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Gedenkfeier für Lothar Bisky – 14. 9. 2013 Volksbühne Berlin

Liebe Trauergäste,
liebe Familie Bisky,
liebe Almuth Bisky,

wie muss es Sie getroffen haben. Tief bewegt habe ich in den letzten Wochen an Sie gedacht und gehofft, dass Sie diesen Schock überstehen können und die Dankbarkeit für das Leben mit Lothar Bisky Ihnen Trost und Halt geben möge.

Lothar Bisky hat sich in seinem großen Auftritt 2012 im Brandenburger Landtag in bewegenden Worten zu Ihnen bekannt und mit dem Satz geschlossen „denn die Liebe ist ja allmächtig“.

Seinen Tod empfinde auch ich als schmerzlichen Verlust: Sein lauterer Charakter, seine uneitle Autorität, seine große Geduld im Zuhören und Vermitteln, seine undogmatische Suche nach menschenfreundlichen Lösungen und sein tiefsinniger Humor, seine Warmherzigkeit haben mich sehr beeindruckt. Meine Begegnungen mit Lothar Bisky haben mein Vertrauen in den Wert verlässlicher zwischenmenschlicher Beziehungen gefestigt.

In einer dramatischen Umbruchzeit, als Egoismus und Rechthaberei, auch Lug und Trug zu dominieren drohten, da war für mich der Umgang mit Lothar Bisky eine große Ermutigung. Lothar Bisky war ein Glücksfall für das wiedergeborene Land Brandenburg. In die Aufgeregtheiten der Nachwendezeit brachte er Ruhe und Sachlichkeit ein. Lothar Bisky wusste um die gewaltigen Belastungen, die der politische, wirtschaftliche und mentale Systemwechsel den Menschen brachte. Er sah die Gefahren der Massenarbeitslosigkeit und der sozialen Entwurzelung sowie die Notwendigkeit, den Menschen mit einem handlungsfähigen Land Brandenburg Halt und Mut zu geben. Darin stimmten Lothar Bisky, Regine Hildebrandt und ich überein. Es musste viel getan werden, damit die Ostdeutschen nicht zu Verlierern der Einheit werden, zu verhindern, dass ganze Bevölkerungsschichten im Abseits landen!

Lothar Bisky hat entscheidend mitgeholfen, dass der Weg in das neue Brandenburg im wiedervereinten Deutschland allen Gutwilligen offen stand.Nicht Rache, sondern Recht waren angesagt – wie unser damaliger Justizminister Hans Otto Bräutigam stets betonte.

Unter Führung von Lothar Bisky hat die PDS im Brandenburger Landtag mitgetragen, was für den Aufbau des Landes dringend nötig war: viele wichtige Gesetze und auch die Verfassung des Landes wurden von allen Parteien im Landtag gemeinsam beschlossen – auch von der ebenfalls oppositionellen CDU-Fraktion unter Führung von Peter-Michael Diestel.Das Wohl des Landes und seiner Menschen waren in der 1. Legislaturperiode des Brandenburger Landtages wichtiger als parteipolitische Positionen. Lothar Bisky beschrieb es 2012 so: „bestimmend war, dass man eine Lösung suchte. Ein Ergebnis musste her, und erst dann interessierte es, in welcher Partei der andere ist.“

Bei Nöten und großen Herausforderungen müssen alle Demokraten zusammenstehen. So haben wir damals unseren Auftrag verstanden. Heute gilt das für die Auseinandersetzung mit Neonazis. Unser Brandenburger Bemühungen um ein gesamtgesellschaftliches Bündnis gegen Rassismus, Intoleranz und Gewalt und der gemeinsame Abschluss des NSU-Untersuchungsausschusses im Bundestag lassen mich hoffen.

Brandenburger Weg wurde unsere Zusammenarbeit abfällig von Außenstehenden genannt.Denn in der Bundesrepublik Deutschland gelten Streit und Konflikt, aber nicht Konsensversuche als Merkmale der Demokratie.

Mit Lothar Biskys ergebnisorientierter Oppositionspolitik konnte in Brandenburg mit den DDR-Erfahrungen differenziert umgegangen werden. Der Brandenburger Weg war kein Sonderweg, sondern das Bemühen, den Transformationsprozess sach- und menschengerecht zu gestalten. Mit menschlichem Maß sollte auch mit der DDR-Vergangenheit umgegangen werden. Das ist in Brandenburg weithin gelungen, obwohl auf der Bundesebene die Neigung zur Totalverteufelung der DDR vorherrschte.Gesprächskontakte mit der Staatssicherheit wurden skandalisiert, auch wenn sie beruflich nötig waren und jeder wissen konnte, nach welchen Gesichtspunkten die Akten des MfS
geführt wurden.

Lothar Bisky hat in diesem Zusammenhang böse Demütigungen erlebt bis hin zu der Verhinderung seiner Wahl zum Vizepräsidenten des Bundestages – gegen alle vereinbarten Regeln.

„Die Abrechnung mit der DDR hat totalitäre Züge angenommen“, sagte Friedrich Schorlemmer. Mindestens aber war, und ist immer noch ein Kulturkampf, eine Gesinnungsverfolgung unter Missachtung rechtsstaatlicher Grundsätze zu spüren .Immer wieder hat Lothar Bisky gefordert, dass das DDR-Bild nicht von Parteitaktik sondern von unvoreingenommenen Historikern und Fachleuten beschrieben werden sollte. Das würde helfen, die innere Einheit Deutschlands zu fördern!

Lothar Bisky hat für Wahrheit, Verständnis und Versöhnung gekämpft. Mit „stoischer Fairness“ – wie Matthias Platzeck es nennt. Er hat unverdrossen Brücken gebaut und nicht selten zwischen den Ufern gestanden.

Ich danke Lothar Bisky, dem Mitgründer des neuen Brandenburg!Ich danke allen, die den Menschenfreund Bisky unterstützen.Lothar Bisky bleibt ein Vorbild für eine integrierende politische Kultur!

Lieber Wolfgang Thierse,

liebe Familie Hildebrandt,
meine sehr verehrten Damen und Herren,

Ich begrüße Sie alle herzlich und bin wie Sie gespannt, was wir heute von Jörg Hildebrandt und der Gesprächsrunde – Lea Rosh, Ulrike Poppe, Frauke Hildebrandt – drei unerschrockene Frauen, die sich für Gerechtigkeit, Freiheit und Menschenrechte eingesetzt und Jörg Hildebrandt, Jens Reich, Wolfgang Thierse – drei Männer der friedlichen Revolution, die aktiv den Umbruch vorbereitet und den Neuanfang gestaltet haben – erfahren werden. Gespräche unter Deutschen mit geteilten Meinungen zur Wiedervereinigung!

Erste Feststellung: Niemand stellt die deutsche Einheit infrage. Das sah vor 22 Jahren anders aus. Jörg und Frauke Hildebrandt legen ein bemerkenswertes Buch vor: Es gibt keine Tabus. Probleme der Vergangenheit, Sorgen der Gegenwart und Zukunftsaufgaben werden klar benannt. Die beiden Interviewer bohren, provozieren, streiten auch mal heftig mit den Gesprächspartnern. Aber auch untereinander mit interessanten Gegensätzen, z. B. zur Frage, ob es 1990 richtiger gewesen wäre, ehemalige SED-Mitglieder in die SPD aufzunehmen. Es ist ein spannendes Buch zur politischen Bildung. Ich habe es Abiturklassen empfohlen.

Mit 15 Gesprächspartnern aus Ost und West haben Jörg und Frauke Hildebrandt diskutiert und immer war Regine Hildebrandt mit am Tisch. Denn alle diesen Themen haben auch sie bewegt und häufig wird sie in den Gesprächen genannt. Regine Hildebrandt ist eben keine ferne historische Persönlichkeit, sondern sie steht mit ihren Ansichten und Erwartungen mitten unter unseren Sorgen und Hoffnungen. Wir erfahren hier einmal mehr ihre bleibende Aktualität!

Wir in Brandenburg fragen uns häufig, was hätte Regine Hildebrandt gesagt? Beim Flughafenbau hätte sie vermutlich geraten: „Jungs seid nicht so blauäugig, Ihr müsst doch wissen, wie hier gelogen wird!“ Aus voller Überzeugung wiederholte ich Günter Grass: „Ihr sollt sie nicht so viel ehren, sondern Euch nach ihr richten!“

Meine sehr verehrten Damen und Herren, Ich möchte Ihre Aufmerksamkeit auf vier Querschnittsthemen lenken, über die in diesem Buch Deutsche aus Ost und West sprachen und über die weiter gesprochen werden sollte im deutsch-deutschen Gespräch. Denn wir haben noch viel zu wenig miteinander gesprochen, wechselseitig wirklich zugehört und uns vorurteilsfrei zu verstehen versucht.

Thema 1: Die Art der Wiedervereinigung. Nicht aus Besserwisserei, sondern wegen der Langzeitwirkung. Christoph Hein stellt fest: „Die Sieger der Geschichte haben den Verlierern der Geschichte Vorschriften gemacht“. Und Friedhelm Hengsbach erinnert, „den DDR-Bürgern wurde der Eindruck vermittelt, dass Freiheit, Demokratie und Marktwirtschaft alles richten werden“. Jörg Hildebrandt aber ergänzt: „Übergestülpt haben wir uns den Westen jedenfalls ganz allein. Ein Segen, dass es so gekommen ist.“ „Aber aus der übergroßen Hoffnung ist übergroße Enttäuschung geworden“, sagt Christoph Hein. Jörg Hildebrandt illustriert mit den von ihm erfahrenen Konquistadoren-Allüren. Dazu Günter Grass „Es gab nur ganz wenige, die in der Phase der Erneuerung den Mut und die Erfahrung hatten, dem Westen zu widersprechen und ihn auf seine Überheblichkeit und Ahnungslosigkeit aufmerksam zu machen“, so wie Regine Hildebrandt es tat! Im MDR hörte ich damals den Spruch: Der Fuchs ist schlau und stellt sich dumm, beim Wessi ist das andersrum. Norbert Walter kritisiert, „die produktiven Menschen der neuen Bundesländer, mit Stolz und Leistungswillen, sind in viel zu geringem Umfang in die Gestaltungsprozesse einbezogen worden“. „Wir haben zu viele ostdeutsche Talente in diesem Prozess frustriert. Bei nicht wenigen wurde eine unnötige Antistimmung gegenüber der westdeutschen Gesellschaft verschuldet“. Lea Rosh bedauert: „die Menschen im Ost nehmen viel zu viel hin, nehmen es einfach hin“. „Verlierer der Einheit sind alleinstehende Frauen mit Kindern“, sagt Lothar Bisky. Aber auch dies sagt er: „Die westliche Demokratie bedeutet gegen den Realsozialismus rein zivilisatorisch wirklichen Fortschritt“.

Meine sehr verehrten Damen und Herren. Sie stimmen mir vielleicht zu, dass diese Zitate nicht nur zeitgeschichtliche Betrachtungen, sondern bleibende Herausforderungen sind!

Mein zweites Thema sind die Unterschiede zwischen Deutschen Ost und West. Wolfgang Huber berichtet von seinen Erfahrungen mit Mentalitätsunterschieden und Ulrike Poppe bringt das Beispiel: „Wenn man im Osten zu einer Sache schweigt, heißt das Ablehnung. Wenn man im Westen schweigt, heißt das Zustimmung“. Und weiter: „Im Westen Aufgewachsene können sich besser präsentieren, sich besser verkaufen: Ich kann alles, ich weiß alles.“ Egon Bahr beklagt, dass auch er die Unterschiedlichkeit der Mentalitäten unterschätzt habe und prophezeit: „Drei Generationen haben in den USA die Nord- und Südstaatler gebraucht, ehe sie einigermaßen zusammenfanden“. Mir sagte der Gouverneur von South Carolina 1990 auf meine Frage, ob 30 Jahre für die Angleichung von Ost und West in Deutschland reichen würden. „Wir haben 130 Jahre gebraucht!“ Frauke Hildebrandt fragt Günter Grass: „Bleiben die Lebens- und Geschichtserfahrungen der Ostdeutschen weitgehend unberücksichtigt?“

Meine sehr verehrten Damen und Herren, das Gespräch zwischen den Deutschen muss weitergehen. Es geht darum, unterschiedliche Prägungen und Verhaltensweisen zu verstehen und dabei zu lernen, wie Unterschiede auch Stärken bedeuten können.

Zum Beispiel können wir Ossis noch viel von der Weltoffenheit unserer westdeutschen Landsleute lernen, aber unsere Havarieerfahrungen sind in Globalisierungszeiten durchaus nützlich. Schließlich sind wir gemeinsam in den Bedrohungen der Gegenwart gefordert: Meinem 3. Thema. Hierzu kommen in dem Band viele Sorgen zu Ausdruck. Wir leben in einer Zeit, in der „die Politik nur der Spielraum ist, den die Wirtschaft zulässt“, wie Dieter Hildebrandt meint.

Und Friedhelm Hengsbach sagt, dass „das Finanzregime unter dem Diktat der sekundenschnellen Kursgewinne steht und eine neue soziale Marktwirtschaft mit marktradikalen, wirtschaftsliberalen Vorzeichen propagiert wird“. Gesine Schwan fürchtet: „Am Ende betrachtet sich jeder in Konkurrenz zum anderen: Der Mensch ist des Menschen Wolf“, und sie fährt fort, „dass diese Radikalisierung des Wirtschaftssystems und die kulturelle Radikalisierung zu Feindseligkeit und struktureller Verantwortungslosigkeit führt.“ „Soziale Explosionen“ hält Lothar Bisky für wahrscheinlich und Friedhelm Hengsbach mahnt, „die Klassenfrage ist nicht beseitigt“. Christian Führer ergänzt, „nichts ist mehr sicher. Das gibt ein absolut schräges Lebensgefühl. Natürlich Arbeitslosigkeit. Zweitens Krankheit und dann die Angst, dass das Geld verfällt.“

Zum 4. Thema Zukunft kommt in den Interviews neben Sorgen viel Hoffnung zum Ausdruck. So hofft Jens Reich: „Es ist noch nicht zu spät … Ein Bewusstseinswandel ist nicht ausgeschlossen und der muss zupackend in die Praxis umgesetzt werden … Das ist die Hoffnung auf Schwung für die Zukunft“. Christian Führer fordert, „Die Würde des Menschen muss unantastbar sein“ und er sieht nicht schwarz für die Zukunft. „Meine Verortung ist die Menschenwürde, da gibt es keine Diskussion und keine Abstriche“, erklärt Norbert Walter. Und Friedhelm Hengsbach fordert: „Für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, die ökologische Nachhaltigkeit und die basispolitische Beteiligung sollten wir uns noch viel stärker einschalten – in beiden Teilen Deutschlands“. Richard Schröder ergänzt, „zivilgesellschaftliche Strukturen, wo Bürger sich zu politischen oder auch nichtpolitischen Anlässen zusammenfinden, sind unaufgebbar. Davon sollte man recht viel haben“. „Das festigt die Demokratie und wehrt Extreme ab“, schätzt Egon Bahr ein. Er setzt auf eine Reformierbarkeit unseres Systems. Wolfgang Huber nennt als Ziel „eine international verantwortbare soziale Marktwirtschaft“ als Ausdruck auch seiner bestimmten und unbeugsamen Hoffnung.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich bremse mich, weitere wegweisende Worte aus den Interviews zu zitieren. Zumal ja auch noch andere reden werden. Aber eine Bemerkung lassen Sie mich bitte noch einbringen: Für das deutsch- deutsche Gespräch müssen wir beachten, dass es in der ehemaligen DDR eine geteilte Erinnerungskultur gibt. Einerseits die staatlich geförderte, medial unterstützte Darstellung der DDR als menschenverachtende, freiheitsberaubende, ja teuflische Diktatur. Andererseits wächst in vielen Familien bei der Jugend die Neigung zur Verharmlosung, ja Vergoldung der DDR. Auch das braucht noch viele Gespräche. Vielleicht beim Forum für Ostdeutschland? Aber bitte nicht von oben herab!

Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich wünsche uns einen spannenden Abend!

Berlin, 26. 9. 2012