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Rede anlässlich des „Weihnachtsplausch“ vor dem  Rotary Club Berlin im Schloss Köpenick am 14. Dezember 2015 Weiterlesen

Ich bin auch gekommen, weil mir als Zeitzeuge sehr daran liegt, die Bedeutung von Zossen-Wünsdorf bei der friedlichen Revolution und der Wiedervereinigung zu erinnern.

Vor 25 Jahren hat das Volk der DDR sein Selbstbestimmungsrecht wahrgenommen, dadurch die deutsche Einheit ermöglicht und die Rückgabe der Souveränität an Deutschland durch die Siegermächte bewirkt.

1989 brach sich die Unzufriedenheit der DDR-Bevölkerung Bahn. Die Forderungen nach Reisefreiheit, Meinungsfreiheit, Mitbestimmung, eine unabhängige Gerichtsbarkeit und eine effektive Wirtschaft wurden unüberhörbar. Von September bis Dezember 1989 gingen von Rostock bis Plauen, von Halberstadt bis Zittau jeden Montag Hunderttausende mit der Forderung nach einer besseren DDR auf die Straße. Und auch in der Zossener Dreifaltigkeitskirche sammelten sich viele Menschen zum Protest. Weiterlesen

Gerhard Schröder ist einer der bedeutendsten Kanzler Deutschlands. Er steht in einer Reihe mit Helmut Schmidt, Willy Brandt, Konrad Adenauer und Helmut Kohl. Jeder von ihnen hat in seiner Zeit mit ihren jeweiligen Herausforderungen schwierige Aufgaben für Deutschland gehabt. Gerhard Schröder hat für Deutschlands Zukunft mutig zwei wichtige Weichen gestellt: Er hat das Wirtschafts- und Sozialsystem reformiert, stabilisiert und er hat Deutschlands Souveränität international bekräftigt.

Wir sind uns zuerst begegnet, als ich Ministerpräsident in Brandenburg war und mich bemühte, unser Land aus drei sehr unterschiedlichen Bezirken zusammenzubringen, Demokratie und Rechtsstaat einzuführen, die Umgestaltung von der Staatsplanwirtschaft zur Marktwirtschaft zu steuern, Industriekerne zu erhalten, Investoren zu werben und einen leistungsfähigen Mittelstand zu fördern. In diesen Jahren blickte ich nicht ohne Neid auf meine Kollegen aus der alten Bundesrepublik. Den Ministerpräsidenten Schröder aus Niedersachsen habe ich bewundert. Er wirkte auf mich wie ein Sonnenkönig, ein lebensfroher, großzügiger und zupackender Landesfürst, dem wir Ossis wohl gelegentlich auf die Nerven fielen und geradezu lästig wirkten, zum Beispiel, wenn er die durch die Wiedervereinigung schrumpfende Zonenrandförderung sah. Irgendwie waren wir Störer, die von einem fremden Stern kamen und statt glücklich zu sein auch noch jammerten. Das habe ich mir damals abgewöhnt, weshalb Brandenburg immer am wenigsten von der noch CDU- geführten Bundesregierung bekam. Dann trat Gerhard Schröder zur Wahl als Bundeskanzler für ganz Deutschland an und die ostdeutschen Länder kamen ihm sehr nahe. Dabei half auch eine Nachdenk- und Vorbereitungswoche im äußersten Osten Deutschlands in einem Spreewald-Hotel. Ich war dann dabei, als Schröder viele Begegnungen mit den Menschen unter anderem in Rostock, Dresden, Erfurt, Magdeburg und Potsdam hatte. Er war ein überzeugender Wahlkämpfer mit großem Stehvermögen und schnellem Aufgreifen der Fragen und Hinweise der Bevölkerung. Gerhard Schröder lernte den Osten kennen. In der Prignitz an der Elbe bei den Bauern, die ihm die Gans Doretta  schenkten, fühlte er sich zu Hause. Das war Heimat für ihn, das war derselbe Menschenschlag, den er aus Niedersachsen, vom westlichen Elbufer kannte. Gerhard Schröder wurde einer von uns im Osten, und die Bundestagswahl wurde für ihn im Osten gewonnen.

Dann musste Gerhard Schröder in das Kanzleramt hineinfinden. Eine Lawine neuer Aufgaben und Probleme, zahlreiche internationale Verpflichtungen stürzten auf ihn ein. In den ersten Tagen wirkte er wie betäubt, wie ein Blinder. Ich glaube, Doris und einige alte Freunde mussten ihm Mut zusprechen. Doch dann erlebte ich von Monat zu Monat einen sicher werdenden Kanzler Schröder mit der Gabe, den richtigen Entscheidungspunkt zu erkennen und entschlossen zu handeln. „Zupacken, nicht Abwarten“ war seine Devise. Einige Jahre saß ich mit an seinem Kabinetttisch und erlebte, wie Gerhard Schröder seine Verantwortung für Deutschland erkannte und es ihm mehr und mehr um das Wohl des Landes und seiner Menschen ging. Nicht Parteidoktrin, Wahlergebnisse oder Ruhmsucht trieben ihn an, sondern das Verantwortungsbewusstsein für Deutschland.

Kanzler Gerhard Schröder erkannte die Schwächen des deutschen Wirtschafts- und Sozialsystems und sah, dass ein „Weiter so“ vielleicht seine Popularität stärken, aber dem Land schaden würde. Er nannte offen die Reformbedürftigkeit der Bundesrepublik, zeigte die tief greifenden strukturellen Probleme auf und warb für einschneidende Lösungen, unpopuläre Maßnahmen und setzte sie durch. Gerhard Schröder rechnete damit, dass die schmerzlichen Eingriffe in das Sozialsystem ihm Sympathien kosten und die nächste Wahl verloren gehen könnte. „Die Reformen müssen sein, auch wenn ich darüber mein Amt verlieren sollte“, sagte er uns im kleinsten Kreise. Die Reformen waren keine Absage an den Sozialstaat. Denn für den Sozialstaat und die Solidarität steht Schröder unerschütterlich. Gerade deshalb wollte er ihn mit den Reformen sichern. Dazu gehörten die Wiederbelebung der Wirtschaft und eine Neujustierung in vielen gesellschaftlichen Bereichen. Schröder setzte mit Standhaftigkeit und Überzeugungskraft die überfälligen Reformen um und opferte dafür sein Kanzleramt. Kanzler Schröder tat das Beste für Deutschland. Dafür gebühren ihm Respekt und Dank.

Bewundert habe ich Bundeskanzler Schröder, als er die deutsche Beteiligung am Irakkrieg absagte. Auch hier wusste er, was er tat. Schon als sein Zögern erkennbar wurde, setzten massive Interventionen der US-Regierung ein. Aber Schröder wollte verantwortbar deutsche Politik machen und hielt ein blindes Mitlaufen in einem Krieg, dessen Sinn und Nutzen nicht erkennbar war, für falsch. Mit seiner Absage zum Krieg im Irak sprach er den meisten Deutschen, insbesondere den Ostdeutschen, aus dem Herzen und hat zugleich die Souveränität Deutschlands deutlich gemacht.

Als dann in Europa Krieg im Kosovo ausbrach, sah Kanzler Schröder Deutschland gefordert. In offenen, um Verständnis werbenden Worten hat Gerhard Schröder sich an die deutsche Bevölkerung gewandt und um Unterstützen gebeten, dass deutsche Soldaten eingreifen mussten.

Deutschlands und Europas Interesse hat Schröder auch im Verhältnis zu Russland gewahrt. Ich habe im Bundeskabinett erlebt, wie bei Kanzler Schröder aus Ablehnung und Vorurteil Verständnis für Russland erwuchs und die Berücksichtigung gegenseitiger Interessen Vorrang bekam. Denn Deutschland und Europa brauchen Russland, und Russland braucht Deutschland und Europa. Das erfordert Geduld und Verständnis. Gerhard Schröder hat erlebt, dass russische Politik zuhören und sich ändern kann, wenn arrogante öffentliche Belehrungen vermieden werden. Vertrauen und die Erkenntnis gemeinsamer globaler Verantwortung sind im Verhältnis zu Russland nötig. Das ist eine bleibende Aufgabe, auch wenn mancher nur langsam ihre Notwendigkeit versteht.

Der Bundeskanzler a. D. Gerhard Schröder ist mit seiner Meinung, seinen klaren Worten ein weltweit gefragter Ratgeber und wird es hoffentlich noch lange bleiben.

Potsdam  – Manfred Stolpe muss nicht vor die Haustür gehen, um Menschen zu treffen. Weiterlesen

Was macht eigentlich Manfred Stolpe, langjähriger Ministerpräsident Brandenburgs und ehemaliger Bundesverkehrsminister? Weiterlesen

Sehr geehrter, lieber Michail Sergejewitsch!

Zum Anbruch des Jahres 2014 gratulieren wir Ihnen und senden Ihnen unsere herzlichsten Wünsche. Wir wünschen Ihnen und Ihren Angehörigen Wohlergehen, Glück, Gesundheit sowie Lebens- und Schaffensfreude.

In diesem Jahr 2014 werden wir das Andenken an besonders historische Daten der Jahre 1914 und 1989 begehen, die für unsere Völker in Deutschland wie auch in Russland schicksalsträchtig gewesen sind. Das sollte uns dazu veranlassen, auch heute aufmerksam und beharrlich nach freundschaftlicher Zusammenarbeit zu streben und das wechselseitige Verstehen zwischen unseren Völkern weiter zu entwickeln. Im Blick darauf sind wir Ihnen zutiefst dankabr für den unschätzbaren Beitrag, den Sie persönlich dazu geleistet haben und auch weiterhin für diese Ziele leisten.

Mit vorzüglicher Hochachtung
Ihre
Manfred Stolpe – Helmut Domke

Ich danke der Europäischen Kulturstiftung und ihrem Ehrenpräsidenten Prof. Ernst Seidel sowie dem Präsidenten Tilo Braune!

Sie erweisen mir eine große Ehre. Ich nehme den Preis stellvertretend für viele andere in Deutschland, die eine besondere Sensibilität gegenüber unseren östlichen Nachbarn haben und um unsere Bringepflicht wissen nach den früheren deutschen Verbrechen, Vertrauen zu schaffen und zu erhalten.
Ich danke den vielen Mitstreiterinnen und Mitstreitern in der Evangelischen Kirche, in der brandenburgischen und der Bundespolitik, in Vereinen und Organisationen, die mit mir für Verständigung mit unseren östlichen Nachbarn eintreten.
Ich danke Helmut Schmidt für seine freundschaftlichen Worte.

Foto: Henry Herrmann, eventpress

Foto: Henry Herrmann, eventpress


Hier sprach der große Europäer, der im Westen Vertrauen zu Deutschland aufgebaut hat und immer auch den Osten des Kontinents im Auge behielt.
Als Mitunterzeichner der Schlussakte von Helsinki 1975 für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa hat Bundeskanzler Schmidt der friedlichen Zusammenarbeit der Staaten Vorrang verschafft und der Beachtung der Menschenrechte und humanitären Fragen den Weg geöffnet.
Die Erklärung von Helsinki war der Auftakt der Veränderungen in Osteuropa!
Für mich als Kirchenjurist und Verhandlungsbeauftragter gegenüber der DDR-Regierung war die Schlussakte von Helsinki 15 Jahre lang das wichtigste Arbeitsmaterial zur Einforderung von Religionsfreiheit, Gewissensfreiheit, Freiheit für Andersdenkende, Eintreten für Inhaftierte und Familienzusammenführungen.
Ich hatte 1981 das große Glück, gemeinsam mit Bischof Albrecht Schönherr zum ersten Mal den Bundeskanzler Schmidt zu besuchen. Es ging um Erleichterungen für die Menschen in der DDR, es ging um das Zusammenwirken der deutschen Staaten und es ging um Europa.
Kanzler Schmidt hatte große Sorgen über die Entwicklung in Polen. Dort war mit Solidarnosc eine starke Freiheits- und Demokratiebewegung entstanden und es gab die akute Gefahr eines militärischen Einschreitens des Warschauer Paktes in Polen. Auch wir Kirchenleute hatten davon erfahren und kannten Gerüchte, wonach DDR-Truppen Pommern, Schlesien und Posen besetzen sollten. Helmut Schmidt drängte uns, den DDR-Oberen auf allen Kanälen seine dringende Erwartung auf Zurückhaltung zu übermitteln.
Das haben wir aus voller Überzeugung getan und vielleicht hat es mitgeholfen, den Aufbruch zur Freiheit in Mittel-Ost-Europa nicht im Blut zu ersticken.
Für mich gab es den Nebeneffekt, dass alle meine Äußerungen, wo auch immer sie aufgefangen wurden, einen hohen Berichtsstellenwert bekamen. Denn schließlich sprach da ja Schmidts Bote. Das war bis 1989 nützlich. Danach in den Papierbergen von SED und Staatssicherheit wurde es zur Fundgrube für Sensationshascherei und Verleumdungen. Ich bleibe Helmut Schmidt dankbar, dass er später im Brandenburger Landtag für mich eintrat.

Friedensstifter hat mich der Kanzler genannt, das ist ein hohes Lob und es macht mich verlegen. Ich habe Verständigung und Versöhnung gesucht, wollte Konflikte und Zuspitzungen vermeiden, wollte Vorurteile und Missverständnisse ausräumen und habe Gemeinsamkeiten gesucht.
Es ist gelungen, Vertrauen aufzubauen und in gemeinsames Handeln umzusetzen. Und ich bin für zwei Projekte besonders dankbar:
Es gelang uns als Evangelische Kirche in der DDR in Warschau mitzuwirken an einem Kinderkrankenhaus, das als Gedenkstätte für die im zweiten Weltkrieg in Polen umgekommenen Kinder errichtet wurde.
Wir haben auf den Seelower Höhen 1991 einen Friedenswald errichtet, dem Ort der letzten großen Kämpfe 1945, als Erinnerung an die vielen zehntausend Toten und als Mahnung zu Versöhnung und Zusammenarbeit. Jugendliche aus Deutschland, Polen, Russland, Weißrussland und der Ukraine pflegen den Wald. Das Land Brandenburg, der Landkreis Märkisch-Oderland und die Botschafter Russlands, Polens, der Ukraine und Weißrusslands unterstützen den Gedenkort.
Noch einiges liegt mir am Herzen. Auch hier nenne ich nur zwei Beispiele.
Das internationale Begegnungszentrum Minsk, das den Namen Johannes Rau trägt, hat sich zu einem wichtigen Ort europäischen Dialogs aber auch der Meinungsfreiheit für Belaruss entwickelt und braucht mehr Aufmerksamkeit.
Das Brandenburgische Staatsorchester Frankfurt hat mit dem Tschaikowsky-Konservatorium Moskau eine Kooperation vereinbart und wird im März gemeinsame Auftritte in Polen und Deutschland haben. Am 5. März in der Brandenburgischen Landesvertretung in Berlin, wozu ich Sie alle herzlich einlade. Diese russisch-deutsch-polnische Kooperation braucht noch Unterstützer.

Für den Europäer Helmut Schmidt ging es immer auch um die deutsche Frage. Nach seiner neu gewonnenen Freiheit 1982 hat er uns mehrfach in der DDR besucht.
Und Loki war immer dabei, einfühlsam, warmherzig, hilfreich und praktisch. Sie gewann die Herzen und bleibt unvergessen.
Ein Höhepunkt dieser Besuchsreisen war Altkanzler Schmidts Rede am 25. Oktober 1986 in der überfüllten Nikolaikirche Potsdam, wo er das Ziel eines gemeinsamen Daches für die Deutschen ausrief.
Sehr viele Menschen in der DDR haben Helmut Schmidt bewundert und geliebt. Er machte Mut zum aufrechten Gang und letztlich zum gewaltfreien Sturz der Diktatur. Noch Anfang November 1989 hat Helmut Schmidt in Meißen und Ostberlin zu gewaltfreier Veränderung unter Beachtung der europäischen Koordinaten aufgefordert.
Als ich dann 1990 in Brandenburg Ministerpräsident wurde, besuchte uns Helmut Schmidt im Brandenburger Kabinett, informierte sich und beriet uns. Gut in Erinnerung ist der Disput mit Regine Hildebrandt.
Ich selbst habe zwei Mal dringend seinen Rat eingeholt.
Als uns 1997 Landunter an der Oder drohte erinnerte ich mich an das heute vor 50 Jahren in Hamburg aufgetretene Hochwasser, das der damalige Innensenator Schmidt zu bekämpfen hatte. Ich traf mich gleich zu Beginn der Katastrophe mit Helmut Schmidt, und er riet mir, sofort und ohne Kompetenzstreit und ohne Benutzung aller Dienstleitern, die Bundeswehr direkt um Hilfe zu bitten. Das habe ich getan, und durch die massive Unterstützung der Bundeswehr sowie die hohe Einsatzbereitschaft aller örtlichen Kräfte konnte das Oderbruch gerettet werden.
Ein zweites Mal bat ich den Altkanzler um Rat. Es ging um die Fusion von Brandenburg und Berlin. Helmut Schmidt prophezeite, dass die Abstimmung an den Brandenburgern scheitern würde, denn die fürchteten, von der Großstadt erdrückt zu werden. Bei Schleswig-Holstein und Hamburg sei das auch so. Aber wir sollten unverzüglich alles tun, um eine optimale Kooperation der beiden Länder institutionell zu sichern. So ist es dann gekommen.

Verehrter Kanzler Schmidt, ich bin beschämt und dankbar für Ihre väterliche Freundschaft. Ich werde mich weiter in Ihrem Sinne um europäische Vernunft und ein mitfühlendes Herz mit den östlichen Nachbarn bemühen. Und ich habe die Hoffnung, dass wir noch lange europäische Orientierungshilfe von Ihnen bekommen.

Brandenburgs erster Ministerpräsident Manfred Stolpe wurde am 7.2.2012 in Berlin mit dem Europäischen Kulturpreis für Politik ausgezeichnet. Die Europäische Kulturstiftung würdigt damit das jahrelange Wirken Stolpes für die Aussöhnung mit den osteuropäischen Nachbarn. Weiterlesen