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Manfred Stolpes Traumland

Am 22. Juli vor 25 Jahren beschloss die DDR-Volkskammer, auch im Osten Bundesländer zu gründen. Das war die Geburtsstunde des Landes Brandenburg. Ein Gespräch mit Manfred Stolpe, dem ersten Ministerpräsidenten, über seine persönliche Rolle beim Werden dieses Landes. Weiterlesen

Als am 9. Mai 1688 am hellen Tage die Stadttore verriegelt und die Berliner durch ihre Meter hohe Mauer von der Außenwelt abgeschlossen wurden, ahnten viele, dass der Mann gestorben war, der schon zu Lebzeiten „der Große Kurfürst“ genannt wurde. Weiterlesen

Herzlichen Dank für die Einladung zu Ihrer Geschichtsbörse, Herr Dr. Winkler. Wie Sie wissen, komme ich immer gerne in Ihr Haus, dessen Arbeit ich sehr schätze.

Ich schätze Ihre Arbeit und auch die Arbeit der Landesgeschichtlichen Vereinigung deshalb, weil sie Antworten geben auf die Frage, wer wir sind, was wir waren und woher wir kommen. Oder anders gesagt: warum die alte märkische Geschichte für unser Land Brandenburg so wichtig ist. Weiterlesen

Albrecht Schönherr hat fast 100 Jahre in Brandenburg gelebt als Pfarrer, Bischof und Vorsitzender des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR. Aufgewachsen in Neuruppin, tätig in Brüssow, Eberswalde, Berlin und Brandenburg/Havel kannte und liebte er unser Land. Seine Heimat der Seen und Wälder war im vertraut. Er war in dieser eigenartigen Mischung aus Weltstadt und Bauerngemeinden verwurzelt. Das war das Feld, auf dem er sich bewähren sollte. Das war seine persönliche Glaubensüberzeugung. Besonders verbunden fühlte er sich mit dem Dom zu Brandenburg, der Mutterkirche dieses Landes. Anlässlich der Tausendjahrfeier des Bistums Brandenburg 1948 wurde er als Dompfarrer eingeführt und blieb dem Dom als Superintendent, später Dechant und Ehrendechant bis zu seinem Lebensende 2009 verbunden. Hier erlebte er die Wirklichkeit christlicher Existenz vor Ort mit all ihren Benachteiligungen und Hoffnungen direkt mit.

Albrecht Schönherr liebte die Menschen. Mit Theodor Fontane war er der Meinung, dass sie das Beste an Brandenburg sind. Er konnte zuhören, lernte selbst viel aus den Begegnungen und Gesprächen. Seine Aufmerksamkeit für den einzelnen Menschen war ein Markenzeichen seiner Arbeit. Albrecht Schönherr strahlte Ruhe aus und schuf Vertrauen. Er war ein unerschrockener, freier und offener Gesprächspartner der politischen Mächte. Von Statur und Auftreten war er eine Respektperson mit der Gabe, unbefangen auf Menschen zugehen zu können, sie freundlich aber unbeugsam zu beeindrucken und zu gewinnen. Vicco von Bülow war beeindruckt von „dem Zauber überraschender Verständigung“ mit Albrecht Schönherr.

Albrecht Schönherr hat in seinem Leben fünf politische Systeme und darunter zwei Diktaturen erlebt. Die Auseinandersetzung mit dem mörderischen Nazisystem war für ihn eine tiefgreifende Erfahrung. Er widersprach jeder Verharmlosung dieser blutigen Diktatur und hielt die Gleichsetzung der Diktaturen von Nazis und SED für unzulässig. Schönherrs Einstellung zur nationalsozialistischen Diktatur wurde durch den Theologen und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer geprägt, den die Nazihenker noch im April 1945 ermordeten. Von Bonhoeffer lernte er auch, dass Christen selbst in schwierigsten Situationen Hoffnung haben dürfen. Auch wenn der Weg steiler werde, gelte es, kräftig draufloszuschreiten im Blick auf neue weite Horizonte.

Das gab ihm die Kraft und die Hoffnung, im kirchenfeindlichen DDR-System nicht das Ende aller Wege Gottes mit seinem Volk zu sehen. Sehr früh erlebte Schönherr, welche Vorstellungen die herrschende kommunistische SED und der Staat DDR von Religion und Kirche hatte. Danach galten Religion und Kirche als Relikte der Vergangenheit, die zum Absterben verurteilt seien. Religion sei unwissenschaftlich und falsch. Opium für das Volk und zu dessen Unterdrückung von den früheren Ausbeutern genutzt. Die Kirche sei ein Instrument der früher herrschenden Klasse, der Kapitalisten und Großgrundbesitzer und in der DDR demzufolge die Fünfte Kolonne des westdeutschen Klassenfeindes. Kirche und Christen waren so in doppelter Hinsicht Feinde. Sowohl im Kampf der atheistischen Weltanschauung gegen die Religion als auch im Klassenkampf als Verbündete des westlichen Gegners. Dem erwarteten gesetzmäßigen Untergang von Religion und Kirche sollte nachgeholfen werden. Ihr Einfluss auf die Jugend bekämpft, kirchliche Aktivitäten in sozialen, kulturellen, wirtschaftlichen Bereich sollten eingeschränkt und ausgeschaltet werden. Kontakte zu den Kirchen in der Bundesrepublik Deutschland wurden möglichst verhindert. Eine massive Kirchenaustrittskampagne führte zu einem erheblichen Rückgang ihrer Mitgliederzahl. Religionsunterricht wurde aus den Schulen verbannt und christliche Eltern wurden aus den Elternbeiräten verdrängt. Christen wurden benachteiligt und in ihrem beruflichen Fortkommen behindert. Viele Christen fürchteten der kommunistischen Übermacht ausgeliefert zu sein und nicht wenige flohen in den Westen.

Damit wollte sich Albrecht Schönherr nicht abfinden. Denn er war überzeugt, dass es falsch ist, nur über böse Entwicklungen zu klagen und sich in eine „Welt-Ängstlichkeit“ zu bewegen. Während für viele christliche Amtsträger der atheistische Charakter  der SED  Grund war, möglichst wenig mit Staat und Gesellschaft der DDR zu tun zu haben, sah Schönherr in der DDR keinen „weißen Fleck in der Landkarte Gottes“. Deshalb sollte man den politisch Verantwortlichen nicht aus dem Wege gehen, sondern sie vielmehr fragen, wo der Platz der Christen in der sozialistischen DDR sei. Kirche und Christen sollen sich vor Resignation hüten. Schönherr warnte vor Berührungsängsten. Im Verhältnis zum Staat DDR wollte Schönherr aus der politischen Verdächtigung als Klassenfeind, Handlanger des Westens heraus kommen und so die Angriffsfläche gegen Kirche und Christen mindern. Er sah die Gefahren einer totalen Anpassung einerseits und der ständigen Verweigerung andererseits. Er wollte kein „Partisan des Westens“ sein, sondern mit beiden Beinen in der DDR leben aber als Christ. Die Staats- und Parteifunktionäre sollten zur Kenntnis nehmen, dass zum Christ sein aber nicht nur das Beten, sondern das Tun des Gerechten unter den Menschen gehört. Die Kirche sollte nicht Kirche neben, nicht gegen, sondern im Sozialismus sein. Sie sollte bei den Menschen sein, die in dieser sozialistischen Gesellschaft leben mussten. Kirche im Sozialismus  bedeutete den Anspruch zur Mitgestaltung der Gesellschaft. Das sah die atheistische Ideologie nicht vor. Duldung der Kirche als gesellschaftliche Realität sei denkbar, aber nicht deren Ausbreitung und Zukunftsmitgestaltung sowie die Inanspruchnahme des Begriffes Sozialismus durch die Kirche. Die SED hat äußerst aggressiv reagiert als von Seiten der Kirche vom verbesserlichen Sozialismus gesprochen wurde und sah darin eine Unterwanderung der sozialistischen DDR. Tatsächlich gelang es Albrecht Schönherr, das politische Feindbild der SED gegenüber der Kirche zu mindern und eine größere Eigenständigkeit mit Freiräumen auch für gesellschaftskritische Debatten in den Kirchen zu ermöglichen. So konnten in den 80er Jahren in den evangelischen Kirchen weit über eintausend Gruppen entstehen, die sich mit Fragen der Gerechtigkeit, der Umwelt und des Friedens befassten. Aus ihnen wuchs dann bei wachsender Unzufriedenheit mit der Reformunfähigkeit der DDR-Führung der Druck zu einem Umbruch der Verhältnisse einer friedlichen Revolution.

Auch die Ostpolitik Willy Brandts der Wandel durch Annäherung trug erheblich dazu bei, dass die Haltung des DDR-Staates gegenüber der Kirche flexibler wurde. Albrecht Schönherr hat Willy Brandt mehrfach getroffen. Für beide war die Zusammengehörigkeit der Deutschen eine Selbstverständlichkeit. Nach Kontakten mit Bundeskanzler Helmut Schmidt ergab sich

z. B. 1980, dass Schönherr jede Möglichkeit nutzte, um die DDR-Führung vor einem Einmarsch in Polen zur Unterdrückung der Solidarnosc-Bewegung zu warnen. Schönherr tat dies auch auf dem Hintergrund seiner vielfältigen Kontakte nach Polen und seiner Wertschätzung für diese Nachbarn. Schönherr unterstützte die kontinuierlichen Gespräche der Evangelischen Kirchen der DDR und der BRD, ihrer Leitungen, ihrer Fachgremien und vieler Tausend Ost-West-Gemeindetreffen. Die evangelische Kirche war eine Brücke zwischen Ost und West.

Erhard Eppler erlebte Albrecht Schönherr als den Bischof, der seine Kirche führen, zusammenhalten, verteidigen musste in einem Staat, nach dessen Doktrin es gar keine Kirche mehr geben sollte. Ein Bischof, der, wenn er etwas sagte, der ganz dahinter stand, der verbindlich oder gar nicht redete.

Albrecht Schönherr empfand die DDR-Zeit im Sinne Bonhoeffers nicht als verlorene Zeit, denn verloren wäre die Zeit, in der wir nicht als Menschen gelebt, Erfahrungen gemacht, gelernt, geschaffen, genossen und gelitten hätten. Verlorene Zeit ist unausgefüllte leere Zeit. Das sind die vergangenen Jahre gewiss nicht gewesen.

Nach dem Zusammenbruch der DDR und der Wiedervereinigung forderte Schönherr, die DDR-Vergangenheit umfassend und historisch gerecht zu beurteilen sowie Pauschalierungen zu unterlassen. Stasi-Aufzeichnungen und Aktennotizen von Funktionären reichten zur wirklichen Aufarbeitung nicht aus und würden nur die Kluft zwischen Ost und West vertiefen. Schönherr wollte, dass die, die in der DDR gelebt haben, nicht an den Pranger gestellt werden.

Schönherrs historisches Verdienst besteht in seinem Eintreten dafür, dass Christen sich in der DDR nicht ängstlich hinter Kirchenmauern zurückzogen, sondern in die Gesellschaft hinein wirkten und sie schließlich veränderten. In der Zeit der deutschen Teilung half er entscheidend mit, dass die Evangelische Kirche eine Brücke zwischen den deutschen Staaten blieb. Sie hat Gemeinschaft bewahrt und konnte nach 1990 Mitgestalterin des Zusammenwachsens von Ost und West werden. Wir können stolz auf den Brandenburger Albrecht Schönherr sein.

Es ist gut, dass für Berlin tätige Journalisten sich häufig mit Brandenburg befassen. Das ist für uns Brandenburger ein Vorteil. Allerdings fällt eine Neigung auf, Negativschlagzeilen zu suchen, so als ob Brandenburg das Land von Neonazis, Rassisten, Kindesmörderinnen, Stasiseilschaften und Politikerfilz wäre. Der unkundige Leser kann den Eindruck gewinnen, dass Berlin von einem Gruselland umgeben ist, in dem sich Wölfe wohl fühlen, die
inzwischen auf 5 Rudel, 3 Paare und einige Einzelgänger herangewachsen sind.

Es ist Aufgabe der Journalisten, Auffälliges herauszustellen. Und es gab auch in Brandenburg erschreckende Ereignisse. Meine Sorge ist aber, dass sich ein Negativbild verfestigen könnte. Das beunruhigt mich. Vor allem wegen meiner tiefen Überzeugung von der Zusammengehörigkeit der Region Berlin-Brandenburg. Berlin und Brandenburg,
die Metropole und das märkische Umland, sind eine Region der Gegensätze und der Gemeinsamkeiten. Diese unterschiedlichen Teile waren in ihrer Geschichte aufs engste miteinander verknüpft. Über 700 Jahre gehörten die Residenzstadt Berlin und die Mark Brandenburg zusammen – politisch, kulturell, wirtschaftlich und militärisch. Die enge Verknüpfung der Metropole mit dem Land wurde durch die deutsche Teilung radikal unterbrochen. Schmerzliche Trennungslinien an der Grenze zwischen Ost und West machten täglich deutlich, dass hier der Zusammenhang und der Austausch auf widernatürliche und brutalste Weise zum Erliegen gekommen waren.

Hauptverlierer des großen Krieges und Opfer der deutschen Teilung waren Berlin und Brandenburg. Westberlin in der Dauerbedrohung und erzwungenen Isolierung, Brandenburg und Ostberlin in einer Diktatur mit Beseitigung der Meinungsfreiheit, Unterdrückung und Verfolgung Andersdenkender, ideologischer Bevormundung, Freiheitsberaubung und
Mangelwirtschaft. Darin habe ich gelebt. Als Schüler und Mitglied der Jungen Gemeinde entging ich der Entfernung aller aktiven Mitglieder der Jungen Gemeinde von der Schule vor dem Abitur nur, weil ich noch zu jung war. Den Volksaufstand am 17. Juni 1953 erlebte ich voller Erwartung auf Veränderungen und mit der prägenden Erfahrung seiner gewaltsamen Niederschlagung. Der Westen konnte nicht helfen, auch nicht als wir 1961 eingemauert
wurden. Aber die Verbindungen zum deutschen Westen konnten nicht beseitigt werden.

Zehntausende Besucher aus der Bundesrepublik, darunter sehr viele Westberliner, die sich einen Bundespass beschafft hatten, kamen trotz aller Schikanen zu Besuch.

Die Evangelische Kirche in Berlin-Brandenburg ließ sich nicht zur Teilung zwingen und die Evangelischen Kirchen in der Bundesrepublik und in der DDR förderten ein breites Netzwerk von Gemeindepartnerschaften. Kurt Scharf und Reymar von Wedel mit Unterstützung aus Bonn durch Hermann Kunst und Heinz-Georg Binder in Verbindung mit der Bundesregierung waren für mich als Kirchenjurist wichtige Verbindungspartner. Sie unterstützten die Kirche
im Osten mit Finanzmitteln, Engpassmaterialien und Medikamenten. Sie waren Nothelfer für Verhaftete, Schwerstkranke, Ausreisetraumatisierte. Wir nutzten jede Gelegenheit und jede Gesprächsmöglichkeit, um Erleichterungen für Menschen in der DDR zu erreichen.

Die Ostpolitik der Bundesregierung bis hin zur Einbindung der DDR in den Pakt für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa mit seinen Menschenrechtszusagen stärkten meine Erwartung auf Erleichterungen und Veränderungen. Die DDR-Führung allerdings versuchte verzweifelt, den Spagat zwischen der außenpolitischen Öffnung mit Annäherung an die Bundesrepublik und der Beibehaltung innerpolitischer Repressionen. Als dann selbst die Führungsmacht Sowjetunion unter Gorbatschow Veränderungen einleitete, war ich mir sicher, dass Reformen kommen werden. Ich wollte Meinungsfreiheit, Reisefreiheit, Gerechtigkeit, Ende der Benachteiligung, insbesondere junger Christen und eine unabhängige Gerichtsbarkeit – auch über Verwaltungsentscheidungen. Ich unterstützte systemkritische kirchliche Gruppen durch Vermittlung von Räumen und Vervielfältigungsmaterial. Allerdings war meine Überzeugung, dass Veränderungen nur unter Vermeidung von Zuspitzungen ohne Gewalt möglich waren. Denn ich kannte die Macht der Sowjettruppen und der bewaffneten Kräfte in der DDR. In meiner Generation saßen die Erfahrungen des Krieges, der blutig niedergeschlagenen Aufstände von 1953, 1956 und 1968 sehr tief. Im Sommer 1989 hatte ich große Sorge vor einem Gewaltausbruch. Ich hatte in diesen Wochen oft mehr Sorge als Zuversicht. Mit Respekt und Dank sehe ich auf jene Menschen, die entschiedener auf den Wandel drängten und den Staatsorganen offen widerstanden. Doch eine friedliche Veränderung hielt ich für wahrscheinlich. Eine Wiedervereinigung Deutschlands habe ich erst nach weiteren Jahren der Annäherung und Verflechtung von Ost und West für möglich gehalten. Doch dann kamen die sich überstürzenden Ereignisse des Herbstes 1989 mit großen Demonstrationen im ganzen Lande für Demokratie und Freiheit, aber auch der Verzicht der Machthaber auf Waffengewalt.

Die Spontanität der Volksbewegung in der DDR erschreckte nicht nur die Führungen der DDR und der Sowjetunion, sondern auch die westlichen Siegermächte. Intensiv wurde ich als leitender Jurist der Evangelischen Kirche von Vertretern der vier Mächte gefragt. Baker, Mitterand, Jakowlew und Primakow gehörten dazu. Alle wollten wissen, gibt es jetzt Chaos und Bürgerkrieg in der DDR. Sind internationale Spannungen und Konfrontationen in Europa
die Folge. Meine Antwort konnte nur sein, am Tag des Mauersturms haben die DDR-Bürger ihren Freiheitswillen durchgesetzt und ihr Selbstbestimmungsrecht wahrgenommen. Nur freie Wahlen könnten neue Ordnung und neue Stabilität schaffen. Schließlich kam das Politbüro der KPdSU Anfang 1990 zu dem entscheidenden Beschluss, dass die Fortsetzung der Ost-West-Annäherung wichtiger sei als die gewaltsame Aufrechterhaltung der DDR.

Das Wunder der Einheit geschah. Ein kleines Wunder nach diesem großen Wunder war die Wiedergeburt Brandenburgs. Brandenburg war ein vergessenes Land. Thüringer und Sachsen hatten auch in der DDR noch eine Identität. Das Land zwischen Elbe und Oder aber war geschichtslos geworden. Das war Staatspolitik. Die Hauptursache dafür war, Brandenburg als Kernland Preußens zu treffen. Denn Preußen galt als Wegbereiter des Nazisystems und Wurzel konservativer Kräfte in der Bundesrepublik. Wer von Brandenburg sprach, war als Preußenanhänger verdächtig. An Brandenburg zu erinnern, könnte ja dem Westen einen Einstieg in die Beseitigung der sozialistischen DDR erleichtern.

In der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg konnte Brandenburg nicht vergessen werden. Und die Erinnerung wurde gepflegt. Es gab Pfarrkonvente, die hin und wieder das Brandenburg-Lied sangen. Dort lernte ich das Lied und den Roten Adler kennen. Aus Westberlin konnte ich mir Aufkleber mit dem Roten Adler beschaffen, die ich auf mein
Auto klebte und auch weitergab. Tief erschrocken war ich allerdings, als mich ein sonst hoch gebildeter Bekannter auf diesen Roten Adler ansprach und fragte, wie ich denn nach Tirol gekommen sei. Der Mann kannte den Roten Adler als Wappen von Tirol. Aber wusste nichts vom Land Brandenburg und seinem Wappentier. Das Land Brandenburg mit seinem Symbol war vergessen.

Als dieses Land 1989 wieder möglich wurde, galt es, seine Wurzeln und Traditionen wieder zu entdecken. Brandenburg-Preußen war für mich auch verbunden mit der Erinnerung an die Wiederaufbauleistungen infolge der Zerstörungen nach dem 30-jährigen Krieg und dem 7-jährigen Krieg durch Überlebenswillen, Fleiß, Toleranz, Einbeziehung aller Gutwilligen und Anwerbung vieler Helfer aus anderen Ländern. Unsere Lage war vergleichbar. Nur dass wir nicht wie damals die Helfer aus Holland, Frankreich oder Österreich werben mussten, sondern Aufbauhelfer vor allem aus Nordrhein-Westfalen aber auch aus Berlin-West gewinnen konnten. Es waren zumeist selbstlose Helfer, die verhinderten, dass wir wie Blinde im für uns völlig neuen Rechts- und Wirtschaftssystem herumirrten. Es waren Menschen, die anfangs unter sehr schwierigen Bedingungen Verwaltung, Medien, politische und soziale Organisationen in Gang brachten.

Der Umbruch beseitigte die staatliche Kontrollwirtschaft und führte den Markt als Bestimmungskraft über die Existenz von Betrieben ein mit verheerenden Folgen für tausende Unternehmen und hunderttausende Arbeitsplätze. Es war ein totaler, sozialer und mentaler Umbruch, der die Menschen einem beispiellosen Veränderungsprozess aussetzte.

Die Diktatur hatte eine große Bürde hinterlassen. An erster Stelle das Unrecht, das die Lebensläufe vieler Menschen bedrängt hatte. Ich war der Auffassung, was strafrechtlich relevant war, musste mit den Mitteln des Rechts aufgeklärt und bestraft werden. Dabei musste der Grundsatz gelten, Recht, nicht Rache. Unser erster Justizminister Hans-Otto Bräutigam hatte davon klare Vorstellungen. Recht, nicht Rache, Wahrheit und Versöhnung war der Weg, den wir eingeschlagen haben. So hatte es mir persönlich der südafrikanische Erzbischof Desmondo Tutu, ein Vertrauter von Nelson Mandela nahegelegt.

Die erste Regierung im neuen Brandenburg haben SPD, FDP und Bündnis 90 gebildet. PDS und CDU waren im Landtag die Opposition und doch haben wir bis 1994 15 Gesetze von allen Fraktionen gemeinsam eingebracht und beschlossen. Wir wollten in schwieriger Zeit den großen Herausforderungen gemeinsam begegnen. „Konsensdemokratie“ nannten es
manche Beobachter abfällig. Mir war es aber wichtiger als eine „Konfrontationsdemokratie“ mit parteipolitischer Rechthaberei unter Vernachlässigung der Landesinteressen. Am 14. Juni 1992 wurde eine von allen Parteien des Landtags gemeinsam erarbeitete Verfassung in einer Volksabstimmung mit 94 % bestätigt. Das ist eine Verfassung, die als einzige ostdeutsche Verfassung den Entwurf des Runden Tisches 1990 aufnahm und in seiner Präambel zu
Recht, Toleranz und Solidarität verpflichtet. Später hat man unsere Bereitschaft, ja unsere Stärke, Kompromisse zu schließen, um möglichst viele mitzunehmen, den „ Brandenburger Weg“ genannt. Doch wir haben gelernt, uns wegen unserer Unterschiede nicht zu verteufeln.

Einfältig von mir war, dass ich die Wirkung unserer Andersartigkeit auf westliche Betrachter unterschätzt habe. Den von Berliner Fusionsgegnern als Verleumdung Brandenburgs gedachten Vorwurf „kleine DDR“ durfte ich nicht verniedlichen, sondern musste sehen, dass er böse Erinnerungen an das Rote Meer um Westberlin bediente. Ich habe in der DDR gegen die politische Diktatur für Respekt und Würde für Andersdenkende gekämpft und gelernt, differenziert über Menschen zu urteilen. Ich bin nicht bereit, unter neuen Vorzeichen anders zu handeln.

Ich bin stolz auf das alte Land Brandenburg und seinen Wiederaufbau in den letzten 20 Jahren. Wir haben 47 Industriekerne gesichert und zahlreiche industriebezogene Dienstleistungen ermöglicht. Die Stahlstandorte Eisenhüttenstadt, Hennigsdorf und Brandenburg an der Havel, die Chemieindustrie in Schwarzheide, Schwedt und Guben sowie die Fahrzeugindustrie in Ludwigsfelde haben wir gegen manche Ratschläge gemeinsam mit den Belegschaften sichern können.

Wir haben historische Stadtkerne und die Infrastruktur des Landes innerhalb weniger Jahre rekonstruiert und modernisiert. Wir haben Universitäten gegründet und Forschungsstätten angesiedelt. Wir konnten für Brandenburg Freunde und Förderer im Westen aber auch im Osten diesseits und jenseits der Grenzen gewinnen.

Wir haben von Anfang an auf enge Zusammenarbeit mit Berlin gesetzt. Nach dem Scheitern der Volksabstimmung über die Bildung eines Landes Berlin-Brandenburg haben wir auf vertiefte verbindliche Kooperation gesetzt, die uns zum Beispiel gemeinsame Gerichte, eine gemeinsame Rundfunkanstalt und den Flughafen Berlin-Brandenburg International gebracht hat. Eine übereilte Fusionsdebatte brauchen wir nicht. Aber wir brauchen den entschlossenen Willen zur guten Zusammenarbeit. Die weltweite Globalisierung stellt Anforderungen an die Wettbewerbsfähigkeit, auf die wir als eine einheitliche Region antworten müssen. Brandenburg als Flächenland und Berlin als eine hochverdichtete Metropole ergänzen sich zu einer Region mit vielseitigen Entwicklungspotenzialen. Berlin und Brandenburg bilden eine ideale Metropolenregion, die sich in ihren Stärken ergänzt. Sie ist unsere Zukunft.

Diese Zukunft wird kein Spaziergang. Wir stehen vor ähnlichen Herausforderungen. Wir erleben eine starke Differenzierung, ja Polarisierung in der Gesellschaft bei wachsender Armut vieler und wachsendem Reichtum weniger. Das kann zu schweren Verwerfungen führen, wenn nicht stärker auf soziale Gerechtigkeit und Zusammenhalt der Gesellschaft geachtet wird.

Die in Berlin weithin gelungene Integration Zehntausender Zuwanderer aus anderen Ländern und Kulturkreisen ist ein Glücksfall für die ganze Region, fördert ihre Attraktivität durch Liberalität und Weltoffenheit. Wir in Brandenburg müssen diese Entwicklung noch nachvollziehen. Uns fehlt die Erfahrung multikulturellen Zusammenlebens. Hinzu kam, dass die von Ulbricht eingeleitete Abgrenzungspolitik gegenüber der Bundesrepublik, die das Bewusstsein einer nationalen Zusammengehörigkeit in Deutschland ausmerzen wollte, das Gegenteil bewirkte. Deutsch zu
sein, war tiefe Überzeugung und auch Hoffnung, selbst bei nach dem Mauerbau Geborenen.

Die neue Freiheit nach 1989 brachte Verunsicherungen, Ängste um Arbeitsplätze und die Sorge, zweitklassig in Deutschland zu sein; vielleicht sogar drittklassig erst nach den vielen zugewanderten inzwischen erfahrenen Bundesbürgern ausländischer Wurzel.

Es kamen Naziführer in den Osten und propagierten Nationalstolz, Rassismus, Ausländerhass und fanden zu meinem Entsetzen Anhänger. Ich wollte es zunächst nicht wahrhaben. Glaubte an Einzelfälle. Doch die hörten nicht auf, sondern wurden mehr. Ich begriff, dass diese Situation nicht allein mit Polizei und Justiz zu ändern war. Wir brauchten die Unterstützung aller Gutwilligen, aller demokratischen Parteien, aller gesellschaftlichen Organisationen von den Kirchen bis zu den Sportverbänden, um ein weltoffenes tolerantes Brandenburg zu schaffen. Wir brauchten einen landesweiten gesamtgesellschaftlichen Verbund gegen Gewalt und für Menschenfreundlichkeit.

In diesen Tagen haben wir uns an 15 Jahre Aktionsbündnis gegen Fremdenfeindlichkeit und Gewalt erinnert und konnten feststellen, dass viele Menschen weltoffener geworden sind und verstehen, dass Zivilcourage und gemeinsames Handeln mit Mitmenschen anderer Herkunft, Hautfarbe und Kultur für jeden einzelnen und das ganze Land ein Gewinn ist. Das bleibt allerdings eine ständige Aufgabe, wie zum Beispiel kürzlich Nazischmierereien an einer
Zeitungsredaktion zeigten.

Eine große Herausforderung für die Länder Berlin und Brandenburg ist die Konsolidierung ihrer Finanzen. Brandenburg ist bemüht, in wenigen Jahren schuldenfrei zu sein. Berlin hat es weitaus schwerer. Auch weil die Metropole viele Leistungen für Brandenburg und weit darüber hinaus vorhält. Aber die Bereitschaft der finanzstarken Bundesländer und des Bundes zu Unterstützungen nimmt ab. Und der Tag ist nicht mehr fern, an dem massiver Druck zu Einsparungen und möglicherweise Länderfusionen aufgebaut wird. Ich erinnere mich noch
lebhaft an nächtelange Diskussionen mit den Länderministerpräsidenten um die Verlängerung des Solidarpaktes. Es macht Sinn, die Kooperation zwischen Berlin und Brandenburg auszubauen und nicht erst von Bundesregelungen überrollt zu werden.

Berlin und Brandenburg sind eine Hauptstadt-Metropolen-Region. Politik sollte das gezielter fördern und Journalisten könnten es bei ihrer Arbeit mehr berücksichtigen. Es soll einzelne Brandenburger geben, die noch nie in Berlin waren. Es soll einige Berliner geben, die noch nie in Brandenburg waren. Das ist nicht gut, denn gemeinsame Zukunft beginnt beim Kennenlernen, Zuhören, Verstehen und Tolerieren von Unterschieden. Mit Berliner
Kreativität und Internationalität sowie Brandenburger Weite und Beharrlichkeit können wir eine der stärksten Wachstumsregionen in Europa sein. Das darf nicht durch Brandenburger Sturheit und Berliner Hochmut behindert werden.

In Brandenburg ist kürzlich ein Gutachten für die Enquete-Kommission veröffentlicht worden:  „Personelle Kontinuität und Elitenwandel in Landtag, Landesregierung und -verwaltung im Land Brandenburg“. Zu welchem Ergebnis kommen die Gutachter?
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Wie ein roter Faden zieht sich durch die 850jährige Geschichte des Domkapitels Brandenburg das Verhältnis zum Staat. Der christliche Hevellerfürst Pribislaw-Heinrich gestattete Bischof Wigger unmittelbar vor der Burg Brandenburg in Parduin (später Altstadt Brandenburg) ein Prämonstratenserstift zu errichten. Sein Nachfolger, der Askanier Albrecht, übernahm 1157 die Burg Brandenburg, auf die 10 Jahre später Bischof Wilmar das 1161 gegründete Domkapitel – hervorgegangen aus dem Konvent der Prämonstratenser – überführte. Domkapitel und Markgraf konkurrierten nun auf der Burg. Die Wurzeln einer Jahrhunderte wirkenden  Spannung zwischen  geistlichem Anspruch und staatlicher Macht waren gelegt.

Das ökonomische Potential des Domstifts weckte die Begehrlichkeit der Markgrafen, später der Kurfürsten. Die Einkünfte aus 30 Dörfern, zahlreichen Einzelgütern, umfangreichen Gewässern und Fischereigerechtigkeiten konnten der Versorgung von Beamten des Landesherren dienen. Auch die Reformation war für das Domkapitel Brandenburg  stark von ökonomischen Erwägungen geprägt. Das Domkapitel gab seinen Widerstand gegen die neue Lehre erst 1541 auf, als der Landesherr die Sperrung der Einkünfte eindrohte. Das Domkapitel wurde vom Kurfürsten als Evangelisches Stift zugelassen. Der Kurfürst konnte Domherren bestimmen und damit Versorgungsmöglichkeiten schaffen. Diese Pfründe waren begehrt und mehr und mehr wuchs die Gefahr, das Domstift nur noch formal als geistliche Institution zu sehen.

Das Domstift Brandenburg konnte 1809 die Einziehung geistlicher Güter überstehen und war dann völlig vom König abhängig. Die preußische Krone besetzte Domherrenstellen mit Persönlichkeiten, die wegen ihrer ausgezeichneten Verdienste für den Staat – häufig hohe Offiziere – belohnt und materiell versorgt werden sollten. Die enge Bindung zur Krone wurde auch in der Revolution 1848 deutlich, als der Dom Brandenburg zum Ausweichort  für die Preußische Nationalversammlung wurde.

Nach dem Sturz der Monarchie 1918 fielen die Rechte des Königs an dem Domstift an das Preußische Staatsministerium, das die Pfründenvergabe fortsetzte. Generalfeldmarschall von Hindenburg erhielt die Dechantenstelle. Der Generalsuperintendent der Kurmark Otto Dibelius forderte, das Domstift Brandenburg in den Dienst der Kirche zu stellen. 1930 wurde es in eine Stiftung öffentlichen Rechts umgewandelt, deren Einnahmen für kulturelle und soziale Zwecke verwendet werden sollten. Die Verwaltung oblag dem Regierungspräsidenten in Potsdam.

Nach dem Zusammenbruch der Nazidiktatur kam es in der Sowjetischen Besatzungszone zu einer totalen Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse. Die Sowjetunion tolerierte die Kirchen in Anerkennung ihres Widerstandes gegen Hitler und ließ kirchenfreundliche Entscheidungen der neuen deutschen Verwaltungen zu. Otto Dibelius, nun Bischof in Berlin-Brandenburg, drängte auf die volle Übernahme des Domstifts Brandenburg durch die Evangelische Kirche.

Der evangelische Ministerialdirektor Kurt Grünbaum, verantwortlich für Kirchenangelegenheiten in der Provinz Brandenburg, musste die Vermögensentflechtung von Staat und Kirche bei Küster-Schulvermögen und Patronaten über Kirchengebäude regeln. Als Ausgleich für wegfallende Patronatseinnahmen konnte er die Übernahme des Domstiftes Brandenburg durch die Evangelische Kirche rechtsverbindlich durchsetzen (Patronatsverordnung). Die Kirche sollte mit den erhaltenen Vermögenswerten eine wirkungsvolle Hilfe im kirchlichen Bauwesen erhalten. Langfristig sollten die Einnahmen aus den Gütern der Erhaltung kirchlicher Gebäude zugute kommen. Allerdings sahen alle Beteiligten, dass die Güter völlig devastiert waren, weder Vieh noch Maschinen vorhanden und auf absehbare Zeit keine Einnahmen zu erzielen waren. Dennoch übernahm die Evangelische Kirche das Domstift in ihre Verantwortung. Dabei ging es ihr um das geistliche Erbe der Mutterkirche des Landes.

Die Kirchenleitung erließ 1946 eine Satzung, mit der das Domstift der Evangelischen Kirche zugeordnet und der Aufsicht des Konsistoriums unterstellt wurde. Das Domstift sollte Gottesdienste auf der Dominsel halten, den Dom und seine Nebengebäude erhalten, kirchliche Bildungsaufgaben übernehmen, theologische Wissenschaft, kirchliche Kunst und Kirchenmusik fördern sowie für weitere kirchliche Aufgaben zur Verfügung stehen. Das Domkapitel wurde neu gebildet, Dechant, Kurator und Domherren wurden von der Kirche berufen.

Erstmalig wurde für das Domstift Brandenburg seit seiner Gründung eine vollständige Trennung von Staat und Kirche vollzogen und erstmalig nach der Reformation eine ausschließlich kirchliche Aufgabenstellung bestimmt. Das Domstift Brandenburg ging in die neue Zeit als unbestritten kirchliche Einrichtung. Übrigens war es ein wichtiger Nebeneffekt, die Domgüter aus der staatlichen Bodenreform 1946 herauszuhalten und deren Enteignung und Aufteilung zu verhindern.

In einer ersten vorbereitenden Sitzung am 7. Juli 1946 erklärte das Domkapitel seine Absicht, ein Predigerseminar zu errichten, eine Bibliothek zu unterhalten und erörterte die Lage der Domgüter. Unter Vorsitz von Bischof Dibelius wurde am 5. 12. 1946 die neue Zusammensetzung des Domkapitels entschieden und der Brandenburger Superintendent Albrecht Schönherr als Dechant benannt. Am 28. Juli 1947 trat das neue Domkapitel zusammen. Es sah sich in der Kontinuität eines jahrhundertealten kirchlichen Erbes und demonstrierte diese Haltung mit der Vorbereitung einer Tausendjahrfeier der Bistumsgründung für 1948.

Doch diese Wiedergeburt des Domstiftes und des Domkapitels Brandenburg geschah in einem zunehmend kirchenfeindlichen Umfeld. In der sowjetischen Besatzungszone wurde immer deutlicher die kommunistisch-atheistische Ideologie zu beherrschenden Orientierung politischen Handelns. Die Geschichte des Domkapitels Brandenburg vom Kriegsende bis 1990 ist konkrete Geschichte der Evangelischen Kirche in der sowjetischen Besatzungszone und in der Deutschen Demokratischen Republik. Kämpfe, Niederlagen und Verbesserungen der Lage der Evangelischen Kirche spiegeln sich in der Arbeit des Domkapitels wider.

Die herrschende Meinung der DDR-Partei- und Staatsführung war negativ zu Kirche und Christen. Danach waren Kirche und Religion Reste der Vergangenheit, unwissenschaftlich und zum Absterben verurteilt. Die Kirche wurde als Instrument der früher herrschenden Klasse der Kapitalisten und Großgrundbesitzer und somit als fünfte Kolonne des westlichen Klassenfeindes gesehen. Kirche und Christen waren deshalb  in doppelter Hinsicht Feinde:

Im Kampf der Weltanschauungen und im Klassenkampf. Deshalb sollte dem Untergang von Religion und Kirche nachgeholfen werden. Ihr Einfluss auf die Jugend sollte beseitigt werden. Das Domkapitel befasste sich zum Beispiel mit den Auseinandersetzungen um das vom Evangelischen Jungmännerwerk für Rüstzeiten benutzte Haus am See in Mötzow.

Christliche Kinder wurden in ihrem Fortkommen benachteiligt. In den 50er Jahren wurden umfangreiche Austrittskampagnen gegen die Kirchenmitgliedschaft gestartet. Die Evangelische Kirche in der DDR verlor in den Jahrzehnten der staatlichen Bedrängung nahezu 2/3 ihrer Mitglieder. Der Rückgang der Mitglieder der Domgemeinde, noch durch Abwanderung in die Bundesrepublik Deutschland verstärkt, war eine der großen Sorgen des Domkapitels in den DDR-Jahren. Der Gottesdienstbesuch ging zurück während gleichzeitig die Abendmahlteilnahme und die Kollekteneinnahmen sogar leicht stiegen.

Die Auseinandersetzung verschärfte sich, insbesondere nachdem die SED 1952 beschloss, die Grundlagen des Sozialismus zu errichten. Kandidaten des Predigerseminars wurden ausgewiesen. Es kam zu Verhaftungen. Gegen Betriebsleiter der Domgüter ergingen Strafbefehle. Kredite wurden gesperrt. Die Domgüter erhielten kein Saatgut und keinen Treibstoff, denn kirchliche Aktivitäten im wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Bereich sollten eingeschränkt werden. Das Domkapitel hatte gegen diese ideologische Vorgabe über lange Jahre die Existenz der Domgüter zu sichern. Eine Zuspitzung der Auseinandersetzungen waren die Jahre 1952 und 1953. Das war auch der Höhepunkt eines Kirchenkampfes, der zugleich bei einer breiten Unzufriedenheit der Bevölkerung über Mangelwirtschaft und Normerhöhungen stattfand. Die SED-Führung lenkte ein und überlebte einen Volksaufstand am 17. Juni 1953 nur mit Hilfe sowjetischer Panzer.

Offiziell wurde eine weiche kirchenpolitische Linie verkündet. Für die kircheneigenbewirtschaftete Landwirtschaft, wie die Domgüter, wurden von der Regierung Erleichterungen in Aussicht gestellt. Tatsächlich aber erkannten die staatlichen Stellen auf den unteren Ebenen die zugesagten Überlebenshilfen häufig nicht an. Immerhin wurden Produktionskredite bei den Banken wieder möglich. Doch ohne Zuschüsse der Evangelischen Kirche in  Berlin- Brandenburg von mehr als 1 Million Mark hätten die Domgüter diese Zeit nicht überstanden.

Der Aufbau des Sozialismus und damit die kirchfeindliche Linie wurde fortgesetzt und die Unzufriedenheit der Bevölkerung nahm weiter zu. Der wirtschaftliche Erfolg und die freie Gesellschaft in der Bundesrepublik Deutschland gewannen eine wachsende Attraktivität für die Menschen in der DDR und wurden von der Partei- und Staatsführung als Existenzgefährdung empfunden. Dem wurde mit verstärkter Abgrenzung begegnet. Schließlich mit dem Bau einer Mauer am 13. August 1961.

Als feindlich empfand die DDR den Zusammenhalt der Evangelischen Kirche und ihrer Einrichtungen in der DDR und der BRD. 1968 schuf sich die DDR eine neue Verfassung. Diese stärkte die Führungsrolle der SED. Deren Beschlüsse erhielten Gesetzesrang. Der Aufbau des Sozialismus sollte beschleunigt werden. Die Abgrenzung zur Bundesrepublik Deutschland wurde vertieft. Die Zusammenarbeit mit den evangelischen Kirchen in der BRD und Westberlin in gemeinsamen Organisationen wurde für illegal erklärt.

Kirchliche Kontakte in die Bundesrepublik und nach Westberlin sollten verhindert werden. Westbücher wurden beschlagnahmt auch im Predigerseminar Brandenburg. Für das Domkapitel wurde der Bau der Mauer eine einschneidende Behinderung, da die in Berlin West und der BRD ansässigen 4 Domherren und der Bischof nicht mehr teilnehmen konnten und sogar an der Teilnahme zur 800-Jahrfeier des Doms 1965 gehindert wurden. Jahr für Jahr wurde deren Einreise beantragt und abgelehnt. Ihre Stühle blieben leer, aber die Verbindung blieb und vielfache Unterstützung aus dem Westen durch geistlichen Zuspruch und konkrete Hilfe wurde gegeben. So erhielt das Domstift und seine Betriebe erhebliche finanzielle Mittel für den laufenden Betrieb und Investitionen sowie zahlreiche Materialien, wie zum Beispiel Zinkblech, spezielle Glasscheiben, Schnellbaugerüste, Luftentfeuchter oder Saatkartoffeln. Die Domherren und die Mitarbeiter des Doms wussten, dass sie nicht allein gelassen wurden. Das stärkte ihre Entschlossenheit, den Dienst des Domstiftes gegen alle Widrigkeiten fortzuführen.

Um ihre Handlungsfähigkeit zu sichern, schlossen sich die evangelischen Landeskirchen in der DDR zum Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR zusammen. Der Zusammenhalt mit den evangelischen Kirchen und Christen in der Bundesrepublik Deutschland wurde in der Ordnung dieses Kirchenbundes als besondere Gemeinschaft festgeschrieben und trotz massiver staatlicher Forderungen nicht aufgegeben.

Diese besondere Gemeinschaft hatte zwei entscheidende Elemente. Zum einen verzichtete sie auf offensive Wiedervereinigungsforderungen, die die Staatsmacht DDR aufs Äußerste gereizt hätte. Sie ließ aber auch keinen Zweifel an ihrer Überzeugung, dass die Teilung Deutschlands in zwei Staaten nicht das Ende aller Wege Gottes mit den Deutschen sein müsste. Zum anderen geschah in der Zeit der erzwungenen Trennung ein vieltausendfacher Kontakt von Gemeindegliedern und Amtsträgern, Patenschaften und Gesprächskreisen durch nur einseitig mögliche Besuche von West nach Ost. Tatsächlich haben diese Verbindungen den Zusammenhalt der Deutschen zu bewahren geholfen. Sie waren ein wichtiger Beitrag zum Erhalt der Nation und schließlich zur Wiedervereinigung.

Das Domkapitel Brandenburg, die Domgemeinde und alle Einrichtungen des Doms hatten daran großen Anteil. 1982 gelang es mit Vizepräsident Dr. Wolfgang Martens aus Bielefeld, einen Domherren aus der Bundesrepublik Deutschland zu gewinnen. Dem Staat war die Duldung dieser Entscheidung durch Einreiseerlaubnis erleichtert, da zeitgleich Bischof Karoly Toth aus Budapest als Domherr eingeführt wurde. Zunehmend kamen auch im Zuge der erleichterten Einreiseregelungen westdeutsche Besucher zum Dom.

Eine große Freude für das Domkapitel waren die Besuche der damaligen Regierenden Bürgermeister von Berlin West Hans-Jochen Vogel und Richard von Weizsäcker und ab 1986 des Bischofs der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg West Martin Kruse, der ab 1987 ständiger Gast des Domkapitels war. 1989 besuchte Otto Graf Lambsdorf, der spätere Domherr, den Brandenburger Dom. Auch die Domgemeinde hatte zahlreiche Kontakte zu westdeutschen Gemeinden und führte zum Beispiel ein Treffen mit der Partnergemeinde Wuppertal im Haus am See in Mötzow durch.

Mit der wachsenden Ost-West-Entspannung insbesondere im Prozess zur Verbesserung von Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, der in der Schlussakte von Helsinki 1975 festgeschrieben wurde, wuchsen die Erwartungen auf einen Abbau der ideologischen Bedrängung und auf mehr Freiheit in der DDR, insbesondere auch für Kirchen und Christen.

Am 6. März 1978 erklärte die Partei- und Staatsführung der DDR einen veränderten Kurs gegenüber den Kirchen. Sie akzeptierte deren dauernde Existenzberechtigung, versprach Gleichberechtigung und Gleichbehandlung der Christen und gewährte eine Reihe praktischer Erleichterungen der kirchlichen Arbeit. Verhandlungspartner auf  kirchlicher Seite war der Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR, an dessen Spitze der Dechant des Domkapitels, inzwischen Bischof der Evangelischen Kirche in Berlin und Brandenburg, Albrecht Schönherr, stand. Schönherr war geprägt durch die Erfahrungen des Kirchenkampfes der Nazizeit, die Barmer Theologische Erklärung und seinen Lehrer Dietrich Bonhoeffer. Schönherr vertrat in all den Jahren als Dechant und Bischof die Überzeugung, dass Christen sich nicht von den Prognosen der Kommunisten einschüchtern lassen dürfen. Kirche werde Kirche bleiben, weil Gott sie will. Schönherrs unbeugsamer aber freundlicher Verhandlungsführung waren vor allem die Verbesserungen zu verdanken. So konnte unter anderem die Gefangenen- und Krankenhausseelsorge ermöglicht, Öffentlichkeitsarbeit bis hin zu kirchlichen Fernsehsendungen erreicht, ein Luther-Jubiläumsjahr vereinbart, mehrere Kirchentage genehmigt werden, Grundstücksfragen geklärt und Erleichterungen für die kircheneigene Landwirtschaft erwirkt werden.

Das Domkapitel konnte 1978 Resümee ziehen und feststellen, dass das Verhandlungsklima bei den Staatsorganen wesentlich verbessert sei. 1984 sagte der Staat zu, dass alle Gebäude des Doms wieder in kirchliche Nutzung kommen würden. 1988 statteten Regierungsvertreter einen offiziellen Besuch im Domstift als Würdigung seiner kulturellen und wirtschaftlichen Leistungen ab. Für die Domgüter konnte eine annähernde Gleichbehandlung mit Staatsgütern erreicht werden. Und der Kirchenforst konnte in seiner Preisgestaltung Lieferungen an kirchliche Abnehmer günstiger stellen.

Doch bei der Bevölkerung der DDR wuchs die Unzufriedenheit weiter. Die Menschen litten unter mangelnder Reisefreiheit, fehlender Meinungsfreiheit, Behördenwillkür, Ungleichbehandlung, Benachteiligung und Verfolgung Andersdenkender, wirtschaftlicher Unzulänglichkeiten und unzureichender Versorgung, Zehntausende versuchten auszureisen, die Proteste wurden öffentlich. Seit Mitte 1989 gab es Demonstrationen in allen größeren Städten, die in den evangelischen Kirchen begannen. Auch im Brandenburger Dom fanden jeden Mittwoch Andachten für Veränderungen im Lande statt. Am 21. 10. 1989 fand im Dom und im Domhof ein Gottesdienst mit über 8.000 Menschen statt, in dem die Reformforderungen des Neuen Forum vorgestellt wurden. Die Sicherheitskräfte der DDR rechneten bei diesen Protesten mit Steinwürfen, brennenden Parteizentralen und gelynchten Funktionären, um dann den starken bewaffneten Kräften einen Einsatzbefehl zu geben. Doch die in den Kirchen zu Gewaltlosigkeit aufgeforderten Demonstranten trugen Kerzen statt Steinen. Es gab keine Gewalt der Demonstranten und keinen Einsatzbefehl der Sicherheitskräfte. Die Staatsmacht wurde handlungsunfähig und mit dem Sturm auf die Mauer am 9. November 1989 nahm das Volk der DDR sein Selbstbestimmungsrecht wahr. Die Siegermächte befürchteten Chaos und ein Ende der Ost-West-Entspannung. Für die Sowjetunion wurden die Beruhigung der Lage und die Fortsetzung der Zusammenarbeit mit dem Westen wichtiger als eine gewaltsame Aufrechterhaltung der DDR. Der Übergang in eine demokratische Gesellschaft wurde an Runden Tischen vorbereitet. Ein Runder Tisch der Protestbewegung mit dem Oberbürgermeister und allen Parteien trat am 19. 12. 1989 in  Brandenburg unter Leitung der Dompfarrerin Cornelia Radeke zusammen. Die Menschen in der DDR konnten am 18. März 1990 frei wählen und entschieden sich mit großer Mehrheit für eine schnelle Wiedervereinigung Deutschlands. Nun begann ein Sturzflug in die deutsche Einheit mit einem totalen Umbruch der Verhältnisse.

Die neue Zeit brachte für das Domkapitel neue Herausforderungen. Kredite und Hypotheken mussten aufgenommen werden. Die Domgüter kämpften ums Überleben und mussten sich darauf einstellen, dass nun Flächenstilllegungen statt Höchstleistungen gefordert wurden. Das Forstamt sah sich durch verschärfte Arbeitsschutzbestimmungen gefordert. Verwaltung und Archiv mussten sich auf die PC-Nutzung einstellen. Starkes Interesse an Grundstücken und Jagdpachten wurde gezeigt. Die Domgemeinde erlebte völlig neue Aufgaben an jugendlichen Arbeitslosen. Das Domkapitel beklagte mangelnde Akzeptanz bei kommunalen Behörden und tat sich gleichzeitig schwer mit dem wachsenden öffentlichen Interesse am Dom. Gegenüber den „Klassikern auf Landpartien“ mit Fernsehübertragung und großer Lichtfülle wurde in mehreren Beratungen des Domkapitels gefremdelt. Im Predigerseminar gab es Ost-West-Diskussionen. Doch bald setzte sich im Domkapitel die Erkenntnis neuer Chancen durch in viele Bereiche der Gesellschaft hineinwirken zu können.

Denn das Domstift unter Leitung des Domkapitels hat sich nicht nur in einer kirchenfeindlichen Kampfzeit behauptet, sondern auch gute Voraussetzungen für künftiges Handeln geschaffen. Die Domgemeinde konnte die Botschaft des Evangeliums in vielfältiger Weise für Jung und Alt bereithalten und dabei auch jahrhunderte alte Gegensätze zu den Stadtgemeinden verringern. In der Krypta konnte eine viel beachtete Mahn- und Gedenkstätte gegen Nazibarbarei, für Gerechtigkeit, Toleranz und Frieden geschaffen werden. Die Kirchenmusik am Dom, insbesondere die von den Kantoren Wolfgang Fischer und Matthias Passauer gestalteten Sommermusiken, fanden wachsendes Interesse weit über die Kirchenmitglieder hinaus. Das Archiv wurde vorbildlich geordnet, nahm zahlreiche kirchliche Einzelarchive auf und gewann hohe Anerkennung in allen Fachkreisen. Seine Leistungen wurden weltweit beachtet, als bei der 750-Jahrfeier Berlins 1987 Ost und West auf die Ersterwähnungsurkunden Berlins angewiesen waren. Die Ausstellungen im Dom und in der Petri-Kapelle fanden starkes Interesse, vor allem nachdem 1985 mit einer Loriot-Ausstellung ein gesellschaftliches Großereignis gelungen war. Die kirchliche Ausbildungsaufgabe konnte am Dom aufrechterhalten werden und hatte in den Beratungen des Domkapitels einen hohen Stellenwert. Das Domkapitel bekannte sich in all den Jahren zur Behindertenarbeit auf dem Lindenhof und steuerte diesen Auftrag 20 Jahr lang in unmittelbarer Verantwortung unter Einbeziehung der Domgüter. 1970 wurde diese Arbeit an den Landesausschuss für Innere Mission übertragen, der sie in seine vorbildliche Behindertenarbeit eingliederte. Dabei konnten die Wohn-, Arbeits- und Betreuungsbedingungen verbessert werden. Die Domgüter und der Forstbetrieb waren eine gewaltige finanzielle und organisatorische Belastung für das Domkapitel. Der Staat hat eine zeitlang die Domgüter als finanzielles Druckmittel genutzt und wohl gehofft, die Kirche damit ruinieren zu können. Mehrfach wurde im Domkapitel über deren Abgabe diskutiert. Das Domkapitel, vor allem der Dechant und der Kurator sahen sich in der Pflicht gegenüber dem Erbe und verstanden die Güter als Vorposten kirchlichen Dienstes in der Gesellschaft. Theologischer Streit brach auf, ob es denn Aufgabe der Kirche sei, landwirtschaftliche Arbeitsplätze vorzuhalten. Die Landwirtschaft konnte schließlich durch die hervorragende fachliche Beratung von Wilfried Merian und den Einsatz der Verwalter Siegfried Bauer, Hans Müller und Klaus Steglich sowie breiter Hilfsmaßnahmen des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR und der Evangelischen Kirche in Deutschland erhalten bleiben. Unter günstigeren Bedingungen und mit dem Geschick von Forstmeister Robert Hinz konnte der Forstbetrieb zu einem Vorzeigeunternehmen werden und dem Dom Baumaterial sowie Finanzen zur Verfügung stellen. Der Erhalt der Domgebäude war die größte Herausforderung in den DDR-Jahren. Mit Unterstützung der staatlichen Denkmalpflege, Hilfe aus dem Westen und der Umsicht der Kuratoren Kurt Grünbaum, Willy Kupas und Hans-Georg Hafa konnte dieser Schatz für die neue Zeit erhalten werden.

Das Domkapitel Brandenburg hat von 1945 bis 1990 das wiedergewonnene Erbe kirchliches Domstift bewahrt, ausgebaut und zukunftsfähig gemacht. Großen Anteil haben daran mit ihrer Glaubensgewissheit und ihrem großen Geschick der Dechant Albrecht Schönherr und der langjährige Kurator Kurt Grünbaum.

Wir wollen Gott danken, dass unserer Kirche und unserem Land Brandenburg mit dem Dom Brandenburg ihre geistliche Mitte und Wurzel gefestigt wurden.

Quellen:
Wolfgang Schößler Das Domstift Brandenburg und seine Archivbestände, Frankfurt am Main 2005
Protokolle des Domkapitel Brandenburg 1946 bis 1992 (unveröffentlicht)
Vermerk von Hans-Georg Hafa vom 30. 1. 2011 (unveröffentlicht)
Vermerk von Christian Spree vom 16. 3. 2011 (unveröffentlicht)
Vermerk von Joachim Nischwitz vom 23. 3. 2011 (unveröffentlicht)

 

Gesprächsbeitrag beim Jahrestreffen der Stiftung Zukunft Berlin am 23. März 2011

Die staatlich getrennte Region Berlin – Brandenburg ist eine Spätfolge des 2. Weltkrieges und der deutschen Teilung.  Die Trennung hat sich so festgesetzt, dass selbst die Erinnerung an unsere stolze gemeinsame 700jährige Geschichte getrennt wahrgenommen wird. Einigkeit besteht nur in dem verklemmten Verhältnis zu unserem preußischen Erbe.

Dabei bilden Berlin und Brandenburg eine Region mit einmaliger siedlungsräumlicher Standortqualität: Die hoch verdichtete Metropole und die dünn besiedelte Kulturlandschaft ergänzen sich zu vielfältigen Entwicklungspotentialen. Gute Kommunikations- und Verkehrsverbindungen sichern Austausch, Daseinsvorsorge und wirtschaftliche Entwicklung.

Nichts liegt näher, als ein Land zu bilden. Doch die Wähler haben es 1996 zunächst anders entschieden. Es war richtig, dass 1996 beide Landesregierungen sofort begannen, die Zusammenarbeit zu verstärken. Bisher gibt es über 20 Staatsverträge, eine gemeinsame Landesplanung, gemeinsame Innovationspolitik, gemeinsame Gerichte, eine gemeinsame Medienanstalt, ein gemeinsames Medienboard, eine gemeinsame Rundfunkanstalt, ein gemeinsamer Verkehrsverbund, bald ein gemeinsamer Flughafen, gemeinsamer Landesämter, gemeinsame Messeauftritte wie bei der ITB und gemeinsame Vorhaben zur Wirtschaftsförderung, Krankenhausplanung, zum Gesundheitsschutz und zu Lehrplänen.

Von außen wirken wir wie eine Metropolenregion: Nord-, Mittel- und Osteuropa sehen hier Chancen und doch ist Ermüdung in der Zusammenarbeit spürbar. Selbstzufriedenheit in Berlin und Brandenburg machen sich  breit. Brandenburgs Sturheit und  Berlins Hochmut blockieren und Nichts fürchten die beiden Regierungen mehr als eine neue Fusionsdebatte.

Nötig sind der erklärte Wille zur Zusammenarbeit und die erkennbare Umsetzung. Ein gutes Signal gaben die Industrie- und Handelskammern, zumal über 80 % der Unternehmen über die Landesgrenze kooperieren. Eine visionäre Vereinigung schufen die AOK’ Berlin-Brandenburg-Mecklenburg-Vorpommern.

Der Name Berlin-Brandenburg ist vielfältig genutzt – DGB, ADAC …, und sollte stärker gebraucht werden.

Wir werden durch Zusammenarbeit zusammenwachsen und müssen spätestens 5 Jahre nach Wegfall des Solidarpaktes mit seinen Sonderfinanzierungen ein gemeinsames Land bilden. Vielleicht sogar mit Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt.