plauderer war er nie. Aber er strahlte Zuverlässigkeit und Vertrauen aus, lebte aus einer fundierten Glaubenshaltung und in einer guten Ehe, die ihn stärkte und ermutigte.

In der vielleicht kompliziertesten Phase der deutschen Geschichte zwischen der beginnenden Ost-West-Entspannung, behutsamen Annäherung der beiden deutschen Staaten bis zur dramatischen, kriegsgefährlichen Implusion der DDR und schließlich der Wiedervereinigung Deutschlands stand Heinz-Georg Binder als Bevollmächtigter der EKD bei der Bundesregierung und Militärbischof im Mittelpunkt der Ereignisse. Es war die vorderste Front der politischen Konfrontation und möglicher militärischer Auseinandersetzung. Ein Platz, an dem sich „Helden“ mit Kampfgeschrei profilieren könnten. Genau dort aber hatte Gott den Friedensstifter Bischof Binder hingestellt. Er konnte vorurteilsfrei zuhören, zündete sich dafür notfalls eine weitere Pfeife an, bildete sich eine unabhängige Meinung und hatte das Ziel, behutsam Entwicklungen zu fördern, die den Menschen Erleichterungen brachten und die deutsch-deutschen Beziehungen entkrampfen konnten. Dabei hatte er stets die europäischen Zusammenhänge und auch die Notwendigkeit eines guten Verhältnisses zum polnischen Volk im Auge.

Bischof Binder kannte die deutsch-deutschen Beziehungen wie kaum ein anderer. Er sprach mit den politischen Kräften in der damaligen Bundesrepublik und konnte über seine DDR-Kirchenpartner die Lage im zweiten deutschen Staat einschätzen. Er gab uns Fragen und Botschaften an die SED-Spitzen mit auf den Weg. Binder setzte seine Erkenntnisse in politische Beratung, humanitäre Hilfe und kirchliche Maßnahme um. Denn vor allem war Heinz-Georg Binder Mann der Kirche, bestellt als deren Vertreter gegenüber der Bundesregierung und zugleich erster Helfer für die Kirchen in der DDR. Er vermittelte die kirchliche Solidarität aus dem Westen für den Osten, förderte alle Möglichkeiten persönlicher Kontakte und gab damit für die Evangelischen Christen in der DDR eine große geistliche Hilfe und Ermutigung. Dieser Zuspruch hat die Kirchen und Christen in der DDR in ihrer Eigenständigkeit bestärkt, um für Gerechtigkeit, Solidarität und Freiheit in ihrem Land einzutreten und schließlich zur Hauptkraft für die Veränderung der Verhältnisse in der DDR zu werden. Wenn das heute in der seriösen Zeitgeschichtsschreibung unbestritten ist, so muss dabei zuallererst Heinz-Georg Binder genannt werden. Ihm verdanken wir die Ermutigung der Ostdeutschen, den friedlichen Machtwechsel in der DDR und Augenmaß in der Wiedervereinigung.

Sie, verehrte, liebe Edith Binder waren Bischof Binders wichtigste Hilfe. Zum Akten bearbeiten, Termine vermitteln, Dossiers verfassen hatte er andere Helfer – sofern er es nicht sowieso selbst erledigte. Aber das Umfeld des Bedenkens, der Entscheidungssuche und der Vorbereitung von Weitervermittlung haben Sie geprägt. Unvergessen bleibt für mich Ihr erster Besuch bei uns in Potsdam. Sie kamen mit Ihrem Mann in einem weinroten Mercedes mit Ihrem freundlichen Kraftfahrer fröhlich vorgefahren und verbreiteten sofort eine entspannte optimistische Atmosphäre. Da habe ich Sie das erste Mal direkt als guten Geist bei Heinz-Georg Binders komplizierten Missionen erlebt. Natürlich ging es bei der Reise wieder einmal um Hilfsprogramme bei Bauten und Finanzen der Evangelischen Kirchen in der DDR. Wieder einmal ging es um die Suche nach Erleichterungen für Inhaftierte, verzweifelte Ausreisewillige, benachteiligte Christenmenschen. Wieder einmal musste viel gearbeitet und viel gereist werden. Und die Straßen waren damals schlecht, die Volkspolizei streng und der Staatssicherheitsdienst misstrauisch. Edith Binder aber war eine mutige Begleiterin. Sie sahen Dinge, die uns nicht mal auffielen, erkannten hinter dem landesüblichen Mausgrau verborgene Schönheiten und regten weitere Hilfen an. Sie stellten zum Beispiel fest, dass wir in dem restaurierten katholischen Klosterbereich Neuzelle die evangelische Kirche vernachlässigt hatten. Inzwischen ist Neuzelle voll erblüht und eine wirkliche Perle in Deutschlands äußerstem Osten, zugleich ein Zentrum deutsch-polnischer Zusammenarbeit.

Bei der schwierigen Frage zum Wiederaufbau des Doms in Fürstenwalde rieten Sie zu einer mutigen Entscheidung. Der Dom Fürstenwalde verbindet in einmaliger Weise lange Tradition und moderne Nutzung. Gern bin ich dort und erinnere laut an die Stifter des Wiederaufbaus. Allein hätten wir uns nicht getraut und ob wir es im wiedergeborenen Brandenburg schon geschafft hätten, weiß ich nicht. Das sind nur zwei kleine Beispiele, und es wäre gut, eine gemeine Erinnerungsreise zu unternehmen.

Heinz-Georg-Binders Ostreisen waren vom Argwohn der DDR-Staatsmacht begleitet. Aber er blieb auch in der heißen Phase der letzten DDR-Monate ein vertrauenswürdiger Friedensstifter. Ein Höhepunkt seines Wirkens war im Spätherbst 1989 eine Gesprächsrunde als Militärbischof begleitet von hohen Militärs der Bundeswehr mit dem Kommando Landstreitkräfte der Nationalen Volksarme DDR in Potsdam. Das war die militärische Macht, die der friedlichen Revolution der DDR den Garaus machen konnte. Zumal das Russische Oberkommando in Wünsdorf auf ein entsprechendes Signal wartete („Unsere Waffenbrüder werden wir nicht im Stich lassen, egal was Gorbatschow sagt“).
Heinz-Georg Binder vermittelte ein sachliches Gespräch. Die Militärs waren sich als Fachleute näher als ich es vermutet hatte. Keine Seite wollte Blutvergießen. Am Abend jenes Tages glaubte ich, dass der Umbruch der Verhältnisse in der DDR gelingen wird. Aber Heinz-Georg Binder gab sich damit nicht zufrieden. Im beginnenden Prozess der Wiedervereinigung trat er bei der Bundesregierung penetrant für die Belange der Kirchen im Osten Deutschlands ein. Er dämpft Schwärmereien bei den Kirchen und half mit, den Neustart der Evangelischen Kirche in der DDR organisatorisch, rechtlich und finanziell zu bewältigen.

Im Ringen um gerechte Lösungen konnte der sonst so zurückhaltende Bischof Binder sehr deutlich, sehr kämpferisch werden. Wie er es übrigens schon 1985 in einem Spiegel-Interview mit voreingenommenen und unfairen Journalisten bewies.

Sehr verehrte, liebe Edith Binder,

wenn ich an Ihren Mann erinnere, denke ich zugleich an Sie und so steht an Ihrem Ehrentag zuallererst der Dank an Sie als seine Inspiratorin, seinen „rückwärtigen Dienst“ seine bessere Seite!

Bleiben Sie behütet!

Ihr dankbarer Manfred Stolpe

Lieber Gerhard Wolf,
liebe Familie Wolf,

zum Tod unserer großen Schriftstellerin Christa Wolf spreche ich Ihnen mein aufrichtiges Beileid aus.

Die überraschende Nachricht trifft mich sehr. Nun wird sie nicht mehr deutsche Verhältnisse in die Weltliteratur einbringen. Christa Wolf hat Nazideutschland, geteiltes und wiedervereintes Deutschland miterlebt ohne ausweichen zu können und zu wollen. Wie viele andere hierzulande spüre ich bei ihr den Puls meines eigenen Lebens. Seit ich den „geteilten Himmel“ las, bin ich ihr absoluter Fan geworden und geblieben.

Sie hat die Entwicklung in der DDR mit wachsender Skepsis erlebt und doch die Trennung vermieden. Dies wäre ihr mit einem Parteiaustritt in den siebziger Jahren oder einer frühen Veröffentlichung von „Was bleibt“ sehr leicht gemacht worden. Sie blieb bei uns, machte Mut und lässt uns in ihren Werken die Mitbetroffenheit an den Zuständen erfahren. Ihre Hoffnung auf eine bessere DDR hat sie vor einer Million Menschen am 4. November 1989 in Berlin ausgerufen und wurde doch vom Einheitsjubel überrannt. Ihre Skepsis gegenüber Märkten und Medien wurde bald bestätigt!

Christa Wolf wurde übel verleumdet, wohl auch um Ostkonkurrenz hässlich zu machen. Vorher bejubelt, als man sie als Dissidentin brauchte. Dann geschmäht, als sie der Schwarzbildmalerei der Vergangenheitsbewältigung im Wege stand. Sie hat darunter sehr gelitten. Ich hatte Hemmungen, mich deutlicher zu ihr zu stellen. Denn ich vermutete, dass meine öffentliche Unterstützung ihr neue Angriffe bringen würde.
Umso dankbarer bin ich für jede Begegnung mit ihr, ihren Widmungen in ihren Büchern, wenn sie mir zum Beispiel „Glück, Gelassenheit und weiter gute Nerven“ wünschte.

Christa Wolf bleibt bei Ihnen und sehr, sehr vielen Menschen weltweit. Bei mir überwiegt die Dankbarkeit, dass wir diese großartige Frau und nobelpreiswürdige Schriftstellerin haben durften.

Manfred Stolpe

Herzlichen Dank für die Einladung hier nach Prenzlau in die Uckermark. Ja, ich liebe die Uckermark. Marion Gräfin Dönhoff hat mir erklärt, woran das liegen kann. Sie fühlte sich hier an ihre ostpreußische Heimat erinnert, an die Hügel, die Seen, die Wälder, die Weite der Landschaft, den klaren Himmel und die wunderbare Luft.

Und so geht es mir hier mit der Erinnerung an meine ostpommersche Heimat. Das sitzt ganz tief, das bindet –  selbst wenn es die Burg Stolpe bei Angermünde nicht gäbe.

Doch die Uckermark ist nicht nur Landschaft, sondern altes Kulturland, ihre Dorfanlagen, Schlösser und Dorfkirchen. Aber besonders angetan hat es mir seit über 60 Jahren die Marienkirche in Prenzlau. Ich sah ihren langsamen Zerfall und erlebte, wie manche Leute von der immer schöner werdenden Ruine schwärmten.

Das tat weh und als ich dann als Chefjurist der Evangelischen Kirche Einfluss auf den Wiederaufbau von Kirchen hatte, setzte ich mich für Marien-Prenzlau ein. Das war nicht einfach. Denn ein zwingender kirchlicher Nutzen war nur mühsam zu begründen. Größeren Bedarf gab es in Sachsen, Berlin und Potsdam. Doch ich wollte – und will auch heute nicht – dass die Uckermark zweitklassig bewertet wird. Der Wiederaufbau gelang mit Unterstützung der Kirchen aus der Bundesrepublik. Obwohl eine Deutsche Einheit damals nicht im Bereich des Vorstellbaren war, konnte die Losung der Kirche: „Wir sind getrennt, aber gehören zusammen“ als ein Vorbote späterer Ereignisse gesehen werden.

Heute haben wir die Deutsche Einheit schon 21 Jahre und für mich ist es immer noch wie ein Wunder. Ich habe an der Zusammengehörigkeit der Deutschen nie gezweifelt. Aber ich habe nicht geglaubt, dass die Ost-West-Annäherung sie so schnell zulassen würde. Ich habe nicht geglaubt, dass die Sowjetunion friedlich auf die DDR verzichten würde. Denn diese war ein militärischer Vorposten mitten in Europa, ein Riegel vor Polen, der Tschechoslowakei und den baltischen Sowjetrepubliken. Die Deutsche Einheit um den Preis eines Dritten Weltkrieges wollte ich nicht.

Zum Glück habe ich mich geirrt. Es kam anders. Die Ostpolitik von Willy Brandt, Walter Scheel, fortgesetzt von Helmut Schmidt, Helmut Kohl und Hans-Dietrich Genscher setzte auf Wandel durch Annäherung. Die Schlussakte von Helsinki 1975 für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa versprach Gewaltverzicht und Kooperation, aber auch Menschenrechte. Die Erwartungen der Menschen in ganz Osteuropa und auch in der DDR auf Meinungsfreiheit, Reisefreiheit, Rechtssicherheit und Ende der Bevormundung wuchsen immer stärker. Unsere polnischen Nachbarn brachen 1980 das Eis und Ungarn machte 1989 seine Westgrenzen auf. Auch die Mehrheit der Menschen in der DDR wollte Freiheit und Mitsprache. Ab September 1989 wurden die Proteste öffentlich. Die Menschen sammelten sich unter dem Dach der Kirchen – auch in der Uckermark – und trugen ihren Protest auf die Straße.

Die hochgerüstete Staatsmacht erwartete Steinwürfe, angezündete Parteizentralen und gelynchte Funktionäre, um dann den Aufruhr nach chinesischem Muster zusammenzuschießen. Die starke Westgruppe der Sowjetarmee war zur Unterstützung bereit. Alles wie gehabt 1953 in der DDR, 1956 in Ungarn, 1969 in der CSSR.

Aber die Proteste blieben gewaltlos, so wie es in den Kirchen gefordert war. Kerzen statt Steine entwaffneten die Diktatur. Denn sie wollte vor der Weltöffentlichkeit kein Mörderregime sein.

Viele erwarteten, dass eine andere DDR entstehen müsse. Auch die vier Siegermächte sahen das so. Dann kam am 9. November der Sturm auf die Mauer und veränderte die Lage schlagartig.

Nie wurde ich als Chef-Jurist der Evangelischen Kirche so intensiv von Vertretern der vier Mächte befragt, wie im November und Dezember 1989. Baker, Mitterand, Jakovlew und Primakow gehörten dazu. Alle wollten wissen: Gibt’s es jetzt Chaos und Bürgerkrieg in der DDR? Sind internationale Spannungen und Konfrontationen in Europa die Folge?

Unsere Antwort konnte also nur sein: Am Tag des Mauerfalls haben die DDR-Bürger ihren Freiheitswillen durchgesetzt und ihr Selbstbestimmungsrecht zurück erobert. Und nur freie Wahlen konnten neue Ordnung schaffen.

Die Siegermächte, im Februar 1990 auch die Sowjetunion stimmten freien Wahlen zu. Am 18. März 1990 entschied sich die große Mehrheit der DDR-Bevölkerung für die Deutsche Einheit, die dann am 3. Oktober 1990 völkerrechtlich verbindlich wurde. Schneller ging es wegen der internationalen Beteiligung nicht, aber es war viel früher als ich es in meinen kühnsten Träumen erwartet habe!

Am Anfang war der Mut zur Hoffnung. Es dauerte nicht lange, da wurde auch der Mut zur Verantwortung nötig. Die Runden Tische, die im Revolutionsherbst entstanden, verbanden beides. Sie gaben der Friedlichen Revolution ein Organ des Dialogs und des Ausgleichs, dessen Bedeutung man gar nicht hoch genug einschätzen kann.

Die staatlichen Institutionen brachen in sich zusammen. Nach der Maueröffnung verließen täglich Tausende die DDR. Die Versorgung und die medizinische Betreuung waren gefährdet. Das Finanzsystem kollabierte. Das öffentliche Leben und die gesamte innere Ordnung hingen am seidenen Faden. Auch die Angst, dass doch noch sowjetische Panzer rollten, war noch berechtigt.

In diese Lage hinein, mitten im Umbruch in die Verantwortung zu gehen, erforderte nicht weniger Courage und Bürgermut als die Demonstrationen der ersten Stunde. Chaos zu verhindern, war wichtig.

Mein Dank gilt allen, die in der nun gewonnenen Freiheit Verantwortung übernahmen, auch hier in der Uckermark: Die Landräte in Prenzlau, Angermünde und Templin, der Oberbürgermeister von Schwedt, die Bürgermeisterinnen, Bürgermeister und Abgeordnete. Sie haben Brandenburg von unten aufgebaut und die Uckermark zu Brandenburg zurückgebracht.

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich weiß, dass einige, vielleicht sogar viele unter Ihnen nach der deutschen Einigung einen schweren Weg zu gehen hatten. Für manche ist dieser Weg immer noch nicht zu Ende. Die Herausforderungen waren für alle Ostdeutschen groß, für die Brandenburgerinnen und Brandenburger manchmal noch größer. Wie viele haben lange nach einer neuen Arbeit gesucht, die ihnen eine Sinnstiftung gab, die aber vor allem auch die Familie ernährte. Wie viele mussten sich gänzlich neu orientieren, kannten sich im alltäglichen Leben nicht mehr aus und fühlten sich zu guter Letzt auch noch allein gelassen.

Ich weiß, es war ein schwerer Weg, für den wir alle vor allem Mut brauchten. Realistische Hoffnung, und eine Prise Glauben, um mit den Herausforderungen fertig zu werden, waren auch nicht ganz unnützlich. Denn es war uns klar: „Wer abwartet, hat schon verloren“. Dieser einfache, aber nicht einfach umzusetzende und vor allem kluge Satz stammt nicht von mir, sondern von einer Frau, die wir alle kennen: von Regine Hildebrandt. Mit ihrem Einsatz hat sie die Menschen mitgerissen, hat ihnen Glauben und Hoffnung gegeben: Ihr müsst euch nicht ducken. Ihr müsst euch nicht verbiegen. Ihr müsst nicht so tun, als wäret ihr erst am 3. Oktober 1990 geboren. Eure Erfahrungen in Diktatur und Umbruch sind wertvoll für den Neuanfang. Das war ihre und unsere Botschaft.

Heute bin ich zutiefst überzeugt: Wir können stolz sein, auf das, was wir erreicht haben! Unser Brandenburg ist das Kind einer friedlichen Revolution. Am Anfang war der Mut. Der Mut von Hunderten, der Mut von Tausenden und schließlich der Mut von Hunderttausenden Menschen, die sich nicht mehr einschüchtern ließen.

Aber mit der Hochstimmung kam auch der Schock. Bei einem solchen Totalumbruch war er unvermeidbar. Zuerst der Aufstieg in die Freiheit, das Aufatmen, der SED-Diktatur entronnen zu sein. Dann dieser beängstigende Sturzflug des Ostens in die deutsche Einheit, in ein unbekanntes System. Die Sieger der Revolution drohten zu Verlierern der Einheit zu werden!

Der Umbruch von Wirtschaft und Arbeit beseitigte schlagartig die staatliche Kontrollwirtschaft und führte den Markt als zentrale Bestimmungskraft über Leben und Sterben der Betriebe ein – mit verheerenden Folgen für Tausende Unternehmen und Hunderttausende Arbeitsplätze. Alles bündelte sich in dem sozialen und mentalen Umbruch, der das Leben der Menschen in praktisch jeder Beziehung aus den Angeln hob und sie einem beispiellosen Veränderungsstress aussetzte.

Sehr geehrte Damen und Herren,

wir haben in den 90er Jahren die menschenmöglichen Kräfte einer Landesregierung aufgeboten und wir haben manches erreicht. Wir haben um jeden Arbeitsplatz gekämpft und niemanden einfach abgeschrieben oder verloren gegeben.

Wir haben mit allen nur möglichen Förderansätzen 47 Industriekerne gesichert und ein Geflecht industriebezogener Dienstleistungen ermöglicht. Wie zum Beispiel die Stahlstandorte in Brandenburg an der Havel, Hennigsdorf und Eisenhüttenstadt. Oder die Chemie in Schwarzheide, Guben und eben in Schwedt, hier in der Uckermark.

Wir haben Stadtkerne gerettet, Straßen modernisiert und die Infrastruktur des Landes binnen weniger Jahre ins 21. Jahrhundert geführt. Wir haben Universitäten gegründet und Forschungsstätten angesiedelt. Wir haben die Bildungs- und Weiterbildungsangebote hochgefahren, damit die Menschen mitbekommen, wo alles sich wandelt. Wir haben Investoren umworben und Existenzgründer ermutigt und stark unterstützt. Einhunderttausend Frauen und Männer haben sich in Brandenburg selbständig gemacht. Das ist prozentual mehr als in jedem anderen ostdeutschen Land und nach Baden-Württemberg Platz 2 in Deutschland.

Nicht zuletzt haben wir für Brandenburg Freunde, Förderer und Bündnispartner gesucht, im Westen, aber auch im Osten, diesseits und jenseits der Grenzen. Und man darf nicht unterschätzen, wie sehr uns die gute Freundschaft unserer polnischen Nachbarn einbettet in das größere europäische Netzwerk wissenschaftlicher, wirtschaftlicher und kultureller Beziehungen.

Die letzten 21 Jahre haben Brandenburg gefestigt. Worauf kommt es für die nächsten Jahrzehnte an? Die immer noch nicht überwundenen Krisen des Finanzkapitalismus und die aufziehende Euro-Krise schärfen unseren Blick für zwei Gefahren: Die erste ist die Aushöhlung der Demokratie, wenn das Parlament nur noch Erfüllungsgehilfe der anonymen Befehle des Kapitalmarktes wird. Und die zweite Gefahr ist die Rückkehr der Klassenspaltung, wenn die Demokratie ihre Aufgabe des sozialen Ausgleichs nicht erfüllt.

Susanne Schmidt, Bankerin, geniale Tochter eines großen alten Mannes, warnte in diesen Tagen vor dem Irrglauben an die Selbstheilungskräfte des Marktes: „Die wirkliche Macht liegt bei den Banken. Viele Banken sind zu groß. Wenn sie pleite gehen, muss der Staat sie retten, um größeren Schaden abzuwenden. Das wissen die Banken und nehmen größere Risiken in Kauf. Die Banken erpressen die Staaten mit ihrer Drohung, den nationalen Finanzplatz zu verlassen. Deshalb müssen die Staaten enger zusammenarbeiten und die Finanzwirtschaft regulieren. Die Politiker brauchen Mut zu unpopulären Entscheidungen, müssen langfristig über Wahlperioden hinausdenken und nicht jeden Tag auf die Umfragen schauen.“

Was müssen wir tun?

Ich bin überzeugt, dass Leitfaden unseres Handelns Arbeit, Bildung und Zusammenhalt sein müssen.

1. Arbeit, weil der Mensch seinen Teil beitragen will zur Wohlfahrt einer Gesellschaft, ohne die er nicht leben kann. Weil es nicht reicht, den Menschen Geld in die Hand zu drücken. Weil erzwungene Arbeitslosigkeit erniedrigt und ausgrenzt.

2. Bildung, weil der Wandel nicht aufhört. Weil wir nur dann nicht Getriebene, sondern Gestaltende dieses Wandels werden, wenn wir seine Kräfte begreifen und das Lernen lernen.

3. Schließlich Zusammenhalt, weil der Mensch als isolierte Existenz am Rande oder außerhalb der Gesellschaft der Verrohung preisgegeben ist. Zusammenhalt darf keine schöne Theorie bleiben. Zusammenhalt muss zu einem Tätigkeitswort werden. Und ob wir als Mitmenschen zusammen halten, zeigt sich in der Praxis. Nicht nur gucken, sondern kümmern – das muss unsere Regel sein.

Papst Benedikt hat in seiner Rede im Deutschen Bundestag wichtige Hinweise gegeben. Ich zitiere: „Die innere Identität Europas hat im Bewusstsein der Verantwortung des Menschen vor Gott und in Anerkenntnis der unantastbaren Würde … eines jeden Menschen, Maßstäbe des Rechts gesetzt, die zu verteidigen … uns aufgegeben ist“

Menschwürde und Rechtstaatlichkeit fordert unsere Brandenburgische Verfassung. Das muss auch für politische Debatten gelten. Es sollte nicht um Rache oder Rechthaberei gehen, sondern Aussöhnung und Zusammenhalt sollten Vorrang haben.

Pastor Uwe Hollmer, wirkliches DDR-Opfer, hat 1990 unweit von hier im Barnim den gejagten und verfemten Erich Honecker und seine Frau aufgenommen.

Hollmer notierte:

„Ein Neuanfang, den wir uns so sehr wünschen, auch für Genossen und Funktionäre, kann nur durch Vergebung und Versöhnung, wenigstens Duldung geschehen…“

In der Uckermark schlägt das Herz Brandenburgs. Hier haben die Menschen den Roten Adler nicht vergessen, auch als Brandenburg-Preußen verpönt und dieses schöne Land zu Mecklenburg geschlagen wurde. Alle Aufgeregtheiten der Zeiten haben diese Region nicht beseitigt. Die Uckermark liegt mitten in Europa, zwischen Ost und West, Nord und Süd. Die Uckermark ist gut erreichbar und wird ihre Chancen nutzen. Auch demographische Entwicklungen oder Struktur-Reformeifer werden die Uckermark nicht beseitigen. Junge Leute ziehen in die weite Welt, nicht wenige kommen wieder und andere entdecken die Uckermark. Die Zugereisten lernen dieses Land lieben, werden von ihm geprägt und stärken es. Sogar die Berliner, wie es mein unlängst verstorbener Freund Horst Karsner vorlebte.

Seit der Deutschen Einheit ist auch hier viel geschehen. Die Uckermark ist im Aufbruch in eine gute Zukunft. Manches geht hier langsamer, aber dafür haltbarer. Die Uckermärker haben die Deutsche Einheit vollzogen. Sie machen nicht den Fehler vieler Politiker, Historiker und Journalisten, die leider viel reden und wenig zuhören, lieber etwas behaupten als etwas zu verstehen, lieber übereinander urteilen statt miteinander zu reden. (Beatrice von Weizsäcker)

Hier kann man zuhören und verstehen lernen. Hier können Unterschiede ertragen, deutsche Vielseitigkeit geschätzt und innere Einheit gelebt werden.

Glückauf Uckermark!

Lieber Bruder Furian, herzlichen Glückwunsch zum 80. Geburtstag!
Wir feiern heute eine außergewöhnliche Persönlichkeit: Hans-Otto Furian – Propst der Mark – eine theologische Respektperson, die man auch etwas fragen kann – sprachfähig in säkularisierter Gesellschaft – eine glaubwürdige Vertrauensperson – ein geistlicher Wächter in Kirche und Gesellschaft – ein klar bekennender Kirchemann und Senior-Chef einer eindrucksvollen Großfamilie.

Für mich war Hans-Otto Furian sehr gewöhnungsbedürftig! Seine ganz besonderen Augenbrauen, sein ironisches Lächeln, seine aggressiven Zähne, seine flotten oft bissigen Sprüche zwangen zur Wachsamkeit. Als er dann noch gegen die Gründung des BEK kämpfte und sogar die VEK zu Fall brachte, hielt ich ihn für einen Gegner.

Doch seit dem Scheitern des DDR-Kirchenreformprojekts an seiner Sperrminorität in der Berlin-Brandenburgischen Synode in Hermannswerder versuchte ich, diesen kantigen Oppositionsführer zu begreifen. Hans-Otto Furian zu verstehen und gerecht zu beschreiben, war für mich ein Lernprozess!
Vater Hans-Georg Furian hat ihn geprägt. Der war ein „eiserner Bekenntnispfarrer“, ein treuer, ehrlicher gerader Mann, der konzentriert auf das Wort Gottes hörte, wie ihn Zeitzeugen beschrieben. Mit der Barmer Theologischen Erklärung kam er zur Bekennenden Kirche, wurde Vertrauensmann des Pfarrernotbundes und Kreispfarrer der Bekennenden Kirche. Für Hans-Georg Furian gab es keine faulen Kompromisse den Deutschen Christen der Nazis musste widerstanden werden. Im damals  umstrittenen Verhältnis zu den Juden bezog er Position gegen den Strom der Zeit, verbarg Juden, was ihm Heinrich Grüber hoch anerkannte.

Vater Furians Kampf gegen die Anpassung der Kirche an politischen oder gesellschaftlichen Zeitgeist sowie die Grundüberzeugung, dass Neutralität in Fragen des Glaubens in der Regel den christusfeindlichen Mächten nützt, bestimmen Hans-Otto Furian! Der Gemeindepfarrer Hans-Georg Furian in Kürtow bei Armswalde, in der brandenburgischen Neumark, erlebte die großen Gefahren des Kriegsendes 1945 und der herannahenden Roten Armee. Hier erwies er sich als treuer Hirte, der den Gemeindegliedern beistand und mit vielen von ihnen unter unmittelbarer Gefahr und Gewehrfeuer zu Fuß die Flucht aus der geliebten Heimat antrat.
Sohn Hans-Otto war dabei und wurde noch zuletzt von der deutschen Wehrmacht/Oberleutnant Rosenbaum als Meldegänger eingesetzt.

Die Nazi- und Kriegserfahrungen hat unser Jubilar über Jahrzehnte verarbeitet. Eindrucksvoll nachzulesen, mitzuerleben in seinem großen Buch zur Kirchen- und Zeitgeschichte „Vom Kirchenkampf zum Christuskampf“. Zu den Lehren jener grausamen Zeit gehört für Furian: Mitmenschlichkeit, Toleranz, Achtung der Menschenwürde sind zwingende Gebote, das Nazisystem war nur durch Krieg von außen zu überwinden und das Ende mit allem Schrecken war wirklich Befreiung. Unseren östlichen Nachbarn, Polen und Russen haben wir Deutsche, Brandenburger, Preußen besondere Aufmerksamkeit zu geben.

Für den jungen Theologen und Pfarrer kamen bald nach dem Kriege neue Herausforderungen in der Sowjetischen Besatzungszone und der DDR, in denen die väterlichen Vorgaben wichtig wurden. Wieder ging es um die Kirche und ihre Position in der Gesellschaft.
Die beim Vater erlebten Kämpfe konnte Hans-Otto in eigenen ähnlichen Erfahrungen werten. Sein Fazit aus dem Kirchen- und Glaubenskampf lautet: Die Kirche baut sich auf der Gemeinde auf, der Zusammenhalt der Gesamtkirche ist außerordentlich wichtig, Kirche und Christen dürfen dem Widerspruch zum Zeitgeist nicht ausweichen. Richtung christlichen Handelns muss es sein, Menschen in der Not beizustehen. Jesus Christus und sein Wort haben Vorrang vor der Institution Kirche einschließlich aller Reform-Ideen.

In seinen Veröffentlichungen bedauert Hans-Otto Furian, dass die Notwendigkeit, eine Kirche für die Zukunft zu gestalten, nicht genutzt wurde. Zweimal haben wir den Weg in die Vergangenheit dem Weg in die Zukunft vorgezogen: 1945 und 1990. Denn der Verlust und Abbau überlieferter institutioneller Gestalt soll zum Neubau der Kirche führen, einer wirklichen Kirche der Schwestern und Brüdern vor Ort mit voller Verantwortung für die Belange des Gemeindelebens. In der Gemeinde sollen sich zu Gotteslob, Dank und Besinnung wöchentlich die Gemeindeglieder sammeln.
Die Verkündigung des Wortes Gottes in verschiedener Gestalt und die Antwort darauf mit dem Gebet und einem christlichen Lebensstil sollen auch in den kleinsten Gemeinden erfolgen. Der Kirchenkreis hat die Kooperation der Gemeinden zu organisieren. Bei zerfallenden Gemeinden sollen gemeindeübergreifende Gottesdienstkerne gebildet werden.

Wach beobachtet Hans-Otto Furian bis in diese Tage den Rückzug kirchlichen Handelns ohne dass die Chancen neuer Möglichkeiten genutzt werden. Bedauerlich besonders, dass die Bereitschaft hauptamtlicher Mitarbeiter zu einer Bewerbung mit zunehmender Berlin-Potsdam-Entfernung abnimmt. Womit in Regionen der Abwanderung und z. B. des Ärztemangels das Gefühl wächst, nun auch noch von der Kirche verlassen zu werden. Hans-Otto Furian leidet geradezu, wenn er bei seiner privaten Visitationsrundfahrt am Buß- und Bettag die Vernachlässigung dieses Feiertags erlebt. Visitation ist unverzichtbar, fordert er seit Jahren, sie ist Kern kirchenleitenden Handelns, sie muss konkrete Fehlentwicklungen benennen, Anregungen und Impulse geben, Termine setzen, nachfassen.
Der Synodenbeschluss der EKBO vom 9. April d. J. muss ihn gefreut haben. Deutlich kritisiert Furian, wenn durch den Westeinfluss die individuelle Befindlichkeit der Pfarrer einen höheren Stellenwert gewinnt als die Kirche der Schwestern und Brüder in der Gemeinschaft des Glaubens. Das emanzipatorische Denken und Verhalten verbreite sich nun auch in der Ostregion. Bei Anfragen an die Lebensführung und Arbeitsmoral der Mitarbeiter komme häufig die Antwort „Mein privates Lebens ist meine Sache und geht auch die Gemeinde und die Kirche nichts an.“

Der Propst der Mark nennt seine konkreten Erwartungen an den Verkündigungsdienst so: die Verkündigung der Barmherzigkeit Gottes hat oberste Priorität, die ev. Kirche steht und fällt mit der Verkündigung des Wortes Gottes, die große Chance der Beerdigungspredigt an viele noch Außenstehende, in oft großer Öffentlichkeit muss genutzt werden. Kernkompetenz der ev. Kirche ist es, in Bibelstunden, Gesprächen über den Glauben mit den Gemeindegliedern, in das Verständnis des Wortes Gottes einzuüben und draus Konsequenzen für das alltägliche Leben zu ziehen.
Eine geordnete Kinderarbeit der Gemeinde ist unverzichtbar und nicht durch Religionsunterricht zu ersetzen. Diese von Hans-Otto Furian genannten Erkenntnisse hat er schon in DDR-Zeiten gewonnen und in den letzten Jahren bestätigt gefunden.
Das kirchliche Leben in der DDR war nicht vergebens, es erschöpfte sich nicht nur im Widerstand und Bewahren, sondern entwickelte in der Herausforderung neue Erkenntnisse, Erfahrungen, die auch im vereinten Deutschland gelten.

Der Zusammenhalt der Deutschen war für den Pfarrer, Superintendenten, Propst Furian außerordentlich wichtig. Er hat deshalb gegen strukturelle Sonderwege der Kirchen in der DDR gekämpft. Er förderte Ost-West-Kirchenkontakte auf allen Ebenen – insbesondere der Gemeinden. Er unterstützte den theologisch/geistlichen Ost-West-Austausch und war enttäuscht, dass im Westen das Interesse an der Barmer Theologische Erklärung sank.

Hans-Otto Furian hat als Propst in der Umbruchzeit der DDR die Oppositionsbewegung unterstützt und maßgeblich dazu beigetragen, dass ihnen kirchliche Freiräume die Arbeit ermöglichten und sie zum Kern des Umsturzes werden konnten.

Nach dem Sturz der DDR-Diktatur war Furian nicht für eine verbesserte DDR sondern für die Wiedervereinigung Deutschlands – auch in der kirchlichen Struktur. Aber Furian wollte sie auf Augenhöhe, wollte, dass die Belange der Menschen im Osten nicht untergehen und hat sie in großer Klarheit in Kirchenleitung und Öffentlichkeit genannt. Er war Seelsorger der Ostler in den Wirren der Wende. Doch nicht nur westliches Siegergebaren, sondern auch östliche Anpassungssucht machten ihm diese Haltung schwer.
Unverdrossen nennt Furian in seinen Äußerungen dieses Defizit – und er wird recht behalten! Der Propst der Mark sieht die Gefahr, dass bei manchen Problemen und Herausforderungen durch die Öffentlichkeit die Meinungen der Kirchengemeinden Westberlins und der brandenburgischen Dörfer und Kleinstädte sich nicht treffen.

Die Verkündigung Jesu heißt, so Furian, die Dinge klar beim Namen zu nennen. Das gilt auch für die soziale Verantwortung der Kirche!
Die Kirche muss für Arme und Schwache da sein! Wer sind heute und hier die Armen und Schwachen, fragt Hans-Otto Furian. Sicher auch die Asylanten, vor allem aber die Arbeitslosen und ganz besonders die arbeitslosen Jugendlichen!
Hier besteht ein brisantes sozial-ökonomisches Problem. Die Kirche sollte ihr Sozialwort auch praktizieren, es vor Ort mit Inhalt füllen: Z. B. könnte die Kirche bei ihrem Land- und Forst-Besitz nicht zuerst auf Gewinn achten, sondern Menschen in Arbeit bringen!

Furian hat Verständnis, wenn Protest-Gruppen sich zu gesellschaftlichen Problemen formieren. Doch er prüft, ob dabei echte Betroffenheit oder wichtigtuerischer Aktionismus überwiegen. Er ermöglichte den kirchenfremden Oppositionellen in der DDR den Zugang zu kirchlichen Räumen nicht ohne Bedenken. Doch als das Konsistorium 1994 besetzt und als Bühne eines RAF-Protestes benutzt werden sollte, setzte Propst Furian das Hausrecht durch.  Selbst in der Auseinandersetzung nahm er die Aufgabe der Seelsorge wahr. Seelsorge an Menschen in Sondersituationen war ihm auch nach der Wiedervereinigung wichtig. Propst Furian ordnete die Gefangenenseelsorge neu – zur Zufriedenheit der Inhaftierten und der Justizangestellten – unter Murren der Gefängnisseelsorger.
Intensiv rang Furian um die Gestaltung der Militärseelsorge für die östlichen Gliedkirchen. Er verhinderte eine einfache Anpassung an die West-Regelung unter Vernachlässigung von Osterfahrungen, er erwarb den Respekt der Militärs und erfuhr Unverständnis bei den westlichen Kirchengeschwistern.

Lieber Bruder Furian, vielleicht wäre Obermarine-Seelsorger, Marine-Dekan, eine interessante neue Karriere gewesen?
Furian blieb Propst, Propst der Mark Brandenburg. In Gesellschaftskrise und Umbruch hätte es keiner besser gemacht. Kirchensheriff und Feuerwehrmann, prinzipienfest und doch ergebnisorientiert, gemeindeverbunden, verlässlich, vertrauengewinnend. Bezugs- und Orientierungs-Person für Pfarrer, Mitarbeiter und Gemeindeglieder in Brandenburg und Ostberlin. Und wer wirklich wissen wollte, was die Menschen im Osten dachten und brauchten und nicht schon alles besser wusste, der sollte auf Propst Furian hören.

Ob dieser Propst auch an der konsistorialen Verwaltungsarbeit Freude hatte, kann ich nicht voll beurteilen. Sicher hatte er nicht die Akribie von Friedrich Winter, aber auch nicht den Akten-Hass von Siegfried Ringhand.
Auffällig wurde er jedenfalls nicht. Aber als Super-Abteilungsleiter wird er wohl nicht in die Kirchengeschichte eingehen. Superintendent war Hans-Otto Furian aus Leidenschaft. Albrecht Schönherr hat ihn entdeckt, trotz seiner vernichtenden Beurteilung aus dem Predigerseminar, denn Furian konnte einen Konvent voller Charakterköpfen zusammenhalten, sagte, wo es lang ging!
18 Jahre Superintendent in Zossen, das war vorderste Front. Mitten im Gelände der Sowjettruppen und im Gegenüber zu den härtesten kommunistischen Funktionären. Das hätte in seiner Lage auch Amok-Lauf – Haft – Ausreiseantrag bedeuten können. Furian entschied sich für Augenmaß, um kirchliche Arbeit zu sichern. Russen und Funktionäre lernten, dass er furchtlos auf Gott vertraute, nicht einzuschüchtern war, seine System-Kritik zeigte, aber berechenbar war. Die Kommunisten respektierten ihn und die Russen spielten sogar mit ihm Skat. Superintendent Furian verstand, dass die Ablehnung des Diktatur-Systems nicht die Ablehnung gegen Menschen sein musste. Das hat die Funktionäre überrascht. Für sie galt Furian wegen seiner offenen Kritik am DDR-System, seiner Wahlenthaltung als Feind und sie waren dann ganz froh, dass er menschenfreundlich mit ihnen umging und so manches durchsetzen konnte.

Das war bei mir anders.
Auch ich musste bei den Funktionären etwas erreichen. In mir sahen sie einen Freund im wörtlichen Sinne, Jugendfreund der FDJ, wie mich Honecker regelmäßig ansprach. In der DDR studiert, aus der Arbeiterklasse stammend „Das muss unser Mann sein!“.

Eine gute Ausgangslage für mich, um etwas durchzusetzen. Aber die Gefahr der Vereinnahmung bestand. Umso größer die Enttäuschung der Genossen, als das nicht gelang und schließlich Ende 1988 Honecker selbst mich mit der Kampagne „Stolpe und der Idealfall“ zum Gegner stempelte. Mein Platz im Internierungslager bei Lehnin war vorgesehen. Lieber Bruder Furian, vielleicht wären wir uns dort begegnet und hätten schon da Gemeinsamkeiten deutlicher gefunden: Angst hatten wir beide nie. Und mein Kinderglaube ist wohl nicht weit von Ihrem Glaubens-Grund entfernt.

Beide hatten wir am 13. August 1961 die Möglichkeit, auf der Westseite zu bleiben. Und beide blieben wir im Osten. Beide haben wir Kriegsende und Vertreibung voll miterlebt und beide lieben wir Brandenburg. Die geografischen Wurzeln sind nahe beieinander in der Neumark von Ihrem Kürtow/Arnswalde – Nörenberg – Dramburg zu meinem Schievelbein. Alles Neumark, alles unter Hitler Pommern zugeschlagen. Aber Brandenburg im Herzen – bis heute!

Sie haben mir den Text vom Brandenburg-Lied besorgt. Da habe ich den Roten Adler schätzen gelernt. Ohne Sie hätte ich in der DDR-Endzeit meine politischen Schleichwege weder gewagt noch durchgehalten. Danke für Ihre Toleranz und Treue!
Heute weiß ich allerdings, dass der Zweck – und sei er noch so humanitär – nicht jedes Mittel rechtfertigt.

Lieber Bruder Furian,
Danke für Ihre Lebensleistung! Danke für unsere Weggemeinschaft!
Bitte bleiben Sie uns als der Propst der Mark, als geistlicher Wächter in Kirche und Gesellschaft noch lange erhalten.
Bitte finden Sie die Zeit, Ihre Lebenserfahrung und Einsichten zu Papier zu bringen. Jeder Kommentar von Ihnen in der Kirchenzeitung ist wichtig!

Ich wünsche Ihnen Gesundheit, Glück und Freude vor allem auch mit Ihrer Großfamilie, mit Ihrer Frau, der ich für viel Verständnis und Hilfe danke!
Gott behüte Sie!

30. April 2011

Eröffnung der Nationalen Mahn- und Gedenkstätte Sachsenhausen vor 50 Jahren

Ich weiß nicht, ob einige von Ihnen vor 50 Jahren schon einmal hier standen, als die DDR mit einem riesigen Festakt die Eröffnung der Nationalen Mahn- und Gedenkstätte feierlich würdigte. Weit mehr als 100.000 Menschen aus dem In- und Ausland kamen zu der Veranstaltung, an den Straßen standen tausende DDR-Bürger, um vor allem die ehemaligen Inhaftierten zu begrüßen und respektvoll zu empfangen.

Damit leistete die Einweihungsfeier etwas, was entscheidend für die Opfer des Nationalsozialismus war: Sie wurden mit allen Ehren empfangen.  Gleichzeitig zeigte die Gedenkveranstaltung, dass auch für die Nachgeborenen der politische Auftrag, gegen Diktatur und Faschismus zu kämpfen, noch galt.

Heute, mit 50 Jahren Abstand müssen wir aber die Frage stellen, ob die wichtigen Anliegen der Opfer bei der Eröffnungsveranstaltung erfüllt, oder ob sie nicht durch den politischen Missbrauch entstellt wurden.

Weltpolitisch war das kommunistische Lager 1961 in der Offensive: Die Sowjets hatten mit Juri Gagarin den ersten bemannten Weltraumflug erfolgreich abgeschlossen. Der Versuch, Fidel Castro in Kuba zu stürzen, war in der Schweinebucht kläglich gescheitert. Die Schwachstelle des Ostblocks aber war die DDR. Mit ihren offenen Grenzen und der Abwanderung tausender Fachkräfte Richtung Westen stellte sie das kommunistische System in Frage. Wenn Westberlin als Fluchtweg offen bliebe, wäre ein Ausbluten der DDR unausweichlich. Die DDR steckte in einer Legitimationskrise. Sie wollte und musste beweisen, dass ihre Existenz notwendig war.

Sie propagierte den Schutz ihres antifaschistischen Systems vor einer bundesrepublikanischen Regierung, die als Hort des fortdauernden Nationalsozialismus bezeichnet wurde. Schließlich konnte dort ein verurteilter Wehrmachtsgeneral Foetsch zum Generalinspekteur der Bundeswehr ernannt werden oder der prominente Nazi Staatssekretär Globke im Kanzleramt tätig sein.

Mit dieser Argumentation sollte den Verbündeten deutlich werden, welch schweren Kampf die DDR gegen den Nazi-Nachfolge-Staat Bundesrepublik Deutschland führte. Und dass sie deshalb besonderen Angriffen aus dem Westen ausgesetzt war, die einen Mauerbau als antifaschistischen Schutzwall erforderlich machten.

Dafür hatte SED-Chef Walter Ulbricht seit März 1961 die Zustimmung Moskaus. In einer Rede am 21. April hat er dies unverblümt angekündigt.

Etwa zeitgleich mit der Eröffnungsveranstaltung in Sachsenhausen am 23. April 2961 liefen die Vorbereitungen des Mauerbaus an. So bekam die Einrichtung der Gedenkstätte Sachsenhausen die Rolle einer vorbereitenden Begründung für die Mauer. Deren Bau verzögerte sich bis zum 13. August 1961, da vorher noch zu einem gesamtdeutschen evangelischen Kirchentag nach West-Berlin eingeladen worden war.

Die DDR verhinderte den Kirchentag nicht. Sie sperrte weder die Zufahrtswege noch schränkte sie den innerstädtischen Verkehr in Berlin ein. Das war politisches Kalkül. Schließlich wusste man, dass sonst weite Teile der evangelischen Kirche verprellt würden. So hat dann auch Ulbricht in seiner Ansprache in Sachsenhausen nicht nur den kommunistischen Widerstand, sondern auch andere anti-faschistische Kreise gewürdigt. Insbesondere nannte er die Sozialdemokraten, die Bürgerlichen und Menschen der verschiedensten Welt-Anschauungen, die gemeinsam den Kampf gegen das Hitler-Regime geführt hatten.

Den Kirchenvertretern, die an der Eröffnungsveranstaltung der Gedenkstätte teilnahmen, war jedoch die grundsätzliche Haltung der SED gegenüber der Kirche und der Religion bewusst. Danach waren sie nicht nur weltanschauliche Gegner, sondern meist auch politische Feinde, die gute Kontakte zu den führenden politischen Kräften in der Bundesrepublik hatten.

Doch trotz dieser staatlichen Einstellung zu den Kirchen lebten deren Vertreter in der Glaubensgewissheit, dass die Zukunft der Kirche nicht von Parteiabsichten, sondern vom Willen Gottes abhängig sei.

Die Teilnahme zahlreicher Vertreter der evangelischen Kirche entsprang nicht politischer Taktik. Bestimmendes Element war vielmehr die tiefempfundene Ablehnung des menschenverachtenden Nazi-Systems.

Hier spielten die Erfahrungen des Kirchen-Kampfes gegen die Nazis im Dritten Reich eine Rolle. Aber auch die Erkenntnis, nicht rechtzeitig genug gegen die Nationalsozialisten vorgegangen zu sein. Die schrecklichen Erfahrungen des Nazi-Terrors waren noch präsent, als zuerst Kommunisten, dann Sozialdemokraten und schließlich Christen verfolgt und ermordet worden waren.

In den Konzentrationslagern dieses furchtbaren Regimes hatten sie begriffen, dass ihre Differenzen unwesentlich waren, angesichts der massiven Menschenrechtsverletzungen, die sie erleiden mussten. Einige spätere SED-Funktionäre und kirchliche Repräsentanten hatten diese verbindende ganz persönliche Erfahrung gemacht!

Obwohl 1961 die Sorge vor einer politischen Instrumentalisierung des Opfergedenkens in Sachsenhausen bei den Kirchenvertretern groß war, überwog doch die Erinnerung an die gemeinsam erlittenen Qualen bei der Abwägung, an der SED-Veranstaltung teilzunehmen.

Auch hatten die teilnehmenden Kirchenleute noch die Hoffnung, die drohende Absperrung der DDR zu verhindern und einen evangelischen Kirchentag zu ermöglichen. Man wollte die politische Lage entspannen. Der ausschlaggebende Grund aber war: das klare Bekenntnis zum Antifaschismus.

Zehn Jahre später waren bei einer entsprechenden Feierstunde hier die evangelischen Kirchen offiziell in Sachsenhausen vertreten und hatten nun weniger Sorge vor einem politischen Missbrauch ihrer Anwesenheit. Sie waren zu der Überzeugung gelangt, dass die ehemaligen Konzentrationslager unverzichtbare Orte des Erinnerns für Häftlinge, ihre Angehörigen und die gesamte Nachwelt seien.

Das gilt noch heute: Tod, Angst und Qualen tausender Menschen in den KZs des Nazi-Regimes dürfen nicht vergessen werden. Und die Erinnerung entfaltet an authentischen Orten eine besondere Kraft. Steine, Gebäude und Schauplätze sind beredte Zeugnisse der schrecklichen Terror- und Diktaturgeschichte in Deutschland. Die Worte des Präsidenten des Internationalen Sachsenhausen-Komitees, Pierre Gouffault, sind ein eindringliches Vermächtnis:

„Die letzten Augenzeugen bitten die jungen Menschen, unseren Kampf gegen die Nazi-Ideologie für eine gerechte, friedliche und tolerante Welt fortzusetzen.“

Das Gedenken an die Schreckens-Taten der Nazis an einem solchen Erinnerungs-Ort verleiht den Opfern der Überlebenden große Bedeutung und würdigt ihr unermessliches Leid. Zugleich geht von solchen Orten die unabdingbare Verpflichtung aus, stets für Menschenwürde und Menschenrechte zu kämpfen und allen neonazistischen Anfängen entschlossen zu wehren.

So blieb und bleibt der Kerngedanke der Mahn- und Gedenkstätte Sachsenhausen trotz ihres politischen Missbrauchs während des Kalten Krieges erhalten.

Dank der Mahn- und Gedenkstätte Sachsenhausen und ihrer aktiven Aufklärungsarbeit wissen wir UND die nachfolgenden Generationen:

Weltweit für Menschenrechte, Toleranz und Freiheit einzutreten, ist eine Frage der Menschlichkeit oder Menschenwürde!

Station Z wurde der Teil des KZ Sachsenhausen zynisch von der SS genannt, in dem sich die Krematorien befanden. Solche Orte darf es nie wieder geben.

Lieber Jörg Hildebrandt,

Sie fragen mich, ob ich von der “kleinen DDR Brandenburg” gesprochen habe.

Die “kleine DDR Brandenburg” war ein Kampfbegriff einiger Westberliner Fusionsgegner. Ähnlich wie “sozialistische Wärmestube”, “rotes Meer um Berlin”, “wir wollen in einem Land Berlin-Brandenburg nicht von einem IM regiert werden”.

Damit wurden letztlich nicht die Westberliner gegen die Fusion mobilisiert, aber der Widerstand vieler Brandenburger gegen ein Land mit solchen Hetzern geweckt.

Manche Attacken verhallten nach der gescheiterten Fusion. Gegen den IM mußte ich erfolgreich bis zum Bundesverfassungsgericht ziehen.

Der Vorwurf “kleine DDR Brandenburg” wurde dann im Landtag gegen die Regierung erhoben. Ich habe ihn nicht als Verleumdung zurück gewiesen, sondern erklärt, was in der DDR sinnvoll war wollten wir behalten. Poliklinik, Kleinkinderbetreuung, Rechte der Frauen, Ganztagsschulen …

Die Entwicklung gab uns recht und die Totalverteufelung der DDR hat zu einer geteilten Erinnerungskultur mit Tendenzen zur Glorifizierung der DDR geführt.

Es bleibt noch viel zu tun! Dank für Ihre Wachsamkeit!

Mit herzlichen Grüßen

Ihr Manfred Stolpe

Wir Ältere müssen uns erinnern und wir müssen es den Jüngeren weitersagen: Der Fall der Mauer war wie ein Wunder. Weiterlesen