Ein Besuch bei Manfred Stolpe

· 20. März 2014   - 

Potsdam  – Manfred Stolpe muss nicht vor die Haustür gehen, um Menschen zu treffen. In der Seniorenresidenz der Johanniter in Potsdam kennen sie ihn fast alle. Dort lebt der frühere Ministerpräsident und Bundes-Verkehrsminister seit gut zwei Jahren mit seiner Frau Ingrid – in einer Drei-Zimmer-Wohnung im dritten Stock. „Ich kann das nur empfehlen“, sagt er. „Die Einrichtung schafft gute Bedingungen für ältere Menschen. Sie lässt einem die völlige Freiheit, als normaler Mieter hier zu wohnen, man kann aber auch jederzeit die angebotenen Hilfsdienste in Anspruch nehmen.“ Auf dem kurzen Weg ins dazu gehörige Restaurant, in das er seine Besucher meistens führt, ist Stolpe immer noch ganz Landesvater. Er verschenkt mehrere Lächeln, ein paar Händedrucke – und  aufmunternde Worte. An die Frau, die gerade mit ihrem Rollator vorbei will, an den Herrn, der rasch die Zeitung weglegt, um ihn zu begrüßen. Er macht das freundlich und doch distanziert.

77 Jahre ist er alt, und seit zehn Jahren an Krebs erkrankt. An Darmkrebs, dann auch noch an Leberkrebs. Es hatten sich Metastasen gebildet. Die erste niederschmetternde Diagnose erhielt er im Sommer 2004. Vier Monate zuvor hatten die Ärzte bei einer Darmspieglung mehrere Polypen gefunden. Einen weiteren größeren Polypen ließ er sich erst entfernen, als aus ihm ein Karzinom geworden war.

Die Einführung der Mautgebühr als Bundesverkehrsminister war ihm damals  wichtiger als die Operation. Ein schwerer Fehler, wie ich später herausstellte. Es folgten mehrere Bestrahlungen und Chemotherapien. „Es dürften insgesamt fünf Ops gewesen sein“, sagt Stolpe. „Da müsste ich aber noch mal nachzählen.“

Er will es aber nicht. „Ich bin bemüht, die Krankheit nicht in den Lebensmittelpunkt zu stellen.“ Darin sei er sich auch mit seiner Frau Ingrid einig. Auch sie war 2008 schwer erkrankt, an Brustkrebs.

Beide versuchen sie seither, ebenfalls Betroffenen und Ihren Angehörigen Mut zu machen. Kürzlich  meldete eine Zeitung, Manfred Stolpe sei erneut schwer erkrankt, lehne aber eine Behandlung ab. „Viele mitfühlende Menschen haben mir daraufhin geschrieben“, sagt Stolpe. „Darunter viele, die  sehr besorgt waren und mich mahnten, ja nicht aufzugeben.“

Ein Stolpe, der gibt nicht auf. Auch als „preußischer Sturschädel“, wie er sich selbst gerne bezeichnet, versucht er mittlerweile, auf die Ärzte zu hören. Jetzt im Ruhestand, wo die Pflichten von einst freiwilligem Engagement gewichen sind, fällt ihm das leichter. „Es gibt nach jetzigem Stand derzeit keinen Anlass für eine spezielle Behandlung“, sagt Stolpe. „Ich  habe keine Beschwerden.“ Er lasse aber regelmäßig die Kontrolluntersuchungen machen. „Bei meinem onkologischen Ärzteteam im Ernst-von Bergmann-Klinikum fühle ich mich seit Jahren sehr gut aufgehoben.“ Nächste Woche gehe er wieder hin.

Vor acht Jahren, so erinnert er sich, haben ihm die Ärzte in Aussicht gestellt, maximal nur noch drei Jahre vor sich zu haben. „Das habe ich längst überboten“, sagt Stolpe. „Das liegt sicherlich auch an den neuen Methoden und der intensiven medizinischen Kontrolle.“ Es hört sich aber auch so an, wie:  Da hab ich es wieder einmal allen gezeigt. Stolpe, der Kämpfer. Der sich von niemanden gerne in die Karten schauen lässt. Der dem politischen Gegner möglichst immer ein Stück voraus sein will. Das war auch zu DDR-Zeiten so, als er als hoher Kirchenmann mit der SED verhandelte. Er pflegte dabei auch Kontakte mit der Staatssicherheit, was ihm bis heute Kritik einbringt.  Nach der politischen Wende gelang es ihm im Amt des Ministerpräsidenten ,die SPD als führende Partei im Land verankerte. Und als Bundesverkehrsminister setzte er die Lkw-Maut gegen alle Widerstände durch.

Manfred Stolpe hat sich von der Krankheit nicht niederdrücken lassen. Er geht aufrecht.  Nur das Treppensteigen macht ihm Probleme. Fast unmerklich zieht er das linke Bein nach. „Die Stimmung ist gut“, sagt er und legt ein wenig Schwung in die Worte. „Ich hoffe, dass der Frühling anhält.“ Schnell fügt er hinzu: „Ich habe ein gutes Gefühl.“

Ruhe-Stand. Das kennt Manfred Stolpe nicht. Immer noch ist sein Terminkalender gut gefüllt. Ob er denn häufiger absagen muss, weil es ihm nicht gut geht? Stolpe überlegt. „Nein, ich kann mich nicht erinnern. Ich hatte bisher immer Glück.“ Es gibt Aufgaben, die mag er ganz besonders. Den Vorsitz des Landesdenkmalbeirates zum Beispiel. „Da  freue mich schon sehr auf die erste Brandenburgische Landesausstellung in Doberlug-Kirchhain ab 7. Juni “, sagt Stolpe. „Sie wird die spannungsreiche Beziehungsgeschichte der Nachbarländer Preußen und Sachsen erzählen. Als Folge des Wiener Kongresses von 1814/15 verlor Sachsen etwa 40 Prozent an Preußen, darunter die Niederlausitz und die Hälfte der Oberlausitz.“

Auch im deutsch-russischen Forum engagiert er sich, wie künftig auch sein im vorigen Jahr aus gesundheitlichen Gründen zurückgetretener Nachfolger im Ministerpräsidentenamt, Matthias Platzeck.   „Wir werden Anfang Juni eine Tagung in Potsdam durchführen.“ Über den Petersburger Dialog sei zuvor im April ein Treffen zwischen Russlands Präsident Putin und Bundeskanzlerin Merkel geplant. „Ich bin doppelt beunruhigt“, sagt Stolpe. „Was sich in der Ukraine derzeit abspielt, ist hochgefährlich. Die Eskalation birgt die Gefahr in sich, dass wir wieder in eine Art Kalten Krieg hineingeraten.“

Stolpe, der Mahner. Kürzlich hat er Berlin und Brandenburg bei einer Rede mit auf den Weg gegeben, wieder stärker zusammen zu arbeiten. Er hat seine Vision von einem gemeinsamen Bundesland nicht aufgegeben. Die Volksabstimmung dazu war 1996 am Votum der Brandenburger gescheitert. Der neue Ministerpräsidenten Dietmar Woidke (SPD) sieht wie Platzeck derzeit allerdings keine Chance für einen erneuten Anlauf.

Den Wechsel an der Spitze der Regierung im August vorigen Jahres kommentiert Stolpe  – selbstverständlich – wohlwollend. „Es war richtig, dass Matthias Platzeck nach seinem leichten Schlaganfall die Konsequenzen gezogen hat“, sagt er. Und:  „Ich bin froh, dass es mit Dietmar Woidke einen guten Nachfolger gibt.“

Neben dem raumgreifenden, öffentlichen Leben des Manfred Stolpes  gibt es ein kleines, privates Glück. An der Seite einer Frau Ingrid, der er im Winter 1958/59 zum ersten Mal begegnet war. Auf einer Zugfahrt auf dem Weg in ein Ferienheim der Universität Jena nach Schierke im Harz. Und von der er bereits auf den ersten Blick wusste: „Diese Frau ist es.“ Seit 1961 sind sie verheiratet. Beide haben sie immer ein arbeitsreiches Leben geführt, er als Mann der breiten Öffentlichkeit, sie als Ärztin mit vielen Patienten. Seit Stolpes in die Seniorenresidenz umzogen,  wohnt ihre Tochter Katrin mit ihrer Familie und den Kindern im Elternhaus keine anderthalb Kilometer entfernt.

Die Enkel Felix und Finn sind mittlerweile 13 und sieben (?). „Ich bin die Eingreifreserve für Schultransporte, Kinobesuche und Schachspielen“, sagt Manfred Stolpe.

Es gibt nicht viele Minuten am Tag, die Manfred Stolpe ganz für sich hat. Vor allem nicht außerhalb der Wohnung. Nur morgens, wenn er seine Bahnen im Schwimmbad der Seniorenresidenz zieht, ist er meist ganz allein. Er schwimmt fast täglich. „Wenn ich nicht gerade schon um 7 Uhr irgend wohin muss“, sagt er. Um 7 Uhr? „Ich bin ein unausrottbarer Frühaufsteher“. Ja, er will seine Zeit nutzen. Daran hat sich nichts geändert.

Quelle: Gudrun Mallwitz Berliner Morgenpost

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