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Manfred Stolpe, Brandenburgs ehemaliger Ministerpräsident, über Versäumnisse im Garnisonkirchen-Konflikt, Potsdamer Verhältnisse und seinen Lieblingsort in der Stadt

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Im Streitgespräch mit dem Wiederaufbau-Gegner Lutz Boede schlägt Brandenburgs ehemaliger Ministerpräsident Manfred Stolpe eine Namensänderung für die Potsdamer Garnisonkirche vor, deren Wiederaufbau umstritten ist. Auch die Verwendung von Steuermitteln kommt zwischen den beiden Kontrahenten zur Sprache.

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Frau PD Dr. Anke Silomon hat anhand zahlreicher Akten, Verfügungen kirchlicher und staatlicher Stellen, Berichte, Briefe und anderer Unterlagen eine sorgfältige und detaillierte Beschreibung zum kirchlichen Leben an der Garnisonkirche Potsdam zwischen 1914 und 1945 vorgelegt.

Sie hat damit eine wertvolle zeitgeschichtliche Forschung erstellt, die Abläufe und Ereignisse der kirchlichen Arbeit der Garnisonkirche beschreibt und in den Rahmen der damaligen Zeit stellt. Die Dokumentation ist eine Fundgrube zur Analyse und zum Verständnis konkreter historischer Ereignisse. Einmal mehr wird deutlich, welche überragende nationale Bedeutung die Potsdamer Garnisonkirche hatte.

Aus der Fülle der aufgearbeiteten Fakten will ich beispielhaft hervorheben: Die Entscheidung zur Umbenennung der „Königlichen Hof- und Garnisonkirche“ in „Garnisonkirche“ 1928 und die Verhinderung der Rückbenennung 1933.

Das durchgängige Bemühen des Gemeindekirchenrates der Garnisonkirchen-Zivilgemeinde rein politische Nutzungen der Kirche zu verhindern, wie z. B. Fahnenweihen und Feiern der Hitlerjugend, Auseinandersetzungen um das Tragen des NSDAP-Parteiabzeichens und des Hitlergrußes bei kirchlichen Veranstaltungen.

Die Auseinandersetzungen des Kirchenkampfs zwischen „Deutschen Christen“ und „Bekennender Kirche“ insbesondere zwischen dem DC-Superintendenten von Potsdam
und dem BK-nahen Pfarrer der Garnisonkirche.

Die Beschreibung der Umstände und Abläufe des „Tages von Potsdam“ am 21. März 1933.

Der starke Anstieg der Besucherzahlen nach dem „Tag von Potsdam“ und Eintrittspreise zugunsten des „Gruftfonds“ als willkommene und umkämpfte Einnahmequelle.

Die Anforderungsflug zu Abstammungsnachweisen (Arieranträge) und deren vorrangige Bearbeitung aber auch der ätzende Spott eines Schweizer Pfarrers über das „Riesenirrenhaus Deutschland“.

Die Trennung von Staat und Kirche 1919 und deren Umsetzung sowie der kirchlichen Bemühungen um Einnahmen und Religionsunterricht in den Schulen sowie Vorbehalte der Gemeinde gegenüber der neuen Reichsregierung.

Der Streit mit der Stadt Potsdam um das Glockengeläut 1920.

Die Auseinandersetzung mit der Nikolaigemeinde um die „Abtretung von Seelen“ mit der Übernahme von Straßenzügen durch die zivile Garnisonkirchengemeinde.

Nach Kriegsbeginn 1939 die Aufforderung an die Militärseelsorger, für ein menschenwürdiges Verhalten gegenüber den Feinden einzutreten und Misshandlungen von
Polen und Juden zu bekämpfen.

Die Situation in Deutschland, die zum Attentat auf Hitler 1944 führte und seine Folgen für Mitglieder der Garnison-Kirchengemeinde.

Bewegend zum Abschluss der Dokumentation der Bericht über den Brand der Kirche und des Turms nach dem Bombenangriff am 14. April 1945.

Die Garnisonkirche Potsdam kann ich nicht vergessen. Ich habe sie 1959 als Heilig-Kreuz-Kirche kennengelernt. So war sie nach dem von den Nazis und dem deutschen Militär begonnenen und verlorenen Raubkrieg neu benannt worden. Die Menschen, die im Turm Gottesdienste, Taufen, Trauungen, Gemeinde- und Jugendarbeit durchführten, haben mich tief beeindruckt. Sie liebten ihre bombenbeschädigte Kirche.

Mit der Stadt bestand Einigkeit über die Sicherung und den Innenausbau des Turms auch um einen späteren Wiederaufbau zu ermöglichen. Doch immer wieder gab es Gerüchte, dass dieser Turm als Zeuge preußisch-deutscher Vergangenheit verschwinden solle. Eine breite Bürgerbewegung setzte sich für den Erhalt des Turmes der Garnisonkirche ein. Das war im Jahr 1968. Dem Jahr des Prager Frühlings, als Bürgerproteste die Tschechoslowakische Parteidiktatur ins wanken brachte. Hoffnung auf Veränderung des starren Systems, auch der SED-Diktatur, brach auf.

Der Generalsekretär der SED Walter Ulbricht sah die Gefahr, dass Prager Ideen auf die DDR übergreifen würden. Protestbewegungen wandten sich gegen den Abriss der Universitätskirche Leipzig und der Garnison/Heilig-Kreuzkirche Potsdam. Ulbricht glaubte, wer nachgibt ermuntert zu weiteren Protesten, gefährdet letztlich die SED-Herrschaft in der DDR. Das machtpolitische Kalkül „den Anfängen von Protestbewegungen wehren“ gab den Ausschlag. Der Turm der Garnison/Heilig-Kreuzkirche wurde aus politisch-ideologischen Gründen gesprengt.

Ich habe mich gefreut, als vor einigen Jahren eine Bürgerbewegung für den Wiederaufbau der Kirche entstand. Ich freue mich aber ganz besonders darüber, dass mit der Anerkennung des Wiederaufbaus durch die internationale Nagel-Kreuzgemeinde die Verpflichtung gegen das Vergessen der Nazikriegsverbrechen und für Versöhnung zwischen den Völkern festgeschrieben ist. Wir wollen diesen Turm als Ort des christlichen Glaubens und als  Zeichen für eine Gesellschaft, die in Toleranz und Frieden zusammen lebt. Das ist  harte Gegenwartsaufgabe. Aufkommender Intoleranz, Gewalt, Rassismus und Antisemitismus muss entschlossen begegnet werden. Wir brauchen kein Gezänk über Geschichtsdeutungen. Wir brauchen das friedliche Zusammenleben und Zusammenarbeiten von Christen, Juden, Muslimen, Atheisten zum Wohl der Gesellschaft. Dafür kann die Kapelle im Turm der Kirche ein Raum des nötigen Dialogs sein.

 

Fördergesellschaft für den Wiederaufbau
der Garnisonkirche Potsdam e. V.

Herrn Vorsitzenden
MD J. P. Bauer

Potsdam, den 23. 02. 2011

Sehr geehrter Herr Vorsitzender,

immer wieder erlebe ich, wie der Tag von Potsdam 1933 gegen den Wiederaufbau der Garnisonkirche wirkt. Die Garnisonkirche wurde damals Ort einer schändlichen Nazi-Inszenierung, die deren Gegner als Befürworter darstellen sollte. Dieses Gift wirkt bis heute und hindert auch Wohlmeinende an einem tatkräftigen Bekenntnis für den Wiederaufbau.

Ich glaube, dass wir dieser vermeintlichen Nazi-Vergangenheit der Garnisonkirche offensiv mit dem Andenken an die tapferen Frauen und Männer des Hitler-Attentats vom 20. Juli 1944 begegnen müssen. Die Forschungsarbeit zu diesem Ereignis mit Unterstützung des MGFA ist deshalb besonders wichtig. Noch lebende Zeitzeugen sollten angehört und ihre Materialien erschlossen werden.

In diesem Zusammenhang weise ich hin auf den Pfarrer i. R. Gottfried Kunzendorf, Seniorenheim Herta von Zedlitz, Potsdam-Hermannswerder. Pfarrer Kunzendorf hat schon in DDR-Zeiten in der Bornstedter Kirche und dem dortigen Friedhof auf die Widerständler des 20. Juli 1944 hingewiesen, die Deutschlands Ehre mitten in der Mordbarbarei des NS-Systems retteten.

Kunzendorf hat über Jahrzehnte Material gesammelt und gegen die damals herrschende Lehre Gedenkveranstaltungen durchgeführt und andere Erinnerungsaktivitäten begleitet. So hat er die Bemühungen von Ines Reid begleitet und die Filme von Siegfried Gebser über das IR 9 und den 20. Juli vorbereitet.

Es wäre gut, das Wissen des nun 80jährigen Pfarrers Kunzendorf zu dokumentieren. Ich rate, dass hier z. B. das MGFA tätig wird. Pfarrer Kunzendorf ist bereit. Gern kann ich auch den Kontakt vermitteln.

Mit freundlichen Grüßen
Manfred Stolpe