10 Jahre Brandenburg-Preußen Museum
in Wustrau
–  Ansprache   –
am 25. September 2010

14.30 Uhr
Gutskirche Wustrau

Anrede:

2010 ist ein Jahr zum Feiern in Brandenburg. Vor zwanzig Jahren wurde unser Bundesland wieder gegründet. Zwanzig Jahre sind seit der deutschen Einigung vergangen. Viele Umbrüche, aber auch viele Aufbrüche haben die Menschen in Brandenburg seitdem erlebt. Nicht wenige mussten umdenken, umlernen, sich neu orientieren. Aber seit zwanzig Jahren besitzen wir etwas Wichtiges: die Freiheit! Und heute sagen wir wieder voller Stolz und mit großer Selbstverständlichkeit: wir sind Brandenburgerinnen und Brandenburger!
2010 ist auch ein Jubiläumsjahr hier in Wustrau. Vor 10 Jahren gründete Ehrhardt Bödecker in diesem reizenden Ort in der Mark das Brandenburg-Preußen Museum. Er nahm sein eigenes Geld in die Hand und verwirklichte mit viel Entschlossenheit und großer Initiative ein Museum, das die preußische Geschichte Brandenburgs zeigen und erfahrbar machen möchte.
So viel Engagement im wohlverdienten Ruhestand, Herr Bödecker, ist etwas Besonderes! Es erinnert doch sehr an eine der preußischen Tugenden, die Sie nicht müde werden zu betonen, den uneigennützigen Dienst am Gemeinwohl. Aus diesem Grund bin ich gerne zu Ihrer Festveranstaltung gekommen und möchte Ihnen meine herzliche Anerkennung aussprechen.
Mit dem Museum leisten Sie in Ergänzung zum Potsdamer Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte Ihren spezifischen Beitrag zur Auseinandersetzung mit der preußischen Geschichte in Brandenburg, aber auch darüber hinaus. Das Museum ist ein Ort zum Kennenlernen der preußischen Vergangenheit. Sie sind ein engagierter und bisweilen streitbarer Vertreter der Errungenschaften Preußens. Sie beschreiben – zu Recht! – Preußen zwischen Toleranz und Aufklärung.
Religionsfreiheit, Abschaffung des Sklavenhandels, rechtsstaatliche Prinzipien zu einem sehr frühen Zeitpunkt in der europäischen Geschichte und eine effiziente Verwaltung sind bei Weitem nicht alle Beispiele dafür, was Preußen Vorbildliches erreicht hat.
Darüber hinaus schaffen Sie mit dem Brandenburg-Preußen Museum – der Name ist schon Programm – ein Stück Identität für die Menschen, die hier leben.
Die Mark Brandenburg war das Kernland Preußens, auch wenn die Hohenzollerndynastie ursprünglich aus dem Schwäbischen stammte und das spätere Preußen viele zum Teil weit entfernte Regionen umfasste. Die märkische Region war Ausgangspunkt und immer wieder Bezugsrahmen der preußischen Herrscher.
Jeder der heute nach Brandenburg kommt, trifft auf eine eher ebene Landschaft mit kargem, sandigem Boden, wenig natürlichen Ressourcen und kleinen Städten, die nicht in die Historie eingegangen sind. Das Erstaunen darüber, warum sich ausgerechnet unter diesen Voraussetzungen eine europäische Großmacht entwickeln konnte, die Preußen war, trifft heute genauso zu wie vor Jahrhunderten.
Voltaire, der ein gern gesehener Gast Friedrichs des Großen in Sanssouci war, schrieb schon Mitte des 18. Jahrhunderts:

„Jemand müsste etwas darüber schreiben, was da gerade geschieht. Es wäre von einigem Nutzen, wenn man erklären könnte, wie es dazu kam, dass das sandige Land Brandenburg so mächtig geworden ist, dass man mehr Streitkräfte gegen Brandenburg mobilisiert hat als jemals gegen Ludwig XIV.“
Was mit Brandenburg begann, wurde später durch die Machtpolitik der Hohenzollern zu dem Staat Preußen mitten in Europa. Nach dem zweiten Weltkrieg war Preußen Geschichte. 1947 erklärten die Vertreter der alliierten Besatzungsbehörden die Auflösung des preußischen Staates. Auch das Land Brandenburg wurde einige Jahre später von der DDR abgeschafft und in „Bezirke“ überführt. Das Ziel war klar: keine regionalen Identitätsmöglichkeiten sollten bestehen bleiben. Allein der Glaube an die sozialistische Einheits-Ideologie sollte verbindlicher Bezugsrahmen für die Menschen sein.
Dass sich die DDR damit aber verschätzte, zeigten eindrucksvoll die Bestrebungen kurz nach der Friedlichen Revolution, das Land Brandenburg wieder zu gründen. Dankbar kann man sagen: Brandenburg gibt es immer noch.
Dieses Heimatgefühl mit einer Region, einem Landstrich, einer Stadt oder einem Dorf ist das, was die Brandenburgerinnen und Brandenburger ausmacht. In einer zunehmend unübersichtlichen Welt, in der alles mit allem zusammenhängt, unsere Sicherheit heute am Hindukusch verteidigt wird und die Solvenz einer Landesbank von Immobiliengeschäften in den USA abhängt, ist das nur allzu verständlich.
In Wustrau finden sie ein Museum, dass ihre eigene, regionale aber auch die europäische Weltgeschichte reflektiert. „Zukunft braucht Herkunft“ hat Ministerpräsident Platzeck einmal gut zusammengefasst. Gestern wie heute. Preußen ist dabei ein wichtiger Bezugspunkt für die Brandenburgerinnen und Brandenburger.

Eine AUSSCHLIESSLICH „humane Bilanz Preußens“ – so einer Ihrer Buchtitel, Herr Bödecker – fällt mir aber schwer. Auf der einen Seite war Preußen tolerant, aufgeklärt, fortschrittlich. Auf der anderen Seite stützte es sich aber in der Rückschau in allzu übermächtiger Weise auf das Militär, überließ diesem eine Sonderrolle in seinem staatlichen und gesellschaftlichen Aufbau.
Gerade im Deutschen Reich nach 1871 fand die Vorstellung, dass der Bürger sich dem Staat anzupassen habe, zu viel Raum. Gehorsam und Untertänigkeit wurde von den Bürgern erwartet. Hatte sich Friedrich der Große noch als erster Diener des Staates gesehen, so besaßen die preußischen Verwaltungsbeamten unter Bismarck längst ein ganz anderes Selbstverständnis. Sie fühlten sich nicht als Dienstleister für den Bürger – wie wir heute modern ausdrücken würden – sondern als Hüter von Recht und Ordnung und als Inbegriff staatlicher Macht. Kritisch- liberale Stimmen hatten es schwer gegen die zunehmende Militarisierung der preußisch-kaiserlichen Gesellschaft.
Jede Einschätzung Preußens kommt darüber hinaus nicht umhin, die Rolle des preußischen Staates unter Berufung auf die Mitwirkung der sogenannten preußischen Tugenden und des preußischen Gesellschaftsbildes im Hinblick auf den erstarkenden Nationalsozialismus abzuwägen.
Nach dem zweiten Weltkrieg war sich die Welt relativ einig, dass Preußen den Aufstieg des Nationalsozialismus nicht nur befördert hätte, sondern seine eigentliche Antriebskraft gewesen wäre.
Der alliierte Kontrollrat löste 1947 Preußen mit den folgenden Worten auf:
„Der Staat Preußen, der seit jeher Träger des Militarismus und der Reaktion in Deutschland gewesen ist, hat in Wirklichkeit zu bestehen aufgehört. Geleitet von dem Interesse an der Aufrechterhaltung des Friedens und der Sicherheit der Völker und erfüllt von dem Wunsche, die weitere Wiederherstellung des politischen Lebens in Deutschland auf demokratischer Grundlage zu sichern, erlässt der Kontrollrat das folgende Gesetz: Artikel 1 – Der Staat Preußen, seine Zentralregierung und alle nachgeordneten Behörden werden hiermit aufgelöst.“
Heutzutage – gut 60 Jahre später – sind die meisten geschichtlichen Einordnungen Preußens viel differenzierter geworden.
Ich kann mich der zentralen These Christopher Clarks in seinem viel beachteten Werk „Preußen. Aufstieg und Niedergang“ nur anschließen. „Die Wahrheit ist, dass Preußen ein europäischer Staat war, lange bevor es ein deutscher wurde.“ , so Clark.
Das heißt, das Verhältnis von Preußen und nationalsozialistischer Herrschaft lässt sich nicht nach einem einfachen Ursache-Wirkungs-Prinzip beschreiben. In Beziehung zueinander standen sie aber schon.
Aufgrund des vielfach angenommenen Kausalitätsprinzips zwischen Preußen und dem Dritten Reich – so scheint mir – scheiden sich heute an Preußen immer noch die Geister. Preußen ist nach wie vor eine Folie, auf der sich die Argumente mit viel Lust an der Polemik austauschen lassen.
Als der sozialdemokratische Minister Alwin Ziel 2002 für ein fusioniertes Land Brandenburg-Berlin den Namen Preußen vorschlug, war in der Bundesrepublik der Teufel los. Man überbot sich gegenseitig mit heftigen Reaktionen, die von Unterstützung bis Ablehnung reichten. Eine Schriftstellerin nannte den Namens-Vorschlag „einen Rückfall in die Barbarei des Ritterordens“, ein damaliger Bundestagsabgeordneter hielt die Idee schlicht für “absurd“ und einen „Aschermittwochknaller“. Der Berliner Kultursenator sprach dagegen von einer „geradezu salomonischen Lösung“ .

Es gab in Potsdam ein Gebäude, an dem man die wechselvolle und manchmal zwiespältige Geschichte Preußens deutlich ablesen konnte, und für dessen Wiederaufbau ich auch aus diesem Grund so stark eintrete: die Garnisonkirche.
Von Friedrich Wilhelm I. erbaut, sollte sie Preußens tiefe Verwurzelung im calvinistischen Protestantismus zum Ausdruck bringen. Gleichzeitig zeigte sich an diesem Bauwerk auch der weltliche Herrschafts- und Machtanspruch des preußischen Königs, der nicht umsonst der Soldatenkönig genannt wird.
Dieser Soldatenkönig war ein Verehrer des Militärs und der Wehrhaftigkeit Preußens. Gleichzeitig führte er während seiner Herrschaft keinen Krieg. Ein Beispiel für das doppelte Gesicht Preußens!
Ein anderes Beispiel für die wechselvolle Gesichte dieses Staates, das ebenfalls mit der Garnisonkirche im Zusammenhang steht, ist die Mitverantwortung Preußens für den Nationalsozialismus.
Der Handschlag von Hindenburgs mit Hitler ist als ‚Tag von Potsdam’ in die Geschichte eingegangen. Er sollte den Eindruck erwecken, dass Preußen den nationalsozialistischen neuen Machthabern seinen Segen gebe und hat genau dieses Bild auch bei allen internationalen Beobachtern lang anhaltend heraufbeschworen. Die Reaktion des Kontrollrates nach Kriegsende ist beredtes Zeugnis dafür. Da hilft es auch nichts, dass wir heute den Tag von Potsdam als eine äußerst raffinierte Inszenierung von Joseph Goebbels einordnen können, und die von den Nazis beschworenen „preußischen Traditionen“ interessengeleitet und verzerrend waren. Nicht nur für die ausländischen Regierungen der damaligen Zeit, sondern auch für viele Menschen in Deutschland stimmten die Bilder aus der Garnisonkirche mit ihrem politischen Verständnis überein.
Viele waren 1933 überzeugt, dass das – mehr gefühlte, denn klar definierte – „Preußentum“ gut mit den neuen Machthabern harmonierte.
Gleichzeitig – und da komme ich wieder auf die Doppelrolle der Garnisonkirche zurück – war die Kirche geistlicher Mittelpunkt des berühmten Infanterieregiments 9, aus dem ein großer Teil der Männer des christlich-konservativen Widerstands vom 20. Juli 1944 hervorging.
Widerstand und Handschlag mit Hitler – zwei Bilder, die sich in dieser Kirche abgespielt haben. Sie wieder aufzubauen, würde bedeuten: die Garnisonkirche wäre ein Ort, der voller Verweise auf Preußen ist, ein Ort an dem eine Auseinandersetzung mit der Geschichte wirkungsvoll stattfinden und die gerade aufgrund ihrer NICHT geradlinigen Geschichte als Ort der Wahrheit und Verständigung funktionieren könnte.
Daher möchte ich die Gelegenheit hier mit Ihnen dazu nutzen, für die Fördergesellschaft für den Wiederaufbau der Garnisonkirche in Potsdam zu werben. Sie alle haben großes Interesse an der preußischen Vergangenheit und möchten Sie im öffentlichen Bewusstsein wach halten. Sie würden einen weiteren wichtigen Bezugspunkt mit aufbauen helfen.

Die preußische Vergangenheit bietet für das Land Brandenburg vielfältige Chancen. Da sind vor allem die Touristen zu nennen, die Jahr für Jahr mehr werden. Menschen aus aller Welt kommen nach Brandenburg, auch und gerade wegen der historischen Bauten, Parks und kulturellen Zeugnisse der Preußen. Sie interessieren sich sehr für die deutsche, preußische und brandenburgische Geschichte.
Darüber hinaus ist Preußen eins DER Themen, das uns mit Berlin verbindet. Die Metropolregion Berlin-Brandenburg hat gemeinsame Wurzeln.
Diese Wurzeln sind Teil unserer Identität. Eine Identität, die mit dem Brandenburg-Preußen Museum neue Nahrung erhält, hier in Wustrau, am Ausgangspunkt der legendären Wanderungen Theodor Fontanes durch die Mark Brandenburg.
Dass Preußen lebendige Geschichte und Zukunftshilfe ist, bleibt auch Ihr Verdienst, Herr Bödecker!
Der Pole Andrzej Szczypiorski hat es so ausgedrückt:
„Drei Züge des preußischen Wesens können dazu beitragen, diese Welt ein wenig besser zu meistern:
die Achtung vor dem Recht,
die Loyalität gegenüber dem Mitbürger
sowie jenes Pflichtgefühl, das den Menschen dazu bewegt, eigene Ansprüche denen der Allgemeinheit unterzuordnen.“
Lassen Sie uns in diesem Sinne weitermachen!

  Voltaire an Nicolas Claude Theriot [1757]; in: Theodor Bestermann (Hg.),
Voltaire’s Correspondence, Genf 1958

Kontrollratsgesetz Nr. 46, 25. Februar 1947

Christopher Clark: Preußen. Aufstieg und Niedergang. München 2007. S. 13.

  Katja Lange-Müller, Werner Schulz, MdB a.D., und Christoph Stölzl; alle in: FAZ-Artikel: „Wollen wir unser Preußen wiederhaben?“ vom 15.02.2002; zu finden unter: www.faz.net

Herrn
Christian Görke
Parlamentarischer Geschäftsführer
Fraktion Die LINKE

Sehr geehrter Herr Görke,

Sie haben mich zu Ihrem Fest am 5. Oktober eingeladen. Nun stellt sich endgültig heraus, dass ich zu dem Zeitpunkt eine Veranstaltung mit Minister Machnig in Erfurt wahrnehmen muss. Ich bitte um Verständnis.

Der Start der PDS-Fraktion im Brandenburger Landtag war für unsere junge Demokratie ein Gewinn. Sie haben die für uns alle neuen parlamentarischen Möglichkeiten wahrgenommen und auch Ihre Anhänger dafür gewinnen können, die Regeln des demokratischen Rechtsstaates zu akzeptieren. Im Parlament haben Sie häufig das Wohl des Landes vor Parteipolitik und Oppositionsgehabe gestellt.
Mit Ihrer Unterstützung hat Brandenburg die beste deutsche Verfassung bekommen. Zahlreiche Gesetze konnten gemeinsam gestartet werden. Den kritischen Vorhalt von außen, Brandenburg sei eine Konsensdemokratie, in der harte Konfrontation zwischen Opposition und Regierung fehle, habe ich als Lob empfunden. Denn Aufbau des Landes im Interesse der Menschen war und ist mir das Wichtigste.

Mit der Behandlung der DDR-Geschichte hatten wir es nicht leicht. Aber die Orientierung auf das menschliche Maß zur Beurteilung einzelner Biografien ist richtig. Auch heute kommt es darauf an, sachlich und offen über die Vergangenheit zu sprechen und zu verhindern, dass eine geteilte Erinnerungskultur einerseits zur Verteufelung oder andererseits zur Glorifizierung der DDR führt.

Ich wünsche Ihnen eine ermutigende Feier!

Mit freundlichen Grüßen
Manfred Stolpe

3.09.2010 – Manfred Stolpe für die Jubiläumsausgabe 20 Jahre Initiative Hauptstadt Berlin e.V.

Brandenburg und Berlin waren in ihrer Geschichte aufs Engste miteinander verknüpft. Über 700 Jahre gehörten Berlin und die Mark Brandenburg politisch, kulturell und wirtschaftlich zusammen. Die Stadt lebte von den Lieferungen und Leistungen des Landes und wurde aus märkischen Ziegeln und märkischen Sandsteinen erbaut. Berlin brachte Wirtschaftskraft und Nachfrage. Die Stadt wuchs mit Zuwanderern aus anderen Regionen aus dem Land heraus, wurde zur beherrschenden Mitte. Die Unterschiede zwischen dem pulsierenden Großstadtzentrum und entlegenen brandenburgischen Dörfern konnten größer nicht sein. Berlin und Berlinchen/Prignitz waren und sind zwei Welten. Doch niemand kam ernsthaft auf die Idee, dass dies zwei Länder sein sollten.

Dann kam der Zentralismus der Hitlerdiktatur mit der herausgehobenen Reichshauptstadt und schließlich die Spaltung durch das Besatzungsregime und den eisernen Vorhang mitten durch Berlin-Brandenburg. Während in späteren Jahren sogar Rheinland und Westfahlen, Baden und Württemberg zu einem Land fusioniert wurden, blieben Brandenburg und Berlin zwangsgetrennt, erlebten sehr unterschiedliche Entwicklungen, existierten in antagonistischen verfeindeten Gesellschaftssystemen. Das vom Westteil der Stadt abgespaltene Ostberlin, von der DDR-Führung gehätschelt, lebte einen eigenen Unterschied zum umgebenden Land.

Das Bewusstsein der Zusammengehörigkeit erwachte nach dem Fall der Mauer und der Wiedervereinigung. Ein erster schneller Versuch, 1990 ein Land Berlin-Brandenburg zu bilden, scheiterte am noch bestehenden Viermächtestatus Berlins. Aber das Ziel einer Fusion bestand fort und fand in einer grundgesetzlichen Regelung für einen erleichterten Zusammenschluss der Länder Berlin und Brandenburg seinen Niederschlag. Der Wille zum Zusammenschluss war in Berlin und Brandenburg vorhanden und wurde in einem Vertrag zur Bildung eines gemeinsamen Landes ausgedrückt. Die Landesregierung Brandenburg und der Senat von Berlin billigten ihn einstimmig. Der Brandenburgische Landtag und das Abgeordnetenhaus von Berlin beschlossen mit Zweidrittelmehrheit die Bildung eines gemeinsamen Landes. Im Unterschied zur Vorgabe des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland für Berlin und Brandenburg vereinbarten beide Länder die Notwenigkeit einer Volksabstimmung über die Fusion. Der nächstmögliche Termin wäre September 1995 gewesen. Im Oktober 1995 stand die Wahl des Berliner Abgeordnetenhauses an. Berliner Politiker forderten den Aufschub der Volksabstimmung bis zum Frühjahr 1996, um das Thema Fusion aus dem Berliner Wahlkampf herauszuhalten. So wurde als Abstimmungstermin der 6. Mai 1996 vereinbart. Ein Jahr nach der Einigung über die Fusion. Während im Sommer 1995 alle Umfragen eine Zustimmung der Wähler in Brandenburg und Berlin für die Fusion ergaben, scheiterte 1996 die Volksabstimmung vor allem in Brandenburg. Der Stimmungsumschwung innerhalb eines Jahres war wachsenden Ängsten vor Berliner Schulden und Bevormundung aber auch wachsender Arbeitslosigkeit geschuldet. Zukunftsängste der Brandenburger Bevölkerung durch Propaganda von Oppositionsparteien hoch geputscht verhinderten die Wiederherstellung der staatlichen Einheit von Berlin und Brandenburg und damit die Beseitigung einer bösen Kriegsfolge.

Die Brandenburger Landesregierung und der Berliner Senat vereinbarten jedoch, die Zusammenarbeit beider Länder zu intensivieren. Denn trotz der zunächst gescheiterten Fusion bleibt Berlin-Brandenburg ein Lebensraum, eine globale Region mit einer einmaligen siedlungsräumlichen Standortqualität. Eine hoch verdichtete Metropole und eine dünn besiedelte Kulturlandschaft liegen hier unmittelbar nebeneinander – ohne den Übergang durch einen suburbanen Siedlungsbrei. Die wechselseitige Erreichbarkeit von Peripherie und Zentrum ist innerhalb von 2 Stunden möglich. Die globale Region Berlin-Brandenburg besteht aus der kompakten Großstadt mit globalen Kommunikationsfunktionen und der Kulturlandschaft, dem Städtepark mit ebenfalls globalen Kommunikationsfunktionen. Berlins Funktion als Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland verstärkt die Chancen dieser Region mitten im Herzen Europas. Der Erweiterungsprozess der Europäischen Union machte zudem die direkten Nachbarn in Mittel- und Osteuropa, insbesondere Polen, zu wichtigen Partnern. Die weltweite Globalisierung von Wirtschaft, Finanzsystem und Handel ist eine große Herausforderung an die Wettbewerbsfähigkeit der Städte und Regionen. Brandenburg und Berlin haben gute Voraussetzungen, sich im Wettbewerb der Regionen zu behaupten.

Brandenburg als Flächenland und Berlin als hoch verdichtete Metropole bilden gemeinsam eine Region mit vielfältigen Entwicklungspotenzialen. Beide Länder müssen zusammen gehen, um ihre Kräfte zu bündeln, ihre Chancen zu nutzen. Denn heute sind es nicht mehr die Metropolstädte allein, sondern die Metropolregionen, die eine Wirtschaftskraft von Weltniveau entwickeln können. Das zeigen solche Boomreviere, wie London, Barcelona oder Paris mit Ille-de-France. Aber auch Masowien mit dem Zentrum Warschau oder das Moskauer Gebiet mit Moskau werden im Konzert der globalen Wachstumsregionen mitspielen.

Folgerichtig haben die Regierungen von Brandenburg und Berlin vielfältige Formen verbindlicher Kooperation entwickelt. Die gemeinsame Landesplanung Berlin-Brandenburg schafft seit 1996 wichtige Grundlagen für die Wachstumsförderung und Infrastrukturentwicklung in der Gesamtregion. Vor dem Hindergrund des demographischen Wandels kommt dabei der Sicherung der Daseinsvorsorge große Bedeutung zu. Dazu gehört auch die Weiterentwicklung des Prinzips, Orte, die weit entfernt sind von Berlin, speziell zu fördern. Es geht darum, die jeweiligen Standortvorteile und Besonderheiten ganz gezielt zu unterstützen sowie Berlin und Brandenburg als Ganzes zur Hauptstadtregion weiter zu entwickeln. Die Frage, wie man die Unterschiede zwischen Berlinnahen und den

Berlinfernen Räumen ausgleichen kann, welche Perspektiven den Räumen an der Peripherie vermittelt werden können, wird von größter Bedeutung sein. Mit zunehmender Entfernung von Berlin nehmen bisher die Vorteile der globalen Funktion ab. Deshalb müssen auch subregionale Entwicklungen gestärkt werden. Das gilt in besonderer Weise für Cottbus, Frankfurt/Eisenhüttenstadt, Schwedt/Prenzlau und Wittenberge/Perleberg.

Die Verflechtungen zwischen Berlin und Brandenburg sind nicht nur von existenzieller Bedeutung für ihren Bestand als eine gemeinsame Wirtschaftsregion. Als solche wird sie im Übrigen von außen schon längst wahrgenommen. Die Wechselbeziehungen sind auch prägend für das kulturelle Leben und für die Art zu denken, zu arbeiten und zu kommunizieren. Das wird deutlich an den Medienstandorten Adlershof, Babelsberg und Masurenallee. Das gilt ebenso für die Bereiche Bildung, Wissenschaft und Forschung. Die Beispiele wie Berlin und Brandenburg heute ihre Kompetenzen und Potenziale aufstellen, um als ganzes effektiver zusammenzuwirken, sind zu finden im Gesundheitswesen, in der Energiewirtschaft, in der Biotechnologie, im Verkehrsverbund und im Bau des Flughafens Berlin-Brandenburg-International. In vielen Bereichen, vor allem in der Verwaltungsebene, funktioniert die Zusammenarbeit Hand in Hand. Projekte, wie gemeinsame Obergerichte und zahlreiche gemeinsame Behörden und Einrichtungen, sind Kernstücke der Kooperation. Gelegentlich wird sogar von einer regelrechten Fusionswelle gesprochen. Doch die Vorbehalte in der Bevölkerung gegen die Bildung eines gemeinsamen Landes sind noch deutlich vorhanden, gepaart mit Skepsis über die Ernsthaftigkeit politischer Bemühungen, denn die Regierungen Brandenburgs und Berlins vermeiden Fusionsdebatten oder gar Fusionstermine. So entsteht beinah eine Tabuisierung dieses wichtigen Themas mit der Wirkung eines nachlassenden Elans für die weitere Zusammenarbeit und schließlich das Zusammenwachsen von Brandenburg und Berlin.

Dabei wächst objektiv der Druck auf Entscheidungen auch aus finanziellen Gründen. Zum 31. Dezember 2019 läuft mit dem Ende des Solidarpaktes endgültig die Sonderzahlung für die Ostländer aus. Das bedeutet einen empfindlichen Einnahmeverlust für beide Länder. Hinzukommt die verfassungsrechtliche Schuldenbremse. Bis Neujahr 2020 müssen die Länderhaushalte ausgeglichen sein oder eine Bundeszwangsverwaltung wird unvermeidbar. Alle Sparmöglichkeiten müssen genutzt werden. Die Länder müssen sich schlankere und kostengünstigere Strukturen geben. Der Einspareffekt für Berlin und Brandenburg durch die Bildung eines gemeinsamen Landes liegt bei etwa 500 Millionen jährlich.

Getrieben vom finanziellen Druck aber auch im Interesse der Nutzung gemeinsamer Potenziale in Forschung und Wissenschaft sowie zur wirksameren Anwerbung von Investoren, wird die Bildung eines gemeinsamen Landes Berlin-Brandenburg in den nächsten 10 Jahren zur Notwendigkeit, um Zukunft zu sichern. Diese Erkenntnis kann sich durchsetzen, wenn sie konkret dargestellt wird. Vielleicht weniger mit rosigen Zukunftsvisionen eines gemeinsamen Landes, sondern mehr mit berechenbaren Schäden für jeden einzelnen, wenn Zukunftsvorsorge unterlassen wird.

Sehr wichtig wird es sein, Gemeinsamkeiten zwischen Berlin und Brandenburg zu stärken, Verbindungen zu schaffen, die über die oft unauffällige Zusammenarbeit von Verwaltungen hinausgehen. Jugendaustauschprogramme und Jugendwettbewerbe können das Bewusstsein der Zusammengehörigkeit schaffen. Gemeinsame Großveranstaltungen, wie z. B. auf dem länderneutralen Flughafenumfeld Schönefeld, können das Zusammenwachsen befördern. Vielleicht sollten die beiden Länder gemeinsame Beauftragte für Berlin-Brandenburg einsetzen, die alle Möglichkeiten des Zusammenwachsens fördern müssen. Das mag etwas Geld kosten, aber wenn es gelingt, verhilft es zur größten Einsparung in dieser Region bis 2020.

Das Beste an Brandenburg sind seine Menschen. Das hat schon Theodor Fontane erkannt, und der ist viel in der Welt herumgekommen. Die Brandenburgerinnen und Brandenburger sind nicht die Schnellsten mit der Zunge und mit ihren Entscheidungen. Sie beobachten, warten ab. Sie wollen wissen, was wirklich ist und urteilen nach Taten und weniger nach flotten Sprüchen. Aber wenn sie sich entschieden haben, stehen sie dazu.

Die Brandenburgerinnen und Brandenburger sind belastbar, haben gelernt, mit Schwierigkeiten zu recht zu kommen, können improvisieren und aus jeder Lage etwas machen. Sie haben gelernt, dass man gute Freunde braucht. So haben sie in den letzten 20 Jahren einen Totalumbruch ihrer Lebens- und Gesellschaftsbedingungen bewältigt, auch wenn leider nicht jeder eine Chance bekam.

Die Brandenburgerinnen und Brandenburger haben seit Jahrhunderten Zuwanderer aufgenommen, nicht immer mit offenen Armen. Aber wer partnerschaftlich mitarbeitete, nicht bevormundete, fand und findet Akzeptanz. Dem Land, seiner Kultur, seiner Baukunst, seiner Landschaftsgestaltung ist das gut bekommen. Hier gibt es die schönsten Schlösser und Gärten, einmalige Städte, Dörfer und Klosteranlagen.

Brandenburg hat eine gute Zukunft, weil es mit Berlin eine optimale Region bildet. Ballungsraum und lebendige Landschaft, Kultur und Natur, Wirtschaftskraft und Kreativität schaffen zwischen Oder und Elbe bei besten Verkehrsbedingungen mitten in Europa einen hoch attraktiven Lebensraum. Spätestens beim Brandenburg-Tag können die Brandenburger und ihre Gäste die Vielfalt und herbe Schönheit dieses Landes erleben.

Beitrag zur BILD-Seite Brandenburg-Tag 2010