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Seit 60 Jahren reise ich durch das Land Brandenburg. Besonders die Dörfer haben es mir angetan. Sie sind sehr unterschiedlich. Es gibt Straßendörfer, Runddörfer, Haufendörfer, äußerlich reiche und arme Dörfer. Doch ein Merkmal haben sie fast alle: ihr Kirche. Weiterlesen

Helmut Schmidt, der unlängst am anderen Ende der Elbe in Hamburg seinen 90. Geburtstag feierte, sagte uns: „Eigentlich wollte ich diesen Trubel nicht, aber es ist doch schön, Euch zu treffen“.

Verehrter Landesbischof Johannes Hempel, ich kann mir vorstellen, dass Sie ähnlich denken.

Meine Herren Bischöfe,

meine sehr verehrten Damen und Herren,

liebe Schwestern und Brüder,

erlauben Sie mir, aus ganzem Herzen Dank zu sagen!

Ich war 3 Jahrzehnte für die Evangelische Kirche in der DDR tätig und habe gelernt, dass wir in einem kirchenfeindlichen System Gott und den Menschen viel wirksamer dienen können, wenn wir zusammenhalten, uns nicht auseinander dividieren lassen, konfessionelle und landsmannschaftliche Unterschiede nicht hochspielen. Das Herz dieser Zeugnis- und Dienstgemeinschaft schlug in Dresden und hatte die Namen Gottfried Noth, mit dem ich ein Jahrzehnt zusammen arbeiten durfte, und Johannes Hempel.

Johannes Hempel war unsere geistliche Autorität. Mit seiner Offenheit und Lauterkeit, seiner redlichen und bedachten Art, seinem sensiblen Achten auf das Wort hat er Menschen beeindruckt und gewonnen.

Johannes Hempel war geradezu allergisch gegen große Sprüche. Jedes Wort sollte auch durch die Person gedeckt sein. Was Johannes Hempel sagte, war echt und dazu stand er. Auf den Synoden des Kirchenbundes oder 1983 auf der EKD-Synode in Worms. Er litt, wenn seine Worte verdreht oder missdeutet wurden.

Aber im Bund der Evangelischen Kirche in der DDR genoss er absolutes Vertrauen.

Und das galt auch für die Sächsische Kirche, die in der Bundesleitung häufig als Troika Johannes Hempel, Kurt Damsch und Hans Cieslack auftrat.

„Hempels Meinung hat unter den DDR-Bischöfen erhebliches Gewicht“, urteilten damals die Brüder im Westen.

Die  besondere Gemeinschaft der Evangelischen Kirchen in der DDR mit den Evangelischen Kirchen in der damaligen Bundesrepublik hat Johannes Hempel aus tiefer Überzeugung mit großem Einsatz festgehalten und weiter entwickelt. Er legte Wert darauf, dass in den Ost-West-Beratungen nicht nur allgemein geredet, sondern Grundsatzfragen des Kirche-Seins in Ost und West behandelt wurden. Er nannte Unterschiede beim Namen und wurde gelegentlich unbequem, wo sonst Harmonie und Freundlichkeit gepflegt und Gegensätze leider überdeckt wurden.

Im Prozess der Wiedervereinigung der Kirchen 1990/91 mahnte Hempel, der Osten sollte nicht alles preisgeben, die Kirchen hier hätten in ihrem Dienst in einer säkularisierten Gesellschaft Erkenntnisse gewonnen, die auch künftig gebraucht werden.

Denn der Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR war nicht nur eine Abwehrgemeinschaft im feindlichen Umfeld, sondern lernte unter der ständigen Bedrohung aller Arbeitszweige der Kirche deren Notwendigkeit für den Auftrag der Kirche zu erkennen und weiter zu gestalten. Das Selbstverständnis des Kirchenbundes wurde 1972 in einer Arbeitsgruppe unter Leitung von Bischof Hempel beschrieben. Sie begründete die Überzeugung, dass sich die Kirche nicht auf Seelsorge und Gemeinnützigkeit beschneiden lassen dürfe, wie der Staat es forderte. Sondern im gesamten gesellschaftlichen Leben sollten Zeugnis und Dienst der Kirchen und der Christen wirksam werden.

Deshalb unterstützte Hempel die christliche Jugend mit ihrer vom Staat verfolgten Aktion „Schwerter zu Pflugscharen“. Das Symbol wurde in Brandenburg entwickelt und der Aufnäher in Sachsen produziert.

Johannes Hempel wollte wissen, wie konkret aus dem Glauben in eine politische Situation geredet werden müsse. Seine Rede auf der Bundessynode 1983 setzte Zeichen. Er hinterfragte die Bildungspolitik der DDR und brachte damit die Meinung vieler Menschen und vor allem Jugendlicher zum Ausdruck.

Staat und Partei fürchteten, die Kirche werde zur Opposition und gebe Aktionen Raum, die mit Fasten und Kerzendemonstration die sozialistische DDR untergraben würden.

Das sollten die Kirchen beenden. Johannes Hempel lehnte es ab, die aufbegehrenden Menschen unter dem Dach der Kirche zu disziplinieren. Er forderte mit der Leitung des Kirchenbundes den Staat auf, sich den offensichtlichen Problemen zu stellen und Abhilfe zu schaffen.

Das alles im Lutherjahr 1983, das zum Anfang des Umbruchs in der DDR wurde.

Ich hoffe sehr, dass die EKD beim Lutherjubiläum 2017 das Jahr 1983 in der DDR berücksichtigt.

Landesbischof Johannes Hempel und die Leitung des Kirchenbundes hielten den Kurs einer kritischen Solidarität, und wo nötig Distanz zum Staat, durch. Die Staatsmacht bewegte sich nicht. Die Unruhe der Menschen wuchs und entlud sich 1988, 1989.

Landesbischof Hempel und die Sächsische Kirche gaben mit der Öffnung der Kirchengebäude für Protestveranstaltungen die logistische und geistliche Basis für die friedliche Revolution. Die anderen Evangelischen Kirchen folgten.

Honecker wurde abgesetzt. Die Mauer fiel und die Wiedervereinigung kam.

 

Anrede

Johannes Hempel war nicht nur ein sehr guter Bischof in Sachsen, sondern er hielt die Evangelischen Kirchen in der DDR als Zeugnis- und Dienstgemeinschaft zusammen und bewirkte mit den gesellschaftlichen Umbruch.

Mich bewegt an diesem Tage vor allem der Dank an unseren Herrn, dass er uns ein viertel Jahrhundert diesen Vordenker, Vorarbeiter und Vorbeter gab.

Verehrter, lieber Bischof Johannes Hempel,

danke, dass Sie die Last getragen haben und trotz mancher mühsamen Debatten nicht gesagt haben „Macht Euren Dreck allene“. Das wird nicht  vergessen! Und ich habe die Hoffnung, dass Sie noch viele Jahre den Kirchen in Sachsen, in Deutschland, in der Ökumene Ratgeber und Vorbild sein werden.

Gott behüte Sie.

Die Garnisonkirche Potsdam kann ich nicht vergessen. Ich habe sie 1959 als Heilig-Kreuz-Kirche kennengelernt. So war sie nach dem von den Nazis und dem deutschen Militär begonnenen und verlorenen Raubkrieg neu benannt worden. Die Menschen, die im Turm Gottesdienste, Taufen, Trauungen, Gemeinde- und Jugendarbeit durchführten, haben mich tief beeindruckt. Sie liebten ihre bombenbeschädigte Kirche.

Mit der Stadt bestand Einigkeit über die Sicherung und den Innenausbau des Turms auch um einen späteren Wiederaufbau zu ermöglichen. Doch immer wieder gab es Gerüchte, dass dieser Turm als Zeuge preußisch-deutscher Vergangenheit verschwinden solle. Eine breite Bürgerbewegung setzte sich für den Erhalt des Turmes der Garnisonkirche ein. Das war im Jahr 1968. Dem Jahr des Prager Frühlings, als Bürgerproteste die Tschechoslowakische Parteidiktatur ins wanken brachte. Hoffnung auf Veränderung des starren Systems, auch der SED-Diktatur, brach auf.

Der Generalsekretär der SED Walter Ulbricht sah die Gefahr, dass Prager Ideen auf die DDR übergreifen würden. Protestbewegungen wandten sich gegen den Abriss der Universitätskirche Leipzig und der Garnison/Heilig-Kreuzkirche Potsdam. Ulbricht glaubte, wer nachgibt ermuntert zu weiteren Protesten, gefährdet letztlich die SED-Herrschaft in der DDR. Das machtpolitische Kalkül „den Anfängen von Protestbewegungen wehren“ gab den Ausschlag. Der Turm der Garnison/Heilig-Kreuzkirche wurde aus politisch-ideologischen Gründen gesprengt.

Ich habe mich gefreut, als vor einigen Jahren eine Bürgerbewegung für den Wiederaufbau der Kirche entstand. Ich freue mich aber ganz besonders darüber, dass mit der Anerkennung des Wiederaufbaus durch die internationale Nagel-Kreuzgemeinde die Verpflichtung gegen das Vergessen der Nazikriegsverbrechen und für Versöhnung zwischen den Völkern festgeschrieben ist. Wir wollen diesen Turm als Ort des christlichen Glaubens und als  Zeichen für eine Gesellschaft, die in Toleranz und Frieden zusammen lebt. Das ist  harte Gegenwartsaufgabe. Aufkommender Intoleranz, Gewalt, Rassismus und Antisemitismus muss entschlossen begegnet werden. Wir brauchen kein Gezänk über Geschichtsdeutungen. Wir brauchen das friedliche Zusammenleben und Zusammenarbeiten von Christen, Juden, Muslimen, Atheisten zum Wohl der Gesellschaft. Dafür kann die Kapelle im Turm der Kirche ein Raum des nötigen Dialogs sein.

 

Sehr verehrte, liebe Frau Furian, liebe Familie Furian,

zum Heimgang Ihres Mannes, Vaters und Großvaters spreche ich Ihnen mein aufrichtiges Beileid aus.

Hans-Otto Furian war auf Sie alle sehr stolz und in unseren Gesprächen war oft die Familie wichtiger als das kirchenpolitische Tagesgeschäft. Das hat ihn im Dienst gelassen und stark gemacht.

Ich wünsche Ihnen, dass bei aller Trauer, doch die dankbare Erinnerung an einen großartigen Menschen Sie stark macht und vereint.

Für unsere Kirche in der Anfechtung war Probst Furian ein Fels in der Brandung. Er gab Mut, Vertrauen und Zuversicht.

Ich bin sehr dankbar, Hans-Otto Furian in vielen Jahren als wachen, kritischen und tapferen Wegbegleiter erlebt zu haben.

In dankbarer Verbundenheit grüßt

Ihr Manfred Stolpe

 

Frage 62 des Heidelberger Katechismus: Warum können aber unsere guten Werke nicht die Gerechtigkeit vor Gott oder ein Stück derselben sein?

Von des Menschen Elend, Erlösung und Dankbarkeit – so lauten die drei Hauptstücke des Heidelberger Katechismus. Die mir zugedachte Frage 62 fällt in den Komplex „Gottes Gerechtigkeit und unsere Werke“. Der Gedankengang ist folgender: Gerechtigkeit vor Gott erlangt der Mensch ohne Werke – allein durch Gnade (Frage 60 f.). Dieses Geschenk darf ihn aber nicht „leichtfertig und gewissenlos“ werden lassen, sondern soll zu dankbarem Engagement führen (63f.). Deshalb erwähnt bereits Frage 64 als Folge der Rechtfertigung die „Früchte der Dankbarkeit“. Dazu heißt es im dritten Teil des Katechismus („Von der Dankbarkeit“): Wir, die Gerechtfertigten, sollen gute Werke tun: (1) um uns „dankbar gegen Gott für seine Wohltat“ zu erweisen, (2) damit er „durch uns gepriesen wird“, (3) wir selbst „unsers Glaubens aus seinen Früchten gewiß werden“ und (4) „unsern Nächsten auch für Christus gewinnen“ (Frage 86 ff.).

Das ist das große Ganze, in das wir durch die Tür von Frage 62 eintreten. Dankbarkeit soll deshalb auch das Motto sein, unter dem ich von der gemeinsamen Zeit mit Bischof i. R. Dr. Engelhardt berichten will: Er war ab 1980 Landesbischof der Evangelischen Landeskirche Baden und ab 1991 Ratsvorsitzender der EKD – ich war beim ostdeutschen Kirchenbund tätig und ab 1982 bei der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg (Ost). Baden und Berlin-Brandenburg waren Partnerkirchen. Die Kirche war „die einzige Klammer, die es in unserem Volk zwischen Ost und West gab. Jede Landeskirche hatte eine Partnerkirche in der damaligen DDR, auf allen Ebenen unseres kirchlichen Lebens gab es Begegnungen, von der Gemeinde bis zur landeskirchlichen Leitung. Das ist über 40 Jahre gewachsen.“[1]

Noch heute sehe ich Bischof Engelhardt als Gast in einer Potsdamer Kirchengemeinde. Es war das Revolutions-Jahr 1989. Bei den Kommunalwahlen im Mai hatte es staatlicherseits Fälschungen gegeben. Eine politisch hochexplosive Spannung lag in der Luft. Auch die vielen jungen Menschen, die zu diesem Ost-West-Gemeindetreffen gekommen waren, drängten auf schnellen Umbruch. Sie wollten ihrem Leben neuen Sinn und der Gesellschaft eine Wende zum Guten geben.

Dazu schreibt Engelhardt später: „Nach den Kommunalwahlen in der DDR 1989 besuchte eine Delegation der badischen Kirchenleitung die berlin-brandenburgische Kirche. In einer Sitzung unter Leitung des damaligen Bischofs Forck wurde über Proteste berichtet, es gab Vorwürfe der Wahlmanipulation. Mich hat überrascht, mit welcher Eindringlichkeit das von der Kirchenleitung besprochen wurde, und dass Konsistorialpräsident Manfred Stolpe vom Bischof beauftragt wurde, sich um diese Angelegenheit zu kümmern. Man wusste, Stolpe hat Kontakte zu SED-Stellen, die immer wieder in Anspruch genommen wurden. Auch dass wir ohne weiteres einreisen konnten und uns in der DDR bewegen konnten – da stand im Hintergrund der Einfluss von Manfred Stolpe. Er war für mich ganz klar ein Mann der Kirche, bei allen Kontakten, die er hatte.“[2]

Engelhardt verstand wie kaum ein anderer zuzuhören. Und was er erlebte, bewegte sein Herz. Auch in dieser Phase des Gärens und Drängens stellte er sich uns als Mitbetroffener zur Seite. Zurückhaltend, aber klar, reagierte er. Er wollte Partner sein – nicht von oben herab, nicht bevormundend, sondern auf gleicher Augenhöhe. Wir spürten: Hier machen Menschen aus dem Westen unsere Anliegen zu ihren eigenen, ohne sich über uns zu erheben. Das war gelebte Geschwisterlichkeit, Solidarität. Das galt viel – 1989 ebenso wie heute. Denn: „Noch immer fühlen sich viele benachteiligt, noch immer gibt es unausrottbare Vorurteile, Fremdheit und Hürden. Sowohl im Westen als auch im Osten… Eine vollendete Einheit sieht anders aus.“[3]

Die Geschwister aus Baden kamen uns nahe: als Hörende und Begleitende. Unvergessen bleibt ein intensives Gespräch am 12. Oktober 1984: Bischof Klaus Engelhardt und mehrere Begleiter aus Baden waren mit Bischof Dr. Forck und weiteren Berlin-Brandenburger Kirchenvertretern in unserer Potsdamer Wohnung zusammengekommen. War es die sonst große räumliche Distanz, die füreinander besonders aufgeschlossen machte? War es die liebenswürdige „badische Lebensart“, die eine so wohltuende menschliche Nähe ermöglichte? Oder war es nicht auch die tiefempfundene Gemeinschaft des Glaubens, die wir nicht nur im Gottesdienst bekannten, sondern erleben durften?

Und uns wurde vielfach geholfen – auch mit Geld und mit Sachspenden. Mal waren es in der DDR nicht zu erhaltende Materialien für den Kirchbau, dann die Vervielfältigungstechnik für Gemeindebriefe. Besonders beliebt waren die zeitgemäßen Notenbücher für den Posaunenchor. Das alles war wichtig. Und ist es heute noch. Dank finanzieller Unterstützung aus Baden wurden im Jahr 2010 Instandsetzungsarbeiten an erhaltenswerten Kirchen in Lychen, in Wusterhausen und in Trebbin durchgeführt. Denn auch in Brandenburgs ländlichen Regionen soll das aus Stein und Ziegel erbaute Glaubenszeugnis nicht verstummen. „Da, wo es praktisch und konkret ist, setzen Bürger sich ein… An der Basis wird um die Einheit gerungen, und das klappt auch in der Regel.“[4]

Aber mehr noch: Während der Gespräche um die Wiedervereinigung der EKD hat Bischof Engelhardt als Ratsvorsitzender Achtung vor unserer im Osten gewachsenen Art, Kirche zu sein, zum Ausdruck gebracht – bis dahin, dass er zuweilen mit fragendem Blick die Impulse, die von uns ausgingen, aufnahm: „Warum haben sich die östlichen Landeskirchen mit Kirchensteuer, Religionsunterricht und Militärseelsorge so schwer getan und in erster Linie nur die Gefahr einer Abhängigkeit der Kirche vom Staat gesehen, nachdem sie in dieser Hinsicht vor der Wende unbekümmerter waren und sich eine gehörige Portion Unbefangenheit bewahrt hatten? Es bleibt für mich ein nicht auflösbarer Widerspruch zwischen Öffentlichkeitszuwendung vor der Wende und Öffentlichkeitsscheu nach der Wende.“[5]

Zurück zu Frage 62 aus dem Heidelberger Katechismus. In ihrem Licht muss jetzt ergänzt werden: Bei aller tiefen Dankbarkeit – zur Rechtfertigung vor Gott kann, gemäß reformatorischer Grundüberzeugung, die anrührende Treue Bischof Engelhardts nicht dienen. Aber dadurch wird sie in nichts entwertet! Denn die Rechtfertigung ist ihm bereits zuteil geworden, ehe er etwas für Kirche und Christen im Osten tun konnte. Gottes Ja geht voraus. „Der Glaube sagt: Du brauchst dir nicht ständig den Puls zu fühlen. Das gibt Freiheit und Selbstbewusstsein und eine innere Gelöstheit, Verantwortung in der Welt zu übernehmen.“[6]

Sein vom Kreisen um sich selbst befreiter Glaube hat Bischof Engelhardt gewiesen auf den Weg der selbst-losen Stärkung jener „besonderen Gemeinschaft“, die uns Christen in der DDR mit den Geschwistern der EKD über Mauer und Stacheldraht hinweg verband. Mit Zustimmung hat er unser Bemühen um Zeitgenossenschaft wahrgenommen: „Die Kirchen in der ehemaligen DDR… haben sich darum bemüht, Gemeinde Jesu in der atheistischen Gesellschaft zu sein. Kirche als Lerngemeinschaft: Das muss in unseren Landeskirchen und in der EKD wichtig bleiben“, erklärte er 1994.[7] Und wie sehr war er bestrebt, nach dem Wunder der „Friedlichen Revolution“ den Prozess des Zusammenführens von Kirche-Ost und Kirche-West achtsam im Blick auf diejenigen Bedingungen zu gestalten, unter denen wir als Zeugnis- und Dienstgemeinschaft gelebt hatten. „Trotz Zeitnot und Entscheidungsdruck hätten wir uns in Ost und West intensiver um die Denkweise der Schwestern und Brüder aus dem je anderen Teil Deutschlands hineindenken müssen… Wir im Westen hätten deutlicher anerkennen müssen, welche seelische Leistung die Menschen im Osten erbracht haben, als sie sich völlig unerwartet von einem Tag auf den anderen auf total neue Lebensverhältnisse umstellen mussten.“[8]

Die Beteiligten in Berlin-Brandenburg haben das geschwisterliche Agieren von Bischof i. R. Dr. Engelhardt als wohltuend empfunden. Als Richtschnur galten Respekt und Solidarität. „Mit Geduld und vielleicht auch viel Liebe haben wir es geschafft“, beschrieb treffend der damalige EKD-Synoden-Präses Jürgen Schmude das Miteinander der Kirchen während des Einigungsprozesses.[9]

Anlässlich des 80. Geburtstages von Bischof i. R. Dr. Klaus Engelhardt dürfen wir von Herzen dankbar zurückblicken auf sein eindrucksvolles Lebenswerk. Es ist eine Frucht, die erwachsen ist aus dem Glauben an Gottes rechtfertigende Gnade, „denn es ist unmöglich, dass Menschen, die Christus durch wahren Glauben eingepflanzt sind, nicht Frucht der Dankbarkeit bringen.“[10]



[1]  EKD-Interview mit Engelhardt, in: EKD-Meldungen vom 20.01.2010

[2]  Ebd

[3]  Beatrice von Weizsäcker: Die Unvollendete, 55, Lübbe 2010

[4]  Ebd. 191 f.

[5]  Engelhardt: Geistesgegenwärtige Kirche, in: Ihn zu fassen, ist fast unsere Freude zu klein, 23, Calwer Verlag 2002

[6]  Engelhardt: Das ewig Licht geht da herein… Bericht des Rates der EKD 1997, aaO, 216

 [7]  AaO, 249

 [8]  Geistesgegenwärtige Kirche, in: Ihn zu fassen… 24

 [9]  EKD-Meldungen vom 07. November 2011

[10]  Heidelberger Katechismus zu Frage 64

Verehrte, liebe Edith Binder!

Zu Ihrem 80. Geburtstag gratuliere ich Ihnen herzlich und wünsche Gottes gutes Geleit für die kommenden Jahre. Möge der 6. Februar 2012 für Sie, Ihre Familie und Ihre Freunde ein schöner Tag mit dankbaren Erinnerungen sein!

Große Dankbarkeit erfüllt mich, wenn ich an das Vierteljahrhundert denke, in dem ich mit Heinz-Georg Binder und somit auch mit Ihnen besonders verbunden war. Sie waren oft mit dabei und haben Ihren Mann auch mutig in den unberechenbaren und nicht ungefährlichen Osten Deutschlands begleitet. Auch in meinen Vieraugen-Gesprächen mit dem Prälaten und Bischof Binder spürte ich, was Sie für ihn bedeuteten. Sie und Ihre Familie waren ihm wichtig, klangen selbst in tiefsinnigen politischen Gesprächen mit an, waren Rückhalt und Orientierungshilfe. Ich weiß nicht, was Heinz-Georg und Edith Binder über den manchmal bitteren Alltag der deutsch-deutschen Beziehungen in Kirche und Politik besprochen haben.

Vermutlich hat er nicht viel erzählt. Denn so habe ich ihn in all den Jahren erlebt: Was ich wissen musste, hat er gesagt, ein Plauderer war er nie. Aber er strahlte Zuverlässigkeit und Vertrauen aus, lebte aus einer fundierten Glaubenshaltung und in einer guten Ehe, die ihn stärkte und ermutigte.

In der vielleicht kompliziertesten Phase der deutschen Geschichte zwischen der beginnenden Ost-West-Entspannung, behutsamen Annäherung der beiden deutschen Staaten bis zur dramatischen, kriegsgefährlichen Implusion der DDR und schließlich der Wiedervereinigung Deutschlands stand Heinz-Georg Binder als Bevollmächtigter der EKD bei der Bundesregierung und Militärbischof im Mittelpunkt der Ereignisse. Es war die vorderste Front der politischen Konfrontation und möglicher militärischer Auseinandersetzung. Ein Platz, an dem sich „Helden“ mit Kampfgeschrei profilieren könnten. Genau dort aber hatte Gott den Friedensstifter Bischof Binder hingestellt. Er konnte vorurteilsfrei zuhören, zündete sich dafür notfalls eine weitere Pfeife an, bildete sich eine unabhängige Meinung und hatte das Ziel, behutsam Entwicklungen zu fördern, die den Menschen Erleichterungen brachten und die deutsch-deutschen Beziehungen entkrampfen konnten. Dabei hatte er stets die europäischen Zusammenhänge und auch die Notwendigkeit eines guten Verhältnisses zum polnischen Volk im Auge.

Bischof Binder kannte die deutsch-deutschen Beziehungen wie kaum ein anderer. Er sprach mit den politischen Kräften in der damaligen Bundesrepublik und konnte über seine DDR-Kirchenpartner die Lage im zweiten deutschen Staat einschätzen. Er gab uns Fragen und Botschaften an die SED-Spitzen mit auf den Weg. Binder setzte seine Erkenntnisse in politische Beratung, humanitäre Hilfe und kirchliche Maßnahme um. Denn vor allem war Heinz-Georg Binder Mann der Kirche, bestellt als deren Vertreter gegenüber der Bundesregierung und zugleich erster Helfer für die Kirchen in der DDR. Er vermittelte die kirchliche Solidarität aus dem Westen für den Osten, förderte alle Möglichkeiten persönlicher Kontakte und gab damit für die Evangelischen Christen in der DDR eine große geistliche Hilfe und Ermutigung. Dieser Zuspruch hat die Kirchen und Christen in der DDR in ihrer Eigenständigkeit bestärkt, um für Gerechtigkeit, Solidarität und Freiheit in ihrem Land einzutreten und schließlich zur Hauptkraft für die Veränderung der Verhältnisse in der DDR zu werden. Wenn das heute in der seriösen Zeitgeschichtsschreibung unbestritten ist, so muss dabei zuallererst Heinz-Georg Binder genannt werden. Ihm verdanken wir die Ermutigung der Ostdeutschen, den friedlichen Machtwechsel in der DDR und Augenmaß in der Wiedervereinigung.

Sie, verehrte, liebe Edith Binder waren Bischof Binders wichtigste Hilfe. Zum Akten bearbeiten, Termine vermitteln, Dossiers verfassen hatte er andere Helfer – sofern er es nicht sowieso selbst erledigte. Aber das Umfeld des Bedenkens, der Entscheidungssuche und der Vorbereitung von Weitervermittlung haben Sie geprägt. Unvergessen bleibt für mich Ihr erster Besuch bei uns in Potsdam. Sie kamen mit Ihrem Mann in einem weinroten Mercedes mit Ihrem freundlichen Kraftfahrer fröhlich vorgefahren und verbreiteten sofort eine entspannte optimistische Atmosphäre. Da habe ich Sie das erste Mal direkt als guten Geist bei Heinz-Georg Binders komplizierten Missionen erlebt. Natürlich ging es bei der Reise wieder einmal um Hilfsprogramme bei Bauten und Finanzen der Evangelischen Kirchen in der DDR. Wieder einmal ging es um die Suche nach Erleichterungen für Inhaftierte, verzweifelte Ausreisewillige, benachteiligte Christenmenschen. Wieder einmal musste viel gearbeitet und viel gereist werden. Und die Straßen waren damals schlecht, die Volkspolizei streng und der Staatssicherheitsdienst misstrauisch. Edith Binder aber war eine mutige Begleiterin. Sie sahen Dinge, die uns nicht mal auffielen, erkannten hinter dem landesüblichen Mausgrau verborgene Schönheiten und regten weitere Hilfen an. Sie stellten zum Beispiel fest, dass wir in dem restaurierten katholischen Klosterbereich Neuzelle die evangelische Kirche vernachlässigt hatten. Inzwischen ist Neuzelle voll erblüht und eine wirkliche Perle in Deutschlands äußerstem Osten, zugleich ein Zentrum deutsch-polnischer Zusammenarbeit.

Bei der schwierigen Frage zum Wiederaufbau des Doms in Fürstenwalde rieten Sie zu einer mutigen Entscheidung. Der Dom Fürstenwalde verbindet in einmaliger Weise lange Tradition und moderne Nutzung. Gern bin ich dort und erinnere laut an die Stifter des Wiederaufbaus. Allein hätten wir uns nicht getraut und ob wir es im wiedergeborenen Brandenburg schon geschafft hätten, weiß ich nicht. Das sind nur zwei kleine Beispiele, und es wäre gut, eine gemeine Erinnerungsreise zu unternehmen.

Heinz-Georg-Binders Ostreisen waren vom Argwohn der DDR-Staatsmacht begleitet. Aber er blieb auch in der heißen Phase der letzten DDR-Monate ein vertrauenswürdiger Friedensstifter. Ein Höhepunkt seines Wirkens war im Spätherbst 1989 eine Gesprächsrunde als Militärbischof begleitet von hohen Militärs der Bundeswehr mit dem Kommando Landstreitkräfte der Nationalen Volksarme DDR in Potsdam. Das war die militärische Macht, die der friedlichen Revolution der DDR den Garaus machen konnte. Zumal das Russische Oberkommando in Wünsdorf auf ein entsprechendes Signal wartete („Unsere Waffenbrüder werden wir nicht im Stich lassen, egal was Gorbatschow sagt“).
Heinz-Georg Binder vermittelte ein sachliches Gespräch. Die Militärs waren sich als Fachleute näher als ich es vermutet hatte. Keine Seite wollte Blutvergießen. Am Abend jenes Tages glaubte ich, dass der Umbruch der Verhältnisse in der DDR gelingen wird. Aber Heinz-Georg Binder gab sich damit nicht zufrieden. Im beginnenden Prozess der Wiedervereinigung trat er bei der Bundesregierung penetrant für die Belange der Kirchen im Osten Deutschlands ein. Er dämpft Schwärmereien bei den Kirchen und half mit, den Neustart der Evangelischen Kirche in der DDR organisatorisch, rechtlich und finanziell zu bewältigen.

Im Ringen um gerechte Lösungen konnte der sonst so zurückhaltende Bischof Binder sehr deutlich, sehr kämpferisch werden. Wie er es übrigens schon 1985 in einem Spiegel-Interview mit voreingenommenen und unfairen Journalisten bewies.

Sehr verehrte, liebe Edith Binder,

wenn ich an Ihren Mann erinnere, denke ich zugleich an Sie und so steht an Ihrem Ehrentag zuallererst der Dank an Sie als seine Inspiratorin, seinen „rückwärtigen Dienst“ seine bessere Seite!

Bleiben Sie behütet!

Ihr dankbarer Manfred Stolpe

In Brandenburg ist kürzlich ein Gutachten für die Enquete-Kommission veröffentlicht worden:  „Personelle Kontinuität und Elitenwandel in Landtag, Landesregierung und -verwaltung im Land Brandenburg“. Zu welchem Ergebnis kommen die Gutachter?
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Sehr verehrte, liebe Frau Richter, liebe Familie Richter,

am 16. Mai, als ich im Geburtstagsstress stand, haben sie Werner Richter zur letzten Ruhe gebracht. Zu seinem Heimgang, der mich sehr erschüttert, spreche ich Ihnen mein aufrichtiges Beileid aus!

Über 30 Jahre hatte ich die Freude, mit Werner Richter zusammen zuarbeiten und seine Kompetenz, Leistungsbereitschaft und Überzeugungskraft zu bewundern.

Er hat entscheidend dazu beigetragen, dass viele Stadt- und Dorfkirchen nutzungsgerecht erhalten, und als gesamtgesellschaftliches Erbe in Anspruch genommen wurden. Ihm gelang die Balance zwischen Denkmalschutz und moderner Nutzung.

Mit dem kirchlichen Sonderbauprogramm konnten in der DDR neue kirchliche Arbeitsmöglichkeiten erschlossen werden.

Die Gespräche mit ihm waren für mich anregend und ermutigend. Mit Werner Richters Kirchbau konnte Freiheit der Kirche gehalten und gezeigt werden.

In Dankbarkeit grüßt Sie
Ihr Manfred Stolpe

Von Anfang an war es mein Auftrag bei der Kirche, mit den Staatsorganen zu reden. Kollegen mit einer alten Juristenausbildung wollten diese Aufgabe nicht übernehmen. Ich hatte keine Berührungsängste, zumal ich manche meiner Kommilitonen in staatlichen Funktionen wieder traf. Es ging dabei immer um die Frage: Was kann die Kirche für die Menschen in der DDR tun?

Meine Arbeitstage im Sommer 1989 waren sehr ausgefüllt. Kirchengemeinden in der ganzen DDR luden mich zu politischen Veranstaltungen ein. Ich sprach mit Kirchenmitgliedern über ihre Sorgen und erfuhr gleichzeitig viel über die Stimmung im Land. Aber ich führte auch Gespräche mit Vertretern des DDR-Staatsapparates, in denen ich mich für schulisch benachteiligte Kinder christlichen Glaubens, für politisch Inhaftierte oder Ausreisewillige einsetzte. Dazu kam die alltägliche Büroarbeit innerhalb der Kirchenverwaltung.

Aus Sicht meiner Frau bestanden meine Sonntage damals üblicherweise darin, früh loszufahren und spät abends zurückzukommen. Manchmal gab es aber Sonntage, an denen ich zu Hause in Potsdam war und sogar überlegt habe, ob ich in die Kirche gehen oder lieber richtig „blau machen“ solle. …

Zu meinem Engagement in Brandenburg brachte mich mein Parteikollege Steffen Reiche. Er fragte mich, ob ich nicht Spitzenkandidat der SPD bei der Wahl zum Brandenburger Landtag werden wolle. Johannes Rau drängte mich wegen meiner Bekanntheit im Land ebenso dazu. Nur meine Frau war immer dagegen. Bei der Landtagswahl am 14. Oktober 1990 wurde die SPD stärkste Partei und ich infolgedessen Ministerpräsident des Landes.

Für mich kam von Anfang an nur Brandenburg als regionale Wirkungsstätte in Frage, wenn ich auch zunächst das ganze Territorium der DDR als ein neues Land bevorzugt hätte. Doch das war nicht gegen die Länder der alten Bundesrepublik zu machen. Außerdem wollten auch die Sachsen und Thüringer ihre alten Länder auferstehen lassen.

Meine politischen Vorstellungen waren zunächst ganz schlicht, weil ich als Vertreter des Volkes agieren wollte. Ich wollte den Menschen helfen, damit möglichst keiner auf dem Weg in das gemeinsame Deutschland zum Verlierer würde. Ich wollte vermeiden, dass sie plötzlich Fremde im eigenen Land wären. Gerade für Brandenburg, dessen Historie zu DDR-Zeiten völlig tabuisiert war, wollte ich ein neues Heimatgefühl schaffen. …

Als ich meine politische Tätigkeit begann, machte ich mir keine Gedanken darüber, wie lange ich diese Aufgabe ausüben könnte. Ich bin in meinem Leben immer „auf Sicht“ gefahren. Was hinter der nächsten Ecke kommt, hat mich nicht bewegt. Die Entscheidung für Brandenburg empfinde ich nach wie vor als richtig, denn ich fühlte mich damals auch in der Pflicht, diese Aufgabe zu übernehmen.

Ich schäme mich auch nicht dafür, dass manches nicht optimal gelaufen ist. Meine wichtigste Erfahrung ist, dass es sich lohnt, etwas gemeinsam mit Menschen anzupacken. So haben wir es auch geschafft, dass die Süd-Lausitzer und West-Prignitzer zu Brandenburg zurückkamen.

Zwei Erfahrungen, die ich nicht gerne gemacht habe, betreffen die Diskussion um meine Arbeit als Konsistorialpräsident. Ich musste lernen, dass der Journalismus immer auch von der Suche nach Skandalgeschichten beherrscht ist. Gerade die „Stasi“, mit der ich qua Amt zu tun hatte, verkauft sich in diesem Zusammenhang immer wieder gut. Genauso hat mich aber die Beobachtung berührt, dass Leute über Sachen sprechen und urteilen, über die sie gar nicht Bescheid wissen.

Es bereitet mir bis heute Mühe, verständlich zu machen, dass es das Selbstverständnis der Evangelischen Kirche in der DDR war, sich um Leute zu kümmern, die Hilfe suchten. Die Kirche wollte sich nicht aufs Singen und Beten zurückziehen. Wenn ich nun als Verhandlungsbeauftragter Ergebnisse erreichen wollte, musste ich mit allen verantwortlichen Leuten reden, mit dem Staatsapparat, der SED und der Staatssicherheit. Dabei war das Politbüro das eigentliche Machtzentrum der DDR. Moralische Rückendeckung erhielt ich bei dieser Aufgabe von meinen Kollegen aus der Kirche.

Ich habe seit der Wende viele neue Leute kennen und schätzen gelernt. Darunter waren auch solche, zu denen ich Vertrauen hatte und mit denen ich offen sprechen konnte, die aber auch mir vertrauten. Für mich ist das Freundschaft, und insofern habe ich viele neue Freundschaften mit Menschen aus Ost und West geschlossen.

Ich spreche bei Veranstaltungen, in Interviews oder mit Bekannten viel über die Zeit der Wende und danach, weil ich das für notwendig halte. Sonst erhalten die Personen die Deutungshoheit, die nicht nur nicht dabei waren und nicht Bescheid wissen, sondern sich auch noch profilieren wollen. Die Wende von 1989 ist und bleibt ein wichtiges Erbe für uns Ostdeutsche. Die deutsche Einheit hätte es nicht gegeben, wenn die Menschen in der DDR keine Veränderungen durchgesetzt hätten.

Ohne die Entschlossenheit, Beharrlichkeit, Leistungsfähigkeit und Anpassungsfähigkeit hätten wir nichts Neues auf die Beine gestellt. Wir müssen daher aufpassen, dass an den Schulen im Unterricht über DDR-Geschichte jetzt nicht nur Gespenstermalerei passiert, sondern dass wir auch den Neuanfang hervorheben. Wir dürfen auch nicht zulassen, dass die DDR pauschal verteufelt wird. Sonst entsteht bei allen Ostdeutschen der Eindruck, sie müssten sich rechtfertigen, warum sie sich als Mitträger des Systems betätigt haben. Dabei war doch die überwiegende Mehrheit gar nicht im Machtapparat tätig, sondern hat in der DDR einfach nur gelebt und gearbeitet.

Meines Erachtens ist immer noch ein Aufbruch im Land zu spüren. Bei den jungen Leuten kommt mehr und mehr die Überzeugung auf, dass man Chancen nutzen muss. Die Entschlossenheit zu improvisieren, dazubleiben und Selbstbewusstsein zu haben, brauchen wir in Ostdeutschland unbedingt. Dann ist Brandenburg in 20 Jahren ein Land, das auf eigenen Beinen stehen kann und keine Hilfe mehr von anderen benötigt.

Auszug aus dem Buch „Neuanfang in Brandenburg“ – erhältlich in der Brandenburgischen Landeszentrale für politische Bildung