Zu “ FRIEDBERT PFLÜGER: Richard von Weizsäcker – Mit der Macht der Moral“

· 2. August 2010   - 

Sehr geehrter Herr Professor Pflüger,

es ist beinahe peinlich, erst jetzt Ihre bemerkenswerte Biografie über Richard von Weizsäcker zu lesen. Mich tröstet allerdings, dass dieses Buch einen bleibenden Wert hat. Es ist Ihnen gelungen, eine deutlich von Sympathie getragene und dennoch kritische Darstellung  vorzulegen. Zum Vorzug des Insiders kommen bei Ihnen eine große analytische Gabe, der unverkennbare Bezug auf die Gegenwart und künftige Herausforderungen.

Besonders nachdenklich machten mich Ihre Ausführungen zur Rolle der Parteien. In diesem Kapitel setzen Sie sich auch mit der schnellen Übernahme des politischen Systems der Bundesrepublik in der ehemaligen DDR auseinander. Die Klagen, etwa von Bärbel Bohley, sind berechtigt. Aber die große Bevölkerungsmehrheit wollte es anders, auch auf dem Hintergrund der erstrebten sofortigen Übernahme des sozial-ökonomischen Systems West.

Kundig und fair behandeln Sie das Bemühen der Vermittler zwischen Ost und West im Kalten Krieg. Mir zum Beispiel ging es in erster Linie um Erleichterungen für die Menschen im Osten, mehr Freiheit und Gerechtigkeit sowie den Zusammenhalt der Deutschen in einem geteilten Europa. Hier musste ohne Eigennutz und Eitelkeit diskret und effektiv gehandelt werden. Auf Dank und Verständnis konnte schon wegen der nötigen Diskretion des Handelns nicht gesetzt werden. Humanitäre Hilfe, erweiterte Lebens- und Handlungsräume insbesondere für die Kirche, Verhinderung von Gewalt und Förderung von Ost-West-Kontakten waren der Maßstab. Ob dieser Zweck jedes Mittel rechtfertigte, bleibt zu diskutieren.

Im Ganzen ist Ihnen eine präzise Darstellung wichtiger Zusammenhänge der letzten Jahrzehnte gelungen, so dass auch durch das Register ein unverzichtbares zeitgeschichtliches Dokument vorliegt.

Möge es breite Aufmerksamkeit finden!

Mit freundlichen Grüßen

Manfred Stolpe