An Lothar König, seiner Entschlossenheit, für die erkannte Wahrheit den Kopf hinzuhalten, seiner Gabe, die Stimmung Jugendlicher aufzunehmen gegen alle Vorschriften zu vertreten, erleben wir den Typ des evangelischen Jugendpfarrers, wie er unter den bitteren Erfahrungen in der DDR geprägt wurde.

Religion und Kirche wurden von der DDR bekämpft. Die Religion galt dem kommunistischen Atheismus als unwissenschaftlich und gefährlich falsch. Sie sei zum Absterben verurteilt. Die Kirchen galten zudem wegen ihres gesamtdeutschen Zusammenhaltens als verlängerter Arm, als 5. Kolonne, des westdeutschen Klassenfeindes. Deshalb wurde alles getan, die Kirchen zu schwächen und aus der Gesellschaft zu verdrängen. Vor allem den Einfluss der Kirche auf die Jugend wollte Partei und Staat beseitigen. Misstrauisch, geradezu ängstlich wurde beobachtet, dass die Kirche flächendeckend und erfolgreich Jugendarbeit anbot und selbst in den kleinsten Dörfern jede Woche junge Leute freiwillig und begeistert zur Kirche kamen, nicht nur zum Singen und Bibel lesen, sondern auch zum freien diskutieren über Gott und die Welt. Das gab es sonst nirgendwo in der DDR! Die Attraktivität der kirchlichen Jugendarbeit hing auch davon ab, dass die Jugendpfarrer glaubwürdige, unangepasste Persönlichkeiten waren, die auch keine Scheu hatten, gegen die Staatsmacht und gelegentlich auch gegen die Amtskirche aufzutreten. In Konfliktsituationen mit der Staatsmacht gaben sie persönlich und furchtlos den bedrängten Jugendlichen Unterstützung.

Die Jugendpfarrer fielen häufig schon durch alternative Haartracht, Vollbärte, durch offene Meinungsäußerungen und auch theologische Provokationen auf. Sie bestärkten die Jugendlichen darin, nicht mit resignierender Vernünftigkeit den Lauf der Welt, die konkrete DDR-Gesellschaft für unabänderlich zu halten. Sie sahen in Jesus einen widerständigen, aber gewaltlosen Friedenstifter und fühlten sich zur Friedensarbeit verpflichtet. Die landesweite Aktion der evangelischen Jugendpfarrer „Frieden schaffen ohne Waffen“ war in der DDR in den achtziger Jahren der Anfang einer breiten Protestwelle. Sie wurde von der Staatsmacht brutal verfolgt. Doch die über eintausend evangelischen Jugendgruppen, die für Frieden, Umweltschutz und Gerechtigkeit eintraten, wurden zu Keimzellen einer Protestbewegung, die schließlich 1989 die DDR-Diktatur stürzte.

Evangelische Jugendpfarrer wie zum Beispiel Martin-Michael Passauer, Harald Bretschneider, Hans-Ulrich Schulz, Manfred Domrös, Reiner Eppelmann und Lothar König ermutigten tausende junge Menschen zum aufrechten Gang und waren Wegbereiter der friedlichen Revolution in der DDR.

Zur Friedensarbeit der kirchlichen Jugendarbeit gehörte auch die Auseinandersetzung mit dem zweiten Weltkrieg, dem Nazisystem und seinen unmenschlichen Gräueltaten, wie dem Massenmord an den Juden. In den Schulen der DDR wurde ein Antifaschismus verordnet, dessen Wirkung aber durch die Unglaubwürdigkeit des DDR-Systems nur gering war. In der
evangelischen Jugendarbeit wurde eine gründliche Auseinandersetzung mit dem Nazisystem geführt. Das Tagebuch der Anne Frank stand nicht auf dem schulischen Stundenplan, aber in den Jungen Gemeinden wurde es gelesen, diskutiert und befestigte eine tiefe Abneigung gegen die menschenfeindliche Naziherrschaft. In der evangelischen Jugendarbeit gab es eine wache Beobachtungs- und Protesthaltung gegen aufkommende Neo-Nazi-Parolen.

Auch heute kommt die dringend nötige zivilgesellschaftliche Wachsamkeit gegen Intoleranz, Rassismus und Gewalt oft aus der kirchlichen Jugendarbeit. Ich bin froh, dass sich Bündnisse für Toleranz und Demokratie aus kirchlichen Gruppen, Gewerkschaften, Parteien, Sport und Kultur gebildet haben und den Nazis entgegentreten. Ich habe Verständnis dafür, dass bei Aktionen gegen die Nazis in Ausnahmefällen auch Ordnungswidrigkeiten vorkommen.

Ich hoffe, dass in solchen Fällen Polizei und Justiz in ihren Entscheidungen die Motive des Anti-Nazi-Protestes berücksichtigen können und die antifaschistische Überzeugung der Demonstranten gegen das formell bestehende Meinungs- und Demonstrationsrecht der NeoNazis gerecht abwägen werden.

Für die Haltung der evangelischen Jugendpfarrer mit DDR-Erfahrung, für Lothar König, lege ich die Hand ins Feuer.

Manfred Stolpe

Beileidsschreiben zum Tod von Prof. Berthold Beitz, Vorsitzender der Alfred Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung

Sehr geehrte Frau Beitz,
liebe Familie Beitz!

Nach einer Reise erschreckt mich die Nachricht vom Tod des von mir hochverehrten Berthold Beitz. Ich spreche Ihen allen dazu mein aufrichtiges Beileid aus.

Mit Berthold Beitz haben wir in Deutschland eine einmalige Persönlichkeit verloren, einen äußerst erfolgreichen Unternehmer, einen großen Menschenfreund und einen vorbildlichen Kulturförderer.

Mich verbindet mit dem Verstorbenen die Liebe zu unserer pommerschen Heimat und ich bin dankbar für sein Verständnis und seine Hilfsbereitschaft für uns in den ostdeutschen Ländern.

Er bleibt in unseren Herzen.

Mit freundlichen Grüßen
Manfred Stolpe

Der DDR-Volksaufstand vom 17. Juni 1953

Landtag Potsdam 5. Juni 2013


Danke für diese Ausstellung. Denn der 17. Juni 1953 ist nicht ferne Geschichte. Er ist Vergangenheit, die in die Gegenwart reicht und für die Zukunft wichtig ist.

Das Volk wurde im Juni 53 mit Panzern besiegt. Aber seine Forderungen nach Freiheit, freien Wahlen, Rechtsicherheit und Gerechtigkeit blieben bestehen.

Ich war im Juni 1953 17 Jahre alt, ein politisch sehr interessierter Schüler. 1952 hatte ich mit heißem Herzen Stalins Angebot an die Westmächte gehört, Deutschland wieder zu vereinigen, wenn es neutral bliebe. Wir alle in der Klasse und auch die Lehrer waren dafür! Nach der Ablehnung der Stalin-Note durch den Westen erlebten wir, wie die SED voll auf den Aufbau des Sozialismus steuerte. Ulbricht wollte schnell und unumkehrbar die DDR sowjetisieren, schaffte u. a. die Länder ab. Ich gehörte zur Jungen Gemeinde der Evangelischen Kirche und erlebte, wie wir als Tarnorganisation des westlichen Feindes wegen Spionage und Sabotage angegriffen wurden.

Alle Mitglieder der Jungen Gemeinden in den Abiturklassen wurden von meiner Greifswalder Oberschule entfernt. Ich war in der 10. Klasse. Unser Abzeichen, das Kreuz auf der Kugel, wurde dem Hakenkreuz gleichgestellt!

Ich erlebte, wie die große diakonische Anstalt Züssow beschlagnahmt wurde. In Brandenburg war es Lobetal. Ich erlebte wie Pfarrer verhaftet wurden, weil sie sich regierungskritisch geäußert hatten. Ich erlebte unmittelbar, wie der Bischof zur Polizei vorgeladen und bedroht wurde. Denn die Ev. Kirche war Klassenfeind Nr. 1 neben dem Sozialdemokratismus.
Ich erlebte, wie uns bekannte Handwerker mit Steuern kaputt gemacht wurden. Ich erlebte, wie unsere Bauern in die LPG gezwungen werden sollten.
Ich erlebte, wie die Arbeiter immer höhere Normen bei weniger Geld bekamen.

Ich erlebte, wie Westreisen erschwert wurden und ich nicht zu meiner sterbenden Großmutter nach Kiel durfte.
Und ich erlebte, wie die Unzufriedenheit von Tag zu Tag wuchs!

Die Lage war hochexplosiv. Dann starb im März 1953 der allmächtige Führer J. W. Stalin. Das ließ die Menschen hoffen und verunsicherte die SED, denn sie wussten, dass in Moskau unterschiedliche Meinungen zur Deutschland-Politik bestanden. Der KGB-Chef Berija kannte die Lage in der DDR und Ulbricht wurde Anfang Juni 53 nach Moskau bestellt und zur Mäßigung aufgefordert. Er musste gehorchen. Am 10. Juni 1953 lasen wir staunend in der Zeitung von einem Neuen Kurs, einer Wende um 180 Grad und tatsächlich wurden sofort die Pfarrer freigesetzt, die christlichen Abiturienten konnten zurückkommen, die diakonischen Einrichtungen wurden zurückgegeben. Aber die Arbeiter, Bauern und Handwerker merkten noch nichts vom Neuen Kurs. Im Gegenteil: die erhöhten Arbeitsnormen blieben.

Am 16./17. Juni explodierte die Lage. Die Bauarbeiter der Stalinallee und die Stahlarbeiter aus Hennigsdorf marschierten zur DDR-Regierungszentrale. Die westlichen Sender informierten über die Lage. Voran der RIAS mit seinem Redakteur Egon Bahr. Sie hetzten nicht auf, aber nun wussten es alle in der DDR und mehr als eine Million Menschen in allen Städten und vielen Dörfern demonstrierten gegen die Regierung.

Auch wir sagten „Spitzbart – Bauch und Brille sind nicht des Volkes Wille!“. Gemeint waren Ulbricht, Pieck und Grotewohl. Freie Wahlen war die Forderung! In Greifswald streikten die Arbeiter im größten Industriebetrieb, dem Reichsbahnausbesserungswerk. Die Schülerin Ingrid Ehrhardt, jetzt Stolpe, erlebte, wie in Jena die Parteizentrale gestürmt, Papiere und Schreibmaschinen auf die Straße geworfen wurden. Und sie erlebte, wie sowjetische Panzer die Menschen auseinandertrieben. Bei uns in Greifswald sperrte Marinepolizei das Werk ab. In Berlin wurden 600 sowjetische Panzer gegen die Demonstranten in Marsch gesetzt.

Die Revolution wurde erdrückt, aber ihre Ursachen blieben und die Hoffnung starb nicht! Sie lebte wieder stark auf 1956 und 1968 und starb auch 1961 nicht, als wir mit der Mauer eingesperrt wurden. Und immer rollten die Panzer!

Der 17. Juni 1953 hat eine Generation traumatisiert. Die Machthaber in der DDR bekamen eine dauerhafte Furcht vor der Urgewalt des Volkswillens und glaubten, „dass Nachgeben wie am 10. Juni 1953 die Revolution auslösen kann“. Das bestimmten1989 die alten Herren von 1953 Honecker, Mielke, Stoph.

Wir Verlierer von 1953 verinnerlichten, dass gegen Gewaltherrschaft kein offener Widerstand möglich ist, dass mit bloßen Händen keine Panzer aufzuhalten sind und dass Angriffe auf Parteizentralen, Steinwürfe, Brandstiftung nur willkommener Anlass zum Panzereinsatz sein werden.

Die nachwachsende Generation zeigte, dass auch friedlich, aber deutlich und öffentlich der Protest gezeigt werden kann. Die Aktion Schwerter zu Pflugscharen, Umweltaktionen, Blues-Messen, Friedensgebete und schließlich Protestzüge, bei denen Kerzen statt Steinen gehalten wurden.

Damit hatte das Politbüro der SED nicht gerechnet. Sie warteten auf Steinewerfer, Brandstifter, Angriffe auf Partei- und Stasi-Zentralen und griffen mit ihrer Übermacht nicht ein, riefen auch nicht die sowjetischen Waffenbrüder aus Wünsdorf.

Das Volk übernahm friedlich die Macht und nahm am 9. November mit dem Mauersturm seine Selbstbestimmung wahr. Das respektierten alle Siegermächte im Februar 1990 und ließen Freie Wahlen zu. Mit der freien Wahl am 18. März 1990 hatte die Revolution gesiegt.

Wir alle haben die Verpflichtung, die 1953 erdrückten Hoffnungen der Menschen auf Freiheit und Gerechtigkeit als Orientierung unseres politischen Handels anzunehmen.

Verehrte Cosmea Sprotte, liebe Familie Sprotte!
Meine sehr verehrten Damen und Herren.

Im Namen des Vorstandes der Siegward-Sprotte-Stiftung begrüße ich Sie alle sehr herzlich. Ich danke Ministerpräsident Platzeck, dass er die Schirmherrschaft dieser Ausstellung übernahm und heute einmal mehr Ubiquität praktiziert – denn zeitgleich ist er jetzt in
Prenzlau zur LAGA. Ich freue mich, dass die für Kultur zuständige Ministerin Frau Kunst und ihr Staatssekretär Gorholt zu uns gekommen sind. Da ist ein gutes Zeichen für den Stellenwert Sprottes in Brandenburg. Ich danke den Medien für ihr Interesse und ihre Berichte; über die Ausstellung sowie den vielseitigen Künstler. Auch kritische Hinweise sind uns wichtig.

Ich danke der Stadt Potsdam, Herrn Oberbürgermeister Jacobs, Frau Magdowski, Frau Dr. Seemann, dass sie sich so stark zu Siegward Sprotte bekennen. Ich danke Frau Dr. Götzmann und ihrem Team für diese hochqualifizierte Ausstellung, sie ist eine museumswissenschaftliche Glanzleistung und die bisher umfassendste Repräsentation des Lebenswerkes von Siegward Sprotte.
Sie haben sich auch der Erschließung der zahlreichen eigenhändigen Schriften des Meisters angenommen, seiner Tagebücher, Manuskripten, Korrespondenzen und präsentieren sie erstmals der Öffentlichkeit in der digitalen Medienstation.

Das neue Potsdam-Museum wird eröffnet mit einer umfassenden Siegward-Sprotte-Retrospektive und steigt nun in die Liga der großen Museen auf! Glückwunsch! Ich freue mich über die enge Zusammenarbeit mit dem Museum Gottdorf, liebe Frau Dr. Schütte, das im Kloster Cismar Ende Juli diese Ausstellung zeigt. Ich danke den vielen Leihgebern, Förderern, Unterstützern, die maßgeblich dieses Projekt ermöglichen und nenne stellvertretend: die ILB, Herrn Stenger und Frau Pantring, die Wall AG, Herrn Dr. Engelmann, Herrn Siewert und Herrn Schryen.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,
ich danke Ihnen allen, dass Sie gekommen sind. Siegward Sprotte hätte sich sehr über so viele interessante Menschen gefreut und sicher mit Ihnen das direkte Gespräch gesucht. Denn der unmittelbare Dialog wirklich Auge in Auge war ihm besonders wichtig. Dabei
forderte er mit seinem starken Blick das Gespräch über die Kunst, über das Leben. Denn das lebendige Gespräch macht den Menschen menschlich und gibt die Möglichkeit, auch hinter gegensätzlichen Positionen Gemeinsamkeiten zu finden. Siegward Sprotte war ein großer Maler, aber auch dien Philosoph, ein Weiser. Ich hatte das Glück, Siegward Sprotte über 2 Jahrzehnte zu erleben. Zuerst hat er meine Frau gefangen genommen, die Ärztin Ingrid Stolpe, die seine Mutter behandelte. Dann haben wir in Baumgartenbrück mit ihm in einem Gesprächskreis tiefgründig diskutiert. Ich weiß bis heute nicht, wieso die DDR-Staatsmacht uns in Ruhe ließ und es gibt keine Akten, keine Berichte. Die DDR-Wirklichkeit war eben doch viel mehr als Papiere hergeben.

Ich bin zu Siegward Sprotte über die Sprache gekommen und habe in seiner Kunst die Suche nach dem Wesentlichen wiedergefunden. Ich erlebte seine Schaffensphase, in der er seine Interpretation der Natur, ihrer Zusammenhänge, ihrer Bewegung in konzentrierter Form festhält. Die Welle, die Bewegung des Wassers in Sekunden hält er in einem Pinselstrich, geradezu zeitgleich, fest.
Seine Meer-und-Wogen-Bilder sind gegliederte Räume, in denen Farbe, Licht und Gestaltung den malenden Philosophen erkennen lassen. Diese Bilder erhalten symbolischen Gehalt. Ich spüre in Sprottes Bild von 1989 „wenn aus Landschaft Schrift wird“ eine prophetische Aussage zur friedlichen Revolution. Die massiv dargestellte Landschaft wirkt wie eine geballte drohende Macht – und doch steht davor auflösend, erleichternd, beschwingend eine andre Botschaft: Ich lese Freiheit, Hoffnung, Neuanfang und spüre den Geist, der die Diktatur stürzte und die deutsche Einheit herbeiführte.
Aus meinen Gesprächen mit Siegward Sprotte weiß ich, wie er diese Entwicklung mit heißem Herzen herbeisehnte. Die Sprotte-Ausstellung im Herbst 1988 in Potsdam war eine vorweggenommene Befreiung, eine Ermutigung. Siegward Sprotte machte den Mauergefangenen die Seele frei und das Rückgrat gerade, für den Herbst 1989 als das Ende der Freiheitsberaubung erkämpft wurde.

Der Maler-Philosoph Siegward Sprotte war schon in jungen Jahren von fernöstlichen Ideen, vor allem von La o Tse beeinflusst. Er hat sich über die Jahrzehnte die fernöstliche Maltechnik erarbeitet. Wir sehen in der Ausstellung eindrucksvolle Werke von ihm in
chinesischer oder japanischer Art. Sie wollen nicht die Natur abbilden, sondern helfen, mit der Natur und ihrem Wesen eins zu werden. Vom geistigen, mystischen Wesen der Welt zu künden, ist Sinn und Inhalt der Werke.
Sie sind Ergebnisse eines Einfühlungsprozesses in die Gesetzmäßigkeiten der Natur ausgedrückt im Grenzbereich von Bild und Schrift.

Der chinesische Kunsthistoriker Min Xiwen bezeichnet Sprottes Werk als Hauptströmung der Kunst des 21. Jahrhunderts!

Heute aber wollen wir den ganzen Sprotte auf uns wirken lassen.
Seien Sie gespannt auf Jutta Götzmann.
Freuen Sie sich auf die Ausstellung – und über diese weitere Belebung von Potsdams Mitte!

Die Garnisonkirche Potsdam kann ich nicht vergessen. Ich habe sie 1959 als Heilig-Kreuz-Kirche kennengelernt. So war sie nach dem von den Nazis und dem deutschen Militär begonnenen und verlorenen Raubkrieg neu benannt worden. Die Menschen, die im Turm Gottesdienste, Taufen, Trauungen, Gemeinde- und Jugendarbeit durchführten, haben mich tief beeindruckt. Sie liebten ihre bombenbeschädigte Kirche.

Mit der Stadt bestand Einigkeit über die Sicherung und den Innenausbau des Turms auch um einen späteren Wiederaufbau zu ermöglichen. Doch immer wieder gab es Gerüchte, dass dieser Turm als Zeuge preußisch-deutscher Vergangenheit verschwinden solle. Eine breite Bürgerbewegung setzte sich für den Erhalt des Turmes der Garnisonkirche ein. Das war im Jahr 1968. Dem Jahr des Prager Frühlings, als Bürgerproteste die Tschechoslowakische Parteidiktatur ins wanken brachte. Hoffnung auf Veränderung des starren Systems, auch der SED-Diktatur, brach auf.

Der Generalsekretär der SED Walter Ulbricht sah die Gefahr, dass Prager Ideen auf die DDR übergreifen würden. Protestbewegungen wandten sich gegen den Abriss der Universitätskirche Leipzig und der Garnison/Heilig-Kreuzkirche Potsdam. Ulbricht glaubte, wer nachgibt ermuntert zu weiteren Protesten, gefährdet letztlich die SED-Herrschaft in der DDR. Das machtpolitische Kalkül „den Anfängen von Protestbewegungen wehren“ gab den Ausschlag. Der Turm der Garnison/Heilig-Kreuzkirche wurde aus politisch-ideologischen Gründen gesprengt.

Ich habe mich gefreut, als vor einigen Jahren eine Bürgerbewegung für den Wiederaufbau der Kirche entstand. Ich freue mich aber ganz besonders darüber, dass mit der Anerkennung des Wiederaufbaus durch die internationale Nagel-Kreuzgemeinde die Verpflichtung gegen das Vergessen der Nazikriegsverbrechen und für Versöhnung zwischen den Völkern festgeschrieben ist. Wir wollen diesen Turm als Ort des christlichen Glaubens und als  Zeichen für eine Gesellschaft, die in Toleranz und Frieden zusammen lebt. Das ist  harte Gegenwartsaufgabe. Aufkommender Intoleranz, Gewalt, Rassismus und Antisemitismus muss entschlossen begegnet werden. Wir brauchen kein Gezänk über Geschichtsdeutungen. Wir brauchen das friedliche Zusammenleben und Zusammenarbeiten von Christen, Juden, Muslimen, Atheisten zum Wohl der Gesellschaft. Dafür kann die Kapelle im Turm der Kirche ein Raum des nötigen Dialogs sein.

 

Bischof Albrecht Schönherr, langjähriger Vorsitzender im Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR hat einmal Ludwig Große als den Löwen aus Thüringen bezeichnet und Schönherr hatte Recht:

Denn Ludwig Große stand mit Mut – und wenn nötig mit Lautstärke für die Freiheit der Kirche und den Schutz der Menschen in einem Staat, in dem Kirche und Religion doppelt Feinde waren. Die Religion galt als unwissenschaftlich und zum Absterben verurteilt. Wobei nachgeholfen werden sollte. Die Kirche galt wegen der Westkontakte als 5. Kolonne des Klassenfeindes.

Ludwig Große half mit, dass die acht evangelischen Landeskirchen eine feste Gemeinschaft wurden und dabei Thüringen von einem Sonderweg zu einem Herzstück des Kirchenbundes wurde, der in Verantwortung vor Gott und für die Menschen den Weg zwischen Anpassung und Verweigerung fand.

Seine Feinde fürchteten Ludwig Große. Seine Freunde schätzten seine Treue und Zuverlässigkeit: Denn er stand zu seinen Gemeinden, seinen Mitarbeitern, insbesondere in der Jugendarbeit. Ludwig Große vermittelte die Gewissheit, dass die Diktatur der SED nicht das Ende aller Wege Gottes mit seiner Gemeinde ist.

Die Protokolle der Synoden und Kirchenleitungen belegen sein Eintreten für Wahrheit und Gerechtigkeit. Seriöse Historiker, wie etwa Anke Silomon beschreiben Ludwig Großes Kampf von Tannroda über Saalfeld, Eisenach, Berlin, Görlitz, Dresden, Halle, Schwerin.

Und ich kann mit Goethe sagen, ich bin dabei gewesen!

Nur an zwei Ereignisse will ich erinnern: Als in den 70iger Jahren die christliche Jugend den aufrechten Gang für Frieden und Gerechtigkeit begann und deshalb wegen des Symbols „Schwerter zu Pflugscharen“ verfolgt wurde, stand Ludwig Große an ihrer Seite und verhinderte, dass Kirchleitungen und Synoden wegschauten und zu dem Unrecht schwiegen. Das war der Beginn des Umbruchs in der DDR mit den  Bemühungen der Kirche, den Staat zum Einlenken zu bewegen.

Und das zweite Schlüsselereignis war die Bundessynode in Eisenach im September 1989:

Der Staat und die SED waren nicht reformbereit. Der Kirchenbund kündigte die Verhandlungen mit dem Staat auf und forderte unverzüglich Meinungsfreiheit, freie Wahlen, unabhängige Gerichte, Reisefreiheit. Die Forderungen nannten auch das Neue Forum, der Demokratische Aufbruch, die neu gegründete DDR-SPD.

Die gewaltfreie Protestbewegung, die in aller Regel in den Kirchen begann, lähmte den Waffeneinsatz der Machthaber. Die DDR brach zusammen. Die Menschen stürmten die Mauer – wie einst in Paris die Bastille und die Siegermächte mussten die Selbstbestimmung des Volkes anerkennen: Schneller als wir alle dachten wurde die deutsche Einheit möglich.

Ludwig Große hat sofort erkannt, welche neuen Herausforderungen für Wahrheit und Gerechtigkeit nun kamen: Er kämpft gegen leichtfertige Urteile über die Vergangenheit. Er weiß, dass die Totalverteufelung der DDR zu einer gespaltenen Erinnerungskultur führt und damit zum Hindernis der inneren Einheit wird.

Er sieht mit Sorge die sozialen Verwerfungen, eine Spaltung der Gesellschaft in arm und reich, in blühende und sterbende Regionen. Und Ludwig Große weiß, dass die Kirchen wieder gefordert sind, für Wahrheit und Gerechtigkeit einzutreten. Und Ludwig Große weiß, dass die Kirchen und Gemeinschaften zusammenstehen müssen und so wie hier im Kleinen die Stadtkirchengemeinde und die Evangelische Allianz. Und im Großen die Evangelische und die Katholische Kirche. Gerade hier im Osten werden die Schwächen der Katholischen Kirche auch als unsere Schwächen gesehen. Wir leiden mit, wenn die Katholische Kirche leidet.

Und so wünschen wir dem Papst Benedikt zu seinem letzten Arbeitstag Gottes Geleit und seiner Kirche einen oekumenen Aufbruch.

Vor allem aber wünschen wir Ludwig Große Gesundheit, Mut und Klarheit. Denn wir brauchen Sie noch mindestens 20 Jahre!

Danke für die Kampfgemeinschaft und Freundschaft.

Danke Ihrer Familie, dass Sie Ihnen Kraft gab.

Gott segne Sie!

Albrecht Schönherr hat fast 100 Jahre in Brandenburg gelebt als Pfarrer, Bischof und Vorsitzender des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR. Aufgewachsen in Neuruppin, tätig in Brüssow, Eberswalde, Berlin und Brandenburg/Havel kannte und liebte er unser Land. Seine Heimat der Seen und Wälder war im vertraut. Er war in dieser eigenartigen Mischung aus Weltstadt und Bauerngemeinden verwurzelt. Das war das Feld, auf dem er sich bewähren sollte. Das war seine persönliche Glaubensüberzeugung. Besonders verbunden fühlte er sich mit dem Dom zu Brandenburg, der Mutterkirche dieses Landes. Anlässlich der Tausendjahrfeier des Bistums Brandenburg 1948 wurde er als Dompfarrer eingeführt und blieb dem Dom als Superintendent, später Dechant und Ehrendechant bis zu seinem Lebensende 2009 verbunden. Hier erlebte er die Wirklichkeit christlicher Existenz vor Ort mit all ihren Benachteiligungen und Hoffnungen direkt mit.

Albrecht Schönherr liebte die Menschen. Mit Theodor Fontane war er der Meinung, dass sie das Beste an Brandenburg sind. Er konnte zuhören, lernte selbst viel aus den Begegnungen und Gesprächen. Seine Aufmerksamkeit für den einzelnen Menschen war ein Markenzeichen seiner Arbeit. Albrecht Schönherr strahlte Ruhe aus und schuf Vertrauen. Er war ein unerschrockener, freier und offener Gesprächspartner der politischen Mächte. Von Statur und Auftreten war er eine Respektperson mit der Gabe, unbefangen auf Menschen zugehen zu können, sie freundlich aber unbeugsam zu beeindrucken und zu gewinnen. Vicco von Bülow war beeindruckt von „dem Zauber überraschender Verständigung“ mit Albrecht Schönherr.

Albrecht Schönherr hat in seinem Leben fünf politische Systeme und darunter zwei Diktaturen erlebt. Die Auseinandersetzung mit dem mörderischen Nazisystem war für ihn eine tiefgreifende Erfahrung. Er widersprach jeder Verharmlosung dieser blutigen Diktatur und hielt die Gleichsetzung der Diktaturen von Nazis und SED für unzulässig. Schönherrs Einstellung zur nationalsozialistischen Diktatur wurde durch den Theologen und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer geprägt, den die Nazihenker noch im April 1945 ermordeten. Von Bonhoeffer lernte er auch, dass Christen selbst in schwierigsten Situationen Hoffnung haben dürfen. Auch wenn der Weg steiler werde, gelte es, kräftig draufloszuschreiten im Blick auf neue weite Horizonte.

Das gab ihm die Kraft und die Hoffnung, im kirchenfeindlichen DDR-System nicht das Ende aller Wege Gottes mit seinem Volk zu sehen. Sehr früh erlebte Schönherr, welche Vorstellungen die herrschende kommunistische SED und der Staat DDR von Religion und Kirche hatte. Danach galten Religion und Kirche als Relikte der Vergangenheit, die zum Absterben verurteilt seien. Religion sei unwissenschaftlich und falsch. Opium für das Volk und zu dessen Unterdrückung von den früheren Ausbeutern genutzt. Die Kirche sei ein Instrument der früher herrschenden Klasse, der Kapitalisten und Großgrundbesitzer und in der DDR demzufolge die Fünfte Kolonne des westdeutschen Klassenfeindes. Kirche und Christen waren so in doppelter Hinsicht Feinde. Sowohl im Kampf der atheistischen Weltanschauung gegen die Religion als auch im Klassenkampf als Verbündete des westlichen Gegners. Dem erwarteten gesetzmäßigen Untergang von Religion und Kirche sollte nachgeholfen werden. Ihr Einfluss auf die Jugend bekämpft, kirchliche Aktivitäten in sozialen, kulturellen, wirtschaftlichen Bereich sollten eingeschränkt und ausgeschaltet werden. Kontakte zu den Kirchen in der Bundesrepublik Deutschland wurden möglichst verhindert. Eine massive Kirchenaustrittskampagne führte zu einem erheblichen Rückgang ihrer Mitgliederzahl. Religionsunterricht wurde aus den Schulen verbannt und christliche Eltern wurden aus den Elternbeiräten verdrängt. Christen wurden benachteiligt und in ihrem beruflichen Fortkommen behindert. Viele Christen fürchteten der kommunistischen Übermacht ausgeliefert zu sein und nicht wenige flohen in den Westen.

Damit wollte sich Albrecht Schönherr nicht abfinden. Denn er war überzeugt, dass es falsch ist, nur über böse Entwicklungen zu klagen und sich in eine „Welt-Ängstlichkeit“ zu bewegen. Während für viele christliche Amtsträger der atheistische Charakter  der SED  Grund war, möglichst wenig mit Staat und Gesellschaft der DDR zu tun zu haben, sah Schönherr in der DDR keinen „weißen Fleck in der Landkarte Gottes“. Deshalb sollte man den politisch Verantwortlichen nicht aus dem Wege gehen, sondern sie vielmehr fragen, wo der Platz der Christen in der sozialistischen DDR sei. Kirche und Christen sollen sich vor Resignation hüten. Schönherr warnte vor Berührungsängsten. Im Verhältnis zum Staat DDR wollte Schönherr aus der politischen Verdächtigung als Klassenfeind, Handlanger des Westens heraus kommen und so die Angriffsfläche gegen Kirche und Christen mindern. Er sah die Gefahren einer totalen Anpassung einerseits und der ständigen Verweigerung andererseits. Er wollte kein „Partisan des Westens“ sein, sondern mit beiden Beinen in der DDR leben aber als Christ. Die Staats- und Parteifunktionäre sollten zur Kenntnis nehmen, dass zum Christ sein aber nicht nur das Beten, sondern das Tun des Gerechten unter den Menschen gehört. Die Kirche sollte nicht Kirche neben, nicht gegen, sondern im Sozialismus sein. Sie sollte bei den Menschen sein, die in dieser sozialistischen Gesellschaft leben mussten. Kirche im Sozialismus  bedeutete den Anspruch zur Mitgestaltung der Gesellschaft. Das sah die atheistische Ideologie nicht vor. Duldung der Kirche als gesellschaftliche Realität sei denkbar, aber nicht deren Ausbreitung und Zukunftsmitgestaltung sowie die Inanspruchnahme des Begriffes Sozialismus durch die Kirche. Die SED hat äußerst aggressiv reagiert als von Seiten der Kirche vom verbesserlichen Sozialismus gesprochen wurde und sah darin eine Unterwanderung der sozialistischen DDR. Tatsächlich gelang es Albrecht Schönherr, das politische Feindbild der SED gegenüber der Kirche zu mindern und eine größere Eigenständigkeit mit Freiräumen auch für gesellschaftskritische Debatten in den Kirchen zu ermöglichen. So konnten in den 80er Jahren in den evangelischen Kirchen weit über eintausend Gruppen entstehen, die sich mit Fragen der Gerechtigkeit, der Umwelt und des Friedens befassten. Aus ihnen wuchs dann bei wachsender Unzufriedenheit mit der Reformunfähigkeit der DDR-Führung der Druck zu einem Umbruch der Verhältnisse einer friedlichen Revolution.

Auch die Ostpolitik Willy Brandts der Wandel durch Annäherung trug erheblich dazu bei, dass die Haltung des DDR-Staates gegenüber der Kirche flexibler wurde. Albrecht Schönherr hat Willy Brandt mehrfach getroffen. Für beide war die Zusammengehörigkeit der Deutschen eine Selbstverständlichkeit. Nach Kontakten mit Bundeskanzler Helmut Schmidt ergab sich

z. B. 1980, dass Schönherr jede Möglichkeit nutzte, um die DDR-Führung vor einem Einmarsch in Polen zur Unterdrückung der Solidarnosc-Bewegung zu warnen. Schönherr tat dies auch auf dem Hintergrund seiner vielfältigen Kontakte nach Polen und seiner Wertschätzung für diese Nachbarn. Schönherr unterstützte die kontinuierlichen Gespräche der Evangelischen Kirchen der DDR und der BRD, ihrer Leitungen, ihrer Fachgremien und vieler Tausend Ost-West-Gemeindetreffen. Die evangelische Kirche war eine Brücke zwischen Ost und West.

Erhard Eppler erlebte Albrecht Schönherr als den Bischof, der seine Kirche führen, zusammenhalten, verteidigen musste in einem Staat, nach dessen Doktrin es gar keine Kirche mehr geben sollte. Ein Bischof, der, wenn er etwas sagte, der ganz dahinter stand, der verbindlich oder gar nicht redete.

Albrecht Schönherr empfand die DDR-Zeit im Sinne Bonhoeffers nicht als verlorene Zeit, denn verloren wäre die Zeit, in der wir nicht als Menschen gelebt, Erfahrungen gemacht, gelernt, geschaffen, genossen und gelitten hätten. Verlorene Zeit ist unausgefüllte leere Zeit. Das sind die vergangenen Jahre gewiss nicht gewesen.

Nach dem Zusammenbruch der DDR und der Wiedervereinigung forderte Schönherr, die DDR-Vergangenheit umfassend und historisch gerecht zu beurteilen sowie Pauschalierungen zu unterlassen. Stasi-Aufzeichnungen und Aktennotizen von Funktionären reichten zur wirklichen Aufarbeitung nicht aus und würden nur die Kluft zwischen Ost und West vertiefen. Schönherr wollte, dass die, die in der DDR gelebt haben, nicht an den Pranger gestellt werden.

Schönherrs historisches Verdienst besteht in seinem Eintreten dafür, dass Christen sich in der DDR nicht ängstlich hinter Kirchenmauern zurückzogen, sondern in die Gesellschaft hinein wirkten und sie schließlich veränderten. In der Zeit der deutschen Teilung half er entscheidend mit, dass die Evangelische Kirche eine Brücke zwischen den deutschen Staaten blieb. Sie hat Gemeinschaft bewahrt und konnte nach 1990 Mitgestalterin des Zusammenwachsens von Ost und West werden. Wir können stolz auf den Brandenburger Albrecht Schönherr sein.

Sehr verehrte, liebe Frau Furian, liebe Familie Furian,

zum Heimgang Ihres Mannes, Vaters und Großvaters spreche ich Ihnen mein aufrichtiges Beileid aus.

Hans-Otto Furian war auf Sie alle sehr stolz und in unseren Gesprächen war oft die Familie wichtiger als das kirchenpolitische Tagesgeschäft. Das hat ihn im Dienst gelassen und stark gemacht.

Ich wünsche Ihnen, dass bei aller Trauer, doch die dankbare Erinnerung an einen großartigen Menschen Sie stark macht und vereint.

Für unsere Kirche in der Anfechtung war Probst Furian ein Fels in der Brandung. Er gab Mut, Vertrauen und Zuversicht.

Ich bin sehr dankbar, Hans-Otto Furian in vielen Jahren als wachen, kritischen und tapferen Wegbegleiter erlebt zu haben.

In dankbarer Verbundenheit grüßt

Ihr Manfred Stolpe

 

Lieber Wolfgang Thierse,

liebe Familie Hildebrandt,
meine sehr verehrten Damen und Herren,

Ich begrüße Sie alle herzlich und bin wie Sie gespannt, was wir heute von Jörg Hildebrandt und der Gesprächsrunde – Lea Rosh, Ulrike Poppe, Frauke Hildebrandt – drei unerschrockene Frauen, die sich für Gerechtigkeit, Freiheit und Menschenrechte eingesetzt und Jörg Hildebrandt, Jens Reich, Wolfgang Thierse – drei Männer der friedlichen Revolution, die aktiv den Umbruch vorbereitet und den Neuanfang gestaltet haben – erfahren werden. Gespräche unter Deutschen mit geteilten Meinungen zur Wiedervereinigung!

Erste Feststellung: Niemand stellt die deutsche Einheit infrage. Das sah vor 22 Jahren anders aus. Jörg und Frauke Hildebrandt legen ein bemerkenswertes Buch vor: Es gibt keine Tabus. Probleme der Vergangenheit, Sorgen der Gegenwart und Zukunftsaufgaben werden klar benannt. Die beiden Interviewer bohren, provozieren, streiten auch mal heftig mit den Gesprächspartnern. Aber auch untereinander mit interessanten Gegensätzen, z. B. zur Frage, ob es 1990 richtiger gewesen wäre, ehemalige SED-Mitglieder in die SPD aufzunehmen. Es ist ein spannendes Buch zur politischen Bildung. Ich habe es Abiturklassen empfohlen.

Mit 15 Gesprächspartnern aus Ost und West haben Jörg und Frauke Hildebrandt diskutiert und immer war Regine Hildebrandt mit am Tisch. Denn alle diesen Themen haben auch sie bewegt und häufig wird sie in den Gesprächen genannt. Regine Hildebrandt ist eben keine ferne historische Persönlichkeit, sondern sie steht mit ihren Ansichten und Erwartungen mitten unter unseren Sorgen und Hoffnungen. Wir erfahren hier einmal mehr ihre bleibende Aktualität!

Wir in Brandenburg fragen uns häufig, was hätte Regine Hildebrandt gesagt? Beim Flughafenbau hätte sie vermutlich geraten: „Jungs seid nicht so blauäugig, Ihr müsst doch wissen, wie hier gelogen wird!“ Aus voller Überzeugung wiederholte ich Günter Grass: „Ihr sollt sie nicht so viel ehren, sondern Euch nach ihr richten!“

Meine sehr verehrten Damen und Herren, Ich möchte Ihre Aufmerksamkeit auf vier Querschnittsthemen lenken, über die in diesem Buch Deutsche aus Ost und West sprachen und über die weiter gesprochen werden sollte im deutsch-deutschen Gespräch. Denn wir haben noch viel zu wenig miteinander gesprochen, wechselseitig wirklich zugehört und uns vorurteilsfrei zu verstehen versucht.

Thema 1: Die Art der Wiedervereinigung. Nicht aus Besserwisserei, sondern wegen der Langzeitwirkung. Christoph Hein stellt fest: „Die Sieger der Geschichte haben den Verlierern der Geschichte Vorschriften gemacht“. Und Friedhelm Hengsbach erinnert, „den DDR-Bürgern wurde der Eindruck vermittelt, dass Freiheit, Demokratie und Marktwirtschaft alles richten werden“. Jörg Hildebrandt aber ergänzt: „Übergestülpt haben wir uns den Westen jedenfalls ganz allein. Ein Segen, dass es so gekommen ist.“ „Aber aus der übergroßen Hoffnung ist übergroße Enttäuschung geworden“, sagt Christoph Hein. Jörg Hildebrandt illustriert mit den von ihm erfahrenen Konquistadoren-Allüren. Dazu Günter Grass „Es gab nur ganz wenige, die in der Phase der Erneuerung den Mut und die Erfahrung hatten, dem Westen zu widersprechen und ihn auf seine Überheblichkeit und Ahnungslosigkeit aufmerksam zu machen“, so wie Regine Hildebrandt es tat! Im MDR hörte ich damals den Spruch: Der Fuchs ist schlau und stellt sich dumm, beim Wessi ist das andersrum. Norbert Walter kritisiert, „die produktiven Menschen der neuen Bundesländer, mit Stolz und Leistungswillen, sind in viel zu geringem Umfang in die Gestaltungsprozesse einbezogen worden“. „Wir haben zu viele ostdeutsche Talente in diesem Prozess frustriert. Bei nicht wenigen wurde eine unnötige Antistimmung gegenüber der westdeutschen Gesellschaft verschuldet“. Lea Rosh bedauert: „die Menschen im Ost nehmen viel zu viel hin, nehmen es einfach hin“. „Verlierer der Einheit sind alleinstehende Frauen mit Kindern“, sagt Lothar Bisky. Aber auch dies sagt er: „Die westliche Demokratie bedeutet gegen den Realsozialismus rein zivilisatorisch wirklichen Fortschritt“.

Meine sehr verehrten Damen und Herren. Sie stimmen mir vielleicht zu, dass diese Zitate nicht nur zeitgeschichtliche Betrachtungen, sondern bleibende Herausforderungen sind!

Mein zweites Thema sind die Unterschiede zwischen Deutschen Ost und West. Wolfgang Huber berichtet von seinen Erfahrungen mit Mentalitätsunterschieden und Ulrike Poppe bringt das Beispiel: „Wenn man im Osten zu einer Sache schweigt, heißt das Ablehnung. Wenn man im Westen schweigt, heißt das Zustimmung“. Und weiter: „Im Westen Aufgewachsene können sich besser präsentieren, sich besser verkaufen: Ich kann alles, ich weiß alles.“ Egon Bahr beklagt, dass auch er die Unterschiedlichkeit der Mentalitäten unterschätzt habe und prophezeit: „Drei Generationen haben in den USA die Nord- und Südstaatler gebraucht, ehe sie einigermaßen zusammenfanden“. Mir sagte der Gouverneur von South Carolina 1990 auf meine Frage, ob 30 Jahre für die Angleichung von Ost und West in Deutschland reichen würden. „Wir haben 130 Jahre gebraucht!“ Frauke Hildebrandt fragt Günter Grass: „Bleiben die Lebens- und Geschichtserfahrungen der Ostdeutschen weitgehend unberücksichtigt?“

Meine sehr verehrten Damen und Herren, das Gespräch zwischen den Deutschen muss weitergehen. Es geht darum, unterschiedliche Prägungen und Verhaltensweisen zu verstehen und dabei zu lernen, wie Unterschiede auch Stärken bedeuten können.

Zum Beispiel können wir Ossis noch viel von der Weltoffenheit unserer westdeutschen Landsleute lernen, aber unsere Havarieerfahrungen sind in Globalisierungszeiten durchaus nützlich. Schließlich sind wir gemeinsam in den Bedrohungen der Gegenwart gefordert: Meinem 3. Thema. Hierzu kommen in dem Band viele Sorgen zu Ausdruck. Wir leben in einer Zeit, in der „die Politik nur der Spielraum ist, den die Wirtschaft zulässt“, wie Dieter Hildebrandt meint.

Und Friedhelm Hengsbach sagt, dass „das Finanzregime unter dem Diktat der sekundenschnellen Kursgewinne steht und eine neue soziale Marktwirtschaft mit marktradikalen, wirtschaftsliberalen Vorzeichen propagiert wird“. Gesine Schwan fürchtet: „Am Ende betrachtet sich jeder in Konkurrenz zum anderen: Der Mensch ist des Menschen Wolf“, und sie fährt fort, „dass diese Radikalisierung des Wirtschaftssystems und die kulturelle Radikalisierung zu Feindseligkeit und struktureller Verantwortungslosigkeit führt.“ „Soziale Explosionen“ hält Lothar Bisky für wahrscheinlich und Friedhelm Hengsbach mahnt, „die Klassenfrage ist nicht beseitigt“. Christian Führer ergänzt, „nichts ist mehr sicher. Das gibt ein absolut schräges Lebensgefühl. Natürlich Arbeitslosigkeit. Zweitens Krankheit und dann die Angst, dass das Geld verfällt.“

Zum 4. Thema Zukunft kommt in den Interviews neben Sorgen viel Hoffnung zum Ausdruck. So hofft Jens Reich: „Es ist noch nicht zu spät … Ein Bewusstseinswandel ist nicht ausgeschlossen und der muss zupackend in die Praxis umgesetzt werden … Das ist die Hoffnung auf Schwung für die Zukunft“. Christian Führer fordert, „Die Würde des Menschen muss unantastbar sein“ und er sieht nicht schwarz für die Zukunft. „Meine Verortung ist die Menschenwürde, da gibt es keine Diskussion und keine Abstriche“, erklärt Norbert Walter. Und Friedhelm Hengsbach fordert: „Für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, die ökologische Nachhaltigkeit und die basispolitische Beteiligung sollten wir uns noch viel stärker einschalten – in beiden Teilen Deutschlands“. Richard Schröder ergänzt, „zivilgesellschaftliche Strukturen, wo Bürger sich zu politischen oder auch nichtpolitischen Anlässen zusammenfinden, sind unaufgebbar. Davon sollte man recht viel haben“. „Das festigt die Demokratie und wehrt Extreme ab“, schätzt Egon Bahr ein. Er setzt auf eine Reformierbarkeit unseres Systems. Wolfgang Huber nennt als Ziel „eine international verantwortbare soziale Marktwirtschaft“ als Ausdruck auch seiner bestimmten und unbeugsamen Hoffnung.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich bremse mich, weitere wegweisende Worte aus den Interviews zu zitieren. Zumal ja auch noch andere reden werden. Aber eine Bemerkung lassen Sie mich bitte noch einbringen: Für das deutsch- deutsche Gespräch müssen wir beachten, dass es in der ehemaligen DDR eine geteilte Erinnerungskultur gibt. Einerseits die staatlich geförderte, medial unterstützte Darstellung der DDR als menschenverachtende, freiheitsberaubende, ja teuflische Diktatur. Andererseits wächst in vielen Familien bei der Jugend die Neigung zur Verharmlosung, ja Vergoldung der DDR. Auch das braucht noch viele Gespräche. Vielleicht beim Forum für Ostdeutschland? Aber bitte nicht von oben herab!

Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich wünsche uns einen spannenden Abend!

Berlin, 26. 9. 2012

Stiftung Großes Waisenhaus. Potsdam – 12. September 2012

(Es gilt das gesprochene Wort)

Herr Staatssekretär,
meine sehr verehrten Damen und Herren,

herzlichen Dank, dass dieses Haus wieder für eine ganz besondere Ausstellung zur Verfügung steht!

Ich freue mich, dass die Gemeinsame Landesplanung Berlin-Brandenburg die Kunst in ihren Arbeitsauftrag mit einbezieht! Und das ist richtig so!

Denn in dieser Metropolenregion Berlin-Brandenburg gibt es viele technische Faktoren der Zusammengehörigkeit, natürlich die Verkehrs-, Entwicklungs- und Siedlungsplanung – vom Flughafen will ich gar nicht reden, der kommt gewiss. Alle Großprojekte haben Planungsschwierigkeiten, dauern länger und werden teurer. Ich weiß wovon ich rede: Meine LKW-Maut hatte 18 Monate Verspätung, aber heute ist sie weltspitze!

Aber Technik alleine bringt die Region Berlin-Brandenburg nicht zusammen. Die Seele muss gesucht werden! Das können nur Künstler. Bei Musik und Text kann es auch daneben gehen, die Malerei kann am besten helfen, die Seelen übereinstimmend zum Klingen zu bringen. Der Gemeinsamen Landesplanungsabteilung Berlin-Brandenburg ist es gelungen, drei interessante, unterschiedliche Maler zusammenzubringen: Hanne Pluns, Roland Korn und Hartmut Meyer, alle drei leben in Brandenburg und sind doch auch Berliner!

Roland Korn, im thüringischen Saaletal geboren, hat das Zentrum Berlins gestaltet. Schauen Sie auf „Stadtzentrum mit Fernsehturm und Kreuz“! Sein bekanntester Bau ist das Staatsratsgebäude. Ich habe das Haus bei Erich Honecker und Gerhard Schröder kennen und schätzen gelernt. Ich freue mich, dass dieses Gebäude nicht dem „Bildersturm“ zum Opfer fiel, und es auch nicht durch einen Kubus zugestellt wird. Roland Korn gestaltete den Alexanderplatz um und baute den Kern Berlins um das Nikolai-Viertel wieder auf.

Der Planer und Gestalter Roland Korn sucht Ausgleich als Maler. Seine Bilder stellen Motive aus seinem Lebensumfeld dar, Landschaften, Stillleben, Blumen und Portraits. Seine Stadtaquarelle haben neben dem künstlerischen Wert hohe dokumentarische Bedeutung. Sie erinnern an Bauten, die Ostberlin bestimmten, aber in den letzten 20 Jahren verschwunden sind: den Palast der Republik, die Kreuzung Friedrichstraße/ Unter den Linden und mein geliebtes Ahornblatt. Eine Spitzenleistung von Ulrich Müther. Ich war so stolz, dass ich in diese sozialistische Betriebsgaststätte auch kirchliche Mitarbeiter hineinbekommen habe.

Hanne Pluns, in Wriezen geboren, in früher Kindheit vom Oderbruch geprägt, kehrte nach erfolgreicher Westwanderung in ihre alte Heimat zurück. Die studierte Malerin und Zeichnerin ist mit ihrem Kunstschaffen ständig unterwegs, um ihren Horizont zu erweitern, um Orientierung zu suchen und neue Erkenntnisse zu gewinnen: in der Malerei, in Radierungen, aber auch in Tonschöpfungen, Bronzewerken.
Heike Mildner hat Hanne Pluns beschrieben mit ihren gegenständlichen Motiven, Landschaften und Stillleben, ihrem späteren expressiven Farbauftrag und dann der Gabe, Gegenständliches darzustellen, Ebenen nur anzudeuten, einer zurückhaltenden Farbgestaltung und einer Tendenz zu Pastelltönen. Und so überrascht die Frage nicht, ob es sich bei diesen unterschiedlichen Werken um dieselbe Künstlerin handelt. Mich hat bei Hanne Pluns besonders beeindruckt das Bild „Ob Land, ob Meer“, wo abstrakte und gegenständliche Malerei wirken. Und „Das Oderbruch“ mit der bedrängenden Nähe und der befreienden Weite. Meditation ihre Bilder „Die Schöpfung“ und „Bewegung“.

Hartmut Meyer, im thüringischen Saaletal aufgewachsen, vermisst bis heute die liebliche Landschaft seiner Heimat, die stolzen Burgen an der Saale hellem Strande. Solange er im Stress des Arbeitslebens stand, konnte er das nicht kompensieren. Weder als Leiter des 1. Rechenzentrums der DDR noch als Chef eines Baukombinates. Erst recht nicht als Politiker der ersten Stunde 1990: Landrat im Oderbruch – einem Himmelfahrtskommando, oder fünfzehn Jahren als Minister für Stadtentwicklung, Wohnen und Verkehr in Brandenburg. Da rettete er 35 Altstadtkerne und bewahrte durch ein Stadtumbau-Programm Neubaugebiete vor der Verwahrlosung. Doch in diesen 30 brandenburgischen Fronjahren bewegte er sich in seinem Brandenburg-Bild von Heinrich von Kleist zu Theodor Fontane. Kleist, der unser Brandenburg einen langweiligen Landstrich nannte, bei dessen Erschaffung der liebe Gott offenbar eingeschlafen war. Und Fontane, der auf reizvolle Motive in Brandenburgs Dörfern, Seen, und Landschaften hinwies.

Hartmut Meyer begann zu malen! Nicht die Heidecksburg bei Rudolstadt oder die Dornburger Schlösser an der Saale, sondern einfach Schönheiten unserer Region. Ich war verblüfft und begeistert, als er mir zum 60. Geburtstag statt der sonst üblichen Cognacflasche ein kleines Bild vom Schloss Rheinsberg schenkte – Meyer malt! Zunächst gelegentlich, seit Ende des Berufslebens zahlreicher bringt Hartmut Meyer uns Brandenburg nahe, immer wieder Ostbrandenburg. Er trifft die Stimmungen, unterscheidet die Jahreszeiten. Sein Oderhochwasser geht nicht nur den Betroffenen nahe. Die Vielfalt in Farbe und Licht beeindruckt. Und häufig Rapsfelder, Wege und Weiten. Besonders empfehlen möchte ich Ihnen den Weg ganz nach oben in diesem Haus. Da erwartet Sie eine Meyersche „Mohn-Orgie“, geradezu wie einen Altar: Fünf Mohnbilder zusammengestellt.

Der Hobbymaler Meyer ist noch auf der Suche. Aquarell, Acryl, Bleistift, Kreide, Grafik: Lieber Hartmut, wohin wird die Reise gehen? Ins Abstrakte? Vielleicht entwickelt sich ein Quereinsteiger-Genie? Seine Lust am Ausdruck, sein Drängen auf Gestaltung und seine erstaunliche Begabung sind gute Voraussetzungen dafür!

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

diese Ausstellung bringt eine freischaffende studierte Künstlerin und zwei Hobbymaler zusammen. Danken wir allen, auch Ihnen, Frau Pluns, dass das möglich wurde. Interessant, welche Perspektiven die Künstler einbringen. Hartmut Meyer liebt die Zentralperspektiven, Roland Korn nutzt breite Perspektive bis zur Vogelschau. Und Hanne Pluns überwindet künstlerisch herkömmliche Regeln, setzt den Horizont hoch und lässt das Davorliegende gelegentlich im Perspektivlosen verschwinden.

Die Ausstellung bringt uns die Vielfalt der Hauptstadtregion Berlin-Brandenburg nahe. Lässt uns die Spannung von Dynamik und Stille und so unsere Stärke spüren.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

ich hoffe, dass viele Brandenburgerinnen und Berlinerinnen, Brandenburger und Berliner in dieser Ausstellung die Kraft und Zusammengehörigkeit unserer Region Berlin-Brandenburg verstehen lernen!

Dank und Erfolg den Künstlern. Und Ihnen allen ein wertvolles Kunsterlebnis!